Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 10 Min.

EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE


Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 13.07.2021

ZUM ABGEWÖHNEN

Artikelbild für den Artikel "EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE" aus der Ausgabe 8/2021 von Off Road. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Off Road, Ausgabe 8/2021

Nachdem ich Sie in den letzten beiden Ausgaben nach Afrika und in den hohen Norden mitgenommen habe, möchte ich Sie diesmal einladen, mich auf meinen Trips gen Osten zu begleiten. Auf eines will ich gleich zu Beginn hinweisen: Wild Wild West ist nichts gegen den Wilden Osten, wie ich finde. Diesmal war nicht nur ich blauäugig, sondern auch der verdammt gutaussehende Russe.

Es begab sich im Jahr 1992, ein Datum, welches ich mir ausnahmsweise merken kann, da ich diese legendäre Reise von meinem Vater zum Abitur geschenkt bekommen hatte. Und jetzt wissen Sie auch ungefähr, wie alt ich war, als ich auf meine erste richtige Offroad-Expedition gehen durfte. Das Ziel stand fest: Es sollte zur geographischen Grenze zwischen Europa und Asien gehen, also zum auch in Kreuzworträtseln beliebten Bergrücken des Elbrus. Was dazwischenlag, war ungewiss.

Wir kamen in friedlicher Mission, ach was, mein ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Off Road. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von LESERBRIEF DES MONATS + LESERBRIEF DES MONATS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEF DES MONATS + LESERBRIEF DES MONATS
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von KRAFTVOLLES GESPANN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KRAFTVOLLES GESPANN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von GRENZENLOS CAMPEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GRENZENLOS CAMPEN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von NOCH BÖSER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NOCH BÖSER
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von CORONA? ... WAR UNS GRAD GANZ RECHT .... Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
CORONA? ... WAR UNS GRAD GANZ RECHT ...
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von STROMAUFWÄRTS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STROMAUFWÄRTS
Vorheriger Artikel
BERGAN WIE AUF EIS
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SPORTLICH UNTERWEGS
aus dieser Ausgabe

... Vater erwärmte meine Reiseseele im Vorfeld mit feurigen Liebeserklärungen an Russland: „Conny, das ist die Kornkammer Europas, da biegen sich die Tische wie im Schlaraffenland.“ Mein zukünftiger bester Ehemann der Welt hing an den Lippen seines Schwiegervaters. Ihm war fortan klar, es sollte eine kulinarische „Halbweltreise“ werden, das Wasser lief den beiden Männern im Mund zusammen – Vorfreude verbreitete sich. Bei mir machte sich hingegen ein eher flaues Gefühl im Magen breit, ich glaube, man nennt das Skepsis. Nicht nur weil ich als naive Naturromantikerin (siehe mein weltschönster Hecht in Mittelfinnland) seit Jahren eingefleischte Vegetarierin war und daher keinesfalls mit Steaks oder gebratenem Huhn durchkommen würde, sondern auch weil ich im Laufe der gemeinsamen Jahre mit meinen Lieblingsmännern selbige schon mal bei der einen oder anderen Übertreibung erwischt hatte. Kurzum, es wäre zu schön, um diesmal wirklich wahr zu sein. Vorsicht, sagte ich mir also, ist die Mutter der (in diesem Fall) Proviantkiste – und schmuggelte nach einem handfesten Streit eine Palette H-Milch sowie Berge an Müslitüten unter den Fahrersitz. Das passte genial in den Land Cruiser. Perfekt.

Der Weg ist das Ziel, diese allseits bekannte Losung der Offroader wurde Kilometer um Kilometer fühlbarer. Und dass das Ziel bei dieser Expedition tatsächlich einem Spannungsbogen bis zum Showdown in Sankt Petersburg folgte, ahnte ich bei der gemächlichen Abreise unserer fahrzeugstarken Expedition in München – noch – nicht. Wir waren ein stattlicher Konvoi, circa 100 Mann (und wenige Frauen), 50 Fahrzeuge, größtenteils Expeditionsteilnehmer, aber auch Service, Versorgungs- Lkw und Mechaniker. Es ging ins Ungewisse. Russland war gerade aufgelöst, der Kalte Krieg beendet. Es herrschte eine Art Anarchie, wie wir schon bald erleben durften, die Strukturen waren nach jahrzehntelangem, straffem Regime noch nicht neu geordnet.

In Rumänien, der ehemaligen Heimat meines Vaters, schlugen wir eines unserer ersten Camps auf. Dracula ließ grüßen, aber nicht der aus den Karpaten, nein, die ersten Teilnehmer unserer Expedition zeigten früh ihre fürchterliche Seite. Sie hatten ihn wohl ignoriert, den Appell der OFF ROAD-Orga, sich vor Antritt der strapaziösen Reise auf ihre psychische und physische Konstitution zu überprüfen und im Zweifel von einer Teilnahme abzusehen. Kurzum, gleich zu Beginn der über 10000 Kilometer langen Reise bemerkten wir, dass der eine oder andere, den wir mitschleppten, leider doch gehörig einen an der Latte hatte. So verschlug mir die Frage im Camp den Atem: „Wo sind denn hier bitte die Toiletten und sanitären Einrichtungen?“ Sollte ich antworten: „Dritter Busch rechts hinten“? Der unerfahrene Kollege hatte wohl mit dieser Art von Naturnähe nicht gerechnet und gab bereits auf der ersten Etappe auf, um unverrichteter Dinge zurückzureisen in die Sicherheit der 4-lagigen Komfortzone. War auch besser so, denn bei solch kleinen Einschränkungen sollte es in den kommenden Wochen nicht bleiben. Es wurde deutlich krasser. „Drum bun“ – (Gute Fahrt). Mit freundlichen Schildern am Wegesrand verabschiedete uns Rumänien und der Rest des Konvois zog weiter gen Osten, ohne Dixie-Klos und Etap-Duschen. Die grobe Route war klar: Im großen Bogen über den Norden Rumäniens, durch die Ukraine, über die Krim, durch den Kaukasus, durch die Wüste in Kasachstan, in die Städte Astrachan, Gorki und Moskau, über die wunderschöne nordrussische Seenplatte bis zum Ziel, der Fähre von St. Petersburg nach Kiel. Wir waren bereits einige Zeit unterwegs, der Abenteuergeist floss schon ziemlich routiniert durch unsere Adern, ich wurde selbstsicherer und ein Gefühl der vermeintlichen Souveränität machte sich in mir breit. Aber Hochmut kommt ja bekanntermaßen vor dem Fall und der sollte alsbald kommen.

MÜSLI IM SCHLARAFFENLAND

Die Landschaften, die wir durchfuhren, waren wunderschön, beruhigend, faszinierende Ruhe, eine Idylle par excellence. Nur wunderte mich, dass bei derartig weiten Ländereien sich das mit der Kornkammer Europas irgendwie noch nicht einstellen wollte. Es blieb bei meinem Müsli. Von Tag zu Tag wurden wir vom Expeditionsleiter, seines Zeichens OFF ROAD-Verleger und nebenbei noch mein Vater, vertröstet. Bald schon würden wir die schönsten Märkte erreichen und wie im Schlaraffenland einkaufen. Momentan stellte sich neben der Hoffnung unbändiger Hunger ein – nicht nur bei mir, auch beim Rest der Truppe. Und das schlug ordentlich auf die Moral. Kräftezehrend waren die langen Fahrtage, die leeren Teller am Abend demoralisierend. Gott sei Dank hatte die OFF ROAD einen Dosenwursthersteller als Sponsor der Reise gewonnen. Bierwurst war am beliebtesten, an Leberwurst schieden sich die Geister, der Handel unter der Hand war eröffnet. Für mich als leidenschaftliche Vegetarierin hieß diese Phase unfreiwillige „Diät“, mein Gürtel wurde von Tag zu Tag enger geschnallt, der Babyspeck schmolz dahin. Als die Reserven und Konserven komplett aufgebraucht waren und das letzte Fünkchen Zuversicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, kippte die Stimmung endgültig. Jetzt hieß es handeln. Mein Vater schickte meinen zukünftig besten Ehemann der Welt und mich samt zwei lieben österreichischen Crew-Mitgliedern los. Essen besorgen. Dringend.

Leichter gesagt als getan, waren wir doch Tausende Kilometer gefahren, ohne auch nur die geringste Lösung unseres immer dramatischer werdenden Versorgungsproblems zu entdecken. Wir fuhren über Land, die Landschaft erwärmte meine Seele, selten hatte ich so unberührte Weiten gesehen, Natur pur. Begleitet wurden wir von einem leuchtend orangen Pritschenwagen. Das Fassungsvermögen der Ladefläche setzte uns dezent unter Druck, es symbolisierte das Volumen der Erwartungen an uns. Russland war offensichtlich ganz anders. Landwirtschaft bedeutet hier nicht Kleinparzellierung wie im nordhessischen Ackerbau, hier gleicht ein Hof mit seinen überdimensionierten Feldern eher der Größenordnung eines ganzen deutschen Bundeslandes. Endlich sahen wir nach endlosen Kilometern einen stattlichen Hof, hier wollten wir unser Glück versuchen. Ein überaus freundliches älteres russisches Paar hieß uns willkommen. Waren wir während der vergangenen Wochen öfter an unsere Grenzen gestoßen, so kam jetzt ein weiteres limitierendes Faktum hinzu: die absolute Sprachbarriere.

KOLLABORATION MIT DEM SCHLACHTER

Wir deuteten auf friedlich grasende Schafe, der stolze Bauer zeigte uns hingegen seinen zugegebenermaßen stattlichen Zuchtbullen. Nochmal von vorne. Nach anerkennendem Nicken unsererseits deuten wir erneut auf die Schafe. Achselzucken. Jetzt Mut beweisen und die weltweit verständliche Geste des Kehlenschnittes zeigen, dringendst hoffen, dass das russische Paar es nicht auf sich beziehen, sondern uns richtig verstehen möge. Wir kommen in friedlicher Mission. Deutlich verwundert über den Wunsch der Touristen, lebende Schafe einzukaufen, half der Bauer beim Verladen der Tiere auf unsere Pritsche. Zwei Schafe wurden es, 50 Dollar besiegelten den Kauf und mit dem leckersten und frischesten Kefir meines Lebens wurde der Deal besiegelt. Spasebo!

Stolz ist gar kein Ausdruck, mit geschwellter Brust lieferten wir unsere Beute im Camp ab. Ein Koch und Metzger in unseren Reihen machte sich ans fachmännische Werk. Meine naturromantische Seele zerbrach erneut, und ich war noch dazu Kollaborateur. Unser Camp war am Fuße des Elbrus, auf einem verwaisten Fußballplatz. Die pensionierten Tore dienten nun als improvisierte Aufhängung, um die armen Schafe fachmännisch auszuweiden. Dort blieben sie erstmal hängen, über Nacht. Ausbluten. Nächtliche Patrouillen in 2er-Besetzung und 3-Stunden-Schichten waren unsere Routine. Und so spazierten mein zukünftig bester Ehemann und ich im Mondschein an unseren Trophäen vorbei, Runde um Runde, ein bizarres Bild im nächtlichen Schwarz-Weiß, blasse, tote, arme Schafe. Meine Seele blutete auch. Der barbarische Halb-Finne an meiner Seite träumte nur vom BBQ. Fleisch ist sein Gemüse. Das war schon immer so. Am kommenden Tag landeten die nun zertrennten Schnitzel in einer Zargesbox, mariniert mit Olivenöl und Kräutern aus dem Fundus unseres Expeditionskochs und wurden fachmännisch auf dem Dach seines Discovery verzurrt. So schwappte und marinierte es während der Fahrt munter vor sich hin, um abends beim Grillfest der darbenden Gemeinschaft kredenzt zu werden. Es war ein Fest, ach was, ein Gelage. Ich war schon recht einsam in diesen Stunden, als einziger Vegetarier. Feinste Grillaromen erreichten meine Nase und allein die Tatsache, dass ich sie als wohlig empfand, quälte meine naturromantisch-naive Seele mit schlechtem Gewissen. Ich hatte Hunger, verdammt Hunger, Hunger wie nie zuvor in meinem Leben. Es war der schönste Tag im Leben meines besten Ehemannes. Ich wurde zur Ex, nicht von ihm, sondern von meinem Vegetarierdasein. Es hatte mich übermannt und es schmeckte vorzüglich, ein unglaublicher Genuss. Er hingegen konnte auf eine Ehefrau hoffen, die in Zukunft was „Gscheides“ auf den Tisch bringen möge.

Die Reise der Extreme wurde weiterhin zum Intensiv-Lehrstück meines Lebens. Erwachsen werden heißt auch immer Erfahrungen machen, manchmal Erkenntnis gewinnen, oft lernen. Nicht selten bitter. Und, wie Sie ja bereits aus meinen Geschichten wissen, wieder und wieder scheitern. Russland ließ seine Muskeln spielen und zeigte mir, dass ich bei weitem nicht so schlau war, wie ich dachte. Zu unserem Konvoi hatte sich fast unmerklich eine Gruppe „Begleiter“ gemischt. Sie tarnten sich als „HELFER“, Tourguides quasi. Es waren junge Männer, verdammt gutaussehend, bestens gekleidet, ja, sie machten was her und fuhren deutlich teurere Autos als wir. Wir akzeptierten ihr Begleitangebot, da wir sie irgendwie sowieso nicht mehr losbekamen. Eine seltsame Symbiose.

EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE

Eines Abends erreichten wir eine Art Mississippi-Dampfer, welcher nun am Donau-Ufer als Hotelschiff fungierte. Wir bezogen freudig unsere romantischen Kajüten, um sofort darauf an der Bar des Schiffes eine Flasche Krimsekt zu ordern. Ich kam mir so weltmännisch gewandt vor – und das mit meinen jungen Jahren. Fragezeichen kamen jetzt nur in meinen Kopf, da unsere überaus smarten „Begleiter“ die Order entgegennahmen. Was machten die hinter dem Tresen? Ich zückte meinen Geldbeutel und reichte ihm souverän 10 Dollar. In perfektem Englisch antwortete unser „Tourguide“, der uns Tausende von Kilometern begleitet und nun beeindruckend rasant das Schiffen übernommen hatte: „30 Dollar please!“ Pahhh, für wie dumm hält der mich? Ich kenne die ortsüblichen Preise! Dachte ich. Er lächelte mich unverschämt charmant an, ein guter Typ. Selbstbewusst, langsam und nach wie vor mit fixierendem Blick streifte er sein zugegebenermaßen stylishes italienisches Sakko ab, darunter ein nicht minder geschmackvolles, hellblaues Hemd, Zeitlupe, Knistern in der Luft. Chippendale auf Russisch. Und dann erblickte ich sie, die beiden cognacfarbenen Lederhalfter, links und rechts, das beliebteste Mode-Accessoire der Mafia. In beiden steckten überzeugende Argumente, harte Währung unserer Diskussion, die ersten Knarren, die ich „live“ in meinem Leben zu Gesicht bekam. „Lady, do you now know the real price?“ Aber ganz klar, 30, 40, 50 Dollar, ich zahle alles. Andere Länder, andere Sitten. Die Krimsekt-Preise sind eben starken Tagesschwankungen unterworfen, je nach Marktlage. Und wieder hatte meine pazifistische Seele Nachhilfe erhalten.

Um ehrlich zu sein: Diese anarchische Umgebung hatte keinen sonderlich guten Einfluss auf unser noch nicht ganz gefestigtes Erwachsenendasein. Wir ließen uns von unseren Begleitern unmerklich anstecken und entwickelten in diesem Faustrecht-Milieu unsere eigenen Gesetze. Das war alles andere als gut, ist aber bereits verjährt. Und zu unserer Verteidigung: Wir waren nur Mitwisser und nicht Täter, wir trugen keine Verantwortung, aber noch Jahre später den inneren Druck des schlechten Gewissens mit uns herum. Ich hab auch gezögert, diese unrühmlichen Geschichten nochmals aus den Tiefen des Vergessens zu holen. Aber wir kennen uns jetzt so gut, liebe Leser, manchmal muss es einfach raus. Die Russland-Expedition 1992 war die beeindruckendste Reise meines Lebens, die Natur, die Weite, die Schönheit, die Menschen, die wertvollen Lebenserfahrungen … Wie konnte es da sein, dass einige wenige in unserer Reisegruppe ganz anders empfanden? Unangenehme Menschen, undankbar, sie sahen nicht mit dem Herzen, sie waren verbittert und böse Stinkstiefel. Sie verleideten uns große Strecken unserer Traumreise, eigentlich hätte man sie zurücklassen müssen, darwinistische Auslese. Aber unsere Moral bestärkte uns darin, auch diejenigen Tausende von Kilometern mit durchzuziehen, die es am wenigsten verdient hatten. Jeder technische Defekt wurde mit klugem und anstrengendem körperlichem Einsatz unserer Crew gelöst. Einmal, eine banale Reifenpanne war das Problem, blieb der Fahrer des Wagens am Lenkrad sitzen. Unser Mechaniker und einer unserer besten Freunde auf der Expedition musste also auch noch das Gewicht dieses wohlstandsfettleibigen Menschenver ächters aufbocken, aber das reichte nicht, nein. Der „Plattenfahrer“ aschte zudem mit seiner Zigarre während der Reparatur durchs offene Fenster auf den nackten Rücken unseres Freundes, der wegen der Hitze und der Anstrengung sein T- Shirt ausgezogen hatte. Der andere, der nicht einmal die Teilnehmergebühr gezahlt hatte, startete mit einem Haufen Schrott, um in St. Petersburg ein nahezu runderneuertes Gefährt auf die Fähre zu fahren. Und wie viele Stunden hatten unsere Mechaniker hilfsbereit und geduldig unter dem maladen Gefährt verbracht! Auf derart enttäuschende zwischenmenschliche Erfahrungen hätte ich gerne verzichtet. Ich war über alle Maßen empört und in meinem moralischen Empfinden verletzt.

SÜSSER MOTORSCHADEN

Das nagte auch an meinen jungen Nerven. Auf der Fähre, bei einem gemütlichen Glas Wein, saß ich in vertrauter Runde der alten Haudegen, der harten, erfahrenen Jungs. Es floss ein Tränchen der Wut, man sollte … man sollte … diesen Schweinen eins auswischen. Laut fantasierte ich von Rachegelüsten: „Zucker in den Tank, Fisch in die Lüftung“, theoretisch natürlich, nicht praktisch. Meine lebenserfahrenen Freunde trösteten mich aufrichtig. Mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Beim Verlassen der Fähre in Kiel entdeckte ich den „Runderneuerten“ mit Warnblinkern am Wegesrand, offensichtlich für immer an der Weiterreise gehindert: süßer Motorschaden. Wenige Meter dahinter der Toyota Land Cruiser mit der Reifenpanne, eine verzweifelte Belegschaft um das Fahrzeug kreisend, wohl auf der Suche nach der Quelle eines unerträglichen Gestanks. Weiterreise gestoppt, das Auto war als unverkäuflich besiegelt. Karma is a bitch, vor allem, wenn man 10 000 Kilometer Lehrstück in Selbstjustiz und Mafia-Gesetzgebung hinter sich gebracht hat. Irgendwer hatte dabei besonders gut aufgepasst, ich war es nicht und weiß auch nicht, wer. Aber ich bin deutlich klüger.

Text/Fotos | Cornelia Czerny