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Ein Bestseller gegen Faschismus


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 17.12.2021

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Demo zum Pride in Budapest 2021: Dorottya Rédai ist mit dabei (re. außen mit Hut und rotem T-Shirt) und auch ein Plakat zum Märchenbuch, das Kritik erntete (li.)

Seit fast zwei Jahrzehnten ist Dorottya Rédai für Lesben und LGBTIQ*-Menschen aktiv. Vom Time Magazin wurde sie im September als eine der 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2021 gelistet. Im L-MAG Interview spricht sie über das vergiftete politische Klima in Ungarn und wie sie und ihre Mitstreiter:innen dennoch weitermachen. Manchmal ensteht so auch ein Bestseller, wie das jüngst veröffentlichte „Märchenbuch für alle“.

L-MAG: Du bist seit Jahrzehnten als lesbische Aktivistin unterwegs. Wenn du zurückblickst, was waren die wichtigsten Eckpfeiler in deinem privaten und politischen Leben?

DOROTTYA RÉDAI: Ich habe mich 2002 das erste Mal in eine Frau verliebt. Oder genauer: Da habe ich es mir das erste Mal eingestanden. Danach bin ich sehr schnell in die lesbische Szene in Budapest eingetaucht.

Ich hatte immer eine starke aktivistische Seite und bin 2004 Labrisz (die ungarische ...

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... Community-Organisation für Lesben) beigetreten. Kurz danach habe ich dort auch im Programm „LGBTIQ*-Menschen kennenlernen“ mitgemacht. Dieses fördert die Wahrnehmung verschiedener sexueller Orientierungen und Genderidentitäten unter jungen Menschen und diskutiert LGBTIQ*-Themen mit ihnen. Später habe ich dort als Trainerin gearbeitet und hunderte von Schulen in Ungarn besucht.

Wie sichtbar und offen lesbisch kann man in Ungarn sein?

Es hängt sehr von deiner sozialen Position ab. Für mich ist es leicht, ich bin seit vielen Jahren out und lebe unter Aktivist:innen und liberalen Menschen in Budapest. Für Menschen, die nicht out sind, ist es nicht so leicht. Leider sind in Ungarn sexuelle Orientierung und Genderidentität völlig politisiert worden. Beides wird als ein politischer Standpunkt verstanden und es wird von dir erwartet, Stellung zu beziehen. Oder noch schlimmer: Jemand anderes tut das für dich, wenn du dich weigerst. Eine bestimmte politische Seite zieht sogar deine Existenz in Zweifel und dein Recht auf ein lebenswertes Leben. Meine Familie ist überwiegend liberal, aber ein Teil ist sehr konservativ. Vor zwei Jahren hat mir meine Tante verboten, meine Freundin zu einer Familienfeier mitzubringen. Ein lesbisches Paar habe einen schlechten Einfluss auf Kinder. Auch die Mitglieder meiner Familie wollten dann Stellung beziehen, und so spricht eine Seite jetzt nicht mehr mit der anderen. Das ist die genau gleiche Polarisierung, die auch in der ungarischen Gesellschaft passiert.

Das „Propaganda Gesetz” trat diesen Sommer in Ungarn in Kraft. Laut diesem neuen Gesetz ist es verboten, Minderjährige über verschiedene Genderidentitäten und sexuelle Orientierungen im Rahmen von Erziehung, mittels Filmen oder Anzeigen, zu informieren. Welche Auswirkungen hat das Gesetz?

Die Regierung besteht darauf, dass das Gesetz nicht homophob sei. Sein Ziel sei es, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Außerdem sollte sexuelle Aufklärung allein den Eltern überlassen sein. Dennoch: Das Gesetz beinhaltet keinerlei Maßnahmen, um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, und natürlich sind auch die meisten Eltern nicht davon begeistert, ihre eigenen Kinder sexuell aufzuklären. Tatsächlich öffnet dieses Gesetz vielmehr Türen, um LGBTIQ*-Menschen zu schikanieren und zu diskriminieren. Es erhöht das Risiko eines Coming-outs. Für Labrisz bedeutet das, dass öffentliche Schulen sich nicht mehr trauen, die Trainer:innen des Schulprogramms einzuladen. Wir machen in privaten Schulen weiter, die nicht unter der Kontrolle der Regierung stehen, und mit Eltern und Lehrer:innen. Die schlimmste Auswirkung des Gesetzes ist die Angst, die jetzt unter LGBTIQ*-Menschen herrscht, die Angst in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Und dass andere Menschen sich berechtigt fühlen, ihren Hass zum Ausdruck zu bringen. Unmittelbar nachdem das Gesetz erlassen wurde, fingen Menschen mit Bürgerwehraktionen an und kontrollierten, ob das Gesetz eingehalten wurde.

Labrisz veröffentlichte vor kurzem ein Kinderbuch, das „Märchenbuch für alle” heißt. Es enthält auch Märchen mit queeren Protagonist:innen. Auf die Veröffentlichung folgten feindselige Reaktionen der Regierung, die am Ende dazu führten, dass das Buch ein Bestseller wurde. Was genau ist da passiert?

Bei Labrisz überlegten wir, wie wir jüngere Kinder erreichen könnten, und dachten uns, ein Märchenbuch wäre eine gute Idee. Wir machten einen Aufruf, uns Märchen mit LGBTIQ*-Charakteren zu schicken, aber auch mit anderen unterrepräsentierten Minderheiten. Im September 2020 haben wir es dann veröffentlicht. Das Buch hat viel Aufmerksamkeit bekommen, nachdem es während einer Pressekonferenz einer rechtsaußen verorteten Parlamentsabgeordneten, Dóra Dúró, öffentlich geschreddert wurde.Das Buch ist nun ein Bestseller und in der vierten Auflage mit mehr als 33.000 verkauften Exemplaren. Das ist viel für ein Land mit 10 Millionen Einwohner:innen.

Warum unterstützen viele Menschen in Ungarn die aktuelle Regierung, die führende Partei Fidesz und Premierminister Viktor Orbán?

Zunächst wurde die Regierung, die 2010 zwei Drittel der abgegebenen Stimmen bekommen hatte, 2014 und 2018 von weniger als der Hälfte der abgegebenen Stimmen gewählt. Das hatte mit einem veränderten Wahlgesetz zu tun, das die Regierung 2014 in Kraft setzte, so dass sie jetzt dennoch eine Zweidrittelmehrheit im Parlament haben.Aber das heisst immer noch, dass fast die Hälfte der Ungarn diese Partei gewählt hat. Ein Teil der Unterstützung rührt von dem öffentlichen Programm für Arbeit her. In Ungarn bekommst du nur drei Monate Arbeitslosengeld. Fidesz hat einen staatlichen Arbeitssektor eingeführt, so dass Menschen für die Regierung für sehr wenig Geld arbeiten können. Aber das heisst dennoch, Arbeit haben. Ein anderer Grund, warum Fidesz an der Macht bleibt, ist, dass sie die Mehrheit der privaten Medien aufgekauft und die öffentlichen Medien in Propagandakanäle umgewandelt haben. Viele Menschen auf dem Land haben nur zu diesen staatlichen Medien Zugang.

Was können Unterstützer:innen tun, um dir und anderen lesbischen Aktivist:innen in Ungarn zu helfen?

Das ist eine schwierige Frage, die wir öfter hören. Für die lesbische und die ganze LGBTIQ*-Community fühlt es sich gut an, unterstützt zu werden, aber das ändert nicht die Politik in Ungarn. Je mehr Unterstützung wir bekommen, desto homophober reagiert die aktuelle Regierung. Somit kann es kurzfristig zwiespältig und kontraproduktiv sein. Dennoch hoffe ich, dass Unterstützung langfristig produktiv sein kann. Ich finde, diese Fidesz-Politiker:innen sind Faschist:innen. Vielleicht habt ihr, wenn ihr die deutsche Geschichte bedenkt, ein Gefühl dafür, was das heißt, und was die internationale Community tun kann, um sie irgendwann zu Fall zu bringen. Da diese Art der Politik in vielen Teilen der Welt präsent ist, auch in vielen europäischen Ländern, sollte die internationale Community dringend etwas dagegen unternehmen.

// Interview: Anne Stalfort (Das Interview wurde auf Englisch geführt)

„Märchenbuch für alle“ erscheint im März 2022 auf Deutsch, Stern-Verlag https://labrisz.hu