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Ein besonders sanftmütiger Prophet


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 23.07.2021

Johannes in der Überlieferung des Islam

Artikelbild für den Artikel "Ein besonders sanftmütiger Prophet" aus der Ausgabe 3/2021 von Welt und Umwelt der Bibel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 3/2021

Dr. Ulvi Karagedik ist

Akademischer Mitarbeiter des Instituts für Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Ḥadīṯwissenschaft (Prophetenüberlieferungen), Sīraforschung (Prophetenbiografie), Koranexegese, Islam und Religionsfreiheit sowie zeitgenössische Problematiken der Muslime in Europa.

Die Geschichte von Johannes dem Täufer (arabisch Yaḥyā), die stilistisch zu einer der lebhaftesten islamischen Prophetenerzählungen gehört, beginnt im Koran mit der Erzählung über dessen Vater Zacharias und ist mit dieser eng verwoben. Über seinen Vater und seine Mutter Elisabet (in islamischen Quellen Ischā/Ischbā) entstammt der Prophet Johannes einer bedeutenden Propheten-und Priesterfamilie. Darüber hinaus bezeichnet der Koran Yaḥyā als Erben der Sippschaft Jakobs (19:6) und reiht ihn ...

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... somit in die Genealogie der bedeutenden israelitischen Propheten ein. Doch stehen im Koran nicht Details zu Yaḥyās Lebensgeschichte im Vordergrund, sondern vielmehr seine Geburt sowie seine Persönlichkeit. In drei Koranpassagen (3:37-42, 19:1-11 und 21:89-90) wird thematisiert, wie der greise Prophet Zacharias mit einem Kinderwunsch zu Gott betet und dieser Bitte Gehör geschenkt wird.

Die wunderbare Geburt

Zacharias, der mit der Betreuung der Jungfrau Maria, der Tochter seiner Schwägerin Hanna, beauftragt war – daher können im Hinblick auf Obhut und Erziehung die Jungfrau Maria und der Prophet Johannes als Geschwister bezeichnet werden –, wurde Zeuge, wie Maria auf dem Tempelberg durch ein Speisewunder exotische Köstlichkeiten zuteilwurden (Koran 3:37). „Da betete Zacharias zu seinem Herrn. Er sagte: ,Herr! Schenk mir von dir eine gute Nachkommenschaft! Du hörst es, wenn man (zu dir) betet‘“ (Koran 3:38). Bekannte Koranexegeten wie ar-Rāzī (gest. 1209) weisen auf den Zusammenhang zwischen dem Speisewunder und dem Gebet, das mit der Geburt des Johannes Erfüllung fand, hin: Die von Zacharias in diesem Moment besonders wahrgenommene Allmacht und Barmherzigkeit Gottes ermutigten ihn, sich mit seinem eigenen Anliegen an Gott zu wenden. Mit der Bezeichnung von dessen Erhörung als „Geschenk“ nimmt beispielsweise der Exeget al-Ālūsī (gest. 1854) Bezug auf die – angesichts der Hochbetagtheit seiner Eltern – wundersame Schöpfung Yaḥyās. Hierzu heißt es: „Zacharias! Wir verkünden dir einen Jungen mit Namen Yaḥyā, wie wir vor ihm noch keinen genannt haben. Zacharias sagte: ,Herr! Wie soll ich (noch) einen Jungen bekommen, wo meine Frau unfruchtbar war und ich (meinerseits) steinalt geworden bin?‘ Allah sagte: ,So (ist es, wie dir verkündet wurde). Dein Herr sagt: Es fällt mir leicht (dies zu bewerkstelligen), wo ich dich doch vorher geschaffen habe, während du (bis dahin) nichts warst‘“ (Koran 19:7-9).

Diese Verse bilden den Kern der koranischen Moral hinter der Johanneserzählung. Es ist die Fähigkeit Gottes, aus dem Nichts zu schöpfen. Das macht den Wundercharakter der Entstehung des Menschen aus. Sie unterstreichen zudem die Auserwähltheit und die Außergewöhnlichkeit des Johannes nicht nur als Prophet, sondern auch was seinen Namen betrifft: Yaḥyā bedeutet im Arabischen „Leben“ oder „er soll leben“, wodurch auf der Erzählebene zwei- fellos eine Korrelation zur wundersamen Geburt suggeriert wird.

Johannes ist aus islamischer Perspektive ein besonders sanftmütiger Gesandter

Wie die Evangelisten Matthäus, Lukas und Markus weist der Koran ausdrücklich auf die Prophetie Yaḥyās hin: „Da riefen ihm, während er im Tempel stand und das Gebet verrichtete, die Engel zu: ,Allah verkündet dir Johannes. Er wird an ein (gewisses) Wort von Allah glauben und ein Herr sein, ein Asket und ein Prophet, einer von den Rechtschaffenen‘“ (Koran 3:39). Diese Passage ist auch deswegen bedeutend, da sie Aufschluss über die Eigenschaften, die Botschaft sowie die Rolle des Johannes gibt. Mit Verweis auf die Etymologie des arabischen Worts für Asket wurde dieser als ein zölibatär lebender Prophet aufgefasst, dem es bestimmt war, an das Wort Gottes zu glauben und es zu bestätigen. Mit Wort Gottes ist bedeutenden Koranexegeten, wie beispielsweise Ibn ‘Abbās oder aṭ-Ṭabarī, zufolge der Prophet Jesus gemeint. Das evangelikale Zeugnis des Johannes über den „Logos“ (Joh 1,15) kann somit ganz im koranischen Sinne aufgefasst werden, denn Yaḥyā bezeugt und bestätigt die Prophetie Jesu. Interessant ist in diesem Kontext, dass auch die Sure Maria (Sure 19) mit der Verkündung des Johannes beginnt, also der Beginn der Jesusgeschichte im Zusammenhang mit der Johannesverkündung steht.

„Nicht gewalttätig und widerspenstig“ Im Koran heißt es darüber hinaus: „Johannes! Halte die Schrift fest (in deinem Besitz)! Und wir gaben ihm (schon) als (kleinem) Knaben Urteilsfähigkeit, Zuneigung von uns und Lauterkeit. Er war gottesfürchtig und pietätvoll gegen seine Eltern, nicht gewalttätig und widerspenstig“ (Koran 19:12-14). Diese Zeilen geben weitere Auskunft über die Mission sowie die Persönlichkeit Yaḥyās, der sich strikt an die Schrift (Tora) hielt und diese schon von klein auf verständig auslegte (Koran 19:12). Aufgrund dieser Charaktereigenschaften ist Johannes aus islamischer Perspektive nicht als radikaler Prophet zu bezeichnen, wenn darunter verstanden wird, dass er versucht hätte, seine Botschaft „brachial“ durchzusetzen, sondern als besonders sanftmütiger Gesandter. So überlieferte auch der vom Judentum zum Islam konvertierte Koranexeget Ka‘b al-Aḥbār (gest. 655), dass Yaḥyā von schönem Antlitz gewesen und sehr sanftmütig aufgetreten sei. Sein frommer und gottesfürchtiger Lebensstil kommt auch in einschlägigen Prophetenaussprüchen zum Ausdruck: „Es gibt keinen unter den Kindern Adams, der nicht sündigt oder an Sünden denkt, außer Johannes, den Sohn des Zacharias, und es geziemt Niemandem zu behaupten, dass ich besser bin als Jona Ben Amittai“ (Ibn Hanbal: Musnad, Hadith Nr. 2294).

Auch wenn in der islamischen Theologie mehrheitlich das Prinzip der Sündenfreiheit aller Propheten vertreten wird, wirft jene Aussage die Frage auf, welchen Stellung Johannes unter den Propheten einnimmt. Tatsächlich zeichnet der Koran einige Propheten anderen gegenüber aus (2:253) und nennt neben dem islamischen Propheten vier weitere Gesandte (33:7), mit denen Gott einen besonders wichtigen Bund einging: Noach, Abraham, Moses und Jesus. In der islamischen Theologie wird über die Differenzierung zwischen reinen Verkündungspropheten und Schriftpropheten hinaus von mehreren Stufen von Propheten ausgegangen. Aufrufe, zwischen den Propheten keinen Unterschied zu machen (Koran 2:136; 2:285; 3:84), sind daher entweder der prophetischen Demut geschuldet oder dahingehend zu verstehen, dass die Gläubigen keinem Gesandten gegenüber es an Achtung fehlen lassen und alle Prophetien kraft ihrer Qualität als göttliche Offenbarung gleichermaßen akzeptieren sollen. Daher pflegen Muslime bei der Nennung des Namens eines jeden Propheten den Segensgruß „Friede sei mit ihm“ zu sprechen.

„Heil sei ihm am Tag, da er wieder zum Leben auferweckt wird“

Der Koran würdigt Johannes dergestalt, dass er ihn namentlich erwähnt und ihm eine ganz besondere Lobpreisung zuteilwerden lässt: „Heil sei über ihm am Tag, da er geboren wurde, am Tag, da er stirbt, und am Tag, da er (wieder) zum Leben auferweckt wird!“ (19:33). Als weiteres Merkmal des Johannes gilt, dass seine Lebzeiten sich mit jenen eines anderen Propheten – namentlich seines Cousins Jesus – überschneiden und beide in gemeinsamer Sache auftreten. Das kennt man im Islam auch von Mose und Aaron, von Jakob und Josef oder von Abraham und Ismael. Auch sie gelten allesamt als bedeutende Propheten.

Das Auftreten zweier Propheten im selben geografischen Raum lässt auf besonders schwierige Zeiten für Prophetie und eine außerordentlich wichtige Mission schließen. Einem Hadith zufolge predigte Johannes auf dem Tempelberg seine Botschaft, mit der er dem Volke Israels fünf Gebote verkündete: den Eingottglauben und das Verbot der Vielgötterei, das (rituelle) Gebet, das Fasten, das Spenden sowie das Gebot, Gottes zu gedenken und ihn zu lobpreisen (at-Tirmiḏī: Amṯāl, Hadith Nr. 2863 & 3102). Diese Gebote decken sich mit den fünf Säulen des Islam. Doch in der genannten Überlieferung ist es Jesus, der Yaḥyā ermahnt, die Gebote zu verkünden. So enthalten auch die Evangelien Aufrufe des Johannes, zu beten und zu fasten (Mk 2, 18-20;9, 14-15; Lk 5,33-35; Lk 11,1).

Yaḥyās Leben und Tätigkeit stehen in den islamischen Quellen nicht im Vordergrund

Während im Christentum das Augenmerk auf der Täufertätigkeit des Johannes liegt, spielt diese in den islamischen Sekundärquellen kaum eine Rolle, auch wenn muslimische Historiografen wie al-Bīrūnī oder aṣ-Ṣābūnī vereinzelt davon berichten.

Dabei ist jene Praxis dem Islam keineswegs fremd: Im Islam dient die Ganzkörperwaschung oder die Gebetswaschung nicht bloß der Körperreinigung, sondern vor allem der spirituellen Läuterung. Die Waschungen können daher als eine Art wiederkehrende Taufpraxis verstanden werden, welche dem Gläubigen zur Gebetsreinheit und der Vergebung seiner Sünden verhelfen (Muslim, Hadith Nr. 244; 44; 475).

Wie anfangs erwähnt, stehen Yaḥyās Leben und Tätigkeit in den islamischen Quellen nicht im Vordergrund. Diesbezüglich greifen die muslimischen Exegeten vor allem auf – Isrā‘īlīyāt genannte – Überlieferungen jüdisch-christlichen Ursprungs zurück. In diesen ist etwa davon die Rede, dass Johannes noch klein war, als sein Vater Zacharias ermordet wurde; dass er sechs Monate oder drei Jahre älter als Jesus war; dass er sich bereits als kleines Kind seiner Bestimmung als Prophet bewusst war und ab seinem achten Lebensjahr im Gotteshaus am Tempelberg diente; dass er am Ufer des Jordan wirkte, der Botschaft Jesu folgte und zu dessen vordersten Jüngern zählte. Kurze Zeit später, im Alter von ca. 32 Jahren, soll Yaḥyā der Tod ereilt haben.

In der Darstellung dessen, wie es dazu kam, folgen islamische Exegeten gemeinhin der Erzählung des Markus- und Matthäusevangeliums, wonach der tyrannische Herrscher Herodes Antipas Yaḥyā nach dem Verführungstanz seiner Großnichte Salome, dem Willen ihrer Mutter Herodias entsprechend, köpfen ließ. Man geht davon aus, dass sich sein Haupt in der Ummayyadenmoschee von Damaskus befindet.

Mit Blick auf die Wirkungsdimension der islamischen Johannesrezeption seien abschließend drei Punkte hervorgehoben: Yaḥyā als bedeutender israelitischer Prophet, Yaḥyā als Prophet mit einer eigenen Gemeinde, die ihn überdauerte (Sabäer), und Yaḥyā als Bestätiger und Garant der Prophetie Jesu (und damit ein bedeutender Wegbereiter des Christentums).

Lesetipps

• Andrew Rippin: Yaḥyā b. Zakariyyāʾ. In: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman/Th. Bianquis/C. E. Bosworth/E. van Donzel/W. P. Heinrichs. Leiden 2012.

• Brannon M. Wheeler/Scott B. Noegel: A–Z of Prophets in Islam and Judaism. Lanham, Maryland 2010.

• Shahada Sharelle Abdul Haqq/Frank Giesenberg/ Sevval Misirlioglu: Prophetengeschichten aus dem Weisen Koran. Berlin 2020.

• Stefan Jakob Wimmer/Stephan Leimgruber: Von Adam bis Muhammad – Bibel und Koran im Vergleich. Stuttgart 2005.