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EIN AUFSTIEG FÜR DIE GESCHICHTSBÜCHER


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 28.01.2022

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Der K2, der von seiner Basis am Gletscher aus mehr als drei Kilometer weit in den Himmel ragt, ist als ?wilder Berg? gefürchtet. Auf vier Bergsteiger, die wieder vom Gipfel zurückkehren, kommt einer, der den Versuch nicht überlebt. Noch nie hatte jemand ihn im Winter bestiegen. Nirmal ?Nims? Purja sagt: ?Wir wollten der Welt zeigen, dass das Unmögliche möglich ist.?

VERSCHLUCKT DER VON LEEREN, SCHWARZEN NACHT

versuchte Mingma Gyalje Sherpa, den tanzenden Kegel seiner Stirnlampe auf seine nächsten Schritte zu richten, doch die Kälte lähmte sein Denkvermögen. In seinem voluminösen Daunenanzug, mit einer weiteren Daunenjacke darunter, dazu zwei Lagen langer Unterwäsche und Flaschensauerstoff, sollte es ihm eigentlich gut gehen. Doch auf all den Gipfeln, die er bezwungen hatte, bei all den Blizzards und eisigen Stürmen, die er überstanden hatte – Temperaturen wie diese hatte er noch nie erlebt. Es war eine schneidende, außerirdische Kälte.

Er konnte fühlen, wie sein Körper abschaltete. Seine linke Seite bekam die volle Wucht der Sturmböen ab. Doch es war sein rechter Fuß, der ihm wirklich Sorgen machte. Er hatte zuerst gekribbelt, dann gebrannt und war schließlich taub geworden – Vorstufe einer schweren Erfrierung. Er wusste, es war ein Zeichen dafür, dass sein ...

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... Körper der Durchblutung der lebenswichtigen Organe Priorität einräumte und Extremitäten zu opfern bereit war. Und das, bevor er überhaupt die sogenannte Todeszone oberhalb von 8000 Metern erreicht hatte, wo Sauerstoffmangel zu Halluzinationen, Lungenödemen und zum Verlust des Selbsterhaltungstriebs führen kann.

Der Sherpa, der als Mingma G. bekannt ist, schaltete sein Funkgerät ein. Er war drauf und dran, umzukehren. „Dawa Tenjin? Dawa Tenjin?“, rief er hinein, doch nur der heulende Wind antwortete. Er konnte die schwachen Lichter einiger Teammitglieder ausmachen, die den flachen Schneehang über ihm hinaufstapften. Alle waren wohl zu sehr auf die anstehenden Aufgaben konzentriert oder zu sehr in ihr eigenes Leid vertieft, um zu antworten, dachte er.

Selbst im milderen Sommer zählt der K2, der mit 8611 Metern zweithöchste Gipfel der Erde, zu den tödlichsten Bergen der Welt. Obwohl er 238 Meter niedriger als der Mount Everest ist, erfordert seine Besteigung weit mehr bergsteigerisches Können und verzeiht keine Fehler.

Jetzt, knapp vier Wochen nach der Wintersonnenwende, wenn die Nordhalbkugel am weitesten von der lebensspendenden Wärme der Sonne abgewandt ist, gehören die Bedingungen auf dem Berg zu den lebensfeindlichsten auf diesem Planeten. In höheren Lagen fällt die

gefühlte Temperatur mitunter auf 60 Grad unter null, was in etwa der Durchschnittstemperatur auf dem Mars entspricht. In einem verzweifelten Versuch, Erfrierungen zu vermeiden, trat er mit seinem gefühllosen rechten Fuß kräftig gegen ein Stück Eis. Trotz allem war dies ein Moment, von dem Mingma G. lange geträumt hatte. Ihm war bewusst, dass einige seiner Teamkollegen gerade dabei waren, mithilfe von Eisschrauben, Haken und Schneeankern Seile am Berg zu befestigen und so eine sichere Route zum Gipfel zu präparieren, der er folgen konnte.

Für die meisten erfahrenen Bergsteiger war die Vorstellung einer Winterbesteigung des K2 reiner Wahnsinn. Sechsmal war es bereits ernsthaft versucht worden, aber keine der Expeditionen war auch nur in die Nähe des Gipfels gekommen. Die Hindernisse erschienen zu zahlreich: unberechenbare Orkanböen, die innerhalb von Sekunden eine ganze Seilschaft hinwegfegen konnten; Steinschlag und Eisbrocken, die wie Geschosse herabstürzten. Dazu dünne Luft, die die Lunge quält und die Sinne verwirrt. Und diese grimmige, gnadenlose Kälte. Nicht selten führten der Druck und die Gefahren auch zu Streit und Machtkämpfen.

Mehr als 60 Bergsteiger waren in den letzten Monaten des Jahres 2020 im pakistanischen Teil des Karakorum am Fuße des K2 eingetroffen. Sie alle wollten den letzten historischen Sieg im Alpinismus für sich verbuchen. Doch für Mingma G. und seine neun Bergkameraden, allesamt Nepalesen, ging es bei der Expedition um weit mehr als nur persönlichen Ruhm. Sie wollten beweisen, dass ihre Nation, die für einige der höchsten Berge der Welt bekannt ist, etwas erreichen konnte, was viele für unmöglich hielten.

Für Mingma G. schien der Gipfel des K2 zum Greifen nah. Doch um welchen Preis? Sein Vater, ebenfalls Bergführer, hatte durch Erfrierungen alle bis auf zwei Finger verloren, als er am Everest seine Handschuhe ausgezogen hatte, um einem Kunden die Schnürsenkel zu binden. Wäre der Gipfel das wert? Für Mingma G. und seine Kameraden war die Antwort einhellig ja!

TV-TIPP Am 11. Februar um 14.30 Uhr zeigt NATIONAL GEOGRAPHIC WILD die Natur-Doku Asiens geheime Wildnis über Überlebenskünstler der Berge wie Schneeleoparden, Japanmakaken und das Blauschaf, das im Himalaya auf bis zu 6500 Metern unterwegs ist.

DABEI WIRKTE DIE VORSTELLUNG, epochale bergsteigerische Rekorde aufzustellen, im Jahr 2020 eher anachronistisch. Denn um die Mitte des 20. Jahrhunderts waren alle 14 Achttausender bezwungen. Den Anfang machte 1950 die nepalesische Annapurna I, gefolgt 1953 vom Everest und dem Nanga Parbat in Pakistan. Den Abschluss bildete 1964 der Shisha Pangma in Tibet.

Es war ein fieberhafter Wettkampf der Nationen, und auch wenn alle Berge in Asien lagen, waren es europäische Teams, die die Mehrzahl der Rekorde für sich beanspruchten. Obwohl buchstäblich jede Expedition dieser Ära auf Sherpas, Tibeter oder Balti angewiesen war, die Ausrüstung zu den Basislagern brachten und Lasten den Berg hinaufschleppten, wurde der Beitrag dieser unverzichtbaren Partner in den Geschichtsbüchern kaum gewürdigt.

Auch nach den Erstbesteigungen ging die Rekordjagd weiter. Der polnische Bergsteiger Andrzej Zawada kam auf die Idee, die Achttausender im Winter zu besteigen, zur schwierigsten Jahreszeit. Er leitete eine Expedition, bei der zwei Bergsteiger im Winter 1980 den Gipfel des Everest erreichten, Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Erstbesteigungen im Winter durch polnische Alpinisten. Lediglich die pakistanischen Gipfel widerstanden den Winterbergsteigern bis weit ins 21. Jahrhundert. Der Karakorum ist im Winter deutlich kälter und windiger als die rund acht Breitengrade weiter südlich gelegenen nepalesischen Gipfel. Es brauchte 31 An - läufe, bevor schließlich 2016 der Nanga Parbat bezwungen wurde. Nur der K2 blieb noch.

Auch wenn er landläufig im Schatten des Everest steht, gilt der K2 unter Alpinisten als weitaus größere Herausforderung. Das hängt nicht zuletzt mit seiner extremen Abgeschiedenheit zusammen. Er ist so weit weg von menschlicher Zivilisation, dass die Bewohner des Karakorums nicht einmal einen einheitlichen Namen für ihn hatten. So blieb ihm die nüchterne Bezeichnung der britischen Vermesser von 1856: K2. Aus Richtung Süden kommt der Berg nach einem Viertagesmarsch über unwegsames Gelände in Sicht. Seine charakteristische Pyramide ragt einer Pfeilspitze gleich in den Himmel. Vor allem in Gipfelnähe ist er gefährlich steil. Jeder noch so kleine Fehler kann fatale Folgen haben. Ein Stolpern über die eigenen Steigeisen, ein versehentliches Einklinken in ein nicht gesichertes

VIELE NEPALESISCHE BERGSTEIGER WAREN AN EPOCHALEN AUFSTIEGEN BETEILIGT, DOCH NIE ZUVOR HATTE EIN REIN NEPALESISCHES TEAM EINE HISTORISCHE ERSTBESTEIGUNG ALLEINE UNTERNOMMEN.

Seil – und es ist höchstwahrscheinlich, dass der Sturz erst auf dem mehrere Tausend Meter tiefer liegenden Gletscher endet.

Da die Fehlertoleranz im Winter noch weitaus geringer ist, hängt ein Erfolg, ja das bloße Überleben wesentlich von der Logistik ab. Gewaltige Gipfel wie der Everest und der K2 werden kaum je in einem einzigen Anlauf erklommen. Vielmehr machen die Teams normalerweise mehrere Auf- und Abstiege, um sich zu akklimatisieren und gleichzeitig Fixseile sowie Lager anzulegen, die mit wichtigen Ausrüstungsgegenständen wie Sauerstoffflaschen, Zelten und Seilen bestückt sind. In den letzten Jahren hat sich ein sportlicherer, leichterer Stil des Alpinismus etabliert, doch der K2 im Winter verlangt eine Gruppenleistung der alten Schule: Jeder Einzelne muss mehrfach schwere Lasten über gefährliches Terrain schleppen. Teamarbeit ist hier unabdingbar.

MINGMA G. IST 1,75 METER GROSS, hochgewachsen für einen Sherpa. Er ist 33 Jahre alt, breitschultrig und trägt seine Haare oft schulterlang wie ein Rocker aus den Siebzigern. Wenn er spricht, schaut er einem meist direkt in die Augen, und seine Art, auf den Punkt zu kommen, gibt seinen Worten gefühlt zusätzliches Gewicht.

Er wuchs im Rolwaling auf, einem engen Hochtal im Himalaya. Es liegt weit entfernt vom betriebsamen Khumbu-Tal, hat aber einige der bekanntesten Sherpa-Bergführer hervorgebracht. Als er klein war, lauschte Mingma G. seinem Vater und seinen Onkeln, die allesamt als Bergführer arbeiteten und in kalten Winternächten am Ofen Geschichten vom Everest erzählten. Diese Geschichten drehten sich weniger um die ausländischen Bergsteiger, die alljährlich im Frühjahr Nepal überschwemmten. Sie erzählten vielmehr von einheimischen Helden und Heldinnen wie Pasang Lhamu Sherpa, die 1993 als erste nepalesische Frau den Gipfel des Everest erreichte und beim Abstieg tödlich verunglückte. Oder von Mingmas Cousin Lopsang Jangbu Sherpa, der die Katastrophenexpedition vom Mai 1996 überlebte, die durch Jon Krakauers Buch „In eisige Höhen“ berühmt wurde, und dann vier Monate später durch eine Lawine am Everest ums Leben kam.

2006 nahm ein Onkel den gerade 19-jährigen Mingma G. auf seine erste Expedition zum Mansalu mit. Im Jahr darauf bestieg Mingma G. mit der Expedition eines französischen Veranstalters den Everest. Ab 2011 organisierte und leitete er eigene Expeditionen. Es waren schwierige Jahre. Von 2001 bis 2008 wurde Nepal von einem blutigen Aufstand der Maoisten erschüttert, viele internationale Bergsteiger blieben weg. Um die wenigen Alpinisten, die sich noch nach Nepal wagten, gab es unter den Bergführern erbitterte Kämpfe.

In der Wintersaison 2019/20 plante Mingma G. die Wintererstbesteigung des K2 zusammen mit drei zahlenden Teilnehmern. Schon das Leben im Basislager auf 4960 Metern war eine echte Tortur. Kurz nach der Ankunft zog Mingma G. sich dort eine Lungenentzündung zu und musste das Lager verlassen.

Dann schlug Corona zu. Zehntausende Bergführer, Träger und Köche im ganzen Himalaya waren arbeitslos. Binnen weniger Wochen nach seiner Rückkehr vom K2 wurden Mingma G.

sämtliche für das Jahr geplanten Expeditionen storniert. Er versuchte, ein paar Freunde zu einem neuerlichen Anlauf auf den K2 zu überreden. Aber niemand wollte die 10 000 US-Dollar ausgeben, die allein das Permit für das Basislager kostete, plus einige Zehntausend mehr, um mit einem auf das Notwendigste reduzierten Begleitteam den Gipfelversuch zu unternehmen.

Mingma G. wollte die Idee schon fallen lassen, aber etwas nagte an ihm. Sherpa Tenzing Norgay war einer der ersten beiden Menschen auf dem Gipfel des Everest, und obwohl er als Nationalheld gilt und sein Foto in zahllosen nepalesischen Wohnungen hängt, hatte er diesen Triumph doch mit dem Neuseeländer Edmund Hillary geteilt. „Als ich bei Wikipedia nachsah, war da nicht eine einzige nepalesische Flagge auf der Liste der Achttausender-Winterbesteigungen“, erzählt Mingma G. „Mir wurde klar: Wenn wir den K2 verlieren, verlieren wir alle Achttausender.“

Er wusste, dass er Geld ausgeben musste, auch wenn dies bedeutete, dafür das Stück Land in Kathmandu zu beleihen, das er gekauft hatte und in dem der Großteil seiner Ersparnisse steckte. Es gelang ihm, ein Brüderpaar anzuwerben, Kilu Pemba und Dawa Tenjin Sherpa, beide älter als er, beide verheiratet, mit Kindern im Teenageralter und beide mit jahrzehntelanger Hochgebirgserfahrung. „Es war sehr schwierig, die Ehefrauen von Kilu Pemba und Dawa Tenjin zu überzeugen“, erinnert sich Mingma G., der nicht verheiratet ist. „Sie sagten: ‚Wenn unsere Ehemänner sterben, ziehen wir zu dir und du musst uns ernähren.‘ Das hat mich … schon massiv beunruhigt.“

Dazu kam ein weiteres Problem. Nach Jahren ständig aufeinanderfolgender Expeditionen und der aufreibenden Leitung seines eigenen Unternehmens machte Mingma G. eine für einen Sherpa erschreckende Entdeckung: Er war nicht mehr in Form. Während er in Kathmandu auf das Abebben der Pandemie wartete, trieb ihn eine Verwandte zu Wanderungen und Fahrradtouren an. „Ich nahm mehrere Kilo ab und fing an, mich wieder stark zu fühlen“, berichtet er.

Mingma G. war nicht der einzige Sherpa, der den K2 im Visier hatte. Auch die drei Brüder Mingma, Tashi Lakpa und Chhang Dawa Sherpa erkannten, dass Pakistan eines der wenigen noch zugänglichen Hochgebirgsziele Asiens war. Die drei Brüder sind Haupteigentümer von Seven Summit Treks, einem der erfolgreichsten Trekking- und Expeditionsanbieter in Sherpa-Besitz. Vor Corona stellte das Unternehmen jede Saison eine der größten Gruppen am Everest, auch weil seine Preise unter denen westlicher Veranstalter liegen. Um das katastrophale Stornojahr einigermaßen abzufedern, suchte Seven Summit im Frühjahr 2021 in den sozialen Medien nach Kunden, die an einer Winterexpedition zum K2 interessiert waren. Rasch war mit Bergsteigern aus Russland, Spanien, Irland, der Türkei und dem Vereinigten Königreich eine Expeditionsmannschaft beisammen.

AM 21. DEZEMBER 2020, dem kalendarischen Winteranfang, machten sich Mingma G. und seine beiden Bergkameraden auf in Richtung Gipfel. Einige Tage später kampierten sie auf 6900 Metern unterhalb eines Abschnitts, der als Schwarze Pyramide bekannt ist. Der fast senkrechte Steilhang aus brüchigem Fels ist die erste große technische Herausforderung. Es würde einen ganzen Tag präzisen Kletterns mit schwerem Gepäck erfordern, um Lager 3 zu erreichen, den Ausgangspunkt für ernsthafte Gipfelversuche. Doch sie hatten ein Problem: nicht genug Kletterseil.

Mingma G. wusste, dass mehrere Teams in den tiefer gelegenen Lagern sich gerade akklimatisierten. Eines war das rein nepalesische Team unter der Leitung des vor Energie und Selbstbewusstsein sprühenden ehemaligen Soldaten Nirmal „Nims“ Purja, der erst einige Jahre zuvor mit dem Höhenbergsteigen begonnen hatte. Mingma G. und Nims waren sich 2019 kurz begegnet, als Nims gerade dabei war, alle 14 Achttausender der Welt in neuer Rekordzeit zu bezwingen – was er innerhalb von sechs Mona - ten und sechs Tagen schaffte. Die Aktion machte Nims vom Nobody zum Social-Media-Liebling.

Natürlich gab es eine gewisse Rivalität. Beide waren extrem kompetente Führungspersönlichkeiten, und doch waren sie sehr verschieden: Mingma G. war eher ruhig und zurückhaltend; Nims war forsch und witzig und stand gerne im Rampenlicht. Die Ankündigung in den sozialen Medien war typisch für ihn: Er werde der Erste sein, der den K2 im Winter bezwingt.

Dennoch funkte Mingma G. Nims an und fragte, ob er ihnen Seil überlassen könne. Ob - wohl Nims gerade erst am Berg angekommen war und seine Männer sich noch nicht akklimatisiert hatten, boten sie an, Seil hinaufzubringen. Am folgenden Morgen unterhielten sich die beiden Teams im Schatten der Schwarzen Pyramide beim Tee und stellten fest, dass beide keine ausländische Kunden dabei hatten. Sie wollten den K2 für sich allein.

GRAFIK: SOREN WALLJASPER, NG. GELÄNDEDARSTELLUNG: ERIC KNIGHT. QUELLEN: AMERICAN ALPINE CLUB LIBRARY; BERNADETTE MCDONALD; NASA

WÄHREND GELJE AUF DER SILVESTERPARTY WITZE ERZÄHLTE UND ALS DJ AUFTRAT, KEIMTE IN DEN BEIDEN TEAMS EINE IDEE: WARUM NICHT DIE KRÄFTE BÜNDELN?

Am nächsten Tag stiegen alle zum Basislager ab, um Kräfte zu tanken. Ein grauer Himmel schien dem Gletscher jegliche Farbe zu entziehen, und ein unablässiger Wind trieb Eiskristallströme zwischen die flatternden Zelte. Es war der 31. Dezember, und da die Wettervorhersage schlecht war, bot es sich an, die Zeit zum Ausruhen zu nutzen – soweit dies an einem derart unwirtlichen Ort möglich war.

An diesem Abend schaute Nims in Mingma G.s Speisezelt vorbei, um das rivalisierende Team zu einer Silvesterfeier einzuladen. Anfänglich hatte Mingma G. keine rechte Lust, doch Nims schickte zwei Teammitglieder, die ihn schließlich überzeugen konnten, mit den anderen zusammen zu feiern.

Ohne seine wuchtige Bergmontur wirkt Nims fast jungenhaft. Seine glatte Haut und spärliche Gesichtsbehaarung lassen den 37-Jährigen jünger aussehen. Der Ex-Soldat brüstet sich damit, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. „Das lernt man in der Armee, Kumpel“, sagt er, ein bisschen im Slang eines englischen Pub-Besuchers. „Es gibt für alles immer einen Plan B. Und für meine Back-up-Pläne gibt es Back-up-Pläne, Mann.“ Als Mingma G.s Team zu der Party stieß, öffnete Nims sofort eine Flasche Whiskey. „Als wir die geleert hatten, waren alle leicht angeheitert“, erinnert sich Mingma G. „Dann machte Nims eine zweite Flasche auf, und dann noch eine und noch eine.“

Nims ist kein ethnischer Sherpa, sondern ein Magar. Das ist eine Volksgruppe mit Siedlungsgebiet in Zentralnepal. Er wuchs in Chitwan auf, einem Distrikt an der Grenze zu Indien, der eher für Elefanten und Tiger als für Berge bekannt ist. Mit 18 trat er den Gurkhas bei, einer Spezialeinheit aus nepalesischen Soldaten im Dienste der British Army, ein Relikt der Kolonialzeit. Neben dem Beruf des Bergführers ist dies eine der besten Karriereoptionen für ambitionierte Nepalesen: Gurkhas erhalten den gleichen Sold wie britische Soldaten und können die britische Staatsbürgerschaft erwerben.

Nach sechs Jahren bei den Gurkhas wechselte Nims zum Special Boat Service, den Spezialeinsatzkräften der britischen Navy. „Bei den Spezialkräften, bei den Dingen, die man dort macht, fühlt man sich unbesiegbar“, sinniert Nims. „Doch als ich dann auf den Berg ging, wurde mir sehr schnell klar, dass die Natur immer stärker als der Mensch ist.“ 2019 quittierte er den Militärdienst, um als Profibergsteiger seinen Traum zu verwirklichen, alle 14 Achttausender innerhalb von nur sieben Monaten zu bezwingen. Die Idee war nicht neu, doch niemand hatte sich ernsthaft an ein solches Unterfangen gewagt.

Nims rekrutierte für sein Vorhaben „Project Possible“ hochkarätige nepalesische Bergführer, die ihm beim Präparieren der Routen helfen und ihn begleiten sollten. So wie auch ein Team bei der Tour de France Fahrer einsetzt, die dem Champion den Weg zum Erfolg ebnen sollen. Nach der Bezwingung eines Gipfels begab er sich sofort zum nächsten, manchmal per Hubschrauber, was ihm eine neuerliche Akklimatisation ersparte – aber auch Kritik eintrug. Außerdem sparte er nicht an Flaschensauerstoff und nutzte an einigen Stellen Fixseile anderer Teams.

Am K2 dabei war einer der wichtigsten Männer aus dem „Project Possible“-Team: Mingma David Sherpa, ein umtriebiger 31-jähriger Bergführer, der als Nims’ rechte Hand fungiert. Teamältester war Pem Chhiri Sherpa, ein 42-jähriger Rolwaling-Sherpa mit 20 Jahren Erfahrung am Everest. Nims engagierte auch die beiden sehr erfahrenen Bergsteiger Dawa Temba Sherpa und Mingma Tenzi Sherpa. Das letzte Teammitglied war auch das jüngste: Gelje Sherpa, ein 28-jähriger Bergführer mit ansteckendem Humor.

Während Gelje auf der Silvesterparty Witze erzählte und den DJ spielte, keimte in den beiden Teams die Idee, ihre Kräfte zu bündeln. Die Vorteile, erinnert sich Pem, lagen auf der Hand: „Das beschleunigte die Arbeiten, und wir fingen an zu kooperieren. Dass wir alle Nepalesen waren, machte es einfacher.“ Sherpas, die am Berg arbeiten, gelten generell als besonnen, sie begegnen den Prüfungen des Lebens mit buddhistischer Gelassenheit. Doch der Beruf fordert einen hohen Tribut. Neben den körperlichen Schmerzen – Erfrierungen im Gesicht, entzündete Gelenke und chronische Rückenschmerzen – leiden alle auch unter dem Verlust von Freunden und Verwandten am Berg. Die letzten sieben Jahre waren besonders grausam gewesen. 2014 riss eine Lawine am Everest 16 der erfahrensten Sherpas in den Tod, worauf die Saison vorzeitig abgebrochen wurde. 2015 tötete ein Erdbeben 19 Menschen im Everest-Basislager – und rund 9000 im ganzen Land. Nun hatte die Pandemie sie arbeitslos gemacht. Für viele ist es ein undankbarer Job, der bitter macht: „Nur wenige ausländische Kunden würdigen unsere Hilfe; sie beschreiben uns als namenlose Hochgebirgsträger oder tun sogar so, als würden wir gar nicht existieren“, berichtet Mingma G. „Als ob wir ihre Artikel nicht lesen würden.“

Die Spannungen wuchsen auch, weil nepalesische Agenturen einen größeren Anteil an dem lukrativen Expeditionsgeschäft haben wollten, das über Jahre von ausländischen Unternehmen dominiert wurde. „Wir sind die Einheimischen, und wir wissen mehr als die ausländischen Trekking-Agenturen“, sagt Mingma G. Aber „90 Prozent der ausländischen Bergsteiger vertrauen nur ausländischen Unternehmen“.

Die erste Winterbesteigung des K2 würde der Welt zeigen, dass Nepalesen nun ihren rechtmäßigen Platz in der Bergsteigerwelt einnahmen: nicht nur als Begleiter, sondern als Leiter. „Wir wollten einen Gipfel für uns haben, für die Geschichtsbücher“, erklärte Nims später. „Klar, dass wir uns zu diesem Zweck zusammentaten.“

SHERPAS SAGEN GERN, dass ein Berg Kletterern die Erlaubnis gewähren muss, den Gipfel zu erreichen und wohlbehalten zurückzukehren. Aus diesem Grund führt jede Himalaya-Expedition eine sogenannte Puja-Zeremonie durch, in der die Götter um Erlaubnis zum Aufstieg und um eine sichere Begehung gebeten werden.

In den ersten beiden Wochen des Jahres 2021 war deutlich, dass der K2 nicht gewillt war, Menschen auch nur in die Nähe seines Gipfels zu lassen. Tagelang fegten Stürme mit Windgeschwindigkeiten von 160 Stundenkilometern um den Berg und ließen die Temperatur im Basislager weit unter minus 20 Grad sinken, sodass alle in ihren Zelten verschanzt blieben. Als der Wind etwas nachließ, stieg Nims’ Team zu Lager 2 auf. „Es war ein Bild der Verwüstung“, schrieb Nims auf Instagram. Die Ausrüstung, die sie dort für den Gipfelaufstieg deponiert hatten – Schlafsäcke, beheizbare Einlegesohlen für die Bergstiefel, Ersatzfäustlinge und -brillen – war weggeblasen.

Laut Vorhersage würde sich der Wind ab dem 14. Januar legen. Zurück im Basislager, wurde rasch neue Ausrüstung besorgt, und ein weiterer Nepalese, Sona Sherpa von Seven Summit Treks, stieß zu der Gruppe, um alles nach oben zu bringen. In der Zwischenzeit passten Nims und Mingma G. ihren Zeitplan für den Aufstieg zum Gipfel an. Anstatt eine frostige Nacht in Lager 4 zu verbringen, das üblicherweise auf rund 7600 Metern aufgeschlagen wird, wollten die Nepalesen den Gipfel von Lager 3 aus in einem Tag erreichen. Wenn alles glattging, würden sie am 15. Januar oben stehen. Doch dahinter stand ein großes Fragezeichen.

Später sollten einige Bergsteiger im Basislager den Nepalesen vorwerfen, ihre Pläne verheimlicht zu haben, um ein rein nepalesisches Team zu bleiben. Mingma G. sieht das gelassen: „Wollen Sie bei einer Fußball-WM, dass Ihr Land verliert?“, erklärte er in einem Interview auf der Website ExplorersWeb. „Natürlich nicht. Mannschaft und Trainer halten ihre Strategie immer geheim, damit dieser Wunsch auch in Erfüllung geht. Das war bei uns am K2 auch nichts anderes.“ Als die Nepalesen am Abend des 13. Ja - nuar auf 7000 Metern bei Lager 2 ankamen, war die Katze freilich aus dem Sack und mehrere Gruppen machten sich hinter ihnen an den Aufstieg. Während diese Teams bei schneidendem Wind jedoch im Lager 2 blieben, stiegen die Nepalesen am nächsten Morgen bis kurz unterhalb von Lager 3 auf. „Das Wetter spielte perfekt mit“, berichtet Mingma G. „Unterhalb von Lager 3 herrschte starker Wind, darüber war es praktisch windstill.“

Am 15. Januar machten sich Mingma G. und drei andere daran, oberhalb von Lager 3 bis zur sogenannten Schulter hinauf Seile anzubringen. Doch beim Anstieg über die scheinbar endlosen Schneehänge versperrte ihnen ein Labyrinth von Gletscherspalten den Weg. Kurz vor dem üblichen Platz für Lager 4 stießen sie auf eine riesige Gletscherspalte, die sie zur Umkehr zwang. Es dauerte Stunden, eine andere Route zu finden. Solche kräftezehrenden Rückschläge lassen viele Bergsteiger aufgeben, aber Mingma G. und die anderen kämpften sich weiter voran. Schließlich entdeckten sie eine stabile Schneebrücke über das Gletscherspaltenfeld und legten Fixseile den ganzen Weg bis zur Schulter.

Dann kehrten sie für ein paar Stunden unruhigen Schlafs zum Lager 3 und dem Rest des Teams zurück. „Es war eine ungewohnte Art von Kälte“, erinnert sich Gelje. „Sie machte einen sehr durstig. Es war schwierig, Nahrung zu verdauen, die man zu sich nahm.“ Am 16. Januar gegen zwei Uhr morgens brach das Team von Lager 3 auf. Für das letzte Stück zum Gipfel setzten alle Männer erstmals Sauerstoffmasken auf. Nur Nims hatte beschlossen, es seinen Kritikern zu zeigen und den „Berg der Berge“ ohne Sauerstoff zu besteigen – und damit eine epochale Leistung noch epochaler zu machen. Wenn er es denn schaffte. „Ich war nicht vollständig akklimatisiert. Ich hatte Frostbeulen an drei Fingern“, berichtet er.

In kleinen Grüppchen folgten die Bergsteiger der Route entlang der neu gelegten Fixseile an der Schulter. Die Mühen vom Vortag zahlten sich aus: Für die Strecke, die acht Stunden gekostet hatte, brauchten sie jetzt, in der Dunkelheit, gerade einmal drei. Doch ein heftiger Wind hatte eingesetzt. Mingma G. fühlte sich mutterseelenallein, spürte einsetzende Erfrierungen und war kurz davor, seinen Gipfelversuch abzubrechen.

Als jedoch niemand auf seinen Funkspruch reagierte, fiel ihm eine letzte Möglichkeit ein: Er stieß seine Füße mit aller Kraft gegen das Eis, um sie warm zu halten. „Wunderbarerweise hat das funktioniert“, erzählt er.

Endlich fielen die ersten Strahlen der Morgensonne auf die Schulter und wärmten die Körper der meisten Bergsteiger. Der Wind ließ nach, und trotz der nach wie vor arktischen Temperaturen wurde es ein traumhafter Tag. Vor ihnen lag die letzte große Herausforderung der Strecke, der sogenannte Flaschenhals, eine vereiste Engstelle, über der sich ein senkrechter Abbruch befindet. Sollte ein Sérac aus Gletschereis einstürzen, während sich einer von ihnen im Flaschenhals befand, würde dies für alle weiter unten wohl tödlich enden. Wie eine Mahnung lagen unterhalb des Couloirs etliche kühlschrankgroße Eisbrocken verstreut. Mingma Tenzi und Dawa Tenjin führten das Team durch die gefährliche Passage und montierten Seile für die Nachfolgenden. Auf ihrem Weg nach oben prasselten kleine Felsbrocken den Couloir hinunter und trafen gelegentlich einen Helm.

Auf dem letzten Stück zum Gipfel ging Mingma Tenzi voran, der 36-jährige Seilspezialist mit dem sonnigen Lächeln und dem Goldzahn. Er hätte den Gipfel leicht vor allen anderen erreichen können. Doch ein paar Meter unterhalb der Spitze blieb er stehen. Die anderen schlossen zu ihm auf. Nims hatte in der eisigen, dünnen Luft schwer zu kämpfen; jeder Schritt kostete ihn zwei bis drei Atemzüge. Die Sonne glitzerte auf dem Schnee, der den zweithöchsten Punkt der Erde bedeckte. Als alle zehn eingetroffen waren, hakten sie sich unter und stiegen die letzten Meter gemeinsam auf. Ganz allmählich fanden sie ihre Stimmen wieder, und dann, fast wie in einem Traum, kamen ihnen die Worte der nepalesischen Nationalhymne über die Lippen: Land des Wissens, Land des Friedens, Terai, Hügellandschaft und Himalaya, Unser unteilbares, geliebtes Mutterland Nepal. j Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

In der März-Ausgabe 2021 berichtete der Autor und Bergführer Freddie Wilkinson über den gewaltsamen Grenzkonflikt zwischen Indien und Pakistan in den Höhen des Karakorum.