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Editorial: Befinden wir uns im Zeitalter der „postfaktischen Mediation“?


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 27.06.2019

„Sie dürfen nicht alles glauben, was sie denken!“
Heinz Erhardt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
vielleicht haben Sie sich auch schon einmal dabei ertappt, das Unmögliche zu denken: „Der Mediand scheint zu lügen.“ Natürlich haben Sie dies gegenüber Dritten nie ausgesprochen. Denn für eine solche Aussage würden sie als Mediator in Fachkreisen unweigerlich mit Hohn und Spott überzogen werden. „Wie kann er nur eine solche Haltung einnehmen! Wer die Wahrheit sucht, sollte einen Ermittler beauftragen, aber keinen Mediator.“

Es gehört seit Anbeginn quasi zur DNA der Mediation, dass jeder Konfliktbeteiligte seine eigene Wahrheit hat. Vorsichtiges Hinterfragen dieser Annahme kommt einem Frevel gleich.

Ich würde mir hier einen kritischeren Diskurs über diese manchmal floskel- und mantrahafte Aussage wünschen. Denn was bedeutet es für die Mediation, wenn sich, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schreibt, jeder „seine Wirklichkeit zusammengooglen“ kann? Wie geht die Mediation damit um, wenn sich Konfliktbeteiligte – zum Beispiel bei politscher Mediation, aber nicht nur dort – die Welt einfach „zurechtzimmern“? Wenn Menschen – wie Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich in der WochenzeitungDie Zeit , ausführt – „Tatsachen mit grober Pranke einfach beiseiteschieben und lachend rufen: ,Du wirfst mir vor, die Tatsachen zu leugnen? Hast du nicht behauptet, die gäbe es gar nicht?‘“

Wenn die Wirklichkeit immer konstruiert ist, was unterscheidet dann einen Tatsachenbericht von Fiktion? Ist Wahrheit nur eine Gefühlsfrage? Und ist damit alles erlaubt? Und vor allem: Was setzt die Mediation dem entgegen, wenn sie nicht als Vorlage für „postfaktische“ Rechtfertigung herhalten will? Und wie will Sie Verantwortung übernehmen?

Erfordern würde dies auch eine differenzierte, kritische und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den konstruktivistischen und systemtheoretischen Grundfesten der Mediation. Wagt sich die Mediation hier heran und hat sie den Mut, auch mal dem Mainstream zu widersprechen und kritischen Stimmen Gehör zu schenken?

Manchmal ist eben doch alle Theorie grau. Denn im Umgang mit Wahrheit und Lüge brauchen Mediatoren aus der Theorie und Haltung abgeleitete, „operationalisierte“ und konkrete Hilfestellungen. Wenig zielführend erscheinen mir Belehrungen wie: „Lassen Sie das einfach so stehen, jeder hat seine Wahrheit.“

Wir wünschen Ihnen viel Freude mit der aktuellen Ausgabe der Mediation und dem Schwerpunkt „Wahrheit und Lüge“. Und wir freuen uns auf Ihr offenes, ehrliches und wahrhaftiges Feedback.

Mit herzlichen Grüßen aus Leipzig

Ihr

Artikelbild für den Artikel "Editorial: Befinden wir uns im Zeitalter der „postfaktischen Mediation“?" aus der Ausgabe 3/2019 von Die Mediation. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 3/2019

„Im Umgang mit der Lüge brauchen Mediatoren aus der Theorie und Haltung abgeleitete, ,operationalisierte‘ und konkrete Hilfestellungen.“

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Die Herausgeber PD Dr. habil. Gernot Barth und RA Bernhard Böhm, MM


Bildquelle: FotoStudio 80

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