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„Ein Fest der Lebensfreude nach dem Corona-Blues“


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 16.02.2022

Berlin Storys

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Bildquelle: tip Berlin, Ausgabe 4/2022

Klaus Lederer, Kultursenator seit 2016: ?Die Arbeitsbelastung war zeitweise extrem?

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) geht in die zweite Runde. Er ist im neuen Senat einer der wenigen Senatoren, die schon in der letzten Legislaturperiode dabei waren. Im Gespräch ist er kämpferisch wie immer. Irgendwer muss das Berliner Kulturleben ja retten. Nebenbei ist man nach einem Gespräch mit Lederer optimistischer und entschieden besser gelaunt als davor. Das kann man nicht von jedem Berliner und nicht von jedem Politiker sagen.

Herr Lederer, um optimistisch zu beginnen: Was haben Sie sich für den Sommer vorgenommen?

Den Kultursommer! Wir wollen die Stadt mit Kunst und Kulturangeboten der unterschiedlichsten Art bespielen -ein gemeinsames Durchatmen nach dem Pandemie-Winter. Wir wollen als Kulturverwaltung dafür eine Infrastruktur bereitstellen, die es Kulturakteur:innen ermöglicht, in der Stadt, im öffentlichen Raum, in Parks und auf Plätzen ihre Kunst zu zeigen und Kultur ...

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... erlebbar zu machen. An Orten, an denen man sich wohlfühlt und vielleicht auch ein Eis essen oder ein Bier trinken kann. Ich hoffe, dass durch das Entgegenkommen der Bezirksämter, etwa des Grünflächenamts, ein bisschen mehr möglich wird, als es üblicherweise der Fall ist. Es soll für die Leute einfach schön sein, ihre Stadt und das Zusammensein nach zwei Jahren Pandemie und dem brutalen Verzicht auf öffentliches Leben zu genießen. Das wird über die ganze Stadt verteilt passieren, möglichst in allen Bezirken – eine Feier des Lebens und der Kunst. Das bedeutet für die Künstler:innen, egal ob aus der Freien Szene oder aus den großen, landeseigenen Kultureinrichtungen, die Möglichkeit, sich auch mal in einem anderen Umfeld und vor einem anderen Publikum zu zeigen.

Wäre doch schön, wenn Musiker der Staatsoper im Märkischen Viertel Mozart spielen oder in Hellersdorf Verdi-Arien singen.

Das würde ich ganz wunderbar finden. Das gilt für alle Sparten und Genres. Berlin hat Freiräume, die wollen wir nutzen – lasst uns im Sommer gemeinsam die Stadt erleben und ein soziales Miteinander feiern. Der Kultursommer soll ein Geschenk von vielen Künstler:innen an alle Berliner:innen werden, ein gemeinsames Fest der Lebensfreude nach diesem endlosen Corona-Blues.

Apropos Lebensfreude: Was wird eigentlich aus den ganzen Kultur-Groß-Events im öffentlichen Raum?

Die Fête de la Musique findet natürlich statt, mit etwas Glück wird sie der Auftakt für den Kultursommer. Auch das Pop-Kultur-Festival wird wieder stattfinden, und wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, auch die Lange Nacht der Museen. Der Karneval der Kulturen wird privat organisiert, die Veranstalter haben entschieden, ihn auch in diesem Jahr ausfallen zu lassen. Wir werden gemeinsam schauen müssen, wie es mit dieser Veranstaltung weitergeht.

Ein anderes Projekt ist das Jugendkultur- Ticket. Was muss man sich darunter vorstellen?

Mein Ziel ist, für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit zu schaffen, sehr niedrigschwellig, ohne große Kosten, Berliner Kultureinrichtungen zu besuchen. Wir haben jetzt schon über den Jugendkulturservice Möglichkeiten, Theaterbesuche von Jugendlichen finanziell zu unterstützen, wir haben den Museumssonntag bei freiem Eintritt einmal im Monat. Ich finde es gut, wenn Kinder und Jugendliche, die in der Pandemie besonders gelitten haben, mit ihren Freund:innen, mit ihrer Familie ins Theater, ins Museum gehen können, auch wenn ihre Familien wenig Geld haben. Prinzipiell gilt, dass die Teilhabe an Kunst und Kultur bei erwachsenen Menschen nicht zuletzt davon abhängt, ob sie als Kinder die Möglichkeit einer Berührung mit Kunstwerken, mit Literatur, Theater und Musik hatten, die nicht rein kommerziell ist. Auch deshalb kann man Kinder und Jugendliche gar nicht großzügig und früh genug mit Kultur in Kontakt bringen.

Wenn wir schon bei großen Plänen sind: Was haben Sie sich als Kultursenator für die fünf Jahre dieser Legislaturperiode vorgenommen?

Viele Themen, die wir in den vergangenen fünf Jahren bearbeitet haben, bleiben wichtig und werden wahrscheinlich auch noch in fünf Jahren auf der Tagesordnung stehen. Das ist ein Marathonlauf und kein Sprint. Dazu gehört die Aufgabe, in der Stadt Räume für die Kunst zu sichern, Förderprogramme bereitzustellen oder das Thema der sozialen Absicherung von Künstler:innen und der Kampf gegen ihre Prekarisierung, zum Beispiel mit Mindesthonoraren. Ein weiterer Schwerpunkt bleibt die kulturelle Teilhabe für breite Teile der Stadtgesellschaft. Dazu gehört zum Beispiel die Stärkung der Kinder-und Jugendtheater und der Jugendmusikschulen, die wir uns vorgenommen haben. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit wie der Umgang mit Kunstwerken und Sammlungen im Unrechtskontext ist für uns ein wichtiges Thema. Diese Prozesse sind noch lange nicht zu Ende, daran müssen wir weiterarbeiten.

Aber an erster Stelle steht für uns immer noch, die Kulturbetriebe und Künstler:innen in der Pandemie zu unterstützen.

Sie wollen Räume für die Kunst sichern. Zwei Hangars des Flughafen Tempelhof hat sich jetzt aber ein etwas dubioser Kunst- Unternehmer gesichert – unter dem anmaßenden Namen „Kunsthalle Berlin“, mietfrei für zwei Jahre, mit hohen Zuschüssen des Landes, angeblich um die 100.000 Euro im Monat. Die halbe Kunstszene der Stadt ist völlig nachvollziehbar über diesen Skandal empört. Das alles war nicht Ihre Entscheidung, aber als Mitglied der Regierungskoalition müssen Sie sie mittragen. Können Sie die Empörung über diese Berliner Peinlichkeit nachvollziehen?

Absolut. Der Name „Kunsthalle“ suggeriert eine Nähe zur Berliner Kunstszene, die nicht gegeben ist. Ich kann die Empörung darüber gut verstehen, dass hier mit Guerilla-Marketing versucht wurde, das Ausstellungsprojekt als etwas zu labeln, das es nicht ist. Aber, und da ist einfach Verlass auf die Berliner Kunstszene, diese Aneignung wird nicht stillschweigend hingenommen, sondern zu Recht in Frage gestellt. Die Ausstellung selbst und damit Künstler:innen und Kunst zu boykottieren, kann ich als Kultursenator aber nicht unterstützen.

Wie lange bleibt es Ihre Hauptaufgabe, dafür zu sorgen, dass die kulturelle Infrastruktur die Pandemie halbwegs übersteht und arbeitsfähig bleibt?

So lange, bis die Folgen der Pandemie überwunden sind – und das wird nicht schon zu dem Zeitpunkt sein, an dem die Pandemie abklingt und endemisch wird. Nach allen Erfahrungen der letzten zwei Jahre bin ich auch vorsichtig damit, das Ende der Pandemie vorhersagen zu wollen. Wir müssen den unterschiedlichen Akteur:innen in der Kultur, der Freien Szene, den landeseigenen Kulturbetrieben, Soloselbstständigen und privatwirtschaftlichen Kulturveranstaltern, von den Clubs bis zu den Privattheatern, helfen, durch diese Krise zu kommen – mit Förderprogrammen, Hilfsmaßnahmen, der Erstellung von Hygienerahmenkonzepten bis hin zu sehr konkreten Hilfen im Einzelfall. Das wird uns auch in den nächsten Monaten weiter massiv fordern.

Etwas zugespitzt: Erleben wir seit zwei Jahren einen Überlebenskampf der Kultur?

Das ist so, mit unterschiedlichen Härten für die Betroffenen. Wir setzen unsere Möglichkeiten ein, das so weit wie möglich aufzufangen. Aber viele Künstler:innen, die als Soloselbstständige unterwegs waren, haben sich umorientiert und sind heute zum Teil in anderen Berufen. Das gilt auch für Freiberufler:innen aus der Veranstaltungsbranche, mit entsprechenden Folgen für die Veranstalter, die zum Teil händeringend Leute suchen. Ich bin froh, dass wir in der Berliner Koalition beschlossen haben, nicht mit der Abrissbirne durch den Kulturhaushalt zu gehen. Viele kommunale Haushalte werden durch die Pandemie unter großen Druck geraten und bei den sogenannten freiwilligen Aufgaben sparen, dazu gehört auch die Kultur. In der Berliner Regierungskoalition ist klar, dass das nicht unsere Linie ist.

Keine Spareinschnitte im Kulturhaushalt, um die Pandemie-Kosten zu kompensieren?

Wir wollen auf dem bisherigen Niveau des Kulturhaushalts weitermachen, und der ist in den letzten fünf Jahren deutlich gewachsen. Aber man muss auch klar sagen: Es wird nicht weiterhin die zusätzlichen Ressourcen wie in den vergangenen Jahren geben. Trotzdem können wir neue Schwerpunkte setzen, wenn auch bei weitem nicht in dem Maß wie vor der Pandemie. Wir wollen zum Beispiel die Bibliotheken stärken, das sind die meistbesuchten Kultureinrichtungen der Stadt. Die Ausstattung der Zentral-und Landesbibliothek ist eigentlich seit Jahrzehnten nicht mehr ausreichend, erst recht nicht, wenn man heutige bauliche Ansprüche an moderne Bibliotheken anlegt. Wir müssen auch die Bibliotheken in den Bezirken personell besser ausstatten. Das gehört einfach zum Angebot kultureller Teilhabe.

„Wir wollen zum Beispiel die Bibliotheken stärken, das sind die meist besuchten Kultureinrichtungen der Stadt ... Das gehört einfach zum Angebot kultureller Teilhabe“

KLAUS LEDERER

Zur Person

Klaus Lederer, Kultursenator des Landes Berlin, ist 47 Jahre alt und Mitglied der Partei Die Linke. Diese Amtsperiode ist bereits seine zweite. Lederer lebt seit 1988 in Berlin.

Der Koalitionsvertrag ist da sehr klar: „Die Koalition will dezentrale und niedrigschwellige Kulturangebote in der ganzen Stadt bereitstellen.“ Das alles kostet Geld. Geht das zu Lasten der sogenannten Hochkultur, der Theater, Museen, Opern, Orchester?

Nein, das ist nicht richtig. Wir haben uns darauf verständigt, auch in Zukunft die Kosten von Tariferhöhungen auszugleichen. Keine dieser Kultureinrichtungen ist verzichtbar, im Gegenteil. Wir haben beim Friedrichstadtpalast das Sanierungsvorhaben vorgezogen, wir werden die Komische Oper baulich erneuern. Die Baumaßnahmen an der Deutschen Oper und im Theater an der Parkaue laufen weiter. Wir müssen Wege finden, trotz knapperer Investitionsmittel die Berlinische Galerie, das Bröhan Museum und das Brücke Museum auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Das sind Gebäude und Einrichtungen, die schon lange keine Infrastruktur-Investitionen gesehen und sich in ihren Nutzungsanforderungen einfach verändert haben. Aber ich würde die These aufstellen, dass nicht die großen Institutionen, sondern die dezentrale Kulturarbeit besonders verletzlich ist. Die zu schützen und zu fördern, ist nicht nur eine Frage von Kulturpolitik, sondern einfach von Fairness gegenüber allen Einwohner:innen dieser Stadt.

Werden bei wachsenden Aufgaben und begrenztem Etat die Verteilungskämpfe um die knappen Mittel härter?

Es gibt immer Mehrbedarfe der Kultureinrichtungen, dafür sorgen schon allein die Inflation und die Tariferhöhungen. Gemessen an den Bedarfen und an dem, was für Kultur bereitgestellt werden müsste, sind die öffentlichen Kulturhaushalte massiv unterfinanziert. Für mich stellt sich derzeit angesichts der begrenzten Ressourcen auch die Frage, wie sie durch gemeinschaftliche Nutzung mehr Akteur:innen zugutekommen können – etwa in der Kooperation zwischen freien Strukturen und institutionalisierten Kulturbetrieben.

Zum Beispiel?

Das geschieht ja schon, etwa wenn das Konzerthaus in der Pandemie seine Bühne freien Ensembles zur Verfügung stellt. Die Opern-und Schauspielhäuser arbeiten schon lange immer mal wieder mit Künstler:innen der Freien Szene. Da ist sicher noch mehr möglich. Wenn die Mittel begrenzt sind, muss man sie möglichst klug und flexibel nutzen – zum Beispiel in unterschiedlichen Formen der Kooperation.

Sie wollen, dass die großen, gut finanzierten Kulturtanker sich gegenüber den institutionell weniger stark abgesicherten Akteuren zum Beispiel der Freien Szene öffnen – und ihnen einen Teil ihrer Ressourcen zur Verfügung stellen?

Genau so ist mein Vorschlag gemeint. Die Kunstfreiheit steht immer an erster Stelle, aber wir können zumindest Erwartungen äußern – natürlich nicht inhaltlich oder künstlerisch, aber strukturell. Diese Kulturbetriebe werden immerhin zu erheblichen Teilen ihres Budgets mit öffentlichen Mitteln des Landes Berlin, also mit Steuergeld finanziert. Sie sind Teil der öffentlich getragenen Infrastruktur der Stadt und müssen sich im Zweifel Fragen der Öffentlichkeit gefallen lassen.

Apropos Solidarität: Der Koalitionsvertrag nennt als Ziel der Landesregierung die Förderung fairer Arbeitsbedingungen in den Kultureinrichtungen. Dazu gehört auch bessere Transparenz bei den Spitzengehältern. Sie wollten schon in der letzten Legislaturperiode die Gehälter der Intendant:innen, Orchesterleiter:innen und Museumsdirektor:innen öffentlich machen. Weshalb ist Ihnen das nicht gelungen?

Das liegt an der relativ komplizierten rechtlichen Lage. Dafür braucht man eine gesetzliche Grundlage. Das entsprechende Gesetz zur Transparenz wollen wir in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen, ich hoffe relativ bald. Für alle Bereiche, in denen Unternehmen erhebliche öffentliche Mittel erhalten, nicht nur für den Kulturbereich.

Letzte Frage: Was haben Sie selbst in den beiden Pandemie-Jahren am meisten vermisst?

Mich spontan mit Freund:innen zu treffen. Das private Leben war schon sehr eingeschränkt, da geht es mir wie allen anderen. Die Arbeitsbelastung war zeitweise extrem. Aber ich wusste immer, wofür ich das mache. Es wäre ja schön, wenn das unglaublich reiche, diverse Kulturleben Berlins nach der Pandemie wieder genau so toll und bunt ist, wie davor. Das wünsche ich mir wirklich und dafür haben wir viel getan.

Mehr über kulturelle Großveranstaltungen die dieses Jahr (wieder) ausfallen: S. 22/23