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EIGENTLICH GANZ: IGEILI


Träume Wagen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 13.04.2018

Die zweite Version des All-American-Mustang rollte downsized mit reduziertem Vollgas in das Ölembargo. Das Mittelklasse-Pony verkaufte sich dennoch gut, und nach Jahren der Häme leckt sich die Fangemeinde inzwischen die Finger nach Lee Iacoccas 2er. Vor allem, wenn es ein so seltenes Exemplar ist wie die King Cobra von Alex Westbom aus Schweden. Aufkleber, Plüsch und ein 5.0-Liter-V8 sind die Zutaten für eines der seltensten Pferdchen auf diesem Planeten. Yeah. Cowboyhut auf die Birne und losfahren, wir sitzen hinten

Artikelbild für den Artikel "EIGENTLICH GANZ: IGEILI" aus der Ausgabe 4/2018 von Träume Wagen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Träume Wagen, Ausgabe 4/2018

Es fühlt sich an wie eine Gegenüberstellung mit Clint Eastwood. Der Schauspieler ist ...

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... eigentlich nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, aber hey, es ist Eastwood. Das braune Auto hier ist eigentlich auch nur ein Auto aus Stahl und Kunststoff, aber hey, es ist eine King Cobra! Und dann trägt der Typ am Steuer auch noch einen Cowboyhut, wir sind mitten in Schweden in der Nähe von Stockholm, die Sonne brät vom Himmel auf den alten Flugplatz und alles ist ein bisschen unwirklich. Der jugendlicher-als-er-ist aussehende Mann strahlt noch breiter als die schwedische Sonne, steigt aus, öffnet mit der einen Hand die Motorhaube und hält dem Fotografen mit der anderen Hand eine Schlangenfigur aus Plastik vor die Kamera. Argh. Eine Cobra! Vermutlich eine Königscobra.

Alex Westbom scheint eine echte Frohnatur zu sein, er hört mit dem Strahlen einfach nicht auf. 2013 hatte er schon einmal einen Mustang der 2. Generation, einen Ghia. Das war sein erstes Auto (ups, er sieht also nicht nur so jung aus – er ist es auch), und wie sich das gehört, wurde der Erwerb und parallel der 50. Geburtstag seiner Mutter mit der ganzen Familie in Las Vegas gefeiert! Auf dem Speedway sah sich der junge Schwede von ungezählten Mustangs umringt und glaubte sich im Ponyhimmel. Einer stach raus. Die gleiche Baureihe wie sein erstes Auto, aber in einem Dunkelbraun-Metallic mit wilden Aufklebern und einem 5-Liter-V8: eine King Cobra. Alex sprintete umgehend zu William, dem Besitzer, und verstrickte ihn in ein langes Gespräch. Für einen Mustang-Fan ist die King Cobra so etwas wie das lange verschollene Paar goldene Sporen für Clint Eastwood. Ein „One in a Million“. Die beiden verabredeten sich für den folgenden Tag noch einmal, der William tauchte aber nicht bei seinem Auto auf. Also hinterließ Alex seine Mailadresse auf einem kleinen Schnipsel Papier am Auto und reiste mit seiner Familie wieder heim. Dort wurde sein geliebter 2er Ghia prompt von einem Kabelbrand dahingerafft. Verdammt. Ohne Mustang ging es nicht. Schon eine Woche später stand ein (original neu nach Schweden verkaufter) 75er Mach 1 vor seiner Tür. Und damit es nicht langweilig wird – weitere zwei Monate später meldete sich William aus Las Vegas, der seine King Cobra verkaufen wollte und sich fragte, ob Alex sie vielleicht haben möchte. Ja. Alex wollte. Er kaufte das braune Auto wie gesehen am Telefon, hatte es drei Monate später vor der Tür und schickte den Mach 1 in den vorläufigen Ruhestand.
WTF ist so cool an diesem braunen, kleinen Auto, was auf den ersten Blick noch lustiger aussieht als die Hot-Wheels-Autos in der Sandkiste unserer Nachbarskinder? Es ist seine Geschichte, seine Ausstattung und nicht zuletzt sein Motor. Als Lee Iacocca 1970 Präsident der Ford Motor Company wurde, war die Glanzzeit der Pony-Cars schon am Verblassen. Der ursprünglich schlanke, leichte und preiswerte Mustang war zu einer Mittelklasse-Limousine verspeckt, viele Neuwagenkäufer griffen deshalb nach preiswerteren, sparsameren Autos. Also startete Ford eine rückwärts gerichtete Offensive, um den Mustang wieder zu dem zu machen, was er einst war. Die Basis für die zweite Generation sollte der kleine „Pinto“ werden, damit hatte das neue Pony eine noch kompaktere Grundlage als der Ur-Mustang mit dem „Falcon“. Damit ließ sich der neue Wurf nicht mehr in die Liga der Pony-Cars einordnen, vielmehr stellten die Tester ihn neben kompakte Sportler wie den Chevy Monza, den Pontiac Sunbird oder den Buick Skyhawk! Und noch heftiger, wer hätte das gedacht: Der Mustang II trat sogar gegen europäische Importfahrzeuge wie den Ford Capri, den VW Scirocco, den Datsun 240 Z oder den Toyota Celica an. Mit seinem 2.3-Liter-Reihenvierzylinder oder dem 2.8-Liter-Cologne-V6 war er für die einen der Untergang einer amerikanischen Legende, für die anderen eine richtige Konsequenz auf die Ölkrisen und die Wünsche der Neuwagenkäufer. Und die kauften. Während im letzten Jahr des Mustang 1 nur noch rund 130.000 Stück die Werkshallen verließen, griffen im ersten Jahr des Mustang 2 schon über 380.000 Käufer zu. In nur vier Jahren verkaufte Ford über 1 Million Mustangs und legte damit die erste Grundlage des Downsizing innerhalb der „Big Three“ in Detroit.

Alter Schwede? Nö. Axel ist jünger als seine King Cobra und lebt den amerikanischen Traum


TECHNISCHE DATEN
FORD MUSTANG II KING COBRA
Baujahr: 1978
Motor: V8 Windsor
Hubraum: 4.942 cm3 (302 cui)
Leistung: 103 kW (141 PS) bei 3.600/min
Max. Drehmoment: 339 Nm bei 1.600/min
Getriebe: Dreigang-Automatik C4
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.445/1.783/1.270mm
Gewicht: 1.365 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 10,4s
Top-Speed: 152 km/h
Neupreis 1978: 6.738,- $

Polarisierend. Was im Downsizing weggenommen wurde, kam optisch in Schlangenform und Spoilern wieder dazu


Im letzten Produktionsjahr 1978 wollte man es dann noch einmal wissen. Bevor der Nachfolger Mustang III auf den Markt geworfen wurde, gestalteten die Designer ein Options-Paket der Extraklasse. Tief gezogene Spoiler, Seitenstreifen, ein riesiger Cobra-Schlangenaufkleber auf der Haube (wie beim Trans Am das Screaming Chicken) und eine Bestückung ausschließlich mit den 5.0-Liter-Windsor-V8-Motoren. Die Ausstattung war vergleichbar mit der gehobenen BOSS-429-Ausstattung, mehr Mustang fürs Geld gab es damals nicht zu kaufen. Genau 4.313 Fahrzeuge dieser Art wurden gebaut. Eins davon hat jetzt Alex. Der junge Mann liebt seinen originalen Wagen und kann im braunen Inneren gleich eine ganze Reihe von Besonderheiten präsentieren. Die mechanische Drehzahlenuhr – funktioniert! Wer kennt noch irgendein amerikanisches Auto, in dem die Uhr funktioniert? Unter den runden Zusatzinstrumenten steckt ein originaler Eight-Track-Spieler, für den Alex sogar noch ein paar Tapes hat. Und der Deckel vom Handschuhfach ist seine braune Mauritius. Darauf haben unterschrieben:
• Dick Nesbitt (Mustang-II-Hardtop-Entwurf)
• Buck Mook (Chefdesigner und Mustang II Fastback)
• Ara Ekizian (Cobra-II-Design)
• Howard Payne (Interior-Design)
• Wayne Tanner und Al Carpenter (Mustang-II-Modeling)
• Gale Halderman (Mustang I und II)
Wow. Ein Deckel of Fame in einer Hall of Plüsch. Hier drin ist nichts jugendlich-sportlich, wie es einst geplant war. In der King Cobra sitzt es sich wie ein einem Cadillac Brougham, nur ein wenig schmaler. Diese Brauntöne überall, abgesetzt mit schwarzem Kunststoff und gebürstetem Edelstahl sind eine Wohltat für das Auge des neuen Jahrtausends. Und man möchte kaum glauben, dass die Schlange einmal so etwas wie ein Sportwagen war. Oder? Oh doch. Vielleicht ist ein Vierzylinder ein wenig zu schlapp, aber die Szene hat genau diesen Body für sich entdeckt, weil er klein, leicht und agil ist. Steckt dann wie hier noch der V8 drin, wenn auch nicht der leistungsstärkste – dann geht das Pony ab wie unter dem Hintern eines Apachen auf dem Kriegspfad.
Alex Westbom jagt das braune Schlangenpony über die Startund Landebahn des kleinen Sportflughafens. Er sieht klasse aus, er klingt gut und er springt durch die Kurven wie ein Gokart. Vor den silbernen und dunkelblauen Neuwagen draußen auf dem Parkplatz sind diese Form und diese Farben so belebend wie ein Café Americano. Mit Crema. Vielleicht gehen deshalb auch gerade kleine Kinder so steil, wenn sie das Auto sehen. Hot Wheels. Das schlotende Kraftwerk im Hintergrund lässt die aktuellen Diskussionen um Abgasgrenzwerte ins Absurde gleiten und mal wieder die Frage aufkommen, warum man eigentlich überhaupt noch neue Autos kauft.

Alex ist das alles egal. Er stellt seine King Cobra zurück in die Reihe der anderen Straßenkreuzer und stellt die Schlange wieder auf die Haube. Später soll er hier noch den Pokal für die Member’s Choice Mustang Alley abräumen. Sein Mustang II ist die einzige King Cobra in Schweden und eine von weltweit nur drei Stück in dieser Farbkombination mit Automatikgetriebe und ohne T-Top. Ein braunes Juwel. Und ein polarisierendes Auto in einer immer gleicher aussehenden Masse von reinen Fortbewegungsmitteln.

1978: Der King ist der erste Mustang, der das 5.0-Emblem am Heck tragen darf. 5.0 Liter - das sind 302 cui


Einmalig: Die originalen Unterschriften fast aller am Mustang beteiligten Designer sind auf dem Handschuhfachdeckel verewigt!