Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

DURCH RAUM UND ZEIT


Logo von Weltkunst
Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 195/2022 vom 25.01.2022

Artikelbild für den Artikel "DURCH RAUM UND ZEIT" aus der Ausgabe 195/2022 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Das Gespräch mit Julie Mehretu, die 1970 in Addis Abeba geboren wurde und als Kind in die USA kam, findet wie so oft in diesen Zeiten per Videocall statt. Konzentriert und aufgeräumt wirkt sie, wie sie an ihrem Bildschirm in New York sitzt, wo sie schon lange mit ihrer Frau und den beiden Kindern lebt. Anlass des Interviews ist ihre Retrospektive, die nach Stationen in Los Angeles und New York nun am Walker Art Center in Minneapolis gezeigt wird.

Das Wort »vielschichtig« trifft auf Ihre Werke auch im technischen Sinn zu. Welche Ebenen überlagern sich in Ihrer Malerei?

Das unterscheidet sich von Bild zu Bild. Oft beginnt die Malerei mit einer obskuren Aufnahme, die verwischt, verschwommen oder verpixelt ist. Ich bin nicht an der Wiedererkennbarkeit des Bildes interessiert, sondern eher daran, was darin eingebettet ist, das Licht, die Farbe, der Moment, die Aktion einer Darstellung. Damit beginnt es. ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Weltkunst. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 195/2022 von UNSER TITELBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER TITELBILD
Titelbild der Ausgabe 195/2022 von Liebe Leserinnen, liebe Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Titelbild der Ausgabe 195/2022 von Wechseljahre. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wechseljahre
Titelbild der Ausgabe 195/2022 von Das Documenta-Jahr steht im Zeichen der KOLLEKTIVE. Sie sind auch eine Antwort auf die Vereinzelung unserer Zeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Documenta-Jahr steht im Zeichen der KOLLEKTIVE. Sie sind auch eine Antwort auf die Vereinzelung unserer Zeit
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Tausendundein Tag
Vorheriger Artikel
Tausendundein Tag
KUNSTWELT
Nächster Artikel
KUNSTWELT
Mehr Lesetipps

... Darauf kann eine Schicht Airbrush-Malerei oder eine Zeichnung mit Tusche kommen, dann wieder Airbrush und Malerei, mehr Tusche, dann wird ausradiert, darauf dann Siebdruck. Was aussieht wie gesprüht, ist meistens in Photoshop entworfen und dann mit Siebdruck aufgetragen. Dadurch wird es gepixelt und sozusagen atomisiert. Manche Bilder haben sehr, sehr viele Ebenen, andere sind direkter, auch wenn man es ihnen nicht ansieht, weil sie wie optische Illusionen wirken.

An wie viel Werken arbeiten Sie gleichzeitig?

Das kommt darauf an, wo ich bin und mit welchen Projekten oder Gedanken ich gerade beschäftigt bin. Zurzeit habe ich im Studio zehn Werke in unterschiedlichen Phasen der Vollendung. Manchmal brauche ich zwei Jahre, um zu verstehen, wie ich mit dem verschwommenen Motiv umgehe. Manchmal brauche ich nur einen Monat. Malerei ist langsam, sie ist ein zeitbasiertes Medium.

Wo befindet sich Ihr Atelier?

In New York, auf der 26. Straße am West Side Highway, im Starrett-Lehigh Building. Ich wohne in Harlem, da habe ich auch noch ein kleineres Atelier. Und auf dem Land, in den Catskills, gibt es noch ein Studio in der Nähe des Non-Profit-Projekts Denniston Hill, eines künstlerischen Kollektivs, das wir gestartet haben.

Auf einigen Werken in der Ausstellung, die kürzlich in der Galerie Carlier Gebauer in Berlin zu sehen war, und auch in der aktuellen Retrospektive im Walker Art Center in Minneapolis erkennt man bei genauerer Betrachtung Teile von menschlichen Figuren. Einen Torso mit ausgestreckten Armen etwa oder ein Auge. Wie kommen diese Formen zustande?

Die Frage erinnert mich an einen Traum, den ich letzte Nacht hatte! Auf einmal gab es extrem fotorealistische Gesichter in meiner Malerei, das war verrückt. Tatsächlich sind während der letzten fünf Jahre immer mehr Umrisse oder Spuren von Körperteilen in meinen Bildern aufgetaucht. Diese Zeichen beginnen, ein Spiel zu spielen, darauf lasse ich mich ein. Manchmal fügen sich die Zeichen zu einer Art Figur zusammen und lösen sich dann wieder auf, als Arme oder abgeschnittener Fuß. Géricaults Zeichnungen von Leichen haben mich beeinflusst, und Spuren von ihnen erscheinen in meiner Malerei. Diese Motive kommen ganz intuitiv im Prozess des Zeichnens. Die Art, wie ich mit den Zeichen umgehe, hat damit zu tun, wie ich Kunst als visuelle Sprache sehe. Es kann Momente geben, in denen Figuren ganz oder teilweise auftauchen und an einer anderen Sprache oder Aktion teilnehmen. Sie verschmelzen zu etwas, das einen erzählerischen, aber auch komplett abstrakten Charakter haben kann. Es ist ein instinktiver Flow zwischen einer eindringlichen Figur, die in den Fokus rückt und wieder verschwimmt, um dann in der größeren Erfahrung der Malerei aufzugehen.

Die Figuren verschmelzen zu etwas, das einen erzählerischen, aber auch einen komplett abstrakten Charakter haben kann.

Wenn ich mir anschaue, wie sich Ihre Kunst über die Jahre entwickelt hat, dann habe ich frühere Werke vor Augen, die mit großer Präzision gezeichnet sind. In denen geometrische Linien an Umlaufbahnen von Planeten oder Satelliten erinnern, wie eine Erforschung des Raums und seiner Fluchtlinien. Ihre jüngeren Werke dagegen gehen in eine andere Richtung, sie spielen an auf Höhlenmalerei, auf die Anfänge der Menschheitsgeschichte, als ob Sie nun das Phänomen Zeit ergründen wollten.

Da ist etwas dran. Ich habe zwar noch nicht darüber nachgedacht, meine jüngere Arbeit als Ergründung der Zeit zu sehen und die älteren Werke als Erforschung des Raums, aber es ist interessant, diese Matrix anzuwenden. Bei den früheren Arbeiten gibt es einen klaren Aspekt von Distanz, eine Perspektive wie bei einer Landkarte oder einer Luftaufnahme, besonders wenn architektonische Elemente dabei sind, die immer mit einem gewissen Maßstab behaftet sind. Diesen Aspekt habe ich hinter mir gelassen, weil mich die immersive Erfahrung innerhalb der Bilder jetzt noch weitaus mehr interessiert. Mir gefällt, dass Sie sehen, wie manche der Zeichen zehntausend, vielleicht sechzigtausend Jahre zurückreichen. Es gibt diese reiche Sprache, die wir alle verstehen. Alle nehmen teil an der Konstruktion von Neologismen, an der Bildung neuer Formen von Sprache. Wir sind in der Lage, mit Teilen der Sprache unserer Vergangenheit neue Formen zu erfinden und intuitiv Zeichen, Bewegungen, Farben, Temperatur und Zeit zu verstehen. Vieles verschiebt sich durch die Medienwelt, in der wir leben, und durch die Frequenz, mit der wir Bilder konsumieren. Umso mehr bin ich an der immersiven Erfahrung von Malerei interessiert. Wenn es eine Erforschung der Zeit ist, dann würde ich sagen, dass Zeit langsam und schwer ist, wie dickflüssige Melasse.

Das passt auch zu den Farbtönen Ihrer neueren Werke, rotbraun, bernsteinfarben. Etwa bei dem Gemälde, das kürzlich bei einer Benefizauktion zugunsten von Art for Justice bei Artsy mehr als sechs Millionen Dollar erzielt hat. Was hat es mit dieser Organisation, für die Sie sich engagieren, auf sich?

Die frühe Zeichnung »Migration Direction Map« von 1996 (links) ist Teil der Retrospektive, die zurzeit im Walker Art Center in Minneapolis zu sehen ist. Ebenfalls dort gezeigt wird das in Acryl und Tusche ausgeführte »Stadia II« von 2004 (vor. Doppelseite) aus dem Carnegie Museum in Pittsburgh. Seite 72/73: »Conjured Parts (Eye)« von 2016 aus der Broad Foundation in Los Angeles Art for Justice ist eine Organisation, die von Agnes Gund gestartet wurde, mit der Hilfe von Darren Walker, dem Präsidenten der Ford Foundation. Sie hat einen bedeutenden Lichtenstein aus ihrer Sammlung für einen enormen Preis verkauft, ich glaube für so etwas wie 150 Millionen Dollar. Damit wird für ein Ende der Masseninhaftierung in den USA gekämpft, Initiativen werden unterstützt, die Gesetze und Bedingungen ändern. Das ist eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme in den USA. Es ist eine Form der Sklaverei, die sich auf rassistische Gesetze stützt und schwarze Bürger in den USA gefangen hält. Wir haben die höchste Inhaftierungsrate auf dem ganzen Planeten, und das ergibt in den Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert einfach keinen Sinn. Neben dem Thema Migration und der Klimakatastrophe durch die globale Erwärmung ist das heute eines der wichtigsten Probleme. Ich wollte die Sache von Anfang an unterstützen. Durch die Pandemie und die Verschiebung meiner Retrospektive hat es sich ergeben, dass das Bild genau zur selben Zeit versteigert wurde, als die Ausstellung im Whitney Museum stattfand. Wir haben viel Wirbel gemacht und um Unterstützung geworben. Je mehr, desto besser! Wir unterstützen großartige Projekte damit und können Lobbyarbeit leisten.

Haben sich die Verhältnisse im Land aus Ihrer Sicht denn schon ein wenig gebessert?

Man spürt eine andere Sensibilität, wie Leute über das Thema Inhaftierung nachdenken, aber es ist noch ein weiter Weg. Es werden immer noch Gefängnisse gebaut, und allein der Gedanke an private Gefängnisse erscheint mir absolut absurd und schrecklich. Das ist Teil der Geschichte des rassifizierten Kapitalismus, in dem wir leben. Es ist erschütternd, und ich weiß nicht, wie optimistisch man sein kann, aber auf jeden Fall muss diese Arbeit gemacht werden.

Einige der Bilder, die als Ausgangspunkte für Ihre Kunst dienen, stammen von unterschiedlichsten Demonstrationen, von Anti- Kriegs-Protesten, Anti-Immigrations-Protesten, von Demos für die katalanische Unabhängigkeit. Demonstrieren Sie auch selbst? Wann sind Sie zuletzt auf die Straße gegangen?

Das war für Black Lives Matter. Nach der Ermordung von George Floyd haben in den USA enorme Proteste stattgefunden. Als Künstlerin interessiert mich diese Form der sozialen Aktion auch in ihrer Kontinuität über Zeiträume. Ich bin ein Kind der Siebzigerjahre. Ich bin in Äthiopien geboren, vier Jahre vor der großen Revolution dort, bevor der afrikanische Kontinent und die ganze Welt von bedeutenden Verschiebungen erfasst wurde und das dekoloniale Projekt begann. Das Konzept von Revolution, die Sehnsucht nach Revolution und ihren Möglichkeiten, der reale Traum davon sind geradezu in meine Zellen eingebettet. Gleichzeitig ist ihr Scheitern aber auch schon ein Teil von mir. Ich empfinde wirklich die Weiterführung dieses Scheiterns und dieser Gesten als Teil meiner Lebenswirklichkeit. So bin ich bei diesem Thema ambivalent und hinterfrage Formen der kollektiven Aktion.

Ihre Biografie hat viele Stationen. Sie haben auf verschiedenen Kontinenten gelebt, kamen als Kind nach Michigan, sind für Teile Ihres Studiums wieder zurück nach Afrika gegangen, diesmal in den Senegal. Später zogen Sie nach New York, und auch in Berlin haben Sie ein paar Jahre gelebt.

Wir haben immer noch ein Apartment in Berlin. Normalerweise verbringe ich mit der Familie den Sommer dort.

Was bedeutet Ihnen Berlin?

Es ist uns sehr wichtig. Unser erstes Kind ist hier geboren. Die Stadt heißt Kinder und Familien willkommen, und wir haben gelernt, Eltern und Künstler zu sein und beides voll zu erleben. Außerdem haben wir dort sehr enge Freundschaften geschlossen, mit Tacita Dean, Matthew Hale und Rufus Hale und vielen anderen. Unsere Kinder sind zusammen zur Schule gegangen. Es war eine Community mit ernsthaften Denkern und interessanten Künstlerinnen und Künstlern. Wir kommen immer gerne wieder, und unsere Kinder lieben es. Es gibt eine bestimmte Art von Freiheit – und Platz. Und die Zeit vergeht in Berlin gemächlicher. Auch die Sommer sind dort wunderbar. Außerdem liegt es sehr zentral: Asien, Nordafrika, das Horn von Afrika, Ostafrika und ganz Europa sind von dort aus leicht zu erreichen.

Von Ihren Kindern würde ich gerne noch einmal den Bogen zu Ihren Eltern schlagen. Ihr äthiopischer Vater hat als Professor für Wirtschaftsgeographie gearbeitet, Ihre amerikanische Mutter als Lehrerin einer Montessorischule. Hatten diese Berufe einen Einfluss auf Ihre Kunst?

Auf jeden Fall hatte das Denken meiner Eltern einen immensen Einfluss auf mich und meine Weltsicht. Definitiv eine Art Montessori-Ansatz, auch was die Verantwortung für die Welt angeht. Ethische und Verteilungsfragen wurden immer wieder in unserer Familie diskutiert, das betraf den Kern der Arbeit meines Vaters. Aber auch, wie sie lebten, hatte Einfluss auf mich: Die Generation meiner Eltern wollte eine andere Welt aufbauen. Sie haben sich in den USA kennengelernt. Wenige Jahre nach der Abschaffung der Gesetze gegen »Rassenmischung« haben sie geheiratet, sie waren in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, Teil der Dekolonisierungsbewegung, sie wollten ein neues Afrika schaffen. In diese Generation bin ich hineingeboren, und das hat mich geformt. Auch das Scheitern vieler solcher Versuche. Wir haben Äthiopien verlassen, und ich bin in Michigan aufgewachsen, wo mein Vater arbeitete und meine Mutter unterrichtete. Es ist nicht so, dass ich diese Geschichte mit meiner Kunst direkt visualisiere, es ist mehr das Gefühl einer Familie, die aufbrechen und in einem fremden Land neu anfangen muss.

Auch Rom hat Sie schon in relativ jungen Jahren geprägt. 

Seit dem College. Mein Vater hat für rund dreißig Jahre jeden Sommer an einem Universitätsprogramm in Rom unterrichtet, sodass er und meine Mutter ihre Sommer in der Stadt verbrachten. Das begann, als ich selbst anfing zu studieren, und es war herrlich, auf diese Weise Zeit mit ihnen zu verbringen, nicht in Michigan, sondern in Rom. Das haben wir mit meinen Kindern weitergeführt, seit sie ganz klein waren. Ich sehe Rom auch als wichtigen Baustein meiner Bildung. Die Kunst der Renaissance und Caravaggio – jedes Mal schaue ich mir seine Werke in San Luigi dei Francesi mit dem Martyrium des heiligen Matthäus an, und jedes Mal entdecke ich etwas anderes in diesen Bildern und wie sie aufeinander Bezug nehmen. Sie gehören zu meinen Lieblingswerken. Caravaggio würde ich als bedeutenden Einfluss bezeichnen, na ja, Einfluss ist das falsche Wort für einen Giganten wie ihn. Sagen wir einfach, er ist für mich ein enorm wichtiger Künstler.

Das Interview ist (auf Englisch) als Podcast auf weltkunst.de abruf bar. »Julie Mehretu«, bis 6. März, Walker Art Center, Minneapolis