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„Durchstarten und sich verwirklichen“


IKZ Haustechnik - epaper ⋅ Ausgabe 17/2018 vom 31.08.2018

Das BerufsAbitur soll Hochschulreife und Berufsausbildung vereinen. Lindert die Doppelqualifizierung den Azubi-Engpass? ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer ist davon überzeugt


Artikelbild für den Artikel "„Durchstarten und sich verwirklichen“" aus der Ausgabe 17/2018 von IKZ Haustechnik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: IKZ Haustechnik, Ausgabe 17/2018

Durchstarten: Das können Jugendliche nach Ansicht des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, wenn sie sich für das BerufsAbitur entscheiden.


Bild: Fotolia–FotolEdhar

Obwohl die Auftragsbücher im SHK-Handwerk voll sind und Mitarbeiter eingestellt werden könnten, fehlt es an einer wichtigen Ressource: Auszubildende. Betriebe leiden darunter, dass Jugendliche oftmals lieber berufsausbildende Schulen besuchen oder Abi machen, als ...

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... direkt in den Job einzusteigen. Ein neuer Bildungsweg soll dabei helfen, den Azubi-Engpass zu lindern: das BerufsAbitur. Was sich dahinter verbirgt, welche Chancen es bietet und wie die Erfolgsaussichten sind, sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), im Interview mit der IKZ-Redaktion.

IKZ-HAUSTECHNIK: Was ist das BerufsAbitur und an wen richtet sich das Angebot?
Hans Peter Wollseifer: Mit dem Berufs-Abitur wollen wir leistungsstarke Jugendliche für das Handwerk gewinnen und sie früh an das Unternehmertum heranführen. Es verknüpft den Gesellenabschluss mit der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung. Jugendliche bekommen auf diesem Weg einen Einblick in betriebliches Arbeiten, erlernen einen Handwerksberuf und machen parallel ihr Abi tur. Mit dem Abschluss haben sie alle Möglichkeiten, sich entweder im Handwerk weiter zu qualifizieren oder ein Studium anzuschließen. Im Handwerk winkt ihnen in jedem Fall eine berufl ich sichere Zukunft und je nach Einsatzbereitschaft und Tatendrang die Meisterqualifikation und der eigene Betrieb. Wenn es keine eigene Gründung sein soll, haben diese jungen Menschen auch gute Karten, nach einer erfolgreichen Meisterqualifikation später einen Handwerksbetrieb zu übernehmen. In den kommenden fünf bis sechs Jahren suchen 200 000 Betriebe einen Nachfolger. Hier gibt es umfangreiche Chancen, durchzustarten und sich zu verwirklichen.

IKZ-HAUSTECHNIK: Was ist der Unterschied zur rein dualen Ausbildung?
Hans Peter Wollseifer: Durch den parallelen Weg der dualen Ausbildung im Betrieb und des Erwerbs des Abiturs sparen Jugendliche ein bis zwei Jahre Lern- und Lehrzeit auf ihrem Weg ins Berufsleben, die anfallen würden, wenn man Ausbildung und Abi hintereinanderschalten würde. Die Azubis können, anders als mit der Fachhochschulreife, im Anschluss an das BerufsAbitur auch an deutschen Universitäten studieren.

IKZ-HAUSTECHNIK: Was soll der neue Bildungsgang bezwecken?
Hans Peter Wollseifer: Im Vordergrund steht für uns die Botschaft an die Jugendlichen: Ihr könnt bei eurer Entscheidung für einen beruflichen Weg nichts falsch machen, denn mit dem BerufsAbitur bekommt ihr beides – den Gesellenbrief und das Abitur. Obendrauf gibt es Geld während der Ausbildung und ihr habt am Ende der vier Jahre zwei Bildungsabschlüsse in der Tasche. Die Handwerksbetriebe können mit dem Angebot gezielt neue Gruppen ansprechen. Sie können leistungsstärkere Jugendliche für ihren Betrieb und einen Handwerksberuf gewinnen und über die Dauer des Bildungsangebots frühzeitig eine enge Bindung aufbauen. Der Bedarf für ein solches Angebot ist schon lange da, das sehen wir an den Nachfragen von Eltern, die sich Gedanken über Ausbildung und Karrieremöglichkeiten ihrer Kinder machen, sowie von vielen Jugendlichen selbst.


Es geht uns nicht darum, die unterschiedlichen Bildungswege zu bewerten oder gegeneinander auszuspielen.


IKZ-HAUSTECHNIK: Seit wann gibt es das Angebot bereits – und wo?
Hans Peter Wollseifer: Die Erfahrungen in anderen Ländern wie Österreich, Schweiz oder Dänemark zeigen seit einigen Jahren, dass mit dem BerufsAbitur ein echter Mehrwert für Jugendliche geschaffen wird. Den Trend, dass immer mehr Jugendliche über das Abitur oder einen gleichwertigen Abschluss in Richtung Studium streben, gibt es auch dort. Mit dem neuen Angebot konnten mehr Jugendliche für eine Ausbildung begeistert und sogar in den Betrieben gehalten werden. In Deutschland haben wir die Idee, auch hier mit dem BerufsAbitur einen parallel qualifizierenden Ausbildungsweg einzurichten, vor drei Jahren angestoßen. Im vergangenen Schuljahr ist das BerufsAbitur als Pilotprojekt in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen, NRW und Sachsen angelaufen. Andere Bundesländer ziehen nach, in diesem Jahr etwa Berlin oder demnächst Hessen und Rheinland-Pfalz.

IKZ-HAUSTECHNIK: Wie wird das Berufs-Abitur angenommen?
Hans Peter Wollseifer: Die ersten Rückmeldungen sind positiv. Da die Pilotprojekte wegen der Kulturhoheit der Bundesländer aber jeweils unterschiedlich ausgestaltet sind, unterscheiden sich auch die Erfahrungen. Die Kooperation mit der Kultusministerkonferenz ist ausschlaggebend, um das BerufsAbitur erfolgreich umzusetzen. Wichtig ist auch, dass das BerufsAbitur an die länderspezifischen Situationen angepasst werden kann und trotzdem noch als einheitlicher Abschluss erkennbar ist. Deshalb haben wir drei Modellvarianten entwickelt. Die Erfahrungen aus der Pilotphase werden in der beim ZDH angesiedelten gemeinsamen Koordinierungsgruppe von Handwerksorganisation, Kultusministerkonferenz und den Kultusministerien der jeweiligen Länder noch genau ausgewertet. Wir merken bereits, dass das Angebot überall dort, wo es eingeführt wird, auf großes Interesse stößt. Dass es inzwischen auch auf weitere Bundesländer ausgeweitet wird, zeigt, welch hohe Relevanz diesem Bildungsangebot als Instrument zur Fachkräftesicherung zugemessen wird, und es ist zugleich ein großer Erfolg unserer vorangegangenen Bildungsarbeit.

„Die sehr hohen Studienabbruchzahlen zeigen, dass sich offenbar viele junge Menschen im Studium nicht gut aufgehoben fühlen. Denen zeigen wir eine vielversprechende Alternative auf“, sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer.


Bild: ZDH / Schüler

„Wir brauchen im Handwerk beides: qualifizierte Fachkräfte und potenzielle Führungskräfte“, sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der IKZ-Redaktion.


Bild: ZDH / Schüler

IKZ-HAUSTECHNIK: 15 % aller Jugendlichen in der Schweiz machen derzeit eine sogenannte Berufsmatura (Reifeprüfung). In Deutschland erhofft man sich diesen Effekt ebenfalls. Realistisch?
Hans Peter Wollseifer: Das werden die Pilotversuche zeigen. Die Stoßrichtung ist die richtige. Das Berufsbildungssystem der Schweiz ist nicht direkt mit unserem Berufsbildungssystem zu vergleichen. Wichtig ist, dass wir allen, die an einer Ausbildung im Handwerk interessiert sind, ein attraktives Angebot machen können. Das BerufsAbitur ist hier ein Baustein, mit dem es gelingen kann, insbesondere leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zu gewinnen.

IKZ-HAUSTECHNIK: In Nordrhein-Westfalen ist die Einführung des BerufsAbiturs gescheitert. Warum?
Hans Peter Wollseifer: NRW hatte geplant, zwei der drei Modellvarianten zu erproben. Eine Variante läuft seit Beginn des Schuljahres 2017/2018 in mehr als 40 Klassen und mit rund 850 Schülerinnen und Schülern sehr gut an. Damit existiert das BerufsAbitur in NRW, seine Einführung ist also keineswegs gescheitert. Lediglich die zweite Variante, bei der für den Beruf des Elektronikers bzw.der Elektronikerin der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik Fachklassen gebildet werden sollten, kam nicht zustande.


Wichtig ist, dass das BerufsAbitur an die länderspezifischen Situationen angepasst werden kann und trotzdem noch als einheitlicher Abschluss erkennbar ist.


IKZ-HAUSTECHNIK: Die Kombination von Fachhochschulreife und Ausbildung ist zweifellos ein probates Mittel, um das Image eines Handwerksberufes zu steigern. Auf der anderen Seite stellt sich aber die Frage, inwieweit das Berufs-Abitur beim Thema Fachkräftemangel tatsächlich helfen kann? Denn haben Lehrlinge nach bestandener Prüfung die Möglichkeit, ein Studium zu beginnen, werden sie diese Chance auch nutzen. Mit der Folge, dass der Nachwuchs weiterhin fehlen könnte.
Hans Peter Woll seifer: Es geht uns nicht darum, die unterschiedlichen Bildungswege zu bewerten oder gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen im Handwerk beides: qualifizierte Fachkräfte und potenzielle Führungskräfte. Jugendliche, die schon immer studieren wollten, werden das auch weiterhin tun. Für junge Menschen aber, die sich nicht so sicher sind, ob ein Studium für sie das Richtige ist, schaffen wir mit dem BerufsAbitur ein Angebot, mit dem sie frühzeitig interessante und zukunftssichere Berufsmöglichkeiten kennenlernen, für die nicht unbedingt ein Studium erforderlich ist. Die sehr hohen Studienabbruchzahlen zeigen, dass sich offenbar viele junge Menschen im Studium nicht gut aufgehoben fühlen. Denen zeigen wir eine vielversprechende Alternative auf. Wenn sie uns nach dem BerufsAbitur im Handwerk erhalten bleiben, ist das wunderbar. Wenn sie nach ihrem Abschluss studieren gehen, kann der vorangegangene Schritt für alle Beteiligten dennoch viele Synergien hervorbringen bis dahingehend, dass einige nach dem Studium ins Handwerk zurückkehren – wohl wissend, was sie dort erwartet. Die sich dazu entschließen, wird das Handwerk jedenfalls mit Kusshand wieder aufnehmen.

www.zdh.de

Daten und Fakten

• Laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung blieb im Ausbildungsjahr 2016/17 fast jede zehnte Ausbildungsstelle im Handwerk unbesetzt. Bei etwa 153 000 angebotenen Stellen fanden sich demnach für 15 298 Stellen keine Lehrlinge.
• In Bayern blieb zum Stichtag 30. September 2017 nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sogar fast jede fünfte Lehrstelle im Handwerk unbesetzt.