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EIN EINWANDERER auf Freiersfüßen


Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 20.09.2019

Nicht nur Rothirsche röhren im Herbst in deutschen Wäldern und Fl uren. Auch ihre kleineren, gefleckten Verwandten, die Damhirsche, buhlen um die Gunst der Weibchen. In seiner ursprünglichen Heimat Vorderasien ist der Paarhufer heute vom Aussterben bedroht


Artikelbild für den Artikel "EIN EINWANDERER auf Freiersfüßen" aus der Ausgabe 10/2019 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 10/2019

Wenn die Kontrahenten kämpfen, verhaken sich ihre Geweihe. Sie schieben einander kräftig hin und her


Jungtiere tragen Spieße, erst später entwickeln sich die mächtigen Schaufeln


„Bei diesem Kräftemessen gibt es keine Tötungsabsicht, das lässt sich mit dem Fingerhakeln oder Armdrücken beim Menschen vergleichen.“
Jürgen Borris, Naturfotograf


Kämpft er mit ...

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Kämpft er mit den jungen Bäumen? Ist es Übermut oder testet er seine Kräfte? Den Kopf mit den breiten Schaufeln gesenkt, zerschlägt der Damhirsch herabhängende Äste mit seinem Geweih. Wer jedoch genau hinsieht, erkennt, dass er seinen Kopf nah an den Ästen herabstreichen lässt. Damit will das Tier Duftsekret aus seinen Voraugendrüsen verteilen und den Konkurrenten mitteilen: Ich bin hier, das ist mein Revier! Denn es ist Oktober, die Brunft hat begonnen.
In den Dämmerungsstunden wirft der Damhirsch seinen Kopf hoch und „rülpst“ – so klingt es jedenfalls für das menschliche Ohr. Dieses Brunftgeschrei unterscheidet sich gänzlich vom Röhren eines Rothirsches, manchmal entweicht der Kehle gar nur ein heiseres Röcheln. Dann scharrt er mit seinen Hufen über den Untergrund, sodass Erde und Grassoden fliegen. Er dreht sich einmal um sich selbst, legt sich in die Kuhle, steht wieder auf und uriniert anschließend kräftig hinein. „Das mag sich unappetitlich anhören, aber mit dieser Brunftkuhle will der Damhirsch spannende Düfte für die Weibchen erzeugen, um sie anzulocken“, sagt Naturfotograf Jürgen Borris. Im Gegensatz zum Rothirsch sind es nämlich nicht die Herren, die den Damen ins Revier folgen, hier läuft es genau umgekehrt.

IST WEIBSVOLK ANWESEND?

Hat ein Damhirsch eine Brunftkuhle und damit ein Revier für sich beansprucht, kommen in kleinen Grüppchen nun weibliche Tiere hinzu. Das sogenannte „Kahlwild“ besucht die Hirsche auf ihren Brunftplätzen und begutachtet die Herren der Schöpfung. „Sobald weiblicher Tiere anwesend sind, steigt die Aufregung. Es wird herumstolziert und markiert“, berichtet der Naturfotograf, der die Tiere schon oft während der Brunftzeit beobachtet und fotografiert hat. Das Ziel sei nicht, den Gegner zu vernichten, sondern ihn in die Fl ucht zu schlagen. „Oft reicht das Imponiergehabe schon, damit der scheinbar Schwächere verzichtet und aufgibt.“ Falls nicht, kommt es jedoch zum Kampf, dabei verhaken sich die Geweihe ineinander und die Damhirsche schieben einander kräftig hin und her. „Bei diesem Kräftemessen gibt es keine Tötungsabsicht, das lässt sich mit dem Fingerhakeln oder Armdrücken beim Menschen vergleichen.“ Wegen der Schaufelform ihrer Geweihe passieren auch weniger tödliche Verletzungen als bei ihren größeren Verwandten, den Rothirschen.

Weibchen werden auch „Damtiere” genannt


In der Wachstumsphase sind die Schaufeln noch mit Bast überzogen


Für das Damwild beginnt die Paarungszeit gegen Anfang Oktober und dauert bis Mitte November an. Ihren Höhepunkt erreicht die Brunft in der zweiten Oktoberhälfte. Oftmals suchen sich die Hirsche enge Plätze für ihre Brunftkuhle, bei der sie in Sichtkontakt zu den Konkurrenten stehen. Entsprechend groß ist die Aufregung, sobald die ersten Weibchen auftauchen.

Jedes Jahr wächst das Geweih der Damhirsche neu, sie werfen es aber später als die Rothirsche


EIN EINWANDERER AUS ASIEN

Vor der letzten Eiszeit lebten bereits Damhirsche in unseren Breiten, zogen sich nach dem Kälteeinbruch jedoch in den Mittelmeerraum zurück. Das Damwild stammt ursprünglich aus Vorderasien. Im Iran und in Israel gibt es noch winzige Restvorkommen dieses Mesopotamischen Damhirsches (Dama dama mesopotamica), der heute vom Aussterben bedroht ist. Vor allem in der Zeit des Absol utismus führten Feudalherren Damwild wieder in Mitteleuropa ein – zu ihrer Bel ustigung als Jagdwild in Gehegen. Besonders im norddeutschen Tiefland sind die Tiere heute reich vertreten, aber auch im Weserbergland, zumal die erste Population in Deutschland wahrscheinlich auch dort – im heutigen Wildpark Sababurg – erstmals angesiedelt wurde. Die ersten Damhirsche in freier Wildbahn sind aus solchen Gehegen entkommen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich eine eigene Unterart entwickelt, der Europäische Damhirsch (Dama dama). Eine Konkurrenz für den hiesigen Rothirsch bilden Damhirsche allerdings kaum. „In aller Regel teilen sich Rot- und Damwild nicht denselben Lebensraum, da der Rothirsch vor allem in Wäldern unterwegs ist, der Damhirsch weite Freiflächen bevorzugt“, weiß Jürgen Borris. „Allerdings muss die Landschaft strukturiert sein, Feldge hölze und kleine Baumgruppen dienen den Tieren als Deckung.“ Wo Intensivlandwirtschaft betrieben werde, sei der Damhirsch daher eher nicht zu finden.

Anfang Oktober beginnt die Paarungszeit der Damhirsche


SCHAUFELN STATT SPITZEN

Genau wie bei den Rothirschen tragen nur die männlichen Tiere ein Geweih, das im Gegensatz zu ihren Verwandten jedoch nicht spitz, sondern als Schaufel ausgeformt ist. Das Geweih der Damhirsche wächst jedes Jahr neu, sie werfen es aber später als die Rothirsche ab – zwischen April und Mai. Jungtiere entwickeln zunächst nur Spieße, in den Folgejahren dann immer größere Schaufeln. „Ähnlich wie beim Rothirsch lässt die Zahl der Enden bzw. die Größe des Geweihs aber nicht unbedingt auf das Alter schließen“, sagt der Naturfotograf. In der Wachstumsphase sind die Schaufeln noch mit Bast überzogen, einer stark durchbl uteten Haut, die der Damhirsch an Bäumen abscheuert, sobald das Geweih ausgewachsen ist. Die unterschiedlichen Pflanzensäfte, die dabei mit den noch weißen Schaufeln in Berührung kommen, bestimmen von nun an die Färbung des Geweihs.

Die Fellfarbe variiert bei Damhirschen viel stärker als bei anderen Wildtieren


ROT- UND DAMHIRSCH

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist die Fellfärbung des Damwildes: Typisch für die Sommermonate ist ein lichtes Braun mit weißen Flecken und einem dunklen Aalstrich auf dem Rücken, an dessen Seiten sich weiße Punkte entlangziehen. Im Winter wird das Fell dunkler und die Flecken sind kaum noch sichtbar. „Generell kann man sagen, dass die Farben beim Damhirsch viel stärker variieren, von Reinweiß bis Pechschwarz reicht die Palette“, weiß Jürgen Borris. Experten führen dies darauf zurück, dass das Europäische Damwild Jahrhunderte in Gefangenschaft in den Gehegen der Feudalherrscher gelebt hat und die natürliche Auslese hier weniger zum Tragen kam. Bis zu drei von zehn Damhirschen weisen heute eine Farbanomalie auf, auch in freier Wildbahn. Und noch etwas unterscheidet die Einwanderer von ihren größeren Verwandten: „Damwild ist anders als Rotwild sehr stark tagaktiv“, sagt Jürgen Borris. Man erblickt die Tiere auch tagsüber häufig auf Feldern und Weiden. „Sie haben sehr gute Augen, können auf große Entfernungen Störungen wahrnehmen und fliehen dann.“ Auch dabei zeigen sie eine ungewöhnliche Besonderheit, die der Rothirsch nicht beherrscht und die man sonst eher von Antilopen kennt: Bei schneller Fl ucht springen die Tiere mit allen Vieren gleichzeitig in die Höhe. Die sogenannten Prellsprünge lassen die Tiere förmlich fliegen und im Absprung erzeugen sie ein dumpfes Klopfgeräusch. Es dient vermutlich dazu, Artgenossen in Habachtstell ung zu bringen. Aber die Sprünge sind nicht nur Warnsignal. Wenn die Tiere miteinander spielen, kommt auch der eine oder andere Prellsprung zum Einsatz. Dann drücken sie all das aus, was wohl jeder Spielende kennt, ob in der Tier- oder Menschenwelt: Übermut und Lebensfreude.

STECKBRIEF Damwild

Aussehen: Die Tiere messen vom Kopf bis zum Po 120 bis 140 Zentimeter und haben eine Schulterhöhe von 80 bis 100 Zentimeter. Nur die Männchen tragen ein Geweih. Es ist schaufelförmig und etwa 55 Zentimeter lang. Das Fell verändert sich im Lauf des Jahres. Im Sommer ist es hell-rostbraun und trägt Reihen von weißen Flecken. Im Winter färbt sich das Fell des Damwilds auf dem Rücken und an den Seiten schwärzlich, die Unterseite ist grau. Die Flecken sind nur noch sehr wenig zu sehen.

Lebensraum: Lichte Wälder mit großen Wiesen. Im Wald finden die Tiere Schutz und Deckung, auf den Wiesen und Feldern Nahrung.

Nahrung: Blätter, Gräser, Kräuter

Lebenserwartung: 15 bis 20 Jahre

Verbreitung: Europa, Kleinasien, Neuseeland, Nordamerika, Südamerika

Wenn Damhirsche schnell fliehen, bewegen sie sich ähnlich wie Gazellen


Fotos: Jürgen Borris; Ill ustration: metelsky25-stock.adobe.com