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Editorial: Strategien in der Datennutzung


journal für schulentwicklung - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 22.10.2019
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Bildquelle: journal für schulentwicklung, Ausgabe 3/2019

Markus Ammann, Ass.- Prof. Mag. Dr., Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Fakultät für LehrerInnenbildung der Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Schulforschung zum Thema Leadership in schulischen Transformationsprozessen..

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Enikö Zala-Mezö, Prof. Dr., ist Leiterin vom Zentrum für Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Arbeitsschwerpunkte: datenbasierte Schulentwicklung und Zusammenarbeit von Praxis und Forschung.

Zwischenzeitlich scheint Konsens darüber zu herrschen, dass sich Schulen in ihrer Entwicklung auf zuverlässige Evidenzen beziehen. Fragen der Qualitätsentwicklung und -sicherung sind in Schulen – mindestens als Erwartung – angekommen und zeigen sich in verschiedensten Qualitätsmodellen, die an diese herangetragen werden und als Basis für externe und interne Evaluationen dienen. Standardisierte nationale und internationale Vergleichsstudien „produzieren“ eine große Datenmenge. Individuelle Forschungsanliegen etwa in Form von Qualifikationsarbeiten oder von Lehrerinnen und Lehrern, entstanden aus deren persönlichen Entwicklungsbemühungen, existieren in hoher Zahl. Schulen und die dort handelnden Akteure scheinen sich vor Forschungsanliegen und den damit verbundenen Daten kaum mehr wehren zu können. Die These, dass Schulen wohl zu den am meisten beforschten Organisationen gehören (Ammann & Mauersberg, 2019), erscheint mehr als plausibel zu sein. Betrachtet man die Situation allerdings genauer, so werfen sich viele Fragen auf.

Wendet man den Blick bspw. auf die „accountability regime“ in gewissen Ländern, dann wird deutlich, dass vielerorts Daten mit Leistungsdaten der Schülerinnen und Schülern gleichgesetzt werden. Dies geschieht häufig in den vermeintlich wichtigen Schulfächern (oft Mathematik, Lese- und Schreibfähigkeiten und Naturwissenschaften). In diesen Ländern gibt es eine Entwicklung, mancherorts eine ganze Industrie, die sich auf die Testentwicklung, Auswertung und ausgeklügelte Datendarstellung spezialisiert hat. Standardisierte Daten ermöglichen, Gruppen (z.B. mit unterschiedlichem sozioökonomischem Status) systematisch zu vergleichen, wodurch Ungerechtigkeiten im Bildungssystem sichtbar werden (siehe Datnow und Doyle in diesem Heft). Fraglich scheint allerdings, ob über derartige meist standardisierte Überprüfungen all das abgebildet wird, was eine gute Schule ausmacht. Schratz et al. stellen diesbezüglich etwa fest: „Eine derart formulierte Orientierung an standardisierten Leistungsmessungen fachlichen Unterrichts vernachlässigt allerdings für Schule und Unterricht nicht unbedeutendes Handlungsgeschehen und reduziert die Komplexität und Vielfalt schulischen Lernens auf Output.“ (Schratz et al., 2019, S. 4) Diese Reduktion führt dazu, dass andere Arten von Daten – z.B. künstlerische Leistungen – kaum wahrgenommen bzw. als Zeichen guter Schule erkannt und für die Entwicklung dieser herangezogen werden. Außerdem sind einzelne Schulen und damit Lehrpersonen und Schulleitungen häufig auf sich selbst gestellt, wenn es darum geht, die Bedeutung der Leistungsdaten zu verstehen, einzuordnen und für den eigenen Entwicklungsweg fruchtbar zu machen. Ausgehend von diesen Überlegungen stellt sich für dieses Heft folgende Ausgangsfrage: Wie weit können Daten Entscheidungen in Schulen unterstützen? Wie werden Daten in Schulen genutzt?

Hier hat die evidenzbasierte Schulentwicklung – insbesondere in den letzten Jahren – viel dazugelernt. Früher hofften viele im Bildungsbereich tätige Akteure, dass die Zurverfügungstellung von Daten die Qualität in Schulen verbessert. Heute wissen wir, dass Daten alleine gar nichts bewirken, die Datennutzung braucht Menschen, die diese verstehen, interpretieren und daraus Entwicklungsziele ableiten können. Damit hängt auch zusammen, dass viele lieber über Entscheidungen sprechen, die „evidence informed“ sind anstatt „evidence based“. Diese Feinheit im Unterschied der Formulierung mag zunächst akademischer Natur sein und nur eine analytische Perspektive öffnen, bringt aber doch sehr klar zum Ausdruck, dass die Interpretationsmacht über die verschiedenen Daten bei den handelnden Akteuren vor Ort liegt bzw. liegen muss. Weiterführende Überlegungen gehen noch weiter und verweisen nicht nur auf die Bedeutung der Daten, sondern die Forschung an sich und wünschen sich Lehrpersonen, die „research informed“ sind. Die so entworfenen Überlegungen formulieren auch an die Ausbildung von Lehrkräften entsprechende Erwartungen, die etwa in der Entwicklung von Forschungskompetenzen zum Ausdruck kommen. Schon dort zeigt sich, dass es nicht immer einfach ist, Studierenden die Bedeutung dieser für die Entwicklung der eigenen Profession deutlich zu machen, da Forschung ja nichts mit der ureigenen Aufgabe von Schule, dem Unterricht, zu tun hätte.

Wenn Schulen in ihrer Entwicklung Informationen nutzen, dann stellt sich auch die Frage, wie diese Informationen entstehen und wer sie für die Schule zur Verfügung stellt. Hier zeigt sich, dass sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis an dieser Schnittstelle ergeben kann. Allerdings muss sich in diesem Prozess sowohl die Forschung als auch die Praxis neu definieren.

In diesem Heft greifen wir ausgewählte Fragen dieses Themenkomplexes auf und betrachten dies aus verschiedenen Perspektiven.

Aus einer Makroperspektive entwerfenClaudia Schreiner undChristian Wiesner eine Matrix verschiedener Formen von möglichen Daten und befragen diese hinsichtlich ihres Potenzials für lokale Entwicklungsprozesse.

Denise Demski geht in ihrem Beitrag der Frage nach, welche potenziellen Evidenzquellen von Schulleitungen und Lehrkräften als nützlich erachtet und für die Schul- und Unterrichtsentwicklung genutzt werden.

Evi Agostini undStephanie Mian zeigen, wie qualitative Daten als Alternative zu den Leistungsdaten in Schulen genutzt werden können. Sie setzen Vignetten – als qualitativ generierte Daten (vgl. dazu auch Ammann & Mauersberg, 2019) – im Rahmen eines Schulentwicklungsprozesses ein.

Carsten Quesel stellt ein neues Evaluationsmodell vor und geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie begleitete Selbstevaluation von Schulen als Entwicklungsimpuls genutzt werden kann.

Lisa Pichler ist Lehramtsstudentin und Studierendenvertreterin an der Universität Innsbruck und diskutiert in ihrer Glosse die Frage, warum es für den Professionalisierungsprozess einer Lehrperson notwendig ist, auch Forschungskompetenzen zu entwickeln.

Der letzte Beitrag öffnet die internationale Perspektive. In diesem englischsprachigen Beitrag zeigenAmanda Datnow undMatt Doyle , wie Forschung und Schulpraxis in einem gemeinsamen Entwicklungscluster zusammenarbeiten und wie die Daten helfen, Ungleichheit im Bildungssystem nicht nur sichtbar zu machen, sondern etwas dagegen zu unternehmen.

Literatur

Ammann, M. & Mauersberg, W. (2019). Kreative Methoden der Evaluation. In: C. G. Buhren, G. Klein & S. Müller (Hrsg.), Handbuch Evaluation in Schule und Unterricht. Weinheim-Basel: Beltz (in Druck).

Datnow, A. & Doyle, M. (2019). Promoting Educational Improvement Through a School District-University Collaboration. In: journal für schulentwicklung 23 (3), S. 41-48.

Schratz, M., Ammann, M., Anderegg, N., Bergmann, A., Gregorzewski, M., Mauersberg, W. & Möltner, V. (2019). Schulleitungshandeln an ausgezeichneten Schulen: Erste Einblicke und empirische Befunde. In: Zeitschrift für Bildungsforschung. https://doi.org/10.1007/s35834-019-00243-5.

Kontakt:
markus.ammann@uibk.ac.at
enikoe.zala@phzh.ch

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