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Dynastien: Alles für die Familie


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 27.03.2018

DieHeiratspolitik der Fürsten sollte Herrschaft ausdehnen und Kriege verhindern. Dabei war die Kuppelei in Europas Hochadel vor allem eines: irrwitzig.


HABSBURGER UND BOURBONEN

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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2018

Es ist ein Familienszenario, das den hartgesottensten Sozialarbeiter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen müsste, ein Plot, der selbst dem Drehbuchautor einer Seifenoper skeptische Blicke einbrächte. Aber was will man machen, so ist es nun mal geschehen: Philipp, ein 44-jähriger Witwer mit kleiner Tochter, heiratet seine 15-jährige Nichte und zeugt mit ihr fünf Kinder, von denen drei noch als Kleinkinder sterben. Der ...

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... überlebende Sohn Karl ist geistig und körperlich behindert, erbt aber trotzdem den überschuldeten Familienbesitz, weil seine Schwestern Maria Theresia und Margareta ja bloß Frauen sind.

Margareta wird vom Vater als 15-Jährige mit ihrem eigenen Onkel Leopold verheiratet; sie wird drei Kinder verlieren, die schon im Säuglingsalter sterben; und sie wird selbst bereits im Alter von 21 Jahren das Zeitliche segnen und eine einzige Tochter – Antonia – hinterlassen. Auch die wird vom Vater enterbt, auch sie ist mit 16 verheiratet. Schnell wird sie Mutter zweier Kinder, die fast sofort wieder sterben, bevor die Geburt eines dritten sie erst 23-jährig das Leben kostet: eines Sohnes, den Gallenblasenentzündung und zu viel Essen umbringen, bevor er sieben Jahre alt ist.

Philipps andere Tochter Maria Theresia heiratet indessen ihren Doppelcousin Ludwig, mit dem sie alle vier Großeltern gemeinsam hat und sonst nichts – kein Wunder also, dass die lange Kette seiner Affären schon wenige Monate nach der Hochzeit beginnt. Aber das Erbe seiner Frau interessiert Ludwig doch; zweimal versucht er es sich mit Gewalt zu holen, bevor er sich mit dem behinderten Schwager Karl versöhnt und ihm eine seiner Nichten zur Frau gibt. Die freilich stirbt jung, angeblich vergiftet von Freunden des anderen Schwagers Leopold, der nicht weniger hinter Karls Besitz her ist. Karl heiratet wieder, bleibt aber impotent; als er mit 39 Jahren stirbt, vergeht kein Jahr, bevor es im wütenden Erbstreit Leopolds mit Ludwig die ersten Toten gibt.

Und was für einen Namen geben wir nun diesem Drama, das nach dörflichem Prekariat klingt oder nach tragischer Unterschicht? Nichts einfacher als das: Spanische Thronfolge, 1649 bis 1701. Die Hauptdarsteller: Spaniens Habsburger-Könige Philipp IV. und Karl II., Frankreichs Monarch Ludwig XIV. sowie Kaiser Leopold I., ebenfalls ein Habsburger.

Macht als Sache weniger Familien war bis vor sehr kurzer Zeit eher die Regel als die Ausnahme. Das dauerhafteste System erblicher Herrschaft aber entstand im Europa des Mittelalters und der Frühneuzeit. Nur hier waren die Dynastien so unzerstörbar, dass sich um sie herum ganze Nationen bilden konnten, nur hier entstand deswegen ein System zwischenstaatlicher Heiratspolitik. Dazu trug gewiss bei, dass Europas Monarchen sich zähneknirschend christliche Monogamie angewöhnt hatten. Der Großmogul in Delhi hätte wenig davon gehabt, seine Tochter mit dem osmanischen Sultan zu verheiraten, dem sie nur eine Frau unter vielen gewesen wäre; dem Sultan andererseits konnte diese Heirat niemals einen Anspruch auf das Mogulreich einbringen, weil doch dessen Dynastie dank Polygamie immer eher zu viele als zu wenige Söhne hatte.

In Europa hingegen wusste jeder Monarch, dass seine Tochter als Ehefrau die einzige sein würde, die einen legitimen Erben gebären konnte. Indem dieses System die Zahl der erbberechtigten Nachkommen reduzierte, erhöhte es zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass in Ermangelung von Söhnen eine Tochter zur Erbin aufstieg – und also ihr Ehemann eine neue Krone erheiraten konnte. Selbst dort aber, wo man wie in Frankreich und Deutschland Frauen ganz von der Erbfolge ausschloss, blieb der Frauentausch durch Heirat die sicherste Art, ein Bündnis zu besiegeln.

Die Familien dieser patriarchalen Welt definierten sich zwar über die väterliche Linie, sodass man etwa Habsburger oder Bourbone nur durch den Vater sein konnte. Gerade deswegen aber wurden die Töchter zum beweglichen Element: Sie waren die Einzigen, die sich aus einer Familie in eine andere hinüberbewegten, und wurden so automatisch zu Vermittlerinnen zwischen den Höfen.

Nachdem all dies schon im Mittelalter zu Ehen von Krone zu Krone geführt hatte, verstärkte sich der Trend nach 1500 noch einmal gewaltig. Dank Schwarzpulver und Buchdruck konnten die Monarchen nun stehende Armeen sowie erste Bürokratien aufbauen. Und so fragil beide Machtinstrumente auch blieben, so reichten sie doch aus, um die bis dahin durchlässige Grenze zwischen Herrschern und Adeligen brutal zu schließen: Die Zeit der unabhängigen Feudalherren war vorbei.

Wer selbst kein stehendes Massenheer finan - zieren konnte, musste als Subunternehmer in das Staatsmachtprojekt eines echten Souveräns eintreten. Die Zusammenarbeit zwischen Königen und hohem Adel wurde dadurch zwar sogar enger als zuvor. Da die gekrönten Häupter in solche Untertanenfamilien jedoch nicht mehr einheiraten wollten, blieb ihnen nun endgültig nur noch die Ehe mit Herrscherkindern übrig. In einer Welt, in der es pro Land nur mehr jeweils ein Herrscherhaus gab, schränkte das die Auswahl radikal ein, weswegen man froh sein konnte, dass wenigstens Deutschland noch ein gutes Dutzend standesgemäßer Regentenfamilien hatte. Als jedoch die Reformation Europa in zwei Lager spaltete, schlossen sich Deutschlands wichtige Fürsten mit einer einzigen Ausnahme dem Protestantismus an. Spätestens von da an wurde es auf der katholischen Seite wirklich eng, und niemand bekam das mehr zu spüren als die Habsburger.

Selten hat eine Dynastie ihrem Motto so viel Ehre gemacht wie diese, die man damals nur „Haus Österreich“ nannte: Bella gerant alii / Tu felix Austria nube (Kriege mögen andere führen / Du, glückliches Österreich, heirate). Zur römisch-deutschen Kaiserwürde mussten sich die Habsburger zwar in jeder Generation wieder neu wählen lassen; nebenher aber erheirateten sie von 1477 an nacheinander Burgund, Belgien und die Niederlande, Spanien mitsamt halb Italien und Kolonien, Böhmen, Ungarn, schließlich Portugal. Unterwegs fanden die Habsburger allerdings bald heraus, dass das Kriegführen vom Heiraten so leicht nicht zu trennen war. Insbesondere das zwischen all den Besitzungen eingeklemmte Frankreich wurde ihnen zum Dauerfeind; sämtliche anderen katholischen Dynastien aber waren ja mit Ausnahme einiger mickriger Herzoge bereits im Haus Habsburg aufgegangen.

Die Habsburger teilten sich zwar aus logistischen Gründen 1556 in eine spanische und eine österreichische Linie. Danach aber wurden fast alle jüngeren Söhne in geistliche Posten (und damit in den Zölibat) abgeschoben. Deshalb gab es nun fast 150 Jahre lang in Wien und Madrid pro Generation jeweils nur einen Mann, der die Dynastie fortsetzen durfte – und dieses fast ausnahmslos mit einer habsburgischen Cousinen-Ehefrau tat. Was das konkret bedeutete, sieht man an den Herrscherbildern, auf denen der habsburgische Unterbiss von Generation zu Generation ausgeprägter erkennbar ist. Man sieht es aber auch daran, dass der schon erwähnte Philipp IV. von Spanien im Jahr 1649 mit Maria Anna von Österreich nicht bloß seine Nichte 1. Grades heiratete; infolge früherer Verbindungen war die Braut außerdem noch seine Nichte im 2., 3. und zweimal im 4. Grad, seine Cousine im 3. und 4. Grad, seine Großnichte einmal im 3., zweimal im 4. und einmal im 5. Grad, seine dreifache Urgroßnichte 4. und zugleich dreifache Urgroßnichte 5. Grades.

Das, aber interessanterweise eben auch erst das, erwies sich dann doch als zu viel. Wo alle bisherigen Habsburger bloß nicht mehr richtig den Mund hatten zumachen können, fanden sich beim Spross dieser Ehe (Karl II. von Spanien) so viele Defekte, dass sie nicht mehr zu übersehen waren. Das Laufen lernte er als Fünfjähriger, das Sprechen nicht viel früher.

Den Zeitgenossen allerdings fiel selbst jetzt noch kein Zusammenhang mit der Inzucht auf. Eine göttliche Strafe für verbotene Verwandtenheirat konnte Karls Krankheit ja schlecht sein, wo man doch wie bei jeder solchen Ehe die teuerste vatikanische Ausnahmegenehmigung eingeholt hatte. Ein biologisches Risiko hingegen würde in solchen Ehen noch mindestens ein Jahrhundert lang niemand sehen – oft galten solche Verbindungen sogar als besonders vielversprechend. So konnten beispielsweise in Karls Todesjahr 1700 die Hochzeitsgäste eines ähnlich inzestuösen Fürsten-Brautpaares in Berlin ein Feuerwerk bewundern, dessen flammende Lettern den Ausspruch „die uns eingepflanzte Liebe vereinigt uns“ auf den Himmel buchstabierten.

Dass in Berlin die Herrscher von Preußen und Hessen-Kassel ihre Kinder miteinander verheirateten (sie wird jung sterben, er durch zweite Ehe König von Schweden werden), taten sie freilich nicht bloß aufgrund der Blutsbande. Nicht weniger wichtig war der bevorstehende Krieg, in den diese beiden Söld-nervermieter ihre Heere gemeinsam führen wollten – und den der Tod Karls II. ausgelöst hatte.

Dass aufgrund all der spanisch-österreichischen Eheschließungen jetzt der Habsburger Kaiser Leopold I. Spanien für seinen jüngeren Sohn beanspruchte, war klar. Allerdings war auch Leopolds Todfeind Ludwig XIV. Sohn und Witwer spanischer Infantinnen, hatte man doch seinerzeit auch spanisch-französische Kriege mit Heiraten befriedet. Ludwig zögerte also nicht, seinen jüngeren Enkel nach Spanien zu schicken, wo dieser als Philipp V. den Thron bestieg.

Aus der Vogelperspektive des Historikers ist das ein schönes Beispiel dafür, wie selbst ein scheinbarer Dynastiewechsel von den Habsburgern zu den Bourbonen nichts an der familiären Kontinuität ändert: Philipp V. war ja der Enkel von Karls Halbschwester und also bloß ein Glied mehr in der ununterbrochenen Kette, die vom 8. Jahrhundert bis zu seinem heutigen Nachkommen Philipp VI. führt.

Damals freilich mochte selbst der musikalische, friedliche und bankrotte Leopold I. die Dinge nicht annähernd so philosophisch betrachten, zumal ja die aggressive Politik Ludwigs XIV. schon vorher ganz Europa gegen Frankreich mobilisiert hatte. Der neuerliche Machtzugewinn des alternden Sonnenkönigs provozierte eine internationale Koalition und löste den Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) aus. Ebenjene Eheschließungen, die Kriege hatten beenden sollen, waren folglich Auslöser des nächsten Krieges geworden, und statt Prinzessinnen würden nun 13 Jahre lang wieder Armeen die Grenzen überschreiten.

Auch während der Kriege stand die Heiratspolitik jedoch nie völlig still. Da Religion als Kriegsgrund nicht mehr und politische Ideologie noch nicht von Bedeutung war, wurde Krieg fast ausnahmslos zur Machtsteigerung der Dynastien geführt. Dabei respektierte der Konflikt gewisse Prinzipien: Kein Staat wurde ganz aufgelöst, und auch ein besiegter Herrscher verlor nur Provinzen, aber nie die Krone, weil dieser Schritt Gegnern und Untertanen doch zu weit gegangen wäre (sie alle verdankten ja ihre eigene Stellung ebenfalls bloß dem heiligen Erbrecht).

Ohnehin endeten die meisten Konflikte infolge Zahlungsunfähigkeit aller Beteiligten unentschieden. Ebendiese Faktoren machten das Kriegführen für die Herrschenden aber auch weniger riskant. Da Monarchen und Adelige sich zudem noch immer als Ritter verstanden, erlebte Europa zwischen 1648 und 1789 gerade mal 43 volle Friedensjahre. Man konnte also auch mit dem Heiraten in der Regel schlecht bis zum Frieden warten, wenngleich der Krieg die schrecklich schmale Auswahl möglicher Ehekandidaten nur noch mehr verringerte.

Im Spanischen Erbfolgekrieg etwa reduzierte die Feindschaft der wenigen katholischen Dynastien den Spielraum dermaßen, dass der 18-jährige Philipp V. 1701 gar nicht anders konnte, als seine multiple Cousine Marie Louise von Savoyen zu heiraten, sobald sie mit zwölf Jahren das legale Heiratsalter erreichte. Seinem österreichischen Rivalen Karl, der von 1703 an in Barcelona als Gegenkönig regierte, blieb nur die Ehe mit einer von zwei konversionsbereiten Protestantinnen übrig; da aber Caroline von Ansbach irgendwann genug davon hatte, dass nie der schüchterne Karl, sondern immer nur sein Oberhofmeister ihre Verlobungsbriefe beantwortete, lehnte sie dankend ab (sie wurde später britische Königin).

Statt ihrer heiratete Karl 1708 die 16-jährige Elisabeth Christine von Braunschweig. Anders als die Katholiken gestanden protestantische Fürstenhäuser nämlich zu, dass ihre Töchter auch mit der falschen Konfession nicht zwangsläufig in der Hölle landen mussten. Was nicht hieß, dass alle so weit gingen wie jene Fürsten, die die Konfirmation ihrer Töchter bewusst hinauszögerten, um sie dann je nach Heiratsplan katholisch, lutherisch oder calvinistisch ausfallen zu lassen.

1714 endete der Spanische Erbfolgekrieg. Europa lag erschöpft am Boden. Philipp V. behielt Spanien samt Kolonien, während Karl bereits die Kaiser - würde, Österreich, Ungarn und Böhmen geerbt hatte; nun erhielt er aus der spanischen Konkursmasse Belgien und halb Italien. Noch im selben Jahr jedoch heiratete Philipp V., der seine geliebte Frau Marie Louise verloren hatte, die Prinzessin Isabella Farnese, deren italienische Erbansprüche im Grunde schon den nächsten Krieg garantierten. Als Stiefmutter zweier Söhne sah sie für ihre eigenen Söhne in Spanien keine Erbaussichten; lag es da nicht nahe, ihnen in Italien neue Reiche zu erobern?

Der König hörte schon deswegen auf sie, weil er sonst mit praktisch niemandem sprach: Er konnte immer noch kein Spanisch, war komplett nachtaktiv und dauerhaft manisch-depressiv geworden, wogegen nicht einmal die jede Nacht vom besten Kastratensänger des Jahrhunderts vorgesungenen Opernarien halfen. So brach 1718 ein neuer Krieg aus, in dem Spanien nun ausgerechnet gegen Frankreich kämpfte, das doch gerade erst 13 Jahre lang Blut und Gold investiert hatte, um Philipp V. überhaupt erst zur Krone zu verhelfen. Wenigstens dauerte es diesmal bis zum Friedensschluss nicht lange, und so wie eine Heirat diesen Krieg fast allein ausgelöst hatte, so sollte nun der Friede durch ein doppeltes Ehebündnis besiegelt werden.

Am 9. Januar 1722 sahen sich daher auf der für Prinzessinnen-Übergaben reservierten Fasaneninsel im Grenzfluss Bidassoa zwischen Frankreich und Spanien für einen sehr kurzen Moment zwei Bourbonenprinzessinnen in die Augen, deren Weg sich hier kreuzte. Die zwölfjährige Französin Mademoiselle de Montpensier würde den ältesten Sohn Philipps V. heiraten. Sie würde also, da Könige ihre Länder höchstens zum Kriegführen verließen, Frankreich nie wiedersehen. Und so muss ihr klar gewesen sein, dass dies nicht nur ihr erstes, sondern auch ihr letztes Treffen mit der nach Frankreich abreisenden Infantin Maria Anna Victoria von Spanien war.

Die Gedanken der Infantin lassen sich beim besten Willen nicht erahnen, obwohl es sogar ein paar Briefe gibt, die sie auf dieser Reise schrieb. Aber sie war erst drei Jahre alt und malte bloß ab, was die französische Oberhofmeisterin vorgab. Was es bedeutete, mit dem schlecht gelaunten Elfjährigen verlobt zu sein, der inzwischen als Ludwig XV. auf dem französischen Thron saß, das kann selbst dieses hochintelligente Kind so wenig begriffen haben wie den Sinn der Pariser Verlobungsfeier; da die künftige Königin schon vor dem Ball zu Bett gehen musste, ließ man den kleinen König stattdessen mit einer 26-jährigen Cousine tanzen und wunderte sich dann, dass ihm seine Verlobte peinlich war.

Es war die bizarrste dynastische Verlobung des Jahrhunderts – und es wurde nichts daraus. Jene Erben Ludwigs XV., denen es ganz lieb war, dass er noch lange keine Kinder haben konnte, verloren bald die Macht und wurden durch Feinde ersetzt, die das genau umgekehrt sahen. So setzte man 1725 die immer noch erst siebenjährige Infantin in eine Kutsche, um sie zu ihren Eltern zurückzuschicken, an die sie sich kaum mehr erinnerte.

Mademoiselle de Montpensier war inzwischen durch Heirat sowie Abdankung des melancholischen Schwiegervaters Königin von Spanien geworden, nur um fast sofort danach ihren Mann zu verlieren und nun als 15-jährige Witwe ebenfalls in ihre Heimat zurückzureisen; einzig eine Kutschenverspätung verhinderte, dass beide Cousinen einander beim Grenzübertritt erneut Adieu sagen konnten. Die abwegigste Heirat der Barockzeit war ausgefallen und wurde durch den ganz normalen Irrsinn ersetzt. Die spanische Infantin heiratete den König von Portugal und Ludwig XV. eine sieben Jahre ältere polnische Königstochter. Die dynastische Logik blieb bestehen: ein System, in dem es pro Königskind maximal ein Dutzend Ehepartner gab, die praktisch alle im Ausland lebten. Oft waren es weniger, und so blieb etwa Anna von England 1734 nur übrig, den Prinzen von Oranien zu heiraten, obwohl der keinen Hals hatte und in den Worten der Königinmutter Caroline wie „ein Monster“ aussah, weil der preußische Kronprinz bereits anderweitig verehelicht worden war.

Die Männer wurden fast immer verheiratet, ohne ihre Zukünftige zu kennen, von der es oft nur ein wenig verlässliches Porträt gab. Die so versprochenen Herrschertöchter reisten an den Hof des Bräutigams, wobei sie aus zeremoniellen Gründen bereits auf der Reise den Rang einer Ehefrau haben mussten. Also verheiratete man sie am elterlichen Hof mit einem Stellvertreter, der wiederum aus Ranggründen in der Regel nur ihr eigener Bruder sein konnte. Manchmal starb eine solche Braut noch vor dem Aufbruch, wie 1767 die 16-jährige Maria Josepha von Österreich, die den spanischen Infanten und König von Neapel heiraten sollte; auf dem Sterbebett erklärte sie ihrer Mutter Maria Theresia, dass sie einander ja doch nie wiedergesehen hätten: Sei es da nicht besser, wenn sie nun in den Himmel komme statt nach Neapel?

Aber die Staatsräson kannte keine Gnade. Fast sofort ersetzte man die Verstorbene durch ihre nächstjüngere Schwester Marie Charlotte, die andernfalls wohl Frankreichs nächste Königin geworden wäre. Man italienisierte ihren Namen und schickte die frisch gebackene Maria Carolina an den Hof Ferdinands IV. Der 17-jährige König von Neapel war wie ein Wilder aufgewachsen, weil die Ärzte angesichts der Geisteskrankheit seines Großvaters Philipp V. von Spanien viel frische Luft und null Bildung empfohlen hatten.

War ein Brautpaar zu jung, beschränkte man sich wie etwa 1722 bei Mademoiselle de Montpensier zunächst darauf, beide Teenager vor den Augen aller Höflinge nebeneinander in ein Staatsbett zu legen, in dem sich oft genug Oberhofmeister und Oberhofmeisterin versteckten, um alles Weitergehende zu verhindern. Die Unauflösbarkeit der Ehe war mit diesem symbolischen Akt garantiert, die eigentliche Hochzeitsnacht folgte erst Jahre später. Maria Carolina von Neapel und ihr Mann jedoch waren bereits 15 und 17 Jahre alt, und so wurde die Ehe sofort vollzogen. Die Königin schrieb später, sie habe lieber sterben wollen, als das noch einmal zu erleben. Zwar brauchte sie nur wenige Jahre, um die wahre Macht im Königreich zu werden, während sie dem vor allem an der Wildschweinjagd interes - sierten Gemahl nicht weniger als 17 Kinder gebar. Aber wie so oft, wenn Standesungleichheit die Geschlechterungleichheit bis zu einem gewissen Grade aushebelte und folglich eine hochgeborene Frau Macht über ‚niedriger geborene‘ Männer erhielt, war auch die Herrschaft der Königin Maria Carolina teuer erkauft.

Doch allem persönlichen Leid zum Trotze überlebte die dynastische Heiratspolitik letztlich sogar das Ancien Régime. Während die absolute Monarchie von 1789 an auf dem Rückzug war, hielt sich das Ideal der standesgemäßen Ehe sowohl in Herrscherhäusern als auch beim Adel bis weit ins 20. Jahrhundert. Freilich änderten sich mit Revolution und Aufklärung die Spielregeln. Maria Carolinas Schwester Marie Antoinette erfuhr in Frankreich am eigenen Leib, dass im Zeitalter moderner Verfassungen weibliche Macht ebenso zum Skandal wurde wie eine ausländische Herrschergemahlin angesichts des zunehmenden Nationalismus. Gleichzeitig hatte sich die Idee der Liebesheirat dermaßen durchgesetzt, dass nun selbst die Herrscher nicht mehr bloß aus Staatsräson heiraten wollten.

Zwei Monate nach Marie Antoinettes Hinrichtung in den Wirren der Französischen Revolution vermählte sich am Heiligabend 1793 der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm mit seiner Cousine Luise von Mecklenburg-Strelitz. Die beiden würden einander zum großen Applaus des Publikums fast wie ein bürgerliches Paar behandeln, und noch lange würde niemand nachfragen, wie sich denn jenseits solcher Glücksfälle Liebesheiraten mit der standesgemäßen Ehe im engsten Kreis vereinbaren ließe. Das dynastische Spiel mochte ein wenig humaner geworden sein und wurde doch zugleich nur noch viel komplizierter.