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Egon Stoll-Berberich: BIS KRIEGSENDE AN DER OSTFRONT: Ein Tag im Februar


FLUGZEUG CLASSIC - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 09.12.2019

Nachdem Stuka-Pilot Egon Stoll-Berberich 1943 wieder an die Ostfront verlegte, hatte sich dort einiges geändert: Die sowjetischen Piloten waren besser geworden und gingen in die Offensive. Bis zum Kriegsende musste er sich ihnen stellen und entkam den Fängen der Sowjetunion mit einer spektakulären Flucht


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Bildquelle: FLUGZEUG CLASSIC, Ausgabe 1/2020

Eine Fw 190 F zieht nach dem Start das Fahrwerk ein. Der robuste Typ löste nach und nach die Ju 87 ab und bewährte sich ausgezeichnet als Schlachtflugzeug. Auch Egon Stoll-Berberich wechselte 1944 auf diesen Typ


2Foto Sammlung Herbert Ringlstetter

Hauptmann Egon Stoll-Berberich: Nach mehr als »600 ...

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... Feindflügen« verlieh man ihm am 7. März 1944 das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz


Innerhalb eines halben Jahres kann viel geschehen, sechs Monate sind reichlich Zeit für Veränderungen. Als der mittlerweile zum Hauptmann beförderte Egon Stoll-Berberich, der unter anderem über Polen, Malta und beim Unternehmen »Barbarossa« als Stuka-Pilot im Einsatz war, Anfang 1943 wieder ins Geschehen im Mittelabschnitt der Ostfront eingriff, registrierte er zahlreiche Veränderungen. In seinem alten Frontverband fehlten einige vertraute Gesichter, dafür waren neue hinzugekommen, aber auch die Art der sowjetischen Luftkriegführung hatte sich verändert.

Stoll-Berberich zufolge zeigten sich im Raum Welikije-Luki/Briansk/Orel zum ersten Mal Schlachtfliegereinheiten, die mit den an sich als Jäger konstruierten Jak- und LaGG-Typen ausgerüstet waren. »Sie wurden sehr häufig an der HKL (Hauptkampflinie) beobachtet, wo sie die vordersten deutschen Stellungen angriffen. Im Gegensatz zu den Il-2-Verbänden der Jahre 1941 und 1942 zeigten sich diese Verbände sehr angriffsfreudig.«

Sowjetische Flieger lernen dazu

Im ersten Jahr des »Ostfeldzugs« hatte Stoll-Berberich der sowjetischen Schlachtfliegerei kein allzu gutes Zeugnis ausgestellt (sieheFlugzeug Classic 3/2019). Für das zweite Jahr konstatierte er jedoch ein kontinuierliches Dazulernen, was ihn – und viele seiner damaligen Kameraden – darüber spekulieren ließ, ob die sowjetischen Verbände von gefangen genommenen deutschen Piloten geschult würden. 1943 setzte sich dieser Trend in Stoll-Berberichs Augen fort: Neben der zunehmenden Aggressivität der als Schlachtflieger agierenden sowjetischen Jäger »bewies ihre Angriffstaktik eine weit intensivere Ausbildung und oft eine verblüffende Ähnlichkeit mit der deutschen taktischen Fliegerei. […]

Auch die Flugformation dieser Verbände war im Verhältnis zu vorher taktisch viel besser geworden. Sie flogen jetzt in Schwärmen mit gegenseitiger Rottendeckung, die sich bei Annäherung deutscher Maschinen sofort laufend unter- und überschnitten, so dass Überraschungsangriffe, wie sie bei den früheren Formationen leicht möglich waren, praktisch ausgeschaltet wurden.«

Allerdings haperte es noch hinsichtlich der Angriffstaktik: »Bei Annäherung eines Stuka-Verbandes ließen sie gewöhnlich von ihren Erdanflügen ab und griffen die Stukas an. Allerdings blieb es in der Regel bei einem oder zwei harmlosen Angriffen, bei denen sie schon in großer Entfernung anfingen zu feuern. Im Luftkampf fehlte diesen Piloten jedoch entweder die notwendige Erfahrung oder aber das richtige Gefühl für eine gute Position.« Aus zu großer Distanz das Feuer eröffnen, war ein typischer Anfängerfehler angehender Jagdflieger, ganz gleich, welcher Nation sie angehörten. Doch mit der zunehmenden Erfahrung entwickelte sich das richtige Gespür für eine optimale Angriffsposition.

Eine Mannschaft der 7./StG 1 belädt Mitte 1943 per Hebewagen eine Ju 87 D-1 im Raum Kursk


Foto Sammlung Herbert Ringlstetter

0 sogar tödlichen Unfällen


In dieser Hinsicht lernten die sowjetischen Flugzeugführer ebenfalls rasch dazu, was wiederum die deutschen Schlachtflieger zu spüren bekamen. Auch nachdem sie später auf die Fw 190 umschulten, die – im Gegensatz zur Ju 87 – nach dem Abwurf der Bomben ein respektabler Jäger war. Diesen Umstand versuchten Stoll-Berberich und seine Kameraden zu nutzen, nach dem Angriff auf Bodenziele wandten sie sich den generischen Verbänden zu. Doch »die Russen bewiesen mit der Länge der Zeit eine immer bessere fliegerische Ausbildung, so dass kaum noch Abschusserfolge erzielt werden konnten. Im Gegenteil: Diese Verbände gingen dazu über, uns nach dem Sturz – also unserem schwächsten Moment – anzugreifen, so dass wir an manchen Stellen der Front dazu gezwungen wurden, zu geschlossenen Stürzen überzugehen, um uns gegenseitig decken zu können.« Die deutschen Schlachtflieger wurden zunehmend zu Gejagten.

Umsatteln auf die Fw 190

Am 18. Oktober 1943 benannte man das Stuka-Geschwader 1 in Schlachtgeschwader 1 um. Hinsichtlich der Ausrüstung blieb jedoch vorerst alles beim Alten, die Piloten flogen weiterhin die Junkers Ju 87. Erst von April bis Mai 1944 wurden die Flugzeugführer der II./StG 1 auf die Fw 190 umgeschult. Doch schon ein knappes Jahr zuvor war Hauptmann Stoll-Berberich in dieser Hinsicht aktiv, als er im Juni 1943 im Hinterland fliegerischen Nachwuchs auf der Fw 190 schulte.

Ju 87 D-3, J9+MH, der 7. Staffel des Sturzkampfgeschwaders 1 Anfang 1943 im provisorischen Winteranstrich


Zeichnung Herbert Ringlstetter/Aviaticus

Wie es dazu kam, ist nicht ganz klar. Der Chronist Georg Brütting bezeichnete diese und weitere Initiativen als »Aktion«, als »illegale Umschulung«, die ohne Zustimmung übergeordneter Stellen durchgeführt und daher auch schon bald wieder abgebrochen werden musste. Dabei war das Ziel eindeutig: Man wollte die steigenden Verluste durch zusätzliche Schulung mindern. Allerdings geschah dies offenbar abseits der speziell dafür eingerichteten Ergänzungsgeschwader, womöglich sogar in Konkurrenz dazu.

Zweifellos war Egon Stoll-Berberich für eine derartige Aufgabe prädestiniert. Nicht nur, dass er in der zweiten Jahreshälfte 1942 als Ausbilder bei der Ergänzungsstaffel des StG 1 fungiert hatte, trainierte er vorübergehend schon 1940 Bf-109-Piloten des Jagdgeschwaders 51 im Bombenwurf. Mit schnellen, einmotorigen Hochleistungsjägern kannte er sich also aus, und in Kombination mit seiner reichlichen Erfahrung als Sturzkampfflieger war er für eine derartige Aufgabe wie geschaffen.

Illegale Schulungen?

Leider enthalten Egon Stoll-Berberichs vorhandene Aufzeichnungen keine weiteren Details zu dieser »illegalen Umschulung«, möglicherweise erwähnte er sie in einem Brief an seine Frau. Mit Datum vom 11. Juni 1943 schrieb er, dass er ihre Nachricht verspätet erhalten habe, »da ich vor zwei Tagen plötzlich auf einen Platz im Hinterland verlegen musste. Ich schule hier mit meinen Flugzeugführern gerade auf einen einsitzigen Typ um. Das Kommando kann mehrere Wochen dauern. Leider versäume ich da natürlich die Einsätze. « Es ist nicht eindeutig zu klären, ob mit diesem »Kommando« jene »illegale Umschulung « gemeint ist. Aber ganz eindeutig handelte es sich um eine Anordnung, nicht um eine Eigenmächtigkeit.

Die 7./StG 1 flog bis zu sieben Einsätze am Tag und überließ dabei nichts dem Zufall. So besprach man vor dem Start das Vorgehen in der Luft minutiös


Vom Krieg gezeichnet: Die zerbombte Halle der III./StG 1 in Schalatowka-West bei der »illegalen Umschulung« auf Fw 190 unter der Leitung Hauptmann Stoll-Berberichs


Einsätze an der Ostfront

Das Jahr 1943 begann nicht gut für Hauptmann Stoll-Berberich. Nicht nur die gegnerischen Luftstreitkräfte hatten dazugelernt, auch deren Flakabwehr war deutlich stärker als noch ein halbes Jahr davor. Nach 80 Einsätzen wurde er abgeschossen, das dramatische Erlebnis prägte und begleitete ihn bis zum Ende seines Lebens (sieheFlugzeug Classic 3/2019). Er wurde operiert, gesundete und kehrte wieder an die Front zurück. Am 23. August 1943 verlieh man ihm die Frontflugspange für Kampfflieger in Gold mit Anhänger, vier Tage später ernannte man ihn zum Staffelkapitän der 7./StG 1, nochmals vier Tage später absolvierte er seinen 500. Feindflug.

Eine Ju 87 D rollt mit zwei 250-kg-Bomben unter den Flächen sowie einer 500-kg-Bombe unter dem Rumpf zum Start. Seinen »500. Feindflug« absolvierte Stoll-Berberich noch in solch einer Maschine, bevor er 1944 auf die Fw 190 umstieg


Auch bei der Umschulung auf Fw 190 gab es Verluste: Rechts sitzt Stoll-Berberichs Freund Hans Geyer, der am 16. Juni 1943 tödlich verunglückte


Stoll-Berberich (Mitte) wies den fliegerischen Nachwuchs auf die Fw 190 ein. Seine frühere Tätigkeit beim JG 51 kam ihm dabei zugute


Dasdramatische Erlebnis prägte und begleitete ihn bis zum Ende seines Lebens.


Bei seiner Rückkehr von diesem Einsatz bereiteten ihm die Angehörigen seiner Staffel einen feierlichen Empfang. Mehrere Fotos zeugen von dem Ereignis. Sie zeigen Gratulierende, seinen speziell geschmückten Wagen mit der aus Blumen gebildeten Zahl 500 am Bug und ein besonderes Geschenk, das sein Enkel Jahrzehnte später so beschrieb: »Eine aus Messing handgefertigte Trophäe, die eine auf einem Blitz ›fliegende‹ Ju 87 über dem Gruppenwappen der III./StG 1, einen Helm mit Anker, einem Lorbeerkranz mit der Zahl 500 und einem zusätzlichen Wappen mit einem angreifenden Stuka zeigt.« Alle Bestandteile wurden auf ein Holzbrett montiert.

Nach seinem Urlaub, begab sich Hauptmann Egon Stoll-Berberich am 15. November 1943 zum Luftwaffen-Lazarett Gotha. Das Warum ist unbekannt, es muss jedoch etwas Ernsteres gewesen sein, denn erst am 4. Januar 1944 kehrte er als »kriegsverwendungsfähig zur Frontfliegertruppe« zurück. Wieder bei seiner 7. Staffel, schrieb er acht Tage später an seine Frau: »Mein liebes Frauchen! Nach fünftägiger Bahnfahrt kam ich glücklich bei meinem Haufen an. In Warschau erfuhr ich, dass die Gruppe in Wilna in Ruhe liegt. Als ich ankam, verlegte sie gerade nach vorne zu neuem Einsatz nach Polozk. Wir hatten bisher nur einen Flugtag, an dem wir drei Einsätze flogen. Ich habe lauter neue Besatzungen, die in der Luft erst noch ein wenig dressiert werden müssen. Sonst hat sich nicht viel geändert. Versäumt habe ich trotz meiner längeren Abwesenheit nicht viel, da ja kaum geflogen wurde.«

Egon Stoll-Berberichs Flug- und Leistungsbücher gingen bei Kriegsende verloren, Details seiner Einsätze sind nicht überliefert. Das gilt jedoch nicht für alle Flugzeugführer seiner Staffel. Vor allem nicht für einen, der den Lesern vonFlugzeug Classic bereits bekannt ist: Irmfried Zipser. Als junger Leutnant gehörte er seit Ende Oktober 1943 Stoll-Berberichs 7. Staffel an. Zipsers Flugbücher und sein Leistungsbuch sind erhalten und zeugen vom damaligen Geschehen. Unterbrochen von diversen Verlegungen und/oder widrigen Wetterverhältnissen, flog die 7. Staffel bis zu sieben Einsätze am Tag.

Schwer zu erkennen: Junkers Ju 87 D der 4./StG 1. Über die Wintermonate erhielten die Maschinen einen abwaschbaren Tarnanstrich


Die Ziele befanden sich direkt in oder zumindest in unmittelbarer Nähe der jeweiligen Hauptkampflinie, die Eindringtiefe in feindliches Gebiet betrug selten mehr als fünf Kilometer. Sturzangriffe fanden überwiegend aus Höhen zwischen drei- und viereinhalbtausend Metern statt, Schrägangriffe wurden auch schon mal in Bodennähe durchgeführt. Auf den Bombenwurf mit zumeist guter bis sehr guter Trefferlage folgten häufig Schießanflüge mit Bordwaffen. Ziele gab es reichlich: Bunker, Stellungen, Artillerie, Flak, Panzer und sonstige Kfz, aber auch Truppenansammlungen, Infanterie und Bereitstellungen … Diese befanden sich auf freiem Feld, verbargen sich in Wäldchen, verschanzten sich in Dörfern. Dabei erwiesen sich die Stukas als »Spezialwaffe zur Punktzielbekämpfung«: »Gute bis sehr gute Trefferlage«, »Bomben lagen gut im Ziel«, »Volltreffer!« …

Die Wirkung dieser Angriffe war verheerend: »Dorf völlig zerstört«, »Volltreffer in Stellungen«, »Bunker explodiert«, »Panzer und/oder Lkw vernichtet«, »schwere Explosionen « und »Brände« wurden beobachtet; überwiegend gab es »hohe Feindverluste«. Die Gegenwehr war jedoch auch nicht ohne, nur sehr selten gab es keine Abwehr.

Meist leistete Flak aller Kaliber »leichte –, mittlere –, starke – bis sehr starke Abwehr«. Leutnant Irmfried Zipser notierte mehrfach Treffer in seiner Maschine, mal »im rechten Fahrwerk«, mal »in der linken Tragfläche, bei der Kanone«. Hin und wieder griffen auch feindliche Jäger ins Geschehen ein, zwangen die Stuka mitunter sogar dazu, ihre Bomben im Notabwurf über eigenem Gebiet loszuwerden, um sich möglichst aus dem Staub zu machen. Auch die eigenen Verluste stiegen.

Medikamente und Feiern

Hinzu kam der Raubbau im Inneren: Das Medikament Pervitin gehörte zur Tagesration, wurde reichlich verabreicht und ständig konsumiert. Dabei handelt es sich um Methamphetamin, eine synthetisch hergestellte Droge, die Müdigkeit, Hunger- und Schmerzgefühle unterdrückt und gleichzeitig euphorisierend wirkt. Mit Pervitin ließen sich Tod und Verderben leichter ertragen, die man tagtäglich am eigenen Leib erfuhr und die man genauso über den Gegner brachte. Der Konsument hatte gute Laune, fühlte sich vorübergehend wacher, stärker, schneller, selbstbewusster, bezahlte diese subjektive Leistungssteigerung jedoch mit hoher Suchtgefahr bis hin zu schweren gesundheitlichen Schäden.

Methamphetamin, heute unter anderem als Crystal Meth bezeichnet, fällt in Deutschland längst unter das Betäubungsmittelgesetz. Für Flieger wie Egon Stoll-Berberich und Irmfried Zipser gehörte es zum damaligen Kriegsalltag.

Anfang März 1944 gab es einen erneuten Grund zum Feiern: Major Friedrich »Fritze« Lang, Kommandeur der II. Gruppe, absolvierte seinen »1000. Feindflug« (siehe Kasten links). Und obendrein verlieh man Stoll-Berberich das Ritterkreuz. Wieder gab es Gratulanten, darunter einen händeschüttelnden General, ein in großen Lettern beschriftetes Banner, eine umjubelte Fahrt im offenen Wagen; und wieder wurde das Ereignis auf Zelluloid gebannt. Anschließend hieß es feiern.

Ju 87 D-3, W.Nr. 2908, J9+IH, 7./StG 1. Am 19. August 1943 musste die Besatzung notlanden, kehrte jedoch unverletzt zurück


Zeichnung Herbert Ringlstetter/Aviaticus

Am 7. März 1943 verlieh Generalmajor Robert Fuchs Hauptmann Egon Stoll-Berberich in Orscha das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz; …


… er erhielt es unter anderem für die Zerstörung von 46 Panzern sowie sechs Volltreffern in Stellungen von Stalin-Orgeln


Fotos (3) Slg. Irmfried Zipser

Major Friedrich Langs »1000. Feindflug« und die Ritterkreuzverleihung an Egon Stoll-Berberich waren ein doppelter Grund zum Feiern


Für einen bedeutete die feuchtfröhliche Feier beinahe das Ende seiner Fliegerlaufbahn: Nachdem sich ihr Staffelkapitän aus ihrer Sicht zu vorzeitig in seinen ihm als Unterkunft dienenden Werkstattwagen zurückgezogen hatte, versuchten einige seiner Untergebenen, ihn zum Weiterfeiern zu animieren, darunter auch Irmfried Zipser. Er stand in der Tür, als diese von außen zugeschlagen wurde. Zipsers Hand befand sich zwischen Blatt und Rahmen; dabei wurde der Daumen so schwer gequetscht, dass an Fliegen vorerst nicht zu denken war.

In solchen Fällen war schnell von vorsätzlicher Selbstverstümmelung die Rede, was man gerne als »Feigheit vor dem Feind« auslegte. Zipser drohte das Kriegsgericht, eventuell sogar ein Strafbatallion … So schlimm kam es dann aber doch nicht. Zur Strafe gab es Stubenarrest, und seine nächste Beförderung ließ einen Monat länger auf sich warten.

Kampf und Flucht

Seinen damaligen Vorgesetzten schilderte Irmfried Zipser als einen geselligen Offizier, der stets ein offenes Ohr für die Ängste und Nöte seiner Untergebenen hatte, aber auch disziplinarisch hart durchgriff, wenn etwas aus dem Ruder lief. Seine Staffel habe Stoll-Berberich kompromisslos, mutig, aber niemals leichtsinnig geführt. Einsätze plante er sorgfältig und bereitete alle Beteiligten so umfassend wie möglich auf das Kommende vor. »Er war ein sehr, sehr guter Truppenführer«, sagte Zipser, der seine eigene militärische Laufbahn später als Oberst im Generalstab bei der Bundeswehr beendete.

Bis Ende Juni 1944 blieb Egon Stoll-Berberich Kapitän der 7. Staffel, dann versetzte man ihn zur III. Gruppe des Schlachtgeschwaders 151. Da es sich dabei um ein Ergänzungsgeschwader handelte, habe er nach eigenen Angaben »keine Gelegenheit gehabt, um Einsätze zu fliegen«. Über seine dortige Zeit ist auch so gut wie nichts bekannt; ein Urlaubsschein sowie die truppenärztliche Bescheinigung eines Aufenthaltes im Krankenrevier sind die einzigen erhaltenen Dokumente. Jedoch absolvierte er an der Höheren Technischen Schule in Jüterbog den Verbandsführerlehrgang, wohl im Hinblick auf künftige Aufgaben. In einem Brief an seine Frau schilderte er den Schulalltag, der ihm kaum Zeit zum Schreiben ließ: »Von morgens 7 Uhr bis 18 Uhr dauernd im Hörsaal Vorträge und Unterricht und dann abends noch Vorträge ausarbeiten.«

Aus der III./StG 1 entstand im Oktober 1944 die III./SG 1, die im Frühjahr 1944 auf die Fw 190 umrüstete – im Bild Fw-190-Schlachtflugzeuge kurz vor dem Einsatz an der Ostfront


Fotos (2) Herbert Ringlstetter

Bodenpersonal beim Betanken einer einsatzklaren Focke-Wulf Fw 190 F, einer Jagdbomberausführung des Jägers Fw 190 A


Er entzog sich seiner Verhaftung durch einewilde Flucht über Fabrikdächer.


Erst in der letzten Kriegsphase kehrte Egon Stoll-Berberich nochmals an die Front zurück: Am 13. April 1945 ernannte man ihn zum Kommandeur der seinerzeit im Sudetenland stationierten I./Schlachtgeschwader 77. Ohne ins Detail zu gehen, notierte er, dass er mit dieser Gruppe noch Einsätze im Raum zwischen Oder und Elbe fliege und dabei auf US-amerikanische Jagdverbände gestoßen sei. Angesichts der allgemeinen Kriegslage kam der Flugbetrieb jedoch alsbald zum Erliegen, die I./SG 77 endete »im Erdeinsatz«, gemeinsam mit einer Gruppe des SG 2, geführt von Oberst Hans-Ulrich Rudel. Stoll-Berberichs Beförderung zum Major, für die er später mehrere Zeugen nennen konnte und die auch in seinem Soldbuch eingetragen war, ging im Chaos der letzten Kriegstage unter. Die Bundeswehr erkannte sie nicht an.

Bei Kriegsende flog Egon Stoll-Berberich von Pardubitz aus mit zwei weiteren Kameraden in einem Fieseler Storch in Richtung Thüringer Wald. In der Nähe von Langensalza setzte er das Flugzeug in die Bäume, damit die Maschine nicht unversehrt in gegnerische Hände fiel. Ein mitfliegender und ebenfalls aus Bensheim stammender Kamerad kommentierte die dramatische Situation an Bord ununterbrochen mit den in südhessischem Akzent geprägten Worten: »Egon, die schnabbe uns!«

Dazu kam es jedoch nicht, und gleich nach der kontrollierten Bruchlandung gingen die Kameraden getrennte Wege. Egon Stoll-Berberich vergrub seine Unterlagen, Uniformteile und die Dienstwaffe, um sich in Zivil zum Wohnort der Familie durchzuschlagen. Noch war Thüringen von US-amerikanischen Truppen besetzt, dabei zeugt ein erhaltener Meldezettel vom 16. Mai 1945 von seinem schlechten Gesundheitszustand. Er litt unter einer immer noch akuten Dysenterie, einer entzündlichen Dickdarmerkrankung, die man bereits bei einer truppenärztlichen Behandlung im April 1945 diagnostizierte.

Dass die amerikanischen Truppen Thüringen im Juli 1945 räumten und die Rote Armee deren Platz einnahm, kam auch für Stoll-Berberich völlig überraschend. Ihm drohte die Gefangennahme, und als seine zivile Tarnung im September aufflog, kam es für ihn nochmals zu dramatischen Szenen. Beispielsweise entzog er sich seiner Verhaftung durch eine wilde Flucht über die Dächer jener Fabrik, in der er zuletzt gearbeitet hatte. Erst im Oktober 1945 traf er wieder bei seiner Familie in Bensheim ein. 1959 zog Egon Stoll-Berberich dann erneut die Uniform an, zehn Jahre später ging er als Oberstleutnant der Bundesluftwaffe in Pension, 1973 verstarb er im Alter von nicht ganz 60 Jahren.

Der Krieg blieb gegenwärtig

Dabei ließen ihn die Kriegsereignisse auch Jahrzehnte später nicht los. Nachts, im Traum, holte ihn die Vergangenheit wieder ein. Dann kehrte er zurück zu jenem Februartag 1943, als er im von der gegnerischen Flak abgeschossenen Stuka eingeklemmt war und zu verbrennen drohte; noch auf dem Sterbebett schlug er wild um sich und schrie: »Holt mich hier raus!«

Bisher zu Egon Stoll-Berberich erschienen:
FC 1/2018 Die Flak-Hölle von Malta
FC 9/2018 »Betriebsausflug nach Osten«
FC 3/2019 Dramatische Wende

Friedrich Lang – der Jubilar

Foto Sammlung Peter Cronauer

Am 7. März 1944 absolvierte Friedrich Lang seinen »1000. Feindflug«. Seit dem ersten Kriegstag flog er Einsätze in Polen, Frankreich, gegen England, auf dem Balkan, im östlichen Mittelmeerraum und seit dem Beginn des Unternehmens »Barbarossa« im Nord-, Mittel- und Südabschnitt der Ostfront. Er war am Angriff auf das Fort Eben Emael beteiligt, am »Durchbruch bei Sedan«, ebenso am Kriegsgeschehen um Leningrad, Smolensk, Stalingrad und die Kuban-Halbinsel.

Im November 1941 verlieh man ihm das Ritterkreuz, ein Jahr später das Eichenlaub. Ab dem 1. April 1943 fungierte er als Gruppenkommandeur der II./StG 1. Irmfried Zipser erinnert sich an den gebürtigen Sudetendeutschen als »ruhigen, besonnenen, überlegten« Truppenführer, dem man wenige Wochen nach seinem Jubiläumseinsatz außerdem noch die Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub verlieh. Zipser war auch am 7. März 1944 zugegen, als Lang von seinem »1000. Feindflug« zurückkehrte. Kriegsberichterstatter waren da, Generalmajor Fuchs gratulierte persönlich, ein Auto wurde geschmückt, ein Plakat beschriftet. »Dass man dann auch noch meinem Staffelkapitän (Egon Stoll-Berberich) das Ritterkreuz verlieh, kam für uns alle überraschend. «

Lang, der vor dem Krieg Physik, Mathematik und Flugzeugbau studiert hatte, arbeitete nach dem Krieg vorübergehend als Lehrer und Bauingenieur. 1956 ging er wieder zur Bundeswehr, wurde aber für fluguntauglich befunden, kommandierte ab 1960 das Luftwaffenausbildungsregiment in Uetersen und von 1967 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1971 das Verteidigungsbezirkskommando 22 in Hannover. Er verstarb Ende 2003 im Alter von 88 Jahren.


Fotos, soweit nicht anders angegeben, Sammlung Frank Stoll-Berberich