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ECUADOR: AUS DEN WOLKEN GEFALLEN


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 14.06.2019

Ecuador – das ist südamerikanische Vielfalt. Roger Heitmann (Text und Fotos) und seine Frau Gudrun waren mehrere Wochen mit ihren Motorrädern in dem Land unterwegs und ebenso fasziniert von der Landschaft wie den Menschen, die Fremden stets mit freundlicher Offenheit begegnen.


Artikelbild für den Artikel "ECUADOR: AUS DEN WOLKEN GEFALLEN" aus der Ausgabe 4/2019 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 4/2019

Blick aus 4.010 Meter Höhe über die Andenhänge hinab Richtung Westen auf die dichte Wolkendecke des Nebelwaldes.


1Wolken, die von oben undurchdringlich scheinen, wirken auf Augenhöhe wie eine Wand.


2Auf der Isla de la Plata im Pazifik vor Puerto Lopez leben die lustigen Blaufußtölpel.


3Blattschneiderameisen sind faszinierend, ...

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4Kolibris an der Tränke.


5Im August ziehen Buckelwal-Familien die Küste entlang.


6Leguane von 2 Meter Länge sind die Attraktion im Parque Seminario im Stadtzentrum der Hafenmetropole Guayaquil.


Enjoy my Country!« ruft uns der Grenzbeamte zu, als wir bei Tulcan auf 2960 Meter Höhe auf der Panamericana die Grenze von Kolumbien nach Ecuador passieren. Nach zwei Stunden Bürokratie fällt uns das zugegebenermaßen etwas schwer. Zudem werden wir mit einer Fahrtstunde im Regen und schlecht einzuschätzendem Fahrbahnbelag begrüßt.

Wir, ein gestandenes Ehepaar, sind vor sieben Wochen als Reise-Greenhorns mit unseren beiden BMWs an der kolumbianischen Karibikküste losgefahren. Jetzt mit einigen Wochen Südamerika-Erfahrung geht es nun in Ecuador weiter. Unser Motto: Wir haben Zeit! Denn für unsere Nord-Süd-Tour von Cartagena/Kolumbien, bis nach Valparaiso/Chile, haben wir uns gut sieben Monate frei genommen. Ob wir in Ecuador zehn Tage bleiben, wie die meisten Pauschaltouristen, oder sechs Wochen, hängt davon ab, wie es uns hier gefällt.

Der Reiseführer beschreibt Ecuador als sehr vielfältiges Land, das auf kleinem Raum alles zeigt, was Südamerika zu bieten hat: unterschiedlichstes Klima, Berge und Vulkane mit bis zu 6000 Meter Höhe, Ozean und Regenwald im Amazonasbecken. Die Panamericana durchläuft als Routa 35 die ecuadorianische Andenhochebene von Kolumbien über die Hauptstadt Quito nach Peru. Uns war klar, dass das Gros der Kurven an den Andenhängen abseits der Panamericana zu finden sein würde. Und wir freuten uns auf den Fahrspaß auf kleinen Pässen »andenrauf und andenrunter.«

Überrascht waren wir, als wir diese Hauptschlagader Südamerikas nicht als Traumstraße kennenlernten, sondern als Verkehrsachse, auf der alles durcheinander unterwegs ist, vom langsamen Trecker oder Lkw über rasende Reisebusse bis zum Eselskarren. Zudem ist die Straße mit kilometerlangen Baustellen gespickt.


Auf der Südamericana ist alles unterwegs, vom Trecker oder Lkw über rasende Reisebusse bis hin zum Eselskarren


Unser erstes Ziel hinter der Grenze ist die Stadt Ibarra, die äquatornah auf knapp 2200 Meter Höhe liegt und damit ganzjährig sonniges aber nicht zu heißes Klima aufweist. Dort gibt es einen der beiden offiziellen Campingplätze Ecuadors, der von Hans aus Deutschland betrieben wird. Auf dem Weg dorthin müssen wir zum Rio Chota hinab, wo es deutlich über 30 °Celsius hat. Wir sind schließlich weniger als 100 Kilometer vom Äquator entfernt.

»PARE« steht auf dem roten, achteckigen Schild, mit dem die Dame in Warnweste den Verkehr stoppt. Ausgerechnet hier in der Hitze müssen wir warten, bis der Gegenverkehr durch die Baustelle gefahren ist. Eine Viertelstunde ist vergangen und unser Wasser ist ausgetrunken, als das Schild auf »SIGA« umgedreht wird und wir weiterfahren können.

Gegen 16 Uhr ereichen wir Ibarra. Der Zeltplatz liegt an der Laguna Yahuarcocha. Dieser See wirkt jetzt im August besonders blau, da sich die umgebenden Hänge nach längerer Trockenzeit in kontrastierendem Braun zeigen. Regen wird ersehnt, aber erst in 10 Wochen erwartet. Hans verzückt uns mit seinem selbst gebackenen Brot, Apfelkuchen und geselligen Barbecue-Abenden.

Ibarra, genannt »Cuidad Blanca«, die weiße Stadt, mit knapp 140.000 Menschen, bietet einen quicklebendigen Markt und viele Einkaufsmöglichkeiten. Nach mehreren Wochen können wir endlich wieder in einem der gut sortierten Supermärkte einkaufen. Man zahlt in Ecuador seit dem Jahr 2000 in US-Dollar. Obwohl wir auf europäische Preise eingestellt sind, erschrecken uns die horrenden Preise für importierte Waren. Ob Süßigkeiten oder Waschlotion: der Preis liegt durch Zölle auf dem vier- bis fünffachen des Gewohnten. Den Vogel abgeschossen hat Toilettenpapier mit ca. einem US-Dollar pro Rolle. Das trägt seltsame Blüten: Mal wird im Toiletten-Vorraum die große Rolle mit Gitter und Schloss vor Diebstahl geschützt. Mal erhält man am Kassentisch die abgezählte Ration Blättchen. Wohl dem, der damit auskommt.

Von Ibarra aus möchten wir mit einem Halt am Äquator zur Hauptstadt Quito. Auf der kurzen Etappe auf einer Nebenstraße passieren wir eine Arena. Dort richtet ein Andendorf gerade einen Lasso-Wettbewerb aus. Als wir stoppen, fallen wir sofort als Exoten auf. Wir überragen alle Menschen um mindestens einen halben Kopf, sind hellhaarig und tragen Motorradkleidung. Helme sind hier zwar ein gewohnter Anblick, jedoch werden sie beim Fahren vorrangig über dem Arm getragen. Schutzkleidung ist zu teuer und unüblich. Es würde damit auch zu eng werden, zu fünft auf einer kleinen Honda.

Es ist schwierig auf der dicht besetzten Tribühne zu einem freien Platz zu gelangen, ohne mit den klobigen Stiefeln auf fremde Finger, Füße oder in einen Suppenteller zu treten. Wir bestaunen die jungen Reiter, wie sie mit dem Lasso ein Rind fangen, auf die Seite legen und fesseln. Empanadas, gefüllte Teigtaschen, und andere Köstlichkeiten werden rundum gebrutzelt. Für ganz kleines Geld genießen wir die heimischen Köstlichkeiten.

Kurvig schlängelt sich die Landstraße durch das Hügelland vorbei an Lehmhäusern, Weiden und Feldern. Statt mit Stacheldraht werden hier Ländereien mit Hecken aus Agaven abgetrennt. Darüber werden die Kühe wohl kaum zu springen wagen. Am wenige Kilometer entfernten Äquator-Monument nahe Cayambe beim 5790 Meter hohen, gleichnamigen Vulkan Cayambe sagt man uns: »Cinco Dollares el moto«. Für 10 Dollar dürfen wir mit beiden Motorrädern direkt bis ans Monument fahren. Das ist zwar viel Geld, aber wir sind zum ersten Mal am Äquator und haben das Denkmal ganz für uns alleine. Wir fotografieren uns und die Bikes aus allen Richtungen. Das bekanntere und von den meisten Touristen besuchte Monument »La Mitad del Mundo« ist zwar viel größer als dieses Kleinod hier, liegt auch nur wenige Kilometer entfernt, dafür aber 240 m neben dem Äquator und die Motorräder müssen am Parkplatz bleiben.

Am Nachmittag wollen wir an einem Aussichtspunkt oberhalb von Quito noch einen Kaffe trinken, bevor wir uns in den Hauptstadtverkehr begeben. Die Stadt liegt in einem schmalen, langen Tal. Zwei junge Leute bitten uns um ein gemeinsames Foto und wir laden sie zu einer Cola ein. Denn den ersehnten Kaffee gibt es hier, wie so oft, nicht. »You have to visit the pacific ocean«, legen uns die beiden begeistert nahe. Wir sagen nett »ja, ja« und denken »nein, nein«. Es graust uns, wenn wir uns das Motorradfahren in der Hitze auf Meeresniveau nur vorstellen. Zudem liegt der empfohlene Küstenort nah an einem etwa hundert Kilometer langen Küstenstreifen, der erst im April 2016 durch ein Erdbeben mit Tsunami zerstört wurde. Da möchten wir als Touristen nicht im Weg sein.

Die Hauptstadt Quito liegt auf 2950 Meter Höhe. Hausberg ist der Vulcan Pichincha. Dort hinauf auf 4000 Meter bringt uns die Teleferico (Seilbahn). Der Ausblick auf die höchste Hauptstadt der Welt ist unbeschreiblich. Wir schaffen zu Fuß mit Mühe weitere 400 Höhenmeter, dann geben wir auf. Es zieht im Brustkorb und der Puls rast. Wir genießen die traumhafte Aussicht, aber die dünne Luft zwingt uns zum Abstieg.

1Kurz hinter der Grenze werfen wir einen ersten Blick von der Panamericana hinab in ecuadorianische Täler.


2WC-Papier ist so teuer, dass es in Tankstellen mit einem Schloss gesichert wird. In bewirtschafteten Toilettenanlagen werden »vorab« vier Blatt abgezählt und zugeteilt.


3Die barocke Jesuitenkirche in der Hauptstadt Quito ist komplett mit Blattgold ausgekleidet und hat seit ihrer Errichtung etliche Erdbeben überstanden.


4Fisch gibt es auf den Wochenmärkten in allen Variationen zu kaufen.


5Farbenfrohe Kleidung und stolze, unbewegte Mimik treffen bei der indigenen Bevölkerung oft zusammen.


Als wir genug vom Großstadtbetrieb haben, machen wir einen Abstecher nach Mindo, das auf ca. 1250 Meter Höhe liegt. Die kleine Stadt ist Zentrum eines subtropischen Naturschutzgebietes am westlichen Andenhang im Nebelwald. Während einer Pause können wir Blattschneiderameisen bei der Arbeit zusehen. In Mindo lassen sich Kolibris und Schmetterlinge fotografieren. Jeden Nachmittag ziehen im Nebelwald Wolken auf, verhängen die Sonne und benetzen die Pflanzen.


Im dichten Nebel versuchen wir, im Verkehr mitzuschwimmen und fahren viel schneller als wir fahren wollen


Unser nächstes Ziel ist der schönste Vulcan Ecuadors, der schneebedeckte Cotopaxi, der nah an der Panamericana liegt. Wir nehmen eine dreispurige Hauptverkehrsstraße. Es geht in Serpentinen höher und höher. Doch wir sind zu spät dran. Der Nebel fällt herunter und wird dichter und dichter. Wir können nur versuchen, im Verkehr mitzuschwimmen und fahren dabei viel schneller als wir eigentlich fahren wollen. Von hinten werden wir erbarmungslos bergauf vor den Autos hergetrieben. Wir versuchen, gerade genügend Sicherheitsabstand zu halten, aber so wenig, dass sich niemand dazwischen quetschen kann. Mit Licht ist außer uns, trotz erbärmlicher Sicht, kaum ein Fahrzeug unterwegs.

Ich kann es kaum glauben: Mitten im Nebel zeigt das Navi nur noch 7 Kilometer bis zur Panamericana. Ist es möglich, dass diese hier vierspurige Autobahn täglich im dichten Nebel mit nur 20 Metern Sicht versinkt? Wenige Minuten später überfahren wir die Passhöhe und 500 Meter dahinter reißt der Nebel auf. Der Spuk ist vorbei. Wir blicken zurück auf die dichte Nebelwand, die über die Berge wabert. Für uns war es der »Nebel des Grauens«. Die Idee zu dem berühmten Film muss hier entstanden sein …

Eine Traum-Passstraße führt hinauf zum Vulkan Cotopaxi. Wir wollen bis auf 4800 Meter Höhe fahren und am dortigen Refugio für eine Nacht bleiben. Doch das Hinauffahren wird uns an der Eingangsschranke verwehrt. Die Begründung: andere Motorradfahrer wären querfeldein durch den Nationalpark geprescht. Autos aller PS-Klassen und Lautstärken dürfen hingegen hinauf. Es nutzt nichts, dass wir diskutieren, warten, Tee trinken, nochmal fragen. Wir dürfen nicht hoch. Ich kann nicht umhin, der Parkrangerin meinen Frust mitzuteilen. Wir blicken ein letztes Mal auf die feine Kurvenstraße hinter der Schranke und fahren wieder bergab.

Stattdessen machen wir uns auf zur Laguna Quilotoa, einem spektakulären Vulkansee mit Campingmöglichkeit auf gut 3700 Metern Höhe. Die letzten 7 Kilometer gehen über sehr enge und steile Kurven. Der Belag ist teils Sand, teils Schotter und es gibt tiefe Auswaschungen. Gudrun ist fix und fertig nach dem langen Tag, mit abschließender Offroad-Einlage. Als wir am Parkplatz eintreffen, ist der Picknickplatz, auf dem man angeblich auch zelten darf, noch 500 Meter entfernt, ohne Zufahrtstraße. Nach kurzer Beratung mit dem Wärter fahre ich die vollbepackten Mopeds nacheinander über abenteuerliche Fußpfade und Treppen hinunter zum Platz.

Nach dem Zeltaufbau erklimmen wir den nur 50 Meter höher liegenden Kraterrand des Quilotoa. Das reicht diesmal als Aktivität und wir genießen abends die traumhafte Aussicht auf das türkisfarbene Maar, dessen spiegelnde Oberfläche 300 Meter unter uns liegt. In dieser Höhe ist die Temperatur in der Sonne und bei Windstille trotz Äquatornähe ganz angenehm. Doch für den langen Abend, der schon um 18.30 Uhr beginnt, benötigen wir ein Lagerfeuer, um uns warm zu halten.

Am nächsten Tag lockt uns doch der Pazifik. Auf der Hochebene ist es einsam, karg und trocken. Es gibt dort einfache Häuser aus Stampflehm mit winzigen Fenstern und Blechdach. Kleine Kartoffel- und Getreidefelder werden von der warm gekleideten indigenen Bevölkerung beackert. Eigentlich gibt es hier nichts und noch weniger. Doch selbst hier gehört die moderne Kommunikationstechnik zum Leben. Wir sehen Jugendliche in bunter folkloristischer Tracht, die beim Ziegenhüten bäuchlings auf der Wiese liegen – und dabei mit dem Handy daddeln.

Wir fahren noch über eine Passhöhe, dann geht es hinab. Kurven, Kurven, Kurven. Unter uns liegt eine schnell bergauf treibende Wolkenschicht, wieder Nebel? Erst blicken wir auf die weiße Watteschicht, dann sind wir im Nebel und plötzlich sind wir wieder raus. Wir haben das Gefühl, durch die Wolken zu fallen.

Da uns die traumhaften Ausblicke von der anspruchsvollen Kurvenstraße ablenken, machen wir ausgiebige Fotostopps. Wir sind fassungslos, als wir nur eineinhalb Stunden später und über 4000 Meter tiefer in ein anderes Ecuador eintauchen. In üppigem Grün wechseln sich Bananen-, Kokos- und Ölpalmen ab mit Zuckerrohrplantagen und Kakao. Tuctucs umschwirren uns in La Mana, laute Musik schallt aus den diversen Ecken. Die Menschen sind deutlich größer, ihre Hautfarbe ist dunkler. Ein guter Teil der Bevölkerung sind Nachfahren von Sklaven, die in diese heiße, feuchte Landschaft verschleppt wurden, um für ihre Herren Zuckerrohr anzubauen. Vor dem Supermarkt werden wir und die Mopeds bestaunt, als kämen wir aus einer anderen Welt. Der Unterschied zwischen dem Hochland- und Tiefland-Ecuadors könnte größer nicht sein. Uns wird erst später klar, dass die Menschen hier unten das Hochland vermutlich gar nicht kennen und kaum besuchen können. Wer an einem Tag in die Höhe reist, würde die Höhenkrankheit fürchten müssen.

Das Äquator-Monument Quisato Sundial bei Cayambe liegt direkt neben einem Streckenabschnitt der Panamericana. Für das Befahren mit den Motorrädern gibt es einen regulären Tarif.


Wissenswertes

Allgemein: Die Menschen in Ecuador sind interessiert und aufgeschlossen, jedoch von ihrer Mentalität je nach Herkunft sehr verschieden. Landschaftlich ist das Land sehr vielseitig. Küste, Ebene, Dschungel und Berge sorgen für Abwechslung.

Straßen / Verkehr: Die Straßen sind überwiegend in sehr gutem Zustand, abseits der Hauptrouten muß man mit unbefestigten Straßen rechnen. Der Fahrstil der Ecuadorianer gilt für südamerikanische Verhältnisse als gemäßigt.

Einkaufen / Essen: Zahlungsmittel ist seit 2000 der US-Dollar. Es herrscht kein Mangel. Die Dinge des täglichen Lebens sind zu moderaten Preisen überall erhältlich. Aber Importprodukte sind extrem hoch besteuert. Ausländische Touristen zahlen den dreifachen Preis in Museen. Die Küche ist vielfältig, jedoch meist sehr fleischlastig. An der Küste sind die frischen Fischgerichte zu empfehlen. Wir hielten uns auch hier an die verbreitetete Regel: cook it, peel it or forget it.

Übernachten: Ecuador ist in Sachen Übernachtung kein günstiges Land. Es wird von vielen finanzkräftigen Touristen besucht, die bereit sind, höhere Preise zu zahlen. Es gibt leider kaum reguläre Zeltplätze. Wild zelten ist nicht ungefährlich, denn es ist kaum möglich, unentdeckt zu bleiben. Gut untergekommen sind wir • in Ibarra bei Hans auf dem Campingplatz »Finca Sommerwind«,
• in Quito im Hostel »Zentrum«, von wo aus man zu Fuß in die historische Altstadt kommt. Zelten ist sogar im kleinen, sandigen Innenhof möglich. Zimmer sind ebenfalls günstig,
• in Mindo »La Bicock«, einem neuen Hostel mit Pool und Zeltmöglichkeit, dem besten Übernachtungsplatz, den wir in Südamerika entdeckt haben, mit französischem Menue,
• im ruhigen Städtchen Olon am Pazific in der kleinen »Casa Naranja«, bewirtet von einem jungen amerikanisch/ ecuadorianischen Päarchen,
• in Cuenca bei Juan in »Cuenca Rooms«.

Sicherheit: Eine Tasche oder einen Rucksack stellt man im Cafe oder Restaurant nicht auf die Erde sondern auf den Nachbarstuhl. Wir haben immer wieder gelesen, dass Touristen um Handys oder Gepäckstücke erleichtert wurden. In Großstätten und an touristischen Orten sollte man entsprechende Vorsicht walten lassen. Konkret gewarnt wurden wir nur vor Guayaquil.

Einreise / Versicherung: Für die Einreise reicht bei deutschen Staatsbürgern der Reisepass. Man erhält an der Grenze eine dreimonatige Aufenthaltserlaubnis. Das Motorrad wird beim Zoll an der Grenze registriert und muss wieder ausgeführt werden. Leider ist es nicht möglich, an der Grenze eine Fahrzeughaftpflichtversicherung abzuschließen. Evtl. mit seinem Versicherer in Europa einen Deal machen. Wir sind in Deutschland nicht fündig geworden und sind ohne Versicherung gereist.

Gesundheit: Auf alle Fälle sollte man zu Hause eine extra Krankenversicherung abschließen. Die normale Reisekrankenversicherung deckt meist nur EU-Staaten ab. Wir haben die Krankenversicherung vom ADAC mit allen möglichen Leistungen gewählt. Das war überraschenderweise für uns erheblich preiswerter als die normale KV zu Hause. Es gibt in den ecuadorianischen Mittel- und Großstädten sehr gut ausgestattete Krankenhäuser. Meist wird Barzahlung erwartet. Es gibt aber auch das Gerücht, dass Touristen umsonst behandelt werden. Vorsicht ist geboten, wenn die Route in kurzer Zeit mehr als 2.500 Meter bergauf führt. Um die Höhenkrankheit zu vermeiden, sollte die Routenplanung zusätzliche Tage für die Höhenanpassung berücksichtigen. Mindestens 6 Monate vor der Reise sollte man sich zu Hause um erforderliche Impfungen kümmern.

Reisezeit: Die touristische Hochsaison liegt zwischen Dezember bis Januar und von Juni bis August, dann sind die Unterkunftspreise am höchsten und Reservierungen werden empfohlen. Es gibt nur zwei Jahreszeiten in Ecuador: Regenzeit und Trockenzeit – jedoch mit erheblichen Unterschieden zwischen den geographischen Regionen. Die Temperaturen werden zum grossen Teil durch die Höhenlage bestimmt und sind aufgrund der Äquatornähe ganzjährig gleichmässig. Selbst während der Regenzeit gibt es viele Sonnenstunden. Wir haben Ecuador im August und September bereist und hatten fast gar keinen Regen.

Bücher und Karten: Zu empfehlen sind die Reiseführer vom ReiseKnowHow Verlag oder von Lonely Planet. Straßenkarten sind vor Ort kaum zu bekommen. Aber beim ReiseKnowHow Verlag gibt es eine Straßenkarte »Ecuador« und auch National Geographik bietet eine an. Beide sind reiß- und wasserfest.

300 Kilometer Landstraße trennen uns noch von unserem Ziel am Pazific. Wale sollen dort derzeit zu sehen sein. Es reist sich gut, die Temperatur steigt nicht über 30 °Celsius. Ständige Baustellen mit vielen Kilometern Schotterpiste lassen uns steingrau aussehen und kosten uns viel Zeit. Eigentlich war uns diese Tagesetappe von knapp 450 Kilometer viel zu lang und der Klimawechsel zu abrupt. Doch wo wir gerne geblieben wären, gefielen uns die Übernachtungsmöglichkeit nicht. Und 80 Kilometer vor dem Ziel sagten wir uns: das ziehen wir jetzt auch noch durch.

Wir erreichen den Hafenort Puerto Lopez in der späten Dämmerung. Erst am nächsten Morgen sehen wir das türkisfarbene Wasser in der Bucht. Wir buchen eine Tour im Schnellboot zur Isla de la Plata, dem »Galapagos der Armen«. Zu zahlen sind hier 40 Dollar für 6 Stunden Naturgenuss, statt 1.800 Dollar für 6 Tage Galapagos. Die Nussschale jagt getrieben von zwei Yamaha-V6-Zylindern 45 Minuten über die Pazifikwellen. Bandscheibe juchee! Und was machen Ecuadorianer dabei? Sie, die überwiegend nicht schwimmen können, schlafen seelenruhig, eingekuschelt in ihre Schwimmwesten. Auf der Insel haben wir viel Freude an den lustigen Blaufußtölpeln, die uns ihre außergewöhnlichen Füße entgegenhalten. Schnorcheln, Schildkröten- und Buckelwalwatching sind mit im Programm und sorgen für einen unvergesslichen Tag.


Ohne Wissen um die kriminelle Vergangenheit hätten wir uns angstfreier bewegt und die schöne Altstadt bewundert


Die anfangs ruhige Schlängelstraße am Pazifik wird nach und nach zur Hauptverkehrsstraße, denn sie führt nach Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors. Auf mehrspurigen Straßen fahren wir zu unserem vorgebuchten Hostel. Wir halten uns meist mehr links, da auf der rechten Spur anhaltende Busse für ein dauerndes Stopand-Go sorgen. In diese Megastadt wollten wir eigentlich gar nicht. Wir benötigen nur einen Übernachtungsplatz als Zwischenstopp. Denn bis vor wenigen Jahren war es hier extrem unsicher. Selbst Ecuadorianer verriegelten die Türen ihrer Autos von innen, wenn sie hier unterwegs waren. Wir zahlen schließlich pro Motorrad 5 Dollar für sichere Stellpätze in der Nähe des Hostels, für eine einzige Nacht! Das ist mehr als die Hälfte des Preises für die Hostelübernachtung inkl. Frühstück.

Die Mopeds bleiben an ihrem sicheren Ort während wir uns mit dem Taxi zum Malecon 2000, der prachtvollen Hafenpromenade Guyaquils, fahren lassen. Auch den bunt bebauten Altstadthügel Santa Ana mit Castell und Leuchtturm besuchen wir. Diese touristischen Bereiche sind durch viel Polizeipräsenz gesichert. Hätten wir die Stadt ohne Wissen über die Vergangenheit besucht, hätten wir uns angstfreier bewegt und lediglich eine saubere, moderne Stadt mit schönen Parks und schöner Altstadt kennengelernt.

Nach einer Nacht befreien wir unsere Motorräder und verlassen Guayaquil in Richtung Anden. Nach 150 Kilometer Fahrt durch trockenes Flachland gewinnen wir endlich wieder Höhe, auf jeder Menge Serpentinen mit bestem Straßenbelag. Bei 600 Meter Höhe beginnt dieses Mal der Nebel. Weitere 800 Meter höher muss ich die Sprechanlage leiser stellen, als Gudrun vor Begeisterung laut jubelt. Unter uns liegt ein bis zum Horizont reichender Watteteppich, der von den Bergen durchstoßen wird. Dann erreichen wir Cuenca, eine wohlhabende und sehr gepflegte Universitätsstadt. Alte Kolonialbauten stehen nah an den kleinen Straßen und nette Cafes und Restaurants und das angenehm milde Klima lassen uns hier länger verweilen als geplant.

Ein Ausflug führt uns nach Ingapirca. In dieser größten historischen Ausgrabungsstätte Ecuadors stehen Ruinen aus dem 15. Jahrhundert. Als die Inkas bei ihrer Expansion nach Norden die Einheimischen nicht besiegen konnten, machten sie hier mit ihnen baulich gemeinsame Sache. Zu sehen sind in einer Anlage Ruinen mit rundem Grundriss der hiesigen Bevölkerung und die eckigen Ruinen der Inkas. Heute stellen Historiker zur Funktion der Anlage und der einzelnen Gebäude Vermutungen an. Alles Wissen ist hier, wie auch bei allen anderen indigenen Ausgrabungsstätten, verloren gegangen, da es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt.

Auf unserem Zick-Zack-Weg nach Süden geht es von der Hochebene um Cuenca erneut ganz weit hinab. Wir folgen dem Rio Rircay, der sein Wasser durch ein sehr heißes und trockenes Tal in Richtung Pazifik bringt. Am Straßenrand werden Kakaobohnen auf Betonböden oder Planen in der Sonne getrocknet. Hier in dieser Trockenheit wachsen höchstens noch Kakteen. Kurz vor dem Pazifik, wo sich in der Ebene ein Bananenbaum an den anderen reiht, biegen wir wieder hoch in die Berge. Unser letztes Ziel in Ecuador ist das hübsche, denkmalgeschützte Goldgräberstädtchen Zaruma auf ca. 1.700 Meter Höhe.

Bei einer Minenführung erfahren wir, dass Zaruma auf dem einzigen Berg Ecuadors steht, der Gold, Silber, Kupfer und Platin birgt. Seit fast fünfhundert Jahren bohren und hämmern sich Familien unter ihren Wohnhäusern durch den Berg, was ihnen aber nur ein kleines Zubrot bringt. Das richtig Geld verdienen hier große ausländische Minengesellschaften. Unter dem lokalen Fußballplatz liegt angeblich soviel Gold, dass dem Dorf Millionen für den Abbau geboten worden sind. Die Stadt hat jedoch kein Interesse. Sie betrachtet den Platz als »kommunale Spardose«.

Wir sitzen die beiden Abende, die wir in Zaruma sind, stundenlang im Café an der Plaza de Armas, dem schönen Hauptplatz der Stadt. Die alten Holzhäuser rundherum, die aussehen wie eine Westernkulisse, sind hübsch beleuchtet. Wir sehen die feingemachten Menschen in die bunte hölzerne Kirche ein- und ausgehen und danach etliche Male um die Plaza flanieren. Nicht nur wegen des Eiscafes fühlen wir uns hier wie in Italien.

Bis zur peruanischen Grenze haben wir von hier aus nur noch einen halben Fahrtag vor uns, bevor wir uns von diesem schönen Land verabschieden. Ja, der ecuadorianische Grenzbeamte gab uns mit »Enjoy our Country« das goldrichtige Motto für diese Fahrt durch sein kleines, tolles Land, das wir auf unserem Weg nach Süden vier Wochen lang genießen durften.

1Obst und Gemüse ist in Ecuador im Überfluss im Angebot. Aber Vorsicht: eine Banane ist nicht immer süß!


2Die quirligen Mopeds sind für die Bewohner der Städte erschwinglich, wendig im Verkehr und transportieren oft ganze Familien.


3Einer der seltenen Parkplätze, hier an einem Wasserfall, ermöglicht uns eine kleine Pause.


4Am Pazifik wird den Touristen mit fliegendem Messer die Milch der Kokosnüsse zugänglich gemacht.


5Das Viertel Santa Ana ziert die Hafenstadt Guayaquil mit dichter und bunter Bebauung.