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EIN DACH FÜR NOTRE DAME


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 30.08.2021

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Ein Zimmermann bearbeitet einen der Eichenbalken,die für den Wiederaufbau des Dachs gebraucht werden

Acht spezialisten mit Schutzhelmen und schweren Stiefeln betraten am 25. April 2019 die verrußte Kathedrale von Notre-Dame de Paris. Zehn Tage zuvor hatte ein Feuer das Dach des Gebäudes zerstört und den Vierungsturm einstürzen lassen. Nun war alles still, nur ein paar Spatzen flatterten herum. Es roch beißend nach Asche und kaltem Rauch, Trümmer übersäten den Marmorboden.

Die Experten, die das französische Kultusministerium angefordert hatte, um den Schaden in Augenschein zu nehmen, waren erleichtert. Rattanstühle standen ordentlich aufgereiht da, kostbare Gemälde hingen unbeschädigt an den Wänden und über dem Altar schwebte ein großes vergoldetes Kreuz über der Pietà, einer Statue der Jungfrau Maria mit dem Leichnam Jesu auf dem Schoß.

„Das Dach und das Gewölbe sind nicht so wichtig. Viel wichtiger ist das, was sie schützen“, erklärte Aline Magnien, Leiterin des nationalen Forschungslabors für ...

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... historische Denkmäler Laboratoire de Recherche des Monuments Historiques (LRMH). „Das Herz von Notre-Dame wurde gerettet.“

Am 15. April 2019 löste vermutlich ein Kurzschluss ein Feuer aus, das die 850 Jahre alte Kathedrale bis auf die Grundmauern niederzubrennen drohte. Die Feuerwehr ging nach einem für solche Katastrophen entwickelten Plan vor und wusste daher genau, welche Kunstwerke sie in welcher Reihenfolge retten sollte. Sie wusste auch, dass sie den Wasserdruck niedrig halten mussten, um die Buntglasfenster zu schützen.

Doch obwohl die Brandbekämpfer das Schlimmste verhinderten, war der Schaden beträchtlich. Mehr als 200 Tonnen giftiges Blei aus Dach und Turm waren abgängig. Zudem war das empfindliche Gleichgewicht zwischen dem Gewölbe und den Strebenbögen gestört: Die Gefahr bestand, dass das gesamte Gebäude einstürzen würde.

Beim LRMH – dem Labor, das mit dem Erhalt sämtlicher Nationaldenkmäler beauftragt ist – setzen Magnien und ihre 22 Kollegen verschiedene Untersuchungsmethoden ein, um den Zustand von Stein, Mörtel, Glas, Farbe und Metall zu begutachten. Sie wollen weitere Schäden verhindern und stehen den Ingenieuren beim Wiederaufbau mit Rat und Tat zur Seite.

Staatspräsident Emmanuel Macron hat versprochen, Notre-Dame spätestens 2024 wiederzueröffnen. An der Operation sind viele Behörden beteiligt, und Spenden in Höhe von rund einer Milliarde Euro wurden zugesagt. Doch es sind die Forscher des LRMH, die die Entscheidungen darüber treffen, wie Baustoffe gerettet und die Kathedrale renoviert werden kann.

aus: SCIENCE (13. märz 2020); © 2020 christa lesté-lasserre. der artikel wurde nach der erstveröFFentlichung aktualisiert

Knapp neun Stunden lang brannte die Kathedrale Notre-Dame am 15. und 16. April 2019

Das LRMH-Team arbeitet in den ehemaligen Stallungen eines Schlosses aus dem 17. Jahrhundert in Champssur-Marne am östlichen Stadtrand von Paris. Das LRMH hat hier schon Proben der bedeutendsten Monumente Frankreichs wie Eiffelturm und Arc de Triomphe untersucht. Die Gegend ist ruhig, doch an dem Tag im Januar 2020, als ich das Labor besuchte, war dort aller hand los.

Véronique Vergès-Belmin, Geologin und Leiterin der Steinabteilung des LRMH, streifte einen Schutzanzug über und setzte eine Atemmaske auf. Das muss jeder tun, der mit Proben hantiert, die mit Blei kontaminiert sind. In der Lagerhalle des Labors – der einstigen Remise für die Kutschen – zeigte sie mir mehrere Dutzend Steine, die aus der Decke der Kathedrale herausgefallen waren. Sie liefern Hinweise auf den Zustand der Steine, die nicht herabgefallen sind.

Hitze kann Kalkstein schwächen. Wenn die Ingenieure wissen, welchen Temperaturen die herabgefallenen Steine ausgesetzt waren, hilft ihnen das, zu entscheiden, ob sie diese wiederverwenden können. Vergès- Belmin hat festgestellt, dass die Farbe der Steine Informationen liefert. Bei 300 bis 400 Grad lösen sich Eisenkristalle auf, die den Kalkstein zusammenhalten, und färben die Oberfläche rot. Bei 600 Grad ändert sich die Farbe, da sich die Kristalle in schwarzes Eisenoxid verwandeln. Werden Temperaturen bis 800 Grad erreicht, verliert der Kalkstein das gesamte Eisenoxid und zerfällt zu Kalkpulver. „Steine oder Bauteile, die Farbe angenommen haben, sollten nicht wieder verwendet werden“, erklärte Vergès-Belmin.

Auch Wasser kann enorme Schäden anrichten. Als die Feuerwehrleute das Gewölbe mit Wasser besprühten, legte der poröse Kalkstein etwa ein Drittel an Gewicht zu. Im Labor untersuchten Forscher des LRMH einen herabgefallenen Stein und wogen ihn, um den Trocknungsprozess zu verfolgen.

Erst im Mai dieses Jahres war er komplett trocken.

Währenddessen fiel Regen auf das dachlose Gewölbe. Die Ingenieure konnten keine Notüberdachung anbringen, weil das demolierte Skelett eines Gerüsts im Weg stand, das 2018 zu Renovierungszwecken aufgestellt worden war. Die Wände der Kathe- drale stützten das Gerüst, weshalb es vorsichtig abgebaut werden musste.

Bis alle Steine getrocknet sind, werde ihr veränderliches Gewicht vermutlich weiterhin „nicht ver- nachlässigbare“ Effekte auf die Gewölbestruktur haben, meinte LRMH-Geologin Lise Leroux. Zum einen hat das zusätzliche Gewicht Einfluss auf das heikle Kräftegleichgewicht, zum anderen dehnen sich einzelne Steine aus oder ziehen sich zusammen, wenn das Wasser im Winter friert.

Ein paar Wochen nach dem Brand brachten Ingenieure Stahlträger über dem Gewölbe an, damit sich Techniker beim Abbau des Gerüsts abseilen konnten, und um die Struktur zu stabilisieren. Leroux absolvierte eigens einen Abseilkurs, damit sie die Steine aus der Nähe betrachten konnte. Als sie im Februar 2020 erstmals den oberen Teil des Gewölbes inspizierte, stellte sie fest, dass der Putz noch weitgehend intakt war und viele der Steine geschützt hatte.

Die Corona-Pandemie sorgte für Verzögerungen beim Abtragen des Gerüsts, im November 2020 konnten die Arbeiten im Inneren der Kathedrale beginnen. Im Dezember wurde die große Orgel zerlegt und abtransportiert. Die Pfeifen wurden repariert und von Bleistaub befreit. Als Nächstes wurde ein 27 Meter hohes Gerüst errichtet, um Zugang zum Gewölbe zu ermöglichen. Der Wiederaufbau des Innenraums soll in der zweiten Jahreshälfte 2021 beginnen.

Bei den Parisern löste das Feuer einerseits Trauer aus, andererseits Angst vor dem verdampften Blei. Aurélia Azéma, leitende Metallurgin der Metallabteilung des LRMH, hat jedoch zusammen mit anderen Wissenschaftlern festgestellt, dass das Feuer längst nicht die Temperaturen erreichte, bei denen Blei verdampft (1700 Grad). Das meiste Blei ist bei 300 Grad geschmolzen und in die Regenrinnen getropft, oder es hängt wie Stalaktiten von den Bögen herab.

über 600 Grad heiß – der Punkt, an dem Blei zu Tröpfchen oxidiert. „Wie Haarspray“, sagte Aurélia Azéma. Eine gelbe Wolke, die sich während des Brandes von der Kathedrale löste, bewies, dass Blei durch die Luft davongetragen wurde.

Einige nahe gelegene Schulen wurden dekontaminiert, nachdem Proben besorgniserregend hohe Bleiwerte aufgewiesen hatten. Ob das Blei von dem Notre-Dame-Feuer oder aus anderen Quellen stammt – etwa bleihaltigen Farben, Autobatterien oder verbleites Benzin – ist ungeklärt.

Im Juni 2019, als Azéma und ihre Kollegen die ersten Proben aus der Kathedrale ins Labor zurückbrachten, fest in Plastiktüten versiegelt, schien alles von gelbem Bleistaub überzogen. Sie wickelte kleine Orgelpfeifen aus mehreren Schichten Blisterfolie aus und zeigte mit dem behandschuhten Finger auf die Löcher darin. „Selbst da drin ist Bleistaub“, erklärte sie.

Weil Blei so giftig ist, setzte die Gesundheitsbehörde einen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm je Quadratzentimeter für Oberflächen von Gebäuden fest. Dieser gilt auch für historische Denkmäler. „Bei meiner ersten Probe lag der Wert 70-mal so hoch“, berichtete Emmanuel Maurin, Leiter der Holzabteilung des LRMH. Er hatte Oberflächen wie den Beichtstuhl aus Eichenholz und das Chorgestühl untersucht.

Die Behörde für Arbeitssicherheit hat strenge Sicherheitsbestimmungen erlassen. Wer in die Kathedrale hinein will, muss sich komplett ausziehen und Einmalunterwäsche aus Papier, einen Schutzanzug und eine Atemschutzmaske anlegen, bevor man kontaminierte Bereiche betritt. Man darf sich höchstens 150 Minuten lang den Schadstoffen aussetzen. Danach muss man duschen gehen und sich von Kopf bis Fuß abschrubben.

Das Kultusministerium hat die Forscher des LRMH damit betraut, Möglichkeiten zu finden, die Kathedrale von Blei zu befreien, ohne sie zu beschädigen. Bei den meisten glatten Oberflächen wie Glas, Metall oder gewachstem Holz reichen nach ihren Erkenntnissen ein Industriestaubsauger und mit destilliertem Wasser getränkte Wattepads, um das Blei sicher zu entfernen. Unbehandelte Holzoberflächen müssen laut Maurin zunächst abgeschmirgelt werden. Als beste Methode bei porösem Stein erwies sich die Säuberung mithilfe von Kompressen und Latex sowie zusätzlich eine lasergestützte Reinigung.

Nach der ersten Phase wissenschaftlicher Arbeiten ist die Kathedrale bereit für die zweite Phase. Nun können Geschichte und Architektur studiert werden, die der Brand freigelegt hat. Besucher, die die Untersuchungen stören könnten, sind noch nicht zugelassen.

Das Kultusministerium und die Forschungsorganisation CNRS stellten ein Team aus mehr als 100 Wissenschaftlern zusammen. „Wir ordnen die vielen Tausend Fragmente, die zum Teil aus unserer, zum Teil aus einer anderen, viel älteren Welt kommen. Das ist, als würden wir mit dem Mittelalter kommunizieren“, erklärte ein Mitglied des Teams.

Auch die verkohlten Reste der Dachbalken erzählen ihre eigene Geschichte. „Holz zeichnet im Wachstum alles auf“, verriet Alexa Dufraisse, Leiterin der Holzgruppe. Die Eichenbalken von Notre­Dame wuchsen im 12. und 13. Jahrhundert, einer warmen Periode. Indem die Forscher Zusammenhänge zwischen den Wachstumsringen und den bekannten Bedingungen dieser Zeit herstellen, hoffen sie, mehr darüber zu erfahren, wie sich Klimaveränderungen auf die mittelalterliche Gesellschaft auswirkten.

Über die Jahrhunderte hat Notre­ Dame mehr als einen Niedergangsund Erneuerungszyklus erlebt. Wenn die Gewölbe und Streben wieder trocken und fest sind, alles Blei aufgespürt und über die Geschichte der Kathedrale mehr bekannt ist, wird die Trauer der Freude weichen.

„Hier findet sich eine außergewöhnliche Gruppe von Menschen zusammen, die ein Gedanke eint: Sie wollen dieses Denkmal nicht nur retten, sondern dabei auch etwas lernen“, erklärte Aline Magnien. „Notre­ Dame wird wiederaufgebaut! Die Kunstwerke, der Stein und das Buntglas werden gereinigt, und die Kathedrale wird schöner sein als je zuvor.“

Die Ruine schafft die gegenwärtige Form eines vergangenen Lebens, nicht nach seinen Inhalten oder Resten, sondern nach seiner Vergangenheit als solcher. georg siMMel, dt. PhilosoPh (1858–1918)