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„Dyke zu sein, sollte stolz machen“


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 24.06.2022
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Wollen bewusst auf Sponsoring durch große Firmen verzichten: Das Team des Dyke*March Frankfurt am Main

Im Sommer 2013 fing alles an: Zum zehnten Geburtstag von L-MAG stellte das Redaktionsteam kurzerhand und in Eigenregie den ersten Dyke*March Deutschlands auf die Beine. „Wir versammelten uns am Freitag, den 21. Juni – der längste Tag des Jahres – um halb acht am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain“, erinnert sich die Dyke*March-Organisatorin und L-MAG-Verlegerin Manuela Kay. „Wir wollten das uralte Gefühl, das wir von den Anfängen der Christopher-Street-Days in Berlin hatten, zurück: Wir machen uns sichtbar, schaut auf uns, wir nehmen uns unseren Raum!“ Manuela Kay hat den Dyke*March, wie sie sagt, „aus den USA importiert“, wo sie bei einigen selbst dabei war. So wurde dieser erste Marsch an der Spree eine Lesbenmagazin-Geburtstagsfeier mit fast 2000 Frauen – ohne Wagen, ohne Musikboxen, ohne Regenbogenfahnen von Parteien und Gewerkschaften. Letzteres hat sich bis heute nicht geändert. Darauf ...

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... legt das Berliner Organisationsteam Wert, das aus derzeit drei Frauen besteht. Hinter dem Team steht bewusst kein Verein.„Wir haben zum Glück nicht wie der CSD die Aufgabe, alle auf dem DM zu repräsentieren“, sagt Manuela Kay. „Viele versuchen immer wieder, uns einzuvernehmen. Wir möchten keine Parteibanner, aber heißen Politikerinnen in zivil herzlich willkommen!“

Der weltweit erste Dyke March – in den USA ohne Sternchen geschrieben – hatte sich am 24. April 1993 in Washington D.C. am Vorabend der Pride formiert und wurde von den Lesbian Avengers gestemmt. Es kamen etwa 20.000 Frauen.

Nachahmerinnen in vielen Städten

Köln wurde 2015 in Deutschland die zweite Stadt, die ihren Dyke*March bekam. „Wir brauchen eigene Räume wie den Dyke* March Cologne, in denen wir uns als starke Gemeinschaft erleben und als wichtiger Teil der Gesellschaft sichtbar werden“, betont Maria von der Kölner IG Dyke*March. Er sei eine Plattform, um die ganz unterschiedlichen Interessen und politischen Forderungen zu formulieren.

Ein paar Kilometer weiter südlich in Baden-Württemberg entschlossen sich die Engagierten 2016 zu einem „Dyke*March Rhein-Neckar“. 2017 war es dann so weit, der erste Umzug führte durch Heidelberg. „Der Dyke*March entstand, weil der CSD Rhein-Neckar die Arbeit von Lesben unsichtbar gemacht hatte“, sagt Ilona Scheidle, Fachhistorikerin für Frauen-Lesben-Geschichte und im Orga-Team. Der March sei so wichtig, „um die Vielfalt der feministischen Kulturen von frauenliebenden Frauen und Lesben in den vergangenen 75 Jahren der Landesgeschichte sichtbar“ zu machen.

Auch in Hamburg treibt das Orga-Team ähnliche Gründe an, wie Karin Klipp vomLesbennetzwerk Hamburg gegenüber L-MAG erklärt: „Auf den CSDs wird vieles von Schwulen dominiert und die lesbische Sichtbarkeit geht irgendwie unter. Auf dem Dyke*March sollen lesbische Frauen wieder mehr Räume bekommen.“ 2016 war das Geburtsjahr des Dyke*March Hamburg: Rund 1000 Teilnehmer:innen kamen beim ersten Mal; beim zweiten, ein Jahr später, waren es doppelt so viele. So ging es stetig bergauf, bis Corona kam und Hamburg 2020 kurzerhand eine DykeLine* erfand: In kleinen Gruppen durften sich Frauenminigruppen an der Binnenalster mit jeder Menge Abstand treffen – und taten dies bis nachts um zwei.

Orga-Teams vernetzen sich

Die Frauen aus Hamburg sind wie sechzehn andere Dyke*March-Teams in Deutschland seit 2019 im Netzwerk „DykeMarchGermany“ verbunden – um sich auszutauschen, Ideen weiterzugeben, Neues zu erfahren.

So auch die Organisatorinnen um das Projekt Sisterhood und den „Letsmeet“-Stammtisch aus Nürnberg, die seit 2018 lesbische Sichtbarkeit beim Dyke*March auf die Straße tragen. „Wir waren damals sehr glücklich über die positive Resonanz: Es kamen fast 500

Frauen“, erinnert sich Easy vom Team. „Dykes* gehen in der queeren Community noch immer unter. Viele Dykes* trauen sich nicht, sich am Arbeitsplatz zu outen, aus Angst vor Benachteiligung und Ausgrenzung. Uns geht es um Sichtbarkeit, um Selbstverständnis und um selbstbewusstes Auftreten.“

Auch in Frankfurt am Main steigt der Dyke*March seit 2018 am Vorabend des CSD. „Wir sehen uns als Pride-Bewegung mit queer-feministischem Fokus und schaffen einen Ort, an dem die politischen Forderungen von Dykes* gehört und gesehen werden“, sagt Simone von der fünfköpfigen Orga-Gruppe. „Unser Dyke*March ist unabhängig und kommt bewusst fast ohne Sponsor:innen aus“. In der Bankenmetropole laufe die Organisation dank „fünf entschlossener Dykes* tipp topp“. Sie treffen sich monatlich, für den March greifen sie auf einen Pool an ehrenamtlichen Unterstützer:innen zurück.

An der Isar geht das Team auch schon in sein viertes Jahr. Im März 2018 hatte eine Umfrage des CSD München zum Thema „Sichtbarkeit und Schutzräume für lesbisches Leben“ ergeben: München braucht dringend einen Dyke*March. „Also haben wir einen organisiert und es kamen 150 Teilnehmerinnen“, erzählt eine der vier Orga-Frauen, Carmen Schwarz. „Uns ist es wichtig, dass die Münchner Community begreift,wie wichtig es ist, aus privater Initiative heraus etwas für die lesbische Sichtbarkeit in der Stadt tun zu können.“ In Münster treffen sich Frauen seit 2019 zum Dyke*March. Dadurch werde ein Ort geschaffen, „an dem es ausschließlich um die Bedürfnisse queerer FLINTA*-Personen geht“, sagt Anke vom Münstener Team. „Sobald Menschen eine Regenbogenfahne sehen, denken die meisten von ihnen an ,die Schwulen‘. Das macht deutlich, wie wichtig Dyke*Marches sind!“ Sie seien eine notwendige Ergänzung zum CSD. „Uns ist wichtig, dass unser Dyke*March keine reine Lesben-Demo ist, sondern alle Frauen, Lesben, trans, inter, und agender Personen einlädt, die lesbisch, bisexuell, asexuell oder aromantisch begehren beziehungsweise nicht begehren!“

In Hannover hat Corona den Startschuss 2020 vermasselt, erzählt Jay vom „Dyke-Fighter“-Team. Der erste Dyke*March Hannover fand 2021 mit ca. 300 Menschen statt. Nun gehen sie in die zweite Runde: Wichtig sei ihnen auch die Kritik daran, dass sich „viele CSDs zu einer kommerziellen Partyparade“ entwickelt hätten: „Wir haben nichts gegen Feiern, aber der politische Kampf für Gleichberechtigung geht zu oft unter.“

„Viel kämpferischer als der CSD“

Die Küken unter den deutschen Dyke*Marches sind jene in Augsburg, Lüneburg, Würzburg und im Ruhrgebiet. Martina Kapuschinski und Doreen Hoffmann haben den Dyke*March Würzburg 2021 zu zweit gestemmt, der immer im April am Tag der lesbischen Sichtbarkeit stattfindet. „Dyke zu sein, sollte stolz machen, denn der Begriff strahlt Stärke und Sichtbarkeit aus.“

Im Ruhrgebiet gab es 2021 im Juli und im Dezember die ersten Dyke*Marches: „Wir sind wie ein kleiner CSD, nur viel politischer, viel kämpferischer, viel feministischer“, sagt Isabel Sophie vom Team. In Lüneburg fand im April 2022 erstmals ein D*M statt, in Augsburg im Juni 2022 (L-MAG berichtete).

In Berlin freuen sie sich in diesem Jahr auch auf die After-Party im Club „Else“ – über 1000 Frauen erwartet Partyveranstalterin Sara Moshiri dort. „Die Dykes wollen endlich wieder ausschweifend feiern“, sagt sie im Gespräch mit L-MAG. „Spannend ist, dass auf die Dyke*March-Partys viele Frauen kommen, die ich sonst auf meinen Veranstaltungen nie sehe.“ Moshiri selbst ist beim March gern vorn mit dabei – auf ihrem Motorrad.

Für sie ist der Dyke*March keine Parade, sondern ein Protest gegen das Patriarchat.

Manuela Kay freut sich, endlich wieder eine „echte Party nach dem Dyke*March“ in Berlin zu haben. Ihre Freund:innen in den USA hätten eines nie verstanden: „Warum meldet ihr denn den Dyke*March an – dann weiß die Polizei doch vorab, dass es eine Demonstration gibt?“ Sehr seltsam fänden sie dies auf der anderen Seite der Welt, sagt Kay und schmunzelt.

// Jana Schulze

Auf einen Blick:

2. Juli – Köln 2. Juli – München 22. Juli – Berlin 5. August – Hamburg 3. September – Bremen, „Trans*Inter*Dyke*March“ 22. Oktober – Rhein-Neckar (Heidelberg)

Stand: 9. Juni 2022 Änderungen vorbehalten