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»Ein Brötchen war vergiftet«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 36/2019 vom 31.08.2019

Nachruf Über kaum einen Manager berichtete der SPIEGEL so kritisch wie über Ferdinand Piëch. Und keiner wehrte sich so heftig wie der VW-Patriarch. Aus der Reibung entstand eine besondere Beziehung. Und ein legendärer Satz, der ihn seine Karriere kostete.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 36/2019

VW-Aufsichtsratschef Piëch 2012: Er kannte nur Freund oder Feind, nichts dazwischen


NIELS STARNICK / BILD AM SONNTAG

Es gab einen Moment, da löste Ferdinand Piëch mit ein paar Sätzen bei mir Furcht aus. Im Anschluss an ein SPIEGEL-Gespräch im Sommer 1996 sollten sich die Redakteure für ein Foto mit dem damaligen Vorstandschef des VW-Konzerns aufstellen. ...

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... Die Stimmung war locker. Das Gespräch hatte frühmorgens am Esstisch in Piëchs Privatvilla bei Braunschweig stattgefunden, bei Kaffee, Tee und Brötchen.

Ich fragte Piëch, ob er für das Bild nicht eines der Samurai-Schwerter aus seiner Sammlung holen wolle, er könne es ruhig auf mich richten. »Ich habe etwas viel Besseres «, sagte er. Pause. »Eines der Brötchen war vergiftet.« Pause. »Ihres.« Pause. »Aber das Gift wirkt erst in 24 Stunden.« Und dann lächelte Piëch.

Natürlich glaubte ich nicht, dass ich tatsächlich Gift geschluckt hatte. Aber ein ungutes Gefühl, tief im Magen, begleitete mich die nächsten Stunden.

Ja, so konnte Piëch sein, furchteinflößend. Generationen von Managern bei Porsche, Audi und im gesamten Volkswagen-Konzern haben ihn wohl schon einmal ähnlich erlebt. Er hat sie reihenweise entlassen. Gegenseitiges Einvernehmen strebte Piëch dabei nie an. »Ich lasse Leute, wenn ich das Vertrauen verloren habe, am Weg verhungern.«

Aber es gab auch einen anderen Piëch. Einen Manager, dem die Sicherheit der Arbeitsplätze wichtiger war als ein hoher Profit. Einen Mann, der sich rührend um Menschen kümmerte, die ihm nahestanden, der im kleinen Kreis witzig sein konnte. Und der gelegentlich auch über sich selbst lachte. So erzählte er gern die Geschichte von seiner Hochzeit mit Ehefrau Nummer drei. Eine seiner Töchter hatte die künftige Gattin gefragt: »Wie kannst du nur meinen Vater heiraten? Du bist doch so ein fröh -licher Mensch.«

Das Verhältnis zwischen Ferdinand Piëch und dem SPIEGEL war ein sehr besonderes. Über den Enkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche erschienen mehr kritische Geschichten als über jeden anderen Manager. Es gab heftige Auseinandersetzungen. Der VW-Konzern setzte die längste Gegendarstellung durch, die der SPIEGEL je drucken musste. Dann wieder forderten VW-Aufsichtsräte aufgrund einer SPIEGEL-Enthüllung über die Machenschaften des VW-Managers José Ignacio López Piëchs Ablösung – was Gerhard Schröder als damaliger Ministerpräsident Niedersachsens im VW-Kontrollgremium verhinderte (siehe Seite 64).

Trotz der Konflikte brach der Kontakt über all die Jahrzehnte nie ab. Es gab vertrauliche Hintergrundgespräche auf Automessen in Paris, Genf oder Frankfurt und Interviews in seinen Privathäusern in Braunschweig und am Wörthersee, bei denen Piëch zumeist sehr charmant war. Er holte die Gäste persönlich am Flughafen ab und fuhr sie zu seiner Villa. Seine Frau Ursula führte durch den Garten, eine Tochter und ein Sohn servierten Essen. Und die Nahrung war stets vom Feinsten: Informationen, die außer Piëch kaum einer hatte. Und Aussagen, die eine Karriere beenden oder eine Übernahmeschlacht entscheiden konnten.

Natürlich ist der Journalist in solchen Situationen nur der Postbote für einen Mächtigen. Er muss die Mindestvoraussetzungen erfüllen: sich auskennen im Thema und an Zusagen halten. Dazu gehört, nur abgestimmte Zitate aus einem Gespräch zu veröffentlichen. Diese Kriterien erfüllen die meisten Kollegen.

Warum ich von einem gewissen Zeitpunkt an zu den wenigen zählte, denen Piëch – trotz der heftigen Auseinandersetzungen zu Beginn seiner Karriere – offenbar ein klein bisschen vertraute, ist mir noch immer ein Rätsel. Ein anderes, das auch nach seinem Tod noch viele umtreibt, lässt sich aufklären: warum mich Piëch im April 2015 anrief und jenen Satz sagte, der ein Beben auslöste, das zuerst den VWKonzern erschütterte, dem Piëch am Ende aber selbst zum Opfer fiel: »Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.«

Erstmals richtig Ärger mit Piëch bekamen wir 1993 nach der SPIEGEL-Titel -geschichte »Der Skrupellose«, in der mein Kollege Richard Rickelmann und ich enthüllten, wie der ehemalige General-Motors-Manager López bei seinem Wechsel zu VW kistenweise geheime Unterlagen seines früheren Arbeitgebers mit nach Wolfsburg brachte.

Darunter waren die Preise, die General Motors und die deutsche Tochter Opel für mehrere Tausend Zuliefererteile zahlten. Es ging um Stahl, Achsen, Bremsen, Scheinwerfer – letztlich alle Komponenten eines Fahrzeugs. Die Listen waren von unschätzbarem Wert für Lopez in seiner neuen Funktion als Beschaffungsvorstand des VW-Konzerns. Wo immer sein früherer Arbeitgeber billiger eingekauft hatte, hätte López die Lieferanten von Volkswagen auf diese Preise drücken können.

Nach unserem Artikel erstattete Opel Strafanzeige in Deutschland. Der US-Mutterkonzern General Motors sorgte dafür, dass das FBI und das US-Justizministe -rium ermittelten. Die Auseinandersetzung belastete die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

VW wehrte sich, zunächst gegen den SPIEGEL. Der Konzern setzte nicht nur durch, dass wir eine Gegendarstellung drucken mussten, sondern auch, dass diese auf der Titelseite angekündigt wurde. Das hatte es nie zuvor gegeben und gab es auch danach nie wieder.

Die Eskalation hatte ein Ausmaß erreicht, dass sich Herausgeber Rudolf Augstein genötigt sah einzuschreiten. Er traf sich mit Piëch und dessen Frau Ursula. Dabei erfuhr Piëch, wie er später in seinen Memoiren schrieb, dass sein damaliger Rechtsbeistand »mit Augstein zuvor schon eine sehr private Auseinandersetzung gehabt hatte und entsprechend befangen war«.

Piëch fühlte sich schlecht beraten, missbraucht für einen zumindest teilweise privaten Rachefeldzug seines Anwalts: »Das Ganze war ein völlig unnötiger emotionaler Overkill und brachte mich in eine Art Franz-Josef-Strauß-Position als fortwährender SPIEGEL-Lieblingsfeind. Ich dachte, entweder bekomme ich auch so eine dicke Haut wie der Strauß, oder es geschieht mir ganz recht, dass die mich abschießen. «

Vor dem Oberlandesgericht Hamburg gewann der SPIEGEL das Verfahren um die Berichterstattung in fast allen Fällen, was nur bedingt half, weil die Gegendarstellungen schon gedruckt waren. López zahlte 75000 Mark, damit die Verhandlung wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen eingestellt werden konnte. VW und General Motors einigten sich darauf, dass die Wolfsburger dem US-Konzern hundert Millionen Dollar zahlen und für mehrere Milliarden Dollar Autoteile bei ihm einkaufen. Damit war der »Autokrieg« zwischen GM und VW beendet. Auch das Verhältnis zum SPIEGEL entspannte sich etwas, wozu wohl auch das Gespräch mit Augstein beigetragen hatte. Piëch erinnerte sich in seiner Autobiografie: Mitunter müsse er jetzt morgens an Augstein denken, »wenn ich meine unvermeidlichen Burlington-Socken anziehe«. Augstein habe zu seiner Frau gesagt, »ihr Mann ist mir ja sympathisch, aber das mit den kurzen karierten Socken und den Haaren auf den Wadeln, das müssen S’ ihm abge -wöhnen«.

Trotz der Socken-Episode blieb Piëch dem SPIEGEL gegenüber reserviert. Er sah es ungern, wenn VW-Manager oder Aufsichtsräte mit dem SPIEGEL sprachen. Als er auf dem Autosalon in Genf einmal den Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh im Gespräch mit mir erblickte, sagte er: »Passen S’ auf, Herr Osterloh, er hat mich schon dreimal fast ins Grab geschrieben.« Ich antwortete: »Ach, Herr Piëch, das hält Sie doch jung und fit.« Piëch: »Das ist auch das Einzige.«

Begegnungen mit Piëch gestalteten sich bis zuletzt schwierig. Das lag vor allem daran, dass Piëch über all die Jahre zwei Prinzipien verfolgte: Er kannte nur Freund oder Feind, nichts dazwischen. Und er misstraute jedem, außer sich selbst. Wobei man sich auch da nicht sicher sein konnte.

Woher dieses Verhalten rührt, hat Piëch sehr früh dem SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann verraten, der ihn für ein Porträt (SPIEGEL 31/1993) längere Zeit begleitete. Piëch erzählte, wie es ihm in der Kindheit ergangen war, als er einige Jahre in einem Internat verbracht hatte. Die Lehrer hätten mit harter Hand geherrscht, die Schüler sich gegenseitig bespitzelt, um Vergehen der Heimleitung zu melden. Piëch verriet, aus dieser Zeit im »Abhärtungs -internat« sei ihm »ein extrem hohes Misstrauen gegenüber anderen« geblieben.

Irritiert hat Piëch, dass der SPIEGEL einerseits kritische Geschichten über ihn veröffentlichte, ihm beispielsweise »mehr Feingefühl im Umgang mit Nockenwellen als bei der Auswahl und Führung von Mitarbeitern « bescheinigte. Andererseits bewerteten wir eines von Piëchs wichtigsten Sanierungsprojekten positiv: die Einführung der Viertagewoche. VW konnte damit den Abbau von 30000 Arbeitsplätzen verhindern. Es war ein in der deutschen Wirtschaft höchst umstrittenes Experiment. Andere Konzerne mussten sich fortan rechtfertigen, warum sie Arbeitsplätze streichen und stattdessen nicht auch die Arbeitszeit verkürzen.

Piëchs Reaktion auf die SPIEGEL-Berichterstattung zur Viertagewoche folgte Monate später auf dem Autosalon in Genf. Piëch und seine Frau Ursula spazierten vormittags durch die Halle, Richtung Ferrari-Stand, den sie immer gern besuchten. Um das Paar herum war ein unsichtbarer Bannkreis mit einem Durchmesser von rund drei Metern, in den sich kein Mensch hineintraute. Wenn sich doch jemand näherte, mit dem das Paar keinen Kontakt wünschte, war sofort ein dunkel gekleideter, sportlicher Mann zur Stelle und wies den Eindringling zurück.

Der Kreis öffnete sich, wenn Ursula Piëch einen Entgegenkommenden anlächelte. Das war das Signal. Man durfte nähertreten, auch wenn die Begrüßung mitunter spöttisch ausfiel: »Ach, Herr Hawranek, auf Sie haben wir schon den ganzen Tag gewartet.« Das Gespräch an diesem Tag war kurz. Ferdinand Piëch kommentierte die Artikel zur Viertagewoche: »Da haben S’ mich überrascht. Des hätt’ ich von ihnen net erwartet.«

Die Geschichten passten nicht in Piëchs Freund-Feind-Schema. Dieses Prinzip machte den Umgang der meisten Jour -nalisten mit dem VW-Boss schwierig. Zur Grundausstattung des Berufs gehört eine kritische Distanz. Man muss den Manager oder Politiker, den man gerade gelobt hat, auch wieder kritisieren können, wenn es Anlass dazu gibt. Piëch indes witterte mitunter Verschwörungen, die außer ihm kein anderer ausmachen konnte.

Am Montag, den 14. Juli 1997, hatten der damalige SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, Kollege Christian Wüst und ich einen lange vereinbarten Termin mit Piëch in Wolfsburg. Es ging um eine geplante Titelgeschichte. Der Vorstandschef von VW sollte seine Wachstumspläne er -örtern, und er wollte uns geplante, noch geheime Modelle zeigen. Sie waren in einer Halle nebenan schon aufgestellt, noch verhüllt unter weißen Leinentüchern.

Am selben Tag war im SPIEGEL die Meldung erschienen: Volkswagen will zusammen mit Porsche einen Geländewagen entwickeln. »Als aussichtsreichste Standorte für die Produktion gelten das VWWerk in Mosel und die Fabrik in Bratis -lava«, stand dort geschrieben.

Piëch, sonst stets pünktlich auf die Minute, erschien verspätet. Zur Begrüßung sagte er: »Mit dieser Geschichte soll der heutige Termin wohl boykottiert werden. Ich sehe nicht, wie ich jetzt noch offen reden kann. Die Meldung ist gespickt mit Bösartigkeiten.« Als Verfasser der Meldung wandte ich ein: »Das ist doch eine ganz sachliche Meldung. Sie enthält keinen einzigen abwertenden Satz über das geplante Projekt.« Piëch: »Das ist ja die besondere Raffinesse. Die Boshaftigkeit steckt in den Details.« – »Was, bitte, ist bösartig?« Hannover stehe Kopf wegen der Meldung, argumentierte Piëch. Das Werk habe ein Auslastungsproblem. »Die wollen den Geländewagen unbedingt machen. Wenn die lesen, er werde in Mosel oder Bratislava gebaut, müssen die ihn stoppen. Damit ist das Projekt tot.«

Der Gesprächspartner, der mir von den Plänen berichtet hatte, war an dem Projekt beteiligt. Er hatte ein Interesse daran, dass der Geländewagen gebaut wird, und wollte gewiss keine Verschwörung gegen das Vorhaben anzetteln. Er hatte lediglich die Brisanz der Standortfrage nicht erkannt. Ich übrigens auch nicht.

Piëch ließ sich noch auf ein zäh dahinfließendes Gespräch über den VW-Konzern ein, aber das Urteil über den Redakteur und dessen Boshaftigkeit stand erst einmal fest. Daran änderte auch nichts, dass der VW-Aufsichtsrat den Bau des Geländewagens in Bratislava genehmigte.

Dass sich unser Verhältnis irgendwann deutlich verbesserte, basierte möglicherweise auf einem Missverständnis. Während der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW beschrieb ich in mehreren Geschichten, wie Porsche-Boss Wendelin Wiedeking das Projekt gefährdete. Wiedeking wollte das Riesenreich VW regieren wie die kleine Sportwagenmanufaktur Porsche und provozierte Widerstand auf allen Ebenen. So konnte die Übernahme nicht gelingen.


»Hier spricht Ferdinand Karl Piëch. Ich hätte Sie gerne mal gesprochen.«


Das entsprach offenbar ganz der Einschätzung Piëchs. Nach seinem Denkmuster musste der Feind seines Feindes ein Verbündeter sein. Jedenfalls war Piëch auf einmal häufiger ansprechbar.

So öffnete sich für mich der unsichtbare Bannkreis um ihn auf der IAA in Frankfurt im September 2013. Das »Handelsblatt« hatte zum Start der Automobilausstellung berichtet, Piëch werde wegen einer Krankheit seinen Posten als Aufsichtsratschef vorzeitig abgeben. Da hatte jemand offenbar die Methode Piëch angewandt und wollte mit einer gezielten Indiskretion den Abgang des Patriarchen beschleunigen.

Piëch, dem noch die Urlaubsbräune im Gesicht stand, wirkte völlig ruhig. Er sagte, der Wechsel stehe noch lange nicht an. Wenn es so weit wäre, werde ihm ein Techniker auf dem Posten folgen. Vor allem aber wollte er herausfinden, wer der Informant für die Geschichte war. Es kämen nur wenige Menschen dafür infrage. Dann folgte die Drohung: »Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.«

Wie vereinbart schickte ich die Äußerungen, die ich wörtlich zitieren wollte, an Piëchs Assistenten zur Abstimmung. Es waren die Aussagen über den »Techniker« und über das »Guillotionieren«. Der Assistent meldete sich: »Herr Piëch kann ein Zitat nicht freigeben.« Na klar, dachte ich, das mit der Guillotine. »Das mit dem Techniker «, sagte der Assistent.

1 Firmengründer Ferdinand Porsche mit Enkeln Ferdinand Alexander Porsche, Ferdinand Piëch um 1949


2 Ehepaar Piëch in Genf 2009


ULI DECK / DPA

3 Chefentwickler Piëch beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1969


HULTON ARCHIVE / GETTY IMAGES

4 Piëch-Villa am Wörthersee 2005


VOLKER HINZ / PICTURE PRESS / STERN

5 SPIEGEL-Cover 1993


KATRIN STRAUBE

6 VW-Chef Winterkorn, Eheleute Piëch auf dem Wörthersee 2009


DANIEL RAUNIG / AGENCY PEOPLE IMAGE

Irgendwann verdächtigte Piëch den VWChef Martin Winterkorn, die Information über seinen Gesundheitszustand gestreut zu haben. Beweisen ließ sich das nicht. Aber seitdem war klar: Piëch würde auf Winterkorns Ablösung hinarbeiten.

Wenig später machten Gerüchte die Runde, Piëch wolle seine Frau Ursula zur Nachfolgerin an der Spitze des Aufsichtsrats machen. Wir berichteten im SPIEGEL darüber, und am 10. April 2015 hatte ich morgens eine Nachricht auf dem Anruf -beantworter: »Hier spricht Ferdinand Karl Piëch, ich hätte Sie gerne mal gesprochen.« Rückruf. Piëch: »Man will meine Frau schädigen mit den Informationen, die man Ihnen gegeben hat.« An die Spitze des Aufsichtsrats sollten keine Familienmitglieder kommen, »auch nicht meine Frau«.

Piëch war erkennbar getroffen. »Ich rufe nicht oft an«, sagte er am Telefon. Es war das erste Mal, dass er mich anrief. Aber diesmal ging es um seine Frau. Wenn Ferdinand Piëch je bereit war, für einen anderen Menschen in die Schlacht zu ziehen, dann für seine dritte Ehefrau Ursula. Nebenbei nutzte er den Anruf für seine Attacke auf den VW-Chef: »Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.«

Diese und weitere Aussagen aus dem Gespräch, die ich zitieren wollte, schickte ich zur Autorisierung an Piëchs Assistenten. Kurz darauf meldete sich dieser telefonisch: »Herr Piëch wünscht nur eine Änderung.« Weil einer seiner Söhne auch Ferdinand Piëch heißt, verwende sein Chef für sich selbst jetzt auch seinen Zweit -namen, Ferdinand Karl Piëch. Ob der SPIEGEL dies berücksichtigen könne?

Wir konnten. Und es begann eine beispiellose Schlacht um die Macht im größten Autokonzern der Welt. Piëch hatte einmal beschrieben, wie er in solche Auseinandersetzungen geht: »Da setze ich mich dann voll ein. Entweder werde ich bei der Angelegenheit erschossen oder ich gewinne.«

In diesem Fall verlor er. Es war der eine Machtkampf zu viel. Winterkorn durfte bleiben, und Piëch wurde von den übrigen Aufsichtsräten zur Aufgabe seines Postens gedrängt. Später verkaufte er seine Anteile am VW-Konzern an Mitglieder der Familie. Zu einem Gespräch war er seitdem nicht mehr bereit. Ferdinand Piëch starb am 25. August.

Video
Begegnungen mit Fugen-Ferdl
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