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Ein Baby AUS DER UKRAINE


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 25.05.2022
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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 7/2022

Die Leihmutter hat schon leichte Wehen, das Kind kann jeden Moment kommen. „Wir haben noch keine Ahnung, wie wir unser Baby abholen sollen. Vielleicht versuchen wir es mit dem Auto und fahren mit einem der Hilfskonvois mit.“ Es ist der 26. März 2022, als ich das erste Mal mit Patricia* aus Bonn telefoniere. Seit vier Wochen herrscht Krieg in der Ukraine – dem Land, in dem eine andere Frau ihr Kind austrägt.

Ursprünglich sollte das Baby in einem Krankenhaus in Kiew zur Welt kommen. Doch aufgrund der anhaltenden Angriffe der Russen auf die Hauptstadt der Ukraine ist die hochschwangere Leihmutter mit einem Zug in eine andere Stadt in der Zentralukraine geflüchtet. „Freunde haben uns gefragt, ob wir Waffen mitnehmen, wenn wir unser Kind abholen. Jeder dort soll ein Gewehr haben und die Erlaubnis zu schießen. Aber was für Waffen denn? Wir haben doch keine Waffen“, sagt Patricia.

Patricia und ihr Mann ...

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... Mannix erwarten einen kleinen Jungen. Sie haben sich schon einige Namen überlegt, aber welcher es werden wird, steht noch nicht fest. „Da haben wir noch etwas vor uns! Bei unserer Tochter Lilly war das anders. Da waren wir uns schnell einig“, sagt Patricia. Es ist das zweite Mal, dass das Ehepaar ein Kind mithilfe einer Leihmutter bekommt. Auch Lilly kam in der Ukraine zur Welt, im Dezember 2018. Damals flog das Paar am zweiten Weihnachtsfeiertag los, um seine Tochter nach Hause zu holen. „Natürlich hatte ich vorher Bedenken, wie es sein würde, auf diese Weise ein Baby zu bekommen. Würde es sich gleich anfühlen, als sei es mein Kind, fragte ich mich. Aber als ich Lilly dort im Krankenhaus gesehen habe, war es sofort klar: Das ist mein Baby! Ich habe Rotz und Wasser geheult. Wir waren so glücklich“, erzählt Patricia.

1 000 Babys von Leihmüttern pro Jahr

Eine der größten Agenturen zur Vermittlung von Leihmüttern in der Ukraine ist „Bio-TexCom“. Pro Jahr kommen etwa 1 000 Babys über die Agentur zur Welt. Die Kosten für die Leihmutterschaft liegen zwischen 40 000 und 65 000 Euro. Die Leihmutter erhält davon etwa 20 000 Euro.

Es sind große Summen, die die Eltern zahlen müssen, um sich ihren großen Wunsch zu erfüllen. „Der Kinderwunsch ist mächtig“, berichtet Patricia. „Mein Mann und ich haben drei Kinder selbst bekommen. Die sind jetzt schon groß. Dennoch habe ich mir noch ein weiteres Kind gewünscht. Ich habe immer wieder versucht, diesen Wunsch zu verdrängen. Aber ich kam nicht dagegen an. Doch dann habe ich mein viertes Kind verloren. Danach konnte ich nicht wieder schwanger werden.“ Patricia hatte zuerst Bedenken, eine Leihmutter zu engagieren: „Die Leihmutterschaft wird ja oft sehr negativ dargestellt, als Ausbeutung der Frauen. Aber die bezahlen mit dem Geld ihre Häuser oder finanzieren ihren Kindern das Studium. Viele der Frauen sagen, dass sie den Paaren, die keine Kinder bekommen können, gerne helfen wollen und dass es sie glücklich macht. Aber ich könnte das nicht, man baut ja doch eine Bindung zu dem Kind auf, über die Monate der Schwangerschaft. Ich bewundere diese Frauen sehr.“

Während in der Ukraine eine Leihmutterschaft legal ist, ist sie in Deutschland verboten. Bei einem Verstoß gegen das Embryonenschutzgesetz werden zwar weder die Leihmutter noch die Wunscheltern bestraft, jedoch die Ärzte, die illegal die erforderlichen Fortpflanzungstechniken anwenden. Kritiker der Leihmutterschaft bemängeln, dass Babys wie Ware behandelt werden, die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind, die sich während der Schwangerschaft aufgebaut hat, mit der Geburt komplett gekappt wird. Ein zweischneidiges Schwert.

Die Vorfreude ist riesengroß

Die Kinder von Patricia und ihrem Mann sollen eines Tages erfahren, dass sie mithilfe von Leihmüttern zur Welt gekommen sind. „Wir wollen ihnen auf jeden Fall sagen, dass da jemand geholfen hat, dass sie eine Bauchmama haben und eine Herzmama. Ich habe noch guten Kontakt zu der Frau, die Lilly zur Welt gebracht hat. Nach der Geburt habe ich sie bei einem Botschaftstermin getroffen. Damals habe ich ihr das Kind in die Arme gelegt und ihr gedankt.“ Bis heute schreiben die Frauen sich Briefe, immer wieder schickt Patricia Pakete in die Ukraine mit kleinen Geschenken für die zwei eigenen Töchter der Leihmutter.

Im Umfeld von Patricia und ihrem Mann waren die Reaktionen auf die Leihmutterschaft positiv. Auch ihre erwachsenen Kinder konnten mit dem Familienzuwachs auf diesem ungewöhnlichen Weg gut umgehen. Patricia und ihr Mann waren so glücklich mit ihrer kleinen Tochter Lilly, dass bald der Wunsch nach einem weiteren Geschwisterchen entstand. Als feststeht, dass Lilly einen kleinen Bruder bekommt, ist die Vorfreude riesengroß. Doch der Krieg macht den künftigen Eltern große Sorgen. „Niemals hätten wir uns träumen lassen, dass wir unser Baby aus einem Kriegsgebiet abholen müssen. In der ersten Nacht nach dem Einmarsch der Russen saß ich senkrecht im Bett und habe mir ununterbrochen die Nachrichten angesehen“, sagt Patricia.

Obwohl ihr regelrecht schlecht wird, wenn sie an die Reise und die damit verbundene Gefahr denkt, kommt es für sie nicht infrage, ihr Baby in der Ukraine zu lassen. „Ich kann den Kleinen doch nicht da liegen lassen! Und wir wollen auch nicht warten, bis der Krieg vielleicht irgendwann vorbei ist.“

Babys im Luftschutzkeller

So wie Patricia und ihrem Mann geht es derzeit vielen zukünftigen Eltern. Jeden Tag werden es mehr Babys, die inmitten des Kriegschaos geboren werden. Die meisten Leihmütter warten in Kiew oder in der Zentralukraine auf die Geburten, die oft in den Kellern der Entbindungskliniken stattfinden. Nach ihrer Geburt werden die Kinder in Luftschutzkeller gebracht, wo sie bleiben, bis sie von ihren ausländischen Eltern abgeholt werden. Krankenschwestern versorgen sie inmitten von Sirenengeheul und Explosionen.

Völlig allein gelassen mit der Situation

Am 28. März erreicht Patricia und ihren Mann die wundervolle Nachricht: Ihr Sohn ist zur Welt gekommen! Von jetzt an folgen die beiden einem straffen Zeitplan. Sie wollen ihr Kind so schnell wie möglich nach Hause holen. Auf der Reise zu ihrem Baby beladen sie ihr Auto mit Hilfsgütern für das medizinische Personal, die Leihmütter und die Babys. „Windeln, Babynahrung, Verbandszeug, wir haben so viel wie möglich mitgenommen“, erzählt Patricia. Viel mehr konnten sie nicht tun. „Wir waren mit der Situation völlig allein gelassen. Die deutsche Botschaft müsste dringend helfen und zum Beispiel geschützte Rücktransporte ermöglichen.“

”Wir können unser Kind ja nicht da liegen lassen, bis der Krieg vorbei ist“

Endlich (fast) am Ziel

Am 12. April telefoniere ich erneut mit Patricia: Sie und ihr Mann haben es geschafft! Sie konnten ihren Sohn aus der Ukraine abholen, sind auf dem Rückweg nach Deutschland. Doch die Reise ist sehr anstrengend.

„Diese Fahrt ist einfach Irrsinn“, erzählt Patricia. Insgesamt kommt das Paar auf 4500 Kilometer mit dem Auto. „Auf dem Hinweg ging es durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Moldawien bis nach Kirowograd in der Ukraine. Wir sind über schlechte Straßen gefahren, haben zwei Nächte im kalten Auto schlafen müssen, weil die Hotels voll waren, zeitweise haben wir uns nur von Süßigkeiten ernährt. Wir haben kaum geschlafen, sind total übermüdet angekommen.“

Vor Ort entdeckt Mannix den Kleinen sofort. Er nimmt ihn auf den Arm und zeigt ihn seiner Frau, beide sind überglücklich und fangen an zu weinen. „Er gehörte sofort zu uns als Familie, es ist ein wunderschönes Gefühl, das noch mal erleben zu dürfen“, erzählt Patricia.

Ausreise ohne Kinderpass?

Doch nach dem Kennenlernen wartet noch eine Herausforderung auf das Paar: Weil die Deutsche Botschaft keinen direkten Termin zur Ausstellung des Kinderpasses anbieten kann, sind die drei ohne Pass unterwegs. An den Grenzübergängen finden stundenlange Kontrollen statt – doch am Ende geht alles gut. Einen Namen hat der kleine Junge jetzt auch: „Wir haben ihn Henry genannt“, sagt Patricia.

Die Fünffachmama will trotz der aktuellen Situation all den Menschen Mut machen, die sich ein Kind wünschen, aber bisher vergeblich auf die Erfüllung dieses Wunsches hoffen und über eine Leihmutterschaft nachdenken. „So etwas, wie es uns jetzt passiert ist, damit kann kein Mensch rechnen. Wir sind trotzdem unendlich dankbar, dass wir unseren Sohn jetzt endlich in unseren Armen halten können.“

MIRCA ELENA HEIDLER

PS: Nicht nur die Leihmütter-Babys sind in Gefahr: Die Hilfsorganisation IRC (International Rescue Committee) warnt, dass in den nächsten drei Monaten rund 80.000 Neugeborene in der Ukraine ohne Zugang zu medizinischer Versorgung zur Welt kommen. Wenn ihr helfen wollt, könnt ihr z. B. das Uniklinikum Bonn unterstützen: neonatologie-bonn.de/hilfsaktion-ukraine/

Was ist eine Leihmutterschaft?

Eine Leihmutter ist eine Frau, die anstelle der (genetischen) Mutter ein Kind austrägt. Nach der Geburt überlässt sie das Kind den Eltern. Die gesetzlichen Regelungen sind von Land zu Land verschieden. Für die Ukraine und Wunscheltern aus Deutschland gilt: Die Eltern müssen mit dem Kind genetisch verwandt sein. Der Vater auf jeden Fall, die Mutter, insofern die Möglichkeit dazu besteht. Ansonsten ist auch eine Eizellspende von einer Eizellspenderin möglich. Die Leihmutter darf allerdings nicht genetisch mit dem Kind verwandt sein, von ihr darf die Eizellspende also nicht kommen. Zur Befruchtung der Leihmutter wird die ICSI (intracytoplasmatische Spermieninjektion) angewandt.