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Dystopie oder Utopie?


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evolve - epaper ⋅ Ausgabe 34/2022 vom 11.04.2022
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211 NW:

Das Signal ihres Weckers riss Lena aus dem Schlaf. Sie öffnete ihre Augen – und kniff sie direkt wieder zu. Kopfschmerzen, pochende Kopfschmerzen. Schon wieder. Bei dem Gedanken, mit Kopfschmerzen zehn Stunden lang am Training teilzunehmen, wurde ihr ganz übel. Panik kroch in ihr hoch.

Lena, dein Ruhepuls liegt 10 % über dem Normalwert und du befindest dich in Horizontallage, sagte die sanfte, beruhigende Stimme auf ihrem Gerät. Das ist abnormal.

Lena holte tief Luft. Sie sollte sich besser im Griff haben. Wegen dieser schrecklichen Kopfschmerzen hatte sie bereits drei Tage des Trainings verpasst. Noch mehr Fehltage und man würde sie zu einer gründlicheren Analyse einbestellen. Ihr genetisches Profil und ihr Intelligenzquotient ermöglichten ihr den Zugang zum Training und sorgten dafür, dass sie eine ausreichende Anzahl von Life-Tokens erhielt, um sich relativ gut zu ernähren und ihre Familie ...

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... zu unterstützen. Eine Herabstufung würde ihre monatliche Zuteilung verringern.

Lena schnappte sich ihr Gerät und stieg aus dem Bett, während sie noch schnell ihr Wasser-Token-Account checkte. Es war gerade die heiße Jahreszeit und das Wasser wurde deshalb knapper als sonst. Heute waren ihr nur drei Minuten zum Duschen zugestanden worden; was für eine Enttäuschung. Dabei liebte Lena Wasser so sehr – und wie erfrischend es war, besonders wenn sie diese schrecklichen Kopfschmerzen hatte.

Nachdem sie geduscht und sich angezogen hatte, dachte Lena daran, dass viele Menschen Angst vor Wasser hatten. Das hatte mit den Überschwemmungen und Taifunen zu tun, die es vor der Zeit der NW (New World) gegeben hatte. Sie wusste das aus dem Geschichtsunterricht. Ganze Städte sollen durch Wasser zerstört worden sein. Einer der Familienschätze, der von Generation zu Generation weitergereicht wurde, war eine alte Aufzeichnung eines entfernten Vorfahren, auf der zu sehen war, wie Wasser durch Bäume hindurch die Hügel hinunterrauschte. Diese Szenerie übte auf Lena eine seltsame Anziehungskraft aus, die sie nicht verstehen konnte.

DIE ÜBERSCHWEMMUNGEN UND TAIFUNE EREIGNETEN SICH VOR DER ZEIT DER NW – DER NEW WORLD.

Lena, noch 15 Minuten bis zur Abfahrt.

Aus dem Schlafzimmer ihres Bruders waren gedämpfte Schreie zu hören. Ein Adrenalinschub durchfuhr Lenas Körper, bevor sie sich fing und tief durchatmete. Sie wollte das Gerät nicht auf ihre Angst aufmerksam machen – oder auf den zunehmend unruhigen Schlaf ihres Bruders. Sein Gerät war anders eingestellt als ihres, weil er Gaming Leader war. Plötzliche Herzfrequenzsprünge und Schreie waren normal für seine Arbeit.

Lena klopfte an die Tür von Alberts Zimmer und trat rasch ein. Sie rüttelte ihn wach. »Was?«, sagte er und rieb sich die Augen, sein Gesicht blass und sein dunkles Haar unordentlich.

»Zeit zum Aufwachen. Ich gehe gleich«, sagte sie mit falscher Fröhlichkeit und blinzelte ihm schnell zu.

Albert sah seine ältere Schwester an und nickte langsam. »Ok! Alles in Ordnung«, sagte er und blinzelte zurück.

Die beiden Geschwister hatten eine Form der Kommunikation durch Blinzeln entwickelt, um die allgegenwärtigen Kameras und Tonaufzeichnungsgeräte zu umgehen. Sie hatten gute Profile, sodass man keinen Verdacht schöpfen konnte. Aber sie wollten nicht durch abnormale biometrische Merkmale auf sich aufmerksam machen.

Lena gab Albert in Blinzel-Sprache zu verstehen, dass er wieder einmal im Schlaf geschrien hatte. Sie machte sich Sorgen um ihn. Als Gaming Leader verdiente er sich seine Life-Tokens durch seine Punkte bei den Spielen, die er spielte, sowie durch die von seinem Körper dabei erzeugte Energie. Sie wusste, dass er sich Sorgen um ihre Eltern machte und ihnen Life-Tokens übertragen wollte. Also zwang er sich dazu, zwölf oder mehr Stunden am Tag zu spielen. Die Spiele lebten in seinem Kopf weiter und suchten ihn auch im Schlaf heim. Lena bewunderte die Sorgfalt und Entschlossenheit ihres Bruders, aber auch sein Körper war inzwischen erschöpft. Da er sich den ganzen Tag in der Virtual Reality aufhielt, brauchte er seine ganze Kraft dafür – wenn er zu schwach würde, würde er seinen Posten als Gaming Leader verlieren und zurückgestuft werden. Das war das Letzte, was ihre Familie gebrauchen konnte.

Lena schnappte sich einen Chocosyn-Riegel, verließ die Wohnung und stieg in den Aufzug. Auch sie machte sich Sorgen um ihre Eltern. Ihr Vater konnte seine rechte Hand nicht mehr benutzen, nachdem er viele Jahre lang viel mit der Tastatur gearbeitet hatte. Ihre Mutter konnte zwar noch arbeiten, aber auch sie wurde immer älter. Sie verloren Life-Tokens. Irgendwann würde es nicht mehr reichen, sich selbst zu versorgen, und sie würden möglicherweise ausgelöscht. Ein kalter Schauer durchfuhr Lena. Sie wusste, dass es das Beste für alle war, diejenigen zu eliminieren, die dem System Energie entzogen. Aber der Gedanke, ihre Eltern zu verlieren, machte ihr Angst. Deshalb war sie im Training. Wenn sie sich gut anstellte, konnte sie vielleicht ihre Eltern aus der Rehabilitationseinrichtung zurückholen, um bei ihnen zu leben. Das Matching-System hatte noch keinen Partner für sie gefunden, auch das würde erst nach dem Training möglich sein. Aber ihre Eltern und ihren Bruder vereint zu wissen, motivierte sie, die anstrengende Arbeit des Trainings auf sich zu nehmen.

Auf der Straße angekommen, verursachte das grelle Licht noch heftigere pochende Kopfschmerzen. Der Himmel war grün, denn es war Mercury Day. Warum nur war das Licht so hell – oder waren es nur ihre Kopfschmerzen? Sie wusste, dass das Licht im Central Europe Dome erzeugt wurde. Außerhalb des Domes und der Föderation der Dome der ganzen Erde gab es nur tödliche Wildnis. Manchmal konnte man da draußen Stürme wüten sehen, die in ihrer Intensität erschreckend waren.

Lena erinnerte sich daran, dass es jetzt an der Zeit war zu lächeln und jeden Menschen zu grüßen, an dem sie vorbeikam. Denn an jeder Ecke überwachten Kameras die Straßen. Wenn sie jemanden erfassten, der eine andere Person grüßte, bekam er Citizen-Tokens. Und Lena brauchte mehr davon – sie hatte neben dem Training so wenig Zeit, dass sie kaum Arbeit für die Gemeinschaft leisten konnte. Wenn sie noch mehr Citizen-Tokens verlor, konnte sie bestraft werden oder ihre Wählerstimme in Gemeindeangelegenheiten verlieren.

Lena, in 2 Minuten kommt ein Mover am Frankfurter Ring an. Du bist pünktlich.

Lena betrat den Bahnsteig, auf dem sich bereits tausende von Menschen befanden, die auf dem Weg ins Zentrum waren.

Gerade als der Mover einfuhr, ertönte ein Alarm, und alles blieb stehen. Oh nein, dachte Lena, wieder ein Hacker. Sie warf einen Blick auf die Bildschirme über dem Mover. Ein junger Mann, wahrscheinlich ein paar Jahre jünger als ihr Bruder, wurde an eine Wand geführt. Lena konnte die Anschuldigungen gegen ihn nicht richtig verstehen – irgendetwas wegen der Wasserversorgung, die unlängst erschöpft war. Sie wandte den Kopf ab, als die Polizei ihn erschoss. Es kam Lena so brutal vor. Brutal, aber leider notwendig – wie das ganze System, das die menschliche Zerstörungswut verwaltete. Das ist für uns Menschen notwendig, dachte sie. Sonst werden wir nicht überleben.

DER DIALOG BEGANN – LANGSAM ENTWICKELTE SICH EINE EIGENDYNAMIK, DIE SICH INTENSIVIERTE UND IMMER WIEDER IN STILLE MÜNDETE.

211 UE:

Lili wurde von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Sie blinzelte – ihr Kopf tat weh. Sie stand auf, streckte den Kopf aus dem Fenster und schaute sich den Himmel an. Am Horizont waren dunkle Wolken zu erkennen. Lili lächelte und rieb sich die Schläfen. Gute alte Kopfschmerzen, dachte sie, sie sagen mir, welches Wetter kommt. Lili war sehr sensibel für ihre Umwelt, und diese Sensibilität hatte ihr die Chance eröffnet, ihre Gemeinschaft im Bioregionalen Kreis zu vertreten. Was machte es da schon aus, dass sie manchmal Kopfschmerzen hatte?

Lili zog sich schnell an, um noch rechtzeitig zum morgendlichen Sonnengebet den Gemeinschaftstempel zu erreichen. Als sie sich näherte, konnte sie die Anwesenheit derer spüren, die bereits versammelt waren. Wärme durchströmte sie, als sie die kollektive Anwesenheit spürte. Wie auch die anderen nahm sie Platz. Sie blickte hinauf zu den blauen und gelben Bändern, die von der Mitte der Kuppel des Tempels hingen.

Wer waren die Ukrainer? fragte sie sich. Ja, sie wusste, dass sie sehr mutig waren und dass der Letzte Große Krieg damit begonnen hatte, dass sie angegriffen wurden. Aber wie waren sie eigentlich? Sie hatte auf alten zweidimensionalen Aufzeichnungen gesehen, wie die Ukrainer die Friedensrevolution anstießen, die sich auf der ganzen Erde ausbreitete: Als sie bombardiert wurden, standen sie schweigend in Blau und Gelb auf öffentlichen Plätzen. Menschen aus aller Welt bekundeten ihre Solidarität mit ihnen. Aber das war so viel mehr: ein weltweiter Streik gegen eine zerstörerische Lebensweise. Hunderttausende wurden inhaftiert oder von Polizei und Militär ermordet. Damals begann die Zeit der United Earth – UE. Das erste Jahr der UE begann mit dem Wunder der Sonne – als extreme Sonneneruptionen und koronale Massenauswürfe die Stromnetze auf der ganzen Erde lahmlegten.

Die Sonne! Lili gab sich einen Ruck und war wieder ganz gegenwärtig im Tempel und im gemeinsamen Gebet zu Ehren der Sonne. Die Präsenz der ganzen Gemeinschaft funkelte wie Sonnenlicht. Es war vollkommen richtig, dachte sie, die Sonne dafür zu ehren, dass sie der Friedensrevolution das Zeitfenster dafür eröffnet hatte, alle Gruppen zu vereinen, die an einer alternativen Lebensweise gearbeitet hatten. Das Ergebnis war das Globale Netzwerk der Bioregionen, dem ihre Gemeinschaft angehörte. Ob dies nun von der Sonne beabsichtigt war oder nicht, spielte dabei eigentlich keine Rolle. Lili nahm die Sonne als Teil des gesamten, verflochtenen, lebendigen Kosmos wahr. Trotz der kritischen Schwellen, die im Zeitalter des Ökozids überschritten worden waren, war die Regenerationsfähigkeit der Erde erstaunlich.

Nach dem Gebet plauderte Lili ein wenig mit ihren Nachbarn – die neue Schule, die Bepflanzung der Gärten, die Pflege des Waldes und das nächste Gemeindefest waren in aller Munde. Ein leises Summen an ihrem Handgelenk verriet Lili, dass jemand sie sprechen wollte. Sie tippte auf die Oberfläche ihres Kommunikationsgeräts und ein Hologramm von Kurt, dem derzeitigen Leitenden Katalysator des Gemeinschaftskreises, erschien. »Hey, Kurt!«, begrüßte sie ihn.

»Guten Morgen, Lili«, lächelte das Hologramm. »Entschuldige, dass ich dich heute Morgen so früh störe. Aber wir haben ein Problem, bei dem ich deine Hilfe brauche. Es gibt einige Schwierigkeiten bei der Fertigstellung des Antrags der Bioregion. Könntest du den damit befassten Mitgliedern helfen? Sie treffen sich heute Morgen um neun Uhr und würden sich freuen, wenn du dabei wärest. Du kannst das Hovercraft benutzen – ich schicke Marco, um dich abzuholen.«

DAS ERSTE JAHR DER UNITED EARTH BEGANN MIT DEM WUNDER DER SONNE.

Lili nickte, und Kurts Hologramm verschwand. Sie war aufgeregt und eilte zurück zu ihrer Wohnkapsel, um ihre Tasche zu holen. Sie war noch nie gebeten worden, eine so wichtige Aufgabe zu übernehmen. Bald tauchte das Hovercraft vor ihrer Wohnkapsel auf, Marco öffnete die Tür und Lili kletterte hinein. Nach einem kurzen Schwebeflug erreichten sie das Zentrum der Bioregion.

Lili lehnte sich zurück und dachte nach. Der Antrag, um den es hier ging, wurde jedes Jahr von ihrer Bioregion bei der Bioregion Mitteleuropa eingereicht. Er drückte aus, was die Bioregion anbieten konnte und was sie im Gegenzug brauchte. Dazu mussten Einschätzungen getroffen werden über die Nahrungsmittel überschüsse, die sie anbieten konnten, die Auswirkungen ihrer Projekte auf die Regenerierung der Wälder, die Bildungsmöglichkeiten, die sie anbieten konnten, die Feste, die sie in der Region ausrichten wollten, und die Hilfe, die sie für die Gestaltung der Bioregion Mitteleuropa selbst leisten konnten. Wenn der Antrag angenommen wird, erhält die Bioregion eine Reihe von Tokens, die an die Gemeinden verteilt werden und es ihnen ermöglichen, am größeren globalen Netzwerk der Bioregionen teilzunehmen und Materialien, Dienstleistungen sowie Nahrungsmittel zu erhalten, die sie nicht selbst herstellen, anbieten oder anbauen können. Einige der diesbezüglichen Bewertungen waren relativ einfach – sie hatten beispielsweise die besten Mentorenprogramme für die regenerative Landwirtschaft zu bieten –, aber einige waren sehr heikel. All die verschiedenen Ebenen mussten integriert werden, ohne die Komplexität und den Zusammenhang aus dem Blick zu verlieren.

Sie kam an und betrat das Bioregion Collaboratory. Drinnen hatten sich die für den Antrag verantwortlichen Mitglieder versammelt – einige unterhielten sich angeregt, andere setzten sich.

Natalia, die Leiterin des Collaboratory und leitende Programmiererin, wandte sich an Lili. »Ich bin so froh, dass du so kurzfristig kommen konntest. Wir könnten deine Hilfe wirklich gebrauchen. Jedes Mal, wenn wir nah dran sind, fällt der ganze Antrag wieder in sich zusammen.«

Lili versicherte Natalia (und sich selbst), dass sie ihr Bestes geben würde, setzte sich in den Kreis und eröffnete den Raum zwischen ihnen. Sie spürte, wie sich eine Spannung aufbaute, als ob ein Stahlseil ihre Wirbelsäule hinaufgezogen würde und weit über ihrem Kopf mit den anderen verbunden wäre. Die Vorderseite ihres Körpers schien fast durchsichtig zu sein – sie schaute sich im Kreis um, ihre Augen trafen die Augen jedes Einzelnen im Kreis, wie eine Flamme, die eine andere Flamme berührt. Der Dialog begann – langsam entwickelte sich eine Eigendynamik, die sich intensivierte und immer wieder in Stille mündete. Aufmerksam nahm Lili sich anbahnende Synergieeffekte wahr und bot sie dem Kreis an. Schicht um Schicht an Informationen wurde eingebracht – Ernteerträge, Geburten, Bewertungen der Mentoren, Regenfälle, Parasiten, Zufriedenheit der Jugendlichen, Abwanderung aus dem bzw. Einwanderung in das Gebiet und vieles mehr.

Verwirrung zeigte sich. Aber nach und nach nahmen die Prioritäten Gestalt an. Hindernisse wurden in einem neuen Licht betrachtet. Stunden vergingen. Dann, weit nach Mittag, waren sie fertig. Stille kehrte ein.

Natalia durchbrach die Stille. »Uff, vielen Dank, Lili. Jetzt kann mein Team das, was hier herausgekommen ist, in den Antrag einprogrammieren.« Eine Welle der Anerkennung und Ehrfurcht ging durch den Raum. Lili fühlte sich fast peinlich berührt. Obwohl dieser kollektive Dialog Teil des Lernens aller war, konnte sie immer noch nicht sagen, wie oder warum er funktionierte. Es blieb ein Mysterium. Sie alle wussten, dass dieser Dialogprozess größer war als jeder von ihnen allein oder alle gemeinsam.

Lili verließ rasch das Gebäude und rief Marco über ihr Kommunikationsgerät an. Sie fühlte sich beschwingt, was nach einem solchen Prozess nur natürlich war. Als sie in den Himmel schaute, hatten sich die dunklen Wolken am Horizont verflüchtigt. Auch ihre Kopfschmerzen waren verschwunden. Aber sie wusste auch, dass es nicht mehr lange dauern würde bis zur Hochwassersaison. Brände und Hochwasser waren immer eine Herausforderung. Aber das spielte keine Rolle. Lili spürte die Lebendigkeit in sich und durch sie, die Teil von allem war, was auf der Erde lebte. Die Kreativität in ihr war fast überwältigend, eine Co-Kreativität mit der Erde. Das ist für uns Menschen notwendig, dachte sie. Sonst können wir uns nicht weiterentwickeln.

DR. ELIZABETH DEBOLD erwarb an der Harvard University ihren Doktorgrad in Entwicklungsstudien und Psychologie, forschte unter der Leitung von Carol Gilligan und ist heute als Autorin und Seminarleiterin tätig. Ihr jüngstes Projekt ist das globale Dialog-Forum One World in Dialogue.

www.elizabethdebold.com www.oneworldindialogue.com