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Ein einfacher Mann und seine große Tat


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 26.03.2019

Im Alleingang machte sich der SchreinerGeorg Elser daran, Adolf Hitler mit einer Bombe zu töten – er scheiterte nur ganz knapp.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2019

Mehrere Monate lang arbeitete Georg Elser an seiner Bombe. Da Hitler bei der Gedenkveranstaltung am Abend des 8. November 1939 weniger lang redete als in den Jahren zuvor, detonierte Elsers Sprengsatz einige Minuten zu spät. Die Bombe hatte enorme Kraft und beschädigte den Münchner Bürgerbräukeller schwer. Die Polizei fand in den Trümmern Teile der »Höllenmaschine«, wie Elser seinen Sprengsatz nannte.


Es fehlten 13 Minuten, und Georg Elser hätte die Weltgeschichte verändert. ...

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... 13 Minuten, und die Gewaltherrschaft der Nazis, der Zweite Weltkrieg und der Holocaust wären wohl nicht wie bekannt verlaufen. Wäre die von Georg Elser gebaute Bombe früher explodiert, wäre Adolf Hitler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München getötet worden.

Doch die entscheidenden Minuten fehlten. Hitler blieb unversehrt, Elser wurde geschnappt und gut fünf Jahre später, am 9. April 1945, im Konzentrationslager Dachau von SS-Schergen ermordet.

Der Widerstandskämpfer Elser kam aus ein - fachen Verhältnissen: Er war ein unbedeutender Schreiner aus dem Schwäbischen, ohne große Bildung, ohne viel Geld, bei seiner Tat von niemandem unterstützt. Und doch wäre es diesem einfachen Mann fast gelungen, im Alleingang Deutschland von Hitler zu befreien.

Elser erkannte früh die grenzenlose Gewalt - bereitschaft der Nazis und Hitlers Willen, einen gro - ßen Krieg zu führen, um Millionen Menschen zu unterjochen. Mit seinem Mut bewies Elser, dass Widerstand gegen Hitler möglich war, möglich für jedermann. Vielleicht wurde er gerade deshalb nach dem Krieg so lange verfemt und missachtet. Elsers Kindheit und Jugend waren geprägt von Armut und Gewalt. 1903 geboren, wuchs er im schwäbischen Örtchen Königsbronn auf, rund 40 Kilometer nordöstlich von Ulm. Seine Eltern besaßen eine kleine Landwirtschaft, die vor allem von der Mutter betrieben wurde, der Vater hatte einen Holzhandel, der mehr schlecht als recht lief.

Sein jähzorniger Vater war ein schwerer Trinker, der das karge Einkommen der Familie weitgehend mit Alkohol durchbrachte. »Nicht jeden Tag, aber oft kam mein Vater sehr spät nach Hause. So viel ich weiß, war er oft im Wirtshaus. Meine Mutter hat uns Kindern erzählt, dass sie vom Vater oft geschlagen werde«, berichtete Elser später in den Verhören der Gestapo. Auch er selbst wurde regelmäßig Opfer der väterlichen Brutalität. »Aufgewacht sind wir nachts immer, wenn mein Vater im Rausch nach Hause kam«, erinnerte er sich, und: »Von meinem Vater habe ich überhaupt nur Schläge bekommen.«

Elser war ein mittelmäßiger Schüler, nach sieben Jahren Volksschule machte er schließlich eine Lehre in einer Schreinerei. In den Jahren danach wechselte er wiederholt den Arbeitgeber, teilweise aus eigenem Antrieb, teilweise weil ihm wegen schlechter Wirtschaftslage gekündigt worden war. Handwerklich war er sehr geschickt und präzise, er liebte die Arbeit mit Holz und war deshalb bei seinen Arbeitgebern geschätzt.

Er war ein ruhiger , eher verschlossener Mensch, sparsam und anspruchslos, wie Zeitgenossen berichteten. Er spielte mehrere Musikinstrumente, darunter Ziehharmonika und Zither, und war Mitglied in verschiedenen Musikvereinen. Er hatte Liebschaften mit mehreren Frauen und wurde Vater zumindest eines unehelichen Kindes, eine dauerhafte Liebe fand er indes nicht.

Ende der Zwanzigerjahre trat er dem Rotfrontkämpferbund bei, ein Arbeitskollege hatte ihm zugeredet. Allerdings blieb er lediglich inaktives Mitglied dieser KPD-nahen Organisation; von der kommunistischen Ideologie hatte er wohl nur wenig Ahnung. Politisch ge bildet war Elser nicht, doch die Armut und die Not vieler einfacher Menschen beschäftigten und bedrückten ihn.

Dem NS-Regime stand er von Beginn an ablehnend gegenüber. Als er 1939 von der Gestapo vernommen wurde, erklärte er: »Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der sozialen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert.« So seien die »Löhne gesenkt und die Abzüge größer« geworden. Doch nicht nur materielle Aspekte ärgerten ihn: »Der Arbeiter kann zum Beispiel seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr frei betätigen.«

Spätestens als die Tschechoslowakei im Münchner Abkommen vom September 1938 das Sudetengebiet an das Deutsche Reich abtreten musste, erkannte Elser die unheilvolle Gefahr von Hitlers absolutem Machtanspruch. Er war zu dieser Zeit bereits der Meinung, »dass Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und dass deshalb ein Krieg unvermeidlich« sei.

Lange Zeit wollten die Nazi-Ermittler nicht glauben, dass Elser allein gehandelt hatte. Bei einem der Gestapo-Verhöre erklärte er einem Beamten einen von ihm gezeichneten Plan des Münchner Bürgerbräukellers. Um letzte Zweifel auszuräumen, baute er seine Bombe in der Haft noch einmal exakt nach.


So begann Elser wohl im Herbst 1938 über ein Attentat auf Hitler nachzudenken. Anfang November jedenfalls fuhr er nach München und besichtigte den Bürgerbräukeller, einen Abend nach der alljährlichen Erinnerungsveranstaltung für den gescheiterten Putschversuch der Nationalsozialisten von 1923. Er sah das Rednerpult, an dem Hitler bei diesem Anlass immer sprach, er erkannte, dass zu dem Saal jeder Zutritt hatte und keine besondere Bewachung vorgesehen war.

In den folgenden Monaten entwendete Elser bei zwei Firmen, bei denen er beschäftigt war – darunter ein Steinbruch – Pulver, Sprengpatronen und Sprengkapseln. Im April 1939 reiste er nach München und fertigte eine Skizze des Bürgerbräukellers an und nahm die Maße einer Säule auf, die hinter dem Rednerpult stand. Sein Plan stand nun fest: Er wollte in der Säule eine Bombe verstecken und damit Hitler im November bei seiner nächsten Rede im Bürgerbräukeller töten.

Im August ließ er sein altes Leben hinter sich, zog in die bayerische Landeshauptstadt, wohnte zur Untermiete und begann mit großem technischen Geschick eine Zeitbombe zu konstruieren. Einige Einzelteile dafür musste er sogar in kleinen Werkstätten in Auftrag geben. Wurde er nach seinen Absichten gefragt, behauptete er, er tüftle an einer Erfindung. Einer Arbeit ging er in dieser Zeit nicht mehr nach.

30 bis 35 Nächte verbrachte Elser im Bürgerbräukeller, um seine Bombe in der Säule unter - zubringen. Zwischen 20 und 22 Uhr nahm er jedes Mal ein einfaches Essen in dem Lokal zu sich, versteckte sich dann in Nebenräumen, bis der Saal leer und abgesperrt war. Danach fing er an, hinter der Holzvertäfelung der Säule Mörtel und Ziegel herauszubrechen und einen Hohlraum zu schaffen. Einen Teil der Holzvertäfelung hatte er mit Zapfenbändern zu einer Art Tür umfunktioniert.

Die Arbeiten vollführte er im Licht einer Taschenlampe, die Werkzeuge hatte er mit Lappen umwickelt, um die Geräusche zu dämpfen, den Schutt sammelte er penibel ein und nahm ihn mit. Nach der Arbeit döste er den Rest der Nacht in seinem Versteck, bis am nächsten Morgen der Saal wieder geöffnet wurde und er durch den hinteren Eingang verschwinden konnte.

Dann galt es: Anfang November 1939 platzierte er seine Bombe in dem Hohlraum der Säule, in der Nacht vom 5. auf den 6. November startete er den Mechanismus des Zeitzünders.

Am Abend des 8. November versammelten sich viele führende Nazis und zwischen 1500 und 2000 Anhänger in dem Lokal, wieder wollten sie des gescheiterten Putsches von damals gedenken. Hitler erschien um 20.00 Uhr, begann um 20.10 Uhr zu reden und endete um 21.07 Uhr. In den Jahren zuvor hatte seine Rede stets länger gedauert. Diesmal war es anders: Hitler wollte unbedingt in der Nacht noch zurück nach Berlin, im Hauptbahnhof wartete ein Zug auf ihn. Deshalb verschwand er früher als sonst üblich.

Um 21.20 Uhr explodierte Elsers Bombe. Die Wucht des Sprengsatzes verwüstete den Saal, tötete 8 Anwesende, verletzte 63 Besucher. Dort, wo das Rednerpult gestanden hatte, war nur noch ein meterhoher Schutthaufen zu sehen – Hitler hätte die Explosion niemals überlebt, wenn er dort gestanden hätte. Doch die Bombe detonierte 13 Minuten zu spät.

Elser war zu dieser Zeit schon in Gewahrsam. Er war gegen 20.45 Uhr, etwa eine halbe Stunde vor der Bombenexplosion, von Zollbeamten festgenommen worden, als er versuchte, bei Konstanz illegal die Grenze zur Schweiz zu übertreten. Die Beamten fanden Verdächtiges bei ihm: unter anderem Aufzeichnungen zur Herstellung von Granaten und Zündern, verschiedene Teile eines Sprengzünders, eine Ansichtskarte des Münchner Bürgerbräukellers und versteckt im Rockaufschlag ein Rotfront-Abzeichen. Warum Elser diese Dinge bei sich führte, ist bis heute unklar: War er schlicht unachtsam? Oder wollte er in der Schweiz Belege für seine Tat vorweisen?

Als die Gestapo ihn in den folgenden Tagen verhörte und dabei auch folterte, gestand er seine Aktion. »Ich wollte durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern«, rechtfertigte er sich. Auf seine Festnahme angesprochen, sagt er, er empfinde »Ärger über mich selbst und meinen Leichtsinn«.

Lange wollten die Nazi-Schergen allerdings nicht glauben, dass Elser allein gehandelt hatte. Erst als er zum Beweis in der Haft die Bombe noch einmal detailgetreu nachbaute, ließen sich die Ermittler überzeugen. In der Öffentlichkeit jedoch unterstellten die Nazis ihm unter anderem eine Verbindung zum britischen Geheimdienst – zu peinlich war es, dass ein einzelner, einfacher Mann Hitler beinahe hatte umbringen können.

Auch nach dem Krieg hielten sich lange Verschwörungstheorien, Elser sei Werkzeug eines ausländischen Geheimdienstes oder gar der Nazis selbst gewesen.

Während der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg schon bald gewürdigt wurde, blieb Elser vergessen – oder wurde sogar verleumdet. Dabei hatte sich Stauffenberg begeistert in den Krieg gegen Polen gestürzt: »Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht guttun.« Den Angriff auf Frankreich hatte er genossen: »Persönlich geht es uns aus gezeichnet; die Vorräte des Landes genießen wir in vollen Zügen. « Dieser Karrieresoldat, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs als »Erlösung« empfunden hatte und sich selbst stets als etwas Besonderes sah, eignete sich für die deutsche Nachkriegselite besser als Held: Er war eben ein hoher Militär, adlig, vermögend, gebildet, standesbewusst.

Elser war dagegen gesellschaftlich ein Nie - mand. Hinter ihm stand keine Partei, keine Kirche, keine Organisation. Und genau dadurch führte er vielen Menschen ihr moralisches Versagen vor Augen: Auch ein einfacher Mann hatte Widerstand leisten können, Elser widerlegte schmerzhaft die wohl feile Behauptung, man habe ja nichts tun können.

Erst 1964 wurde das Protokoll von Elsers Vernehmung durch die Gestapo zufällig entdeckt. Staatsoffiziell gewürdigt wurde der gescheiterte Attentäter erstmals 1984 von Bundeskanzler Helmut Kohl, der ihn in seiner Berliner Gedenkrede zum 20. Juli 1944 erwähnte. Und erst 1998 wurde eine Elser-Gedenkstätte in Königsbronn eröffnet. Der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas schrieb 2015: »Ein einfacher Mann aus dem Volk hatte klar erkannt, was adlige Offiziere, feine Diplomaten, ernste Kirchenmänner viel zu lange nicht sahen oder nicht sehen wollten. Von den Juristen ganz zu schweigen.« Und: »Elser hatte getan, wozu die gesellschaftlichen Eliten jahrelang un - fähig oder unwillig waren.«

Die Nazis hielten Elser in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau gefangen – sie planten, ihn nach dem »Endsieg« in einem Schauprozess vorzuführen. Am 9. April 1945 war unübersehbar, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Auf Weisung Hitlers wurde Elser an diesem Tag mit einem Genickschuss ermordet.

ELSER IM KINO

Die Lebensgeschichte von Georg Elser wurde mehrfach verfilmt:

1989 brachte Klaus Maria Brandauer seinen Film »Georg Elser – Einer aus Deutschland« in die Kinos. Brandauer führte Regie und übernahm selbst die Rolle Elsers. Der Film hielt sich nicht exakt an die historische Wahrheit, hatte beim Publikum aber Erfolg und machte das Schicksal Elsers einem brei - teren Publikum bekannt.

Im Jahr 2015 kam der Film »Elser – Er hätte die Welt verändert« auf die Leinwand. Regie führte Oliver Hirschbiegel, die Haupt rolle spielte Christian Friedel. »Ein kluger Film, Zeitgeschichte und Thriller in einem«, hieß es im SPIEGEL.