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EDITORIAL: THEATER FÜR DIE KRISE


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 03.08.2020

Die abgelaufene Spielzeit zerfiel für alle Beteiligten ganz eindeutig in zwei Hälften: die theaterreiche und die theaterlose. Für mich persönlich lag am Ende der ersten, lebhaften Saisonhälfte eine Reise zum internationalen Theaterfestival in Santiago de Chile. Dort war viel von politischer, kulturpolitischer und theaterpraktischer Unsicherheit zu spüren, zu hören und zu sehen. Und doch zeigten Theatertruppen aus Chile, Uruguay oder Brasilien Theater, das unglaublich lebendig wirkte, weil es selbst geformter Ausdruck der Krise war: freies Theater als künstlerisch freier Akteur.

Auf dieser Reise nach Südamerika wurde mir in der räumlichen und mentalen Distanz zum Theaterparadies Deutschland klar, dass das einzigartige Theatersystem hierzulande vielleicht nicht nur historische Ursachen hat (in Kleinstaaterei, gefolgt von einem selbstbewussten städtischen Bürgertum). Vielmehr bin ich überzeugt davon, dass hierarchisch geordnete Staats- und Stadttheater auch unserer Mentalität nach Sicherheit, Ordnung und Planbarkeit entgegenkommen.

Unstrittig dürfte sein, dass in der wohlorganisierten Theaterlandschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz regelmäßig großartige Kunst entsteht. Und in der aktuellen Corona-Krise, die das gesamte Gesellschaftsleben und somit auch die darstellenden Künste radikal in Frage stellt, scheinen die staatlich geförderten Theaterinstitutionen auch die beste Basis für die Fortexistenz der Theaterkunst zu sein. Zahlreiche Stadttheater haben einfallsreich, flexibel und solidarisch auf die Schließungen reagiert.

Freies Theater und Stadttheater sind längst kein Gegensatz mehr - und Mentalitäten können sich wandeln. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Münchner Kammerspiele in unserer Autorenumfrage, die den Mittelpunkt dieses Hefts bildet, der „Gewinner“ sind. Wenn ein Ergebnis der Corona- Krise sein sollte, dass sich die stabile Stadttheaterkultur noch intensiver mit freiem, wagemutigem Theater verbindet, dann wäre das eine großartige Saisonbilanz einer katastrophal verlaufenen Spielzeit.

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Detlev Baur, Redakteur DIE DEUTSCHE BÜHNE


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Im weiten, leeren Rund des Münchner Olympiastadions trafen sich der scheidende Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, und Fotografin Annette Hauschild von der Agentur Ostkreuz für das Covershooting dieses Heftes. Auch im Votum unserer Autoren zeigt sich, dass wir mit der lange zuvor gefällten Entscheidung für Lilienthal als Titelheld unseres Saisonbilanz-Hefts richtig lagen. Detlev Baur


Foto: Anne Fritsch

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