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Editorial


Zeitschrift für Diskursforschung - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 15.02.2020

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, das vorliegende Heft bietet insofern einen neuerlichen Einblick in die Vielfalt der Diskursforschung, als insbesondere auch die drei Hauptbeiträge die Heterogenität der theoretisch-methodischen Ansätze und der Fachdisziplinen illustrieren, in denen Diskursforschung in der einen oder anderen Weise betrieben wird und dabei auch die jeweiligen Disziplingrenzen übergreift. So plädieren Philipp Dreesen und Peter Stücheli-Herlach in ihrem Beitrag »Diskurslinguistik in Anwendung. Ein transdisziplinäres Forschungsdesign für korpuszentrierte Analysen zu öffentlicher Kommunikation« dafür, vor dem Hintergrund eines mittlerweile weit fortgeschrittenen Etablierungsprozesses der Diskurslinguistik als eigenständige Teildisziplin linguistischer Forschung, verstärkt die Potenziale von wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen zur Lösung praktischer Kommunikationsprobleme transdisziplinär auszuleuchten. Dabei rückt die Frage ins Zentrum, wie die durch die Verknüpfung von angewandter Linguistik und Diskursforschung ermöglichte theoriegeleitete Analyse großer Mengen an digitalen Sprachdaten konsequent für die Aufgaben und Anwendungsfelder der professionellen Kommunikationspraxis nutzbar gemacht werden kann. Einen weiteren Schwerpunkt dieses Heftes bildet die in der Diskursforschung mittlerweile über verschiedene, disziplinspezifische Perspektiven hinweg sehr ausführlich und mitunter kontrovers diskutierte Frage der Subjektivierung bzw. der diskursiven Anrufung und Positionierung von konkret verkörperten Akteuren. Der Beitrag von Boris Traue, Andreas Hirseland, Holger Herma, Lisa Pfahl und Lena Schürmann nimmt hierbei primär die Folgen der Aneignung institutionell modellierter Subjektpositionen für die Selbstverhältnisse von Subjekten, sowie deren Übersetzung in die Lebenspraxis der subjektivierten Akteure und die darin eingelassenen sozialen Beziehungen in den analytischen Blick. Anhand der rekonstruktiven Analyse eines Falles aus der am Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung (IAB) durchgeführten qualitativen Panel-Studie »Armutsdynamik und Arbeitsmarkt: Entstehung, Verfestigung und Überwindung von Hilfebedürftigkeit bei Erwerbsfähigen«, nähern sich die AutorInnen jenen Transformationen und Widerständen, welche die mit dem Leistungsbezug verbundene Forderung nach Eigenverantwortung in den Selbstverhältnissen und dem Handlungsvermögen von Hartz IV-EmpfängerInnen hervorrufen kann. Der Beitrag von Martin Mølholm mit dem Titel »The Existential ›Anruf‹ as the Agency of the Anti-Objectives of the Discourse on Stress« nähert sich der Frage nach dem ›Wie‹ der Subjektwerdung aus einem Blickwinkel, der im eingesetzten theoretisch-analytischen Vokabular auf die existentialontologischen Überlegungen Martin Heideggers rekurriert. Dort wird menschliche Handlungsmacht bzw. Agency – so der Autor – als aus dem Paradox der Entscheidung innerhalb eines nicht selbstgewählten Handlungskontinuums entstehend verstanden. Am Beispiel des von ihm archäologisch rekonstruierten dänischen Diskurses zum Umgang mit arbeitsbedingtem Stress veranschaulicht Mølholm, wie die Abwesenheit von Agency in den diskursiv präformierten Subjektanrufungen auf die im Existenzialismus formulierte Verschränkung von Freiheit und Zwang bzw. Handlungsfähigkeit und Ausgeliefertsein verweist.

Es folgen drei Literaturbesprechungen: Thomas Niehr diskutiert David Römers Buch »Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte« und Regina Brunnett bespricht Sebastian Kesslers Analyse gesundheitlicher Ungleichheit »Die Verwaltung sozialer Benachteiligung. Zur Konstruktion sozialer Ungleichheit in der Gesundheit in Deutschland «. Den Abschluss bildet Martin Oppelts Besprechung des kürzlich erschienen Buchs von Jürgen Link: »Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne. Krise, New Normal, Populismus«.

Beginnend mit dieser Ausgabe wird die ZfD zusätzlich zum bekannten Serviceangebot verschiedenen deutschen und internationalen Diskursvereinigungen und Netzwerken die Möglichkeit bieten, sich und ihre Arbeitsschwerpunkte in Form von Kurzprofilen vorzustellen. Den Auftakt dieser Reihe bildet das »Netzwerk Empirische Subjektivierungsforschung «, dessen Entstehungskontext und theoretisch-methodische Ausrichtung in dieser Ausgabe vorgestellt wird. Ein von Cathrin Tettenborn und Georg Tiroch verfasster Bericht zur im Zweijahresrhythmus an der Universität Augsburg stattfindenden Tagung »Die Diskursive Konstruktion Von Wirklichkeit IV: Interdisziplinäre Perspektiven einer wissenssoziologischen Diskursforschung« rundet die vorliegende Ausgabe mit differenzierten Einschätzungen und Einblicken ab.

Wir wünschen Ihnen ein anregendes Lesen. Reiner Keller, Werner Schneider, Willy Viehöver

Anschriften:
Prof. Dr. Reiner Keller
Lehrstuhl für Soziologie
Universität Augsburg
Universitätsstraße 10
86159 Augsburg
reiner.keller@phil.uni-augsburg.de

Prof. Dr. Werner Schneider
Lehrstuhl für Soziologie/Sozialkunde
Universität Augsburg
Universitätsstraße 10
86159 Augsburg
werner.schneider@phil.uni-augsburg.de

Dr. Willy Viehöver
RWTH Aachen
Theaterplatz 14
52062 Aachen
wilhelm.viehoever@humtec.rwth-aachen.de

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