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EFFEKTPROZESSOR: H9000


Keys - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 05.09.2019

@@Es ist Jahre her, dass sich ein Hersteller an einen dedizierten Effektprozessor der Luxusklasse gewagt hat. Tatsächlich wähnte man Digitalpionier Eventide nach dem H8000FW auf neuen Wegen zwischen Gitarrenpedalen, API-500- und Eurorack-Modulen. Tatsächlich aber hat der Hersteller in jahrelanger Arbeit sein bisher aufwendigstes Werk zur Reife entwickelt.

EVENTIDE

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Bildquelle: Keys, Ausgabe 10/2019

@@Der H9000 ist laut eigenen Angaben das bisher ambitionierteste Audioprojekt des Herstellers aus New Jersey in den USA. Und tatsächlich ist das neue Flaggschiff nicht nur sagenhaft leistungsstark, sondern gleichzeitig ein Wechsel auf eine neue ...

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... Plattform. Schon die technischen Daten sind Ehrfurcht einflössend: Der H9000 arbeitet mir vier ARMCPUs à vier Rechenkernen, bietet zahlreiche analoge und digitale Ein- und Ausgänge, einschließlich USB-Audio, MIDI, sowie drei Erweiterungsslots für weitere Schnittstellen in den Formaten wie Dante oder MADI. Er bietet zudem eine Fernsteuerbarkeit über ein Plug-in (VST2, AU, AAX) und damit eine zeitgemäße Einbindung in die DAW der Wahl.

@@Rundgang
Der H9000 birgt auf lüftergekühlten zwei Höheneinheiten jede Menge DSP-Leistung sowie analoge und digitale Schnittstellen. Das Gerät ist in zwei Varianten verfügbar: Die reguläre Version kommt mit einem luxuriösen Bedienfeld, das mit einem großen Farbdisplay ohne Touch-Funktion, zugehörigen Softkeys und etlichen weiteren Bedienelementen inklusive wertigem Data-Entry-Rad und Zehner-Tastenblock das geschätzte Design der Vorgänger in moderner Form fortführt. Alternativ kann man auch zur „nackten“ Version H9000R greifen, die komplett über die Emote-Steuerungs-Software vom Rechner aus bedient wird.

Wer sich für den H9000 interessiert, weiß, ihn erwarten digitale Effekte der absoluten Spitzenklasse.

@@DSP-Leistung
Die Rechenleistung des H9000 übertrifft den achtkanaligen H8000FW in jeder Hinsicht deutlich. Lesen Sie hierzu die Statements von Eventide in den Kästen. Die Kurzversion: Es lassen sich bis zu 16 Algorithmen, die allesamt bis ins Detail editierbar sind, gleichzeitig nutzen und insgesamt 128 Ein- und Ausgänge adressieren. Die Algorithmen werden in bis zu vier sogenannten FX Chains verwaltet, die wiederum jeweils bis zu vier Algorithmen zu noch leistungsfähigeren Effektkaskaden verketten und jeweils bis zu 32 Ein- und Ausgänge adressieren können.
Sämtliche Einstellungen werden in Sessions verwaltet, wobei es zusätzlich die Möglichkeit von Programmwechselabfolgen für den Live-Einsatz in Form von Scenes gibt. Mit dieser Kapazität und dem zugehörigen Routing erhält man eine Einheit, die das bisherige Flaggschiff gleich mehrfach ersetzt. Allerdings sind zum vollen Auslasten der Ein- und Ausgangskapazität besagte ergänzende Erweiterungskarten zu erwerben. Derzeit ist es möglich, mit Abtastfrequenzen von bis zu 96 kHz zu arbeiten. Das erfordert angepasste Algorithmen, was für den größten Teil der zahllosen Effekttypen gegeben ist. Gleichzeitig wird zusätzlich an einer weiteren Portierung und Aktualisierung bestehender Algorithmen sowie an einer Echtzeitkonvertierung der Abtastfrequenzen für einen gemischten Betrieb gearbeitet.

@@Als Plug-in (VST2, AU, AAX) lässt sich Emote unter Windows und Mac-OS direkt in die DAW integrieren.


@@Praxis
Für den Start benötigt der H9000 eine Bootzeit von knapp einer Minute. Das Gerät selbst ist prinzipiell nach kurzer Einarbeitung zielsicher bedienbar, wenngleich ich teils doch eine Touch-Funktionalität vermisst habe. Gleichzeitig sollte sich nichts vormachen: Die Komplexität des H9000 muss man sich erarbeiten, vom Routing über die Rechnerintegration bis hin zu den Tiefen der zahllosen Effektalgorithmen, die man schlicht kennenlernen und an die eigenen Anforderungen anpassen muss. Hier würde perspektivisch ein System zur Erstellung von Favoriten durchaus helfen. Die Effekte sind grundsätzlich in Echtzeit manipulierbar und automatisierbar. Dieser Vorgang erfordert allerdings ein MIDI-Controller-Mapping. In vielen Fällen wird man das Gerät sicherlich lieber vom Rechner bedienen wollen. Emote wird über Ethernet oder W-LAN (ein entsprechender Adapter liegt bei) angebunden, während die alte Eve/Net Remote erwartungsgemäß nicht unterstützt wird. Die Software ist übersichtlich aufgebaut und erlaubt eine vollumfängliche Fernsteuerung und Datenverwaltung. Diese Vollständigkeit ist zur Nutzung des H9000R natürlich essentiell, der damit prinzipiell auch in den Maschinenraum wandern könnte. Emote arbeitet standalone oder in den gängigen Plug-in-Formaten VST2, AU, AAX unter Windows und Mac-OS. Eine Unterstützung für VST3 steht jedoch noch aus. So ist prinzipiell eine Gerätesteuerung direkt aus der DAW möglich. Im Test lief die Software allerdings noch recht instabil, insbesondere beim Laden neuer Sessions. Auch fehlt bislang ein automatischer Recall des letzten Stands im H9000 bei Aufruf einer DAW-Session.
Bei der Nutzung als Audio-Interface lässt sich derzeit mit Abtastfrequenzen zwischen 44,1 und 96 kHz arbeiten. Die Klangergebnisse sind dabei exzellent, allerdings liegt die Puffergröße der Treiber fest bei 512 beziehungsweise 1024 Samples.

@@Effekte im Überfluss
Eventide gilt nicht umsonst als Primus im Bereich der Digitaleffekte. Der Hersteller hat sich in den Bereichen Delay, Nachhall, Pitch Shifting und komplexen, ungewöhnlichen Sounds einen erstklassigen Namen erarbeitet. Wer sich für den H9000 interessiert, weiß, ihn erwarten digitale Effekte der absoluten Spitzenklasse. Schon die Betrachtung der einzelnen Algorithmen gebietet eine ehrfurchtsvolle Verbeugung vor der Leistung des Herstellers, deckt sie doch das gesamte tontechnische Repertoire ab. Eine wesentliche Aufgabe für den Produktstart des H9000 war neben der Hardware-Entwicklung die Portierung von mehr als 1500 vorhandenen Algorithmen auf die neue Plattform – eine echte Mammutarbeit. Zu den Stärken der H-Serie zählen seit jeher Algorithmen auf der Basis von Zeitverzögerungen und Tonhöhenveränderungen, die hier nahezu beliebig komplex ausfallen und mit einer exquisiten Auswahl anderer Effekttypen bereichert werden können. Zugegeben sind digitale Effekte in Form externer Peripherie heute vielerorts durch Lösungen im Rechner ersetzt wurden. Das eigentliche Kapital guter Effekte sind aber die zugehörigen Algorithmen, deren Entwicklung Zeit und Expertise benötigt. Im H9000 stecken jede Menge solcher Algorithmen, die sich in den meisten Fällen eben nicht durch Produkte anderer Hersteller ersetzen lassen, auch nicht im Plug-in Bereich. Zwar hat Eventide selbst Plug-ins im Angebot, aber die hoch geschätzten Effekte der Modelle Eclipse, Orville, H7500 und H8000 sind eben mehrheitlich nicht im Rechner verfügbar, sondern der Zaubertrank, den man nur bei Eventide findet.

Das eigentliche Kapital guter Effekte sind die zugehörigen Algorithmen, deren Entwicklung Zeit und Expertise benötigt.

@@Klang
Nicht nur bei der Effektkomplexität macht Eventide niemand etwas vor, auch im Hinblick auf die Qualität gibt es keinen Zweifel. Pitch-Shifting in jeder Form gehört dabei zu den Paradedisziplinen – von diatonischen Harmonisierungen mit möglichen Formantkorrekturen über Verdichtungen von Stimmen durch kleine Verstimmungen bis hin zu virtueller Mehrstimmigkeit. Eine weitere Kernkompetenz sind Effekt aus der Basis von Zeitverzögerungen. So gibt es Delays in wirklich jeder Ausführung von geradlinigen Ping-Pongüber Multitap-Varianten bis zu Ergänzungen um Kammfilter, Bandpässe, Ringmodulatoren oder im Rückwärtsbetrieb. Ergänzt man hierzu Modulationen, erweitert sich der Sprachschatz vom Flanger, Chorus, Leslie in beeindruckender Qualität, dicht und transparent. Aus der Kombination von Delay, Pitchshifter und Modulatoren ergeben sich auch spektakuläre Resonatoren, von metallisch schwingend über Vokalüberprägungen, Shimmer-Effekte oder gar selbst spielenden Melodien, die etwa von einem einzigen Signal angestoßen werden können. Auch über vielfältige Raumsimulationen darf man sich freuen. Insbesondere abgefahrene Kunstklänge und Effektsounds sind eine perfekte Ergänzung zu den schönen Räumen von Lexicon oder realistischen Raumsimulationen auf Faltungsbasis anderer Hersteller. Für Sounddesigner ist der H9000 ein Traum. Einzelne Algorithmen sind in der Lage, den Sound komplett umzuformen und allein damit filmische Atmosphären zu erschaffen. Aber natürlich darf es auch ein wenig weniger abgedreht ausfallen. Auch die Transformation simpler Samples in Maschinengeräusche, Unterwasserklänge, ringmodulierter Nachhall und verdrehte Rückwärts- und Filtersounds andere Kuriositäten dürften in jeder SFX-Abteilung lautstark begrüßt werden, zumal man jeden Sound auch per Zufallsfunktion ständig verwirbeln kann. Auch die Loop-Effekte sind unbedingt einen näheren Blick wert, während die Dynamiksektion trotz mehrbandiger Algorithmen zumindest für mich weniger relevant ist. Unerwartet hochwertig ist die Auswahl gut klingender Pre-Amps und Verzerrer. Und auch die Funktionen im Bereich der Signaldarstellung gefällt. Wo es für meine Begriffe jedoch noch Nachholbedarf gibt, ist der Bereich der Lo-Fi-Klänge. Zusammenfassend ist der H9000 wie schon H8000 oder Orville ein Rundumschlag, der vor allem durch Vielseitigkeit und seine ausgetüftelten Algorithmen punktet. Man hat hier Zugriff auf eine riesige Auswahl an Presets, die allesamt voll editierbar sind. Selbst wenn man die schiere Anzahl der Presets aufgrund der mehrfachen Bereitstellung für unterschiedliche viele Kanäle in der Praxis etwas relativieren muss, sollte hier wirklich jeder dauerhaft bestens bedient werden. Hinzu kommt, dass diese Klänge oft nur einzelne Algorithmen darstellen, die sogar noch vierfach verknüpft werden können und in Echtzeit manipulierbar sind. Kurz und gut: Wer hier nicht fündig wird, ist selbst schuld!

Die Rechenleistung des H9000 übertrifft den achtkanaligen H8000FW in jeder Hinsicht deutlich.

@@Wer braucht so viel Leistung?
Als Zielgruppen für den H9000 würde ich vor allem Power-Anwender des Orville und H8000 sehen, ebenso wie professionelle Nutzer aus den Bereichen Postproduktion, Sounddesign/SFX und der Spielvertonung. So könnte man beispielsweise unterschiedliche Charakter bequem mit eigenen Signature- Sounds verfremden, die man hier simultan für mehrere Kanäle bereithalten kann. Und natürlich sollte Eventides Flaggschiff auch das Objekt der Begierde für all jene sein, die einen H8000 immer kaufen wollten, es aber nie getan haben. Die Plug-in-Integration dürfte für professionelle Anwender in der täglichen Produktion ein Segen und damit ein weiteres wesentliches Kaufargument sein.
Gleichermaßen darf man auch die Schnittstellenvielfalt bei entsprechendem Bedarf als Killerargument bezeichnen. Hier erhält man nicht nur das vermutlich leistungsfähigste Effektgerät aller Zeiten, sondern auch einen achtkanaligen AD/DA-Wandler der Premiumklasse. Die eingesetzten Bauteile sind von erster Qualität, mit einem Dynamik umfang von über 119/116 dB (AD/DA, A-gewichtet) und extrem niedrigen Klirrfaktor. Dazu lässt sich der H9000 bei Bedarf als Audio-Interface nutzen oder über MADI-, Dante- und AES/EBU in unterschiedlichste Umgebungen einbinden. Schließlich spielt der H9000 mit seinem Fokus auf mehrkanalige Anwendungen, etwa in der Filmmischung, seine Trümpfe voll aus. Hier gibt es hinreichende Reserven und Effekte in Surround bis hin zu perspektivischen Umsetzungen in Dolby Atmos. In dieser Hinsicht ist das Angebot auf dem Hardware-Markt ziemlich leer. Umgekehrt stellt sich mancher vermutlich die Frage, ob einer derart geballte Ladung von Effekten denn nötig ist, insbesondere wenn es sich um Spezialeffekte handelt. Auch hier sei der Bereich Sounddesign genannt: Der H9000 ermöglicht nochmals komplexere Effekte als seine Vorgänger, da er vier Algorithmen miteinander verketten kann. Dazu spielt er auch hier seine besonderen Vorzüge auch bei der Bearbeitung mehrkanaliger Signale aus.

@@Der H9000 bietet rückseitig vielfältige analoge und digitale Anschlüssmöglichkeiten sowie drei Erweiterungs-Slots.


@@Die übersichtlich aufgebaute Software Emote erlaubt eine vollumfängliche Fernsteuerung des H9000 und dient der Verwaltung aller Einstellungen.


@@Die R-Version des H9000 lässt sich ausschließlich über die Emote-Software programmieren und kommt daher ganz ohne Bedienelemente und Display aus.


KEYS INFO: EVENTIDE-ENTWICKLUNG TONY AGNELLO: ZUR EVOLUTION DES H9000

@@2018 erhielt Ingenieur Tony Agnello (zusammen mit Eventide-Mitbegründer Richard Factor) den Technical Grammy Award.


@@Seit dem H3000 haben wir in unseren großen Effektprozessor auf DSPs gesetzt, die Audiodaten bekanntermaßen effizient bearbeiten können. Auch die Entwicklung der zugehörigen Algorithmen fand explizit für diese Signalprozessoren statt, unter anderem über die zugehörige Software Vsig. Die zugrunde liegenden Module wurden über die Jahre für die Rechenarithmetik der Freescale-Prozessoren optimiert. Der Nachteil dieses Verfahrens sind die weniger funktionalen Entwicklungswerkzeuge, verglichen mit ARM- und Intel-Prozessoren. Vor acht Jahren entschieden wir uns daher für den Wechsel auf ARM-Gleitkommaprozessoren. Die aktuelle Generation dieser CPUs bietet so viele Rechenzyklen, dass sie sich für die Audioverarbeitung bestens eignen und den Einsatz dedizierter DSPs zu großen Teilen obsolet macht. Eine der Hauptaufgaben war der einhergehende Wechsel von der Festkomma- zur Gleitkommaarithmetik und die entsprechende Migration unserer Algorithmen, die absolut nicht trivial ist und sich hörbar auf den Klang auswirken kann. Faktisch benötigten wir mehrere Jahre, um die über 1500 Algorithmen zu konvertieren (etwa 1500 aus dem H8000 und 50 aus dem H9 sowie einige neue Algorithmen). Hierzu haben wir eigens eine Hörautomatik entwickelt, die für jeden Einzelparameter und Parameterkombinationen jedes Algorithmus überprüft, ob die Ergebnisse der ARM-CPU der DSP-Vorgabe entsprechen. Ergänzend war es nötig, die Vsig-Software neu zu programmieren – sie ist derzeit im Betastadium.

@@Tony Agnello circa 1973 bei der Arbeit am Harmonizer H910, dem ersten kommerziell verfügbaren analog-digitalen Effektgerät.


@@Wir haben diesen Schritt natürlich auch getan, um zukünftige und insbesondere auch komplexe Algorithmen schneller und mit weniger Aufwand umsetzen zu können. In der Firmengeschichte hatte die jeweilige Plattform unserer Flaggschiffprodukte stets eine lange Laufzeit und wir erwarten, dass auch der H9000 für mindestens zehn Jahre unsere Entwicklungsbasis bleibt. Wir stehen erst am Anfang. Zu den weiteren Erwägungen für eine Zukunftssicherheit gehörte ein modulares Hardware-Konzept. Einer der Vorteile ist die ständige Verbesserung im Bereich der ARM-CPUs, die deutlich rasanter als bei DSPs erfolgt. Wir entschieden uns deshalb, die ARM-CPUs auf Tochterplatinen unterzubringen, die sich später gegen schnellere Varianten tauschen lassen. Ergänzend haben wir modulare Slots für Audioschnittstellen entwickelt, die derzeit mit Dante und MADI bestückt werden können. Denkbar sind aber genauso ergänzende analoge Schnittstellen, Vorverstärker und andere Audioformate. Hier entscheidet vor allem die Kundennachfrage. Natürlich stellt sich die Frage nach gänzlich neuen Algorithmen oder einer Portierung von Physion. Das alles findet derzeit nicht statt, da unser Fokus zunächst auf der Komplettierung der Plattformfunktionalität liegt. Derzeit gibt es noch keine Möglichkeit, zwischen FX-Chains zu routen. Auch sind Rechenaufgaben bislang nicht über mehrere ARM-CPUs zu verteilen, obwohl wir uns durchaus wünschen, bis zu 16 Rechenkerne aus einem Algorithmus adressieren zu können. Eine Machbarkeitsstudie gibt es bereits in Form eines 22.2-Limiters und Arbeiten an einer Atmos-Umsetzung. Schließlich wünschen wir uns Verbesserungen an der Emote-Software. Das nächste große Firmware-Update für den H9000 steht für das Frühjahr 2020 an. Parallel arbeiten wir und einige Partner an neuen Algorithmen.

Der H9000 verfolgt eine moderne, saubere Klangästhetik, die man im audiophilen Sinne schätzen darf.

@@Eierlegende Wollmilchsau?
Für ein H9000 entscheidet man sich meines Erachtens nicht in Abgrenzung zu einem leistungsfähigen Rechner oder um seine bewährten Klassiker im Rack zu ersetzen. Wer in dieser Preisklasse einkauft, wird wissen, dass auch der H9000 keine allumfassende Lösung ist. So wird ein Lexicon 960L, System 6000 oder Bricasti M7 deswegen nicht obsolet. Diese Geräte klingen schlicht anders und legen ihren Fokus (teils) auf Nachhall, den der H9000 ebenfalls bemerkenswert, aber mit abweichende Klangästhetik offeriert, teils auch in Form großartig verfremdeter Hallräume.
Auch Vintage-Souds wird man hier eher nicht finden. Ältere Semester wie Lexicons 480L, ein QRS oder ein TC Electronics 2290 klingen anders, was an den Algorithmen und der Wandlertechnik liegt. Selbst der hauseigene Orville klang im Direktvergleich über die gleichen Wandler abweichend. Der H9000 klingt betont transparent und auf technischer Seite neutral und recht schlank. Er verfolgt eine moderne, saubere Klangästhetik, die man im audiophilen Sinne schätzen darf, aber umgekehrt auch subjektiv als Mangel an Charakter bemängeln könnte. Tatsächlich rückt Eventide mit dieser Abstimmung ein Stück näher an die Signalbearbeitung im Rechner, wenngleich die Algorithmen und die mögliche Komplexität dort in der Regel nicht erreicht wird. Und schließlich sollte man von einem H9000 auch keine identischen Klangergebnisse wie von hochwertigen Analogeffekten erwarten wie Roland SDD-320, Echoplex oder Binson Echorec. Es wäre auch völlig falsch, den H9000 in einen Topf mit Modeling-Technologie zu werfen. Im Gegenteil: Es ist kaum genug zu würdigen, dass sich ein Hersteller für grundsätzlich eigenständige Lösungen entscheidet. Unsere Industrie ist heute geprägt von einer Flut von Produkten, die versuchen, alte Produkte schaltungstechnisch oder virtuell zu imitieren. Obgleich mir das klanglich durchaus gefällt, kann ich diese Strategien nicht als fortschrittlich bezeichnen. Eventide hat sich in dieser Hinsicht stets durch Eigenständigkeit ausgezeichnet. Gleichwohl muss man aber andererseits die gleichen Maßstäbe anlegen und das Fehlen inhaltlicher Fortschritte zum H8000 rügen. Das wäre dann wohl auch mein derzeit mein größter Kritikpunkt: Kaufanreize in Form neuer Algorithmen bietet die neue Plattform noch nicht. Hier darf man gespannt sein, in welche Richtung sich diese Plattform entwickeln wird. Spontan könnte ich mir den Einsatz von Techniken wie Faltung, Morphing und Resynthese vorstellen.

FAZIT

@@Das H9000 dürfte das vermutlich leistungsstärkste Hardware-Gerät aller Zeiten sein. Eventide schafft hier eine rundum beeindruckende Basis für die nächsten Jahre. Das Gerät liefert dabei nicht nur eine makellose technische Klangqualität, zahllose erstklassige Effekte, sondern auch Rechenkapazitäten, die im Bereich der 19-Zoll-Studioperipherie konkurrenzlos sind und das System konsequent in Richtung Mehrkanalanwendungen und den objektbasierten Einsatz von Effekten aufbohren.
Die Stärken liegen derzeit ganz klar einerseits bei den aus dem H8000 und Vorgängern bewährten Algorithmen, in einer deutlich verbesserten Integration in moderne Produktionsumgebungen sowie in der stark erweiterten Leistungsfähigkeit, die sich insbesondere dort auszahlt, wo es um mehrkanalige Produktionen nach neuestem Standard geht.
Gleichzeitig merkt man dem H9000 an vielen Stellen aber auch an, dass im Gerät noch Ressourcen schlummern, die der Hersteller noch zum Leben erwecken muss. So ist die Algorithmenauswahl derzeit auf Rückwärtskompatibilität und nicht auf neue Sounds ausgelegt. Diese ergeben sich allerdings bereits aus der neuen Verkoppelbarkeit mehrerer Algorithmen. Auch die DAW-Integration sollte möglichst zügig optimiert werden.
Schon aufgrund seiner Preisklasse ist der H9000 eine Empfehlung für den professionellen Bereich, insbesondere im Bereich der Post- und Mehrkanalproduktion. Im regulären Studio ist der Effekt purer Luxus, der allerdings für die bisherigen Interessenten und Anwender von H8000 kein bisschen weniger attraktiv sein dürfte – ganz im Gegenteil. Und das kann man sich entweder leisten oder nicht.

KEYS INFO: EVENTIDE-ENTWICKLUNG: JOE BAMBERG

@@Wie viele Algorithmen kann man gleichzeitig laufen lassen?
Das Maximum beträgt 16 Algorithmen, die jeweils einen Rechenkern beanspruchen. Dabei kann jeder Algorithmus bis zu acht Ein- und Ausgänge nutzen. Hinzu kommt ein Modus, bei dem ein Prozessor mit vier Kernen einem übergreifenden Algorithmus zugewiesen werden kann. In diesem Szenario sind dann 32 Ein- und Ausgänge möglich, bei vierfacher Rechenkapazität. Diesen Modus nutzen wir für unsere aufwendigen Broadcast-Algorithmen und möchten sie für komplexere zukünftige Algorithmen einsetzen.

@@Wie viele Ein- und Ausgänge lassen sich im H9000 gleichzeitig nutzen?
Die Standausstattung des H9000 bietet die folgenden physischen Schnittstellen: je acht analoge Ein- und Ausgänge, acht digitale Ein- und Ausgänge (AES, S/PDIF, ADAT) und 16 Ein- und Ausgänge über USB 2.0. Ergänzend gibt es drei unabhängige, gleichzeitig nutzbare IO-Erweiterungen mit jeweils 32 Ein- und Ausgängen. So ergeben sich letztlich bis zu 128 simultane Ein- und Ausgänge. Pro Prozessor gibt es 32 Ein- und Ausgänge, wodurch sich auch hier insgesamt 128 Ein- und Ausgänge ergeben. Sämtliche Ein- und Ausgänge sind mit einem Router verbunden, der jede Quelle mit jedem Ziel verbinden kann und sogar multiple Ziele gleichzeitig adressieren kann. Allerdings ist es derzeit noch nicht möglich, dass der Router multiple Eingänge auf ein gemeinsames Ziel mischt. Diese Funktion soll mit dem nächsten großen Update Anfang 2020 verfügbar werden. Etwa Mitte 2020 möchten wir zudem die derzeitige Einschränkung aufheben, dass der Ausgang eines Prozessors noch nicht in einen weiteren Prozessor eingespeist werden kann.

@@Mit der kostenlosen Eventide-Software Vsig lassen sich Algorithmen visuell am Bildschirm entwerfen.