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EIN GANZ HEISSES EISEN


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LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 31.08.2022
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Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 6/2022

Mitspieler

Tonabnehmer:

· DS Audio DS003

· Ortofon Per Windfeld Ti

Plattenspieler:

· TechDAS Air Force III / Reed 3p / Reed 1x

Phonovorstufen:

· MalValve preamp three phono

· DIY mit Röhren

· DS Audio DS003

Lautsprecher:

· DIY Focal / JBL

· Audio Physic Avantera III

Gegenspieler

Vollverstärker:

· Thivan Labs 811 Anniversary

Gespieltes

Long Distance Calling Eraser

UFO UFO2

Willy DeVille Unpugged In Berlin

My Sleeping Karma Atma

Konzept

Doch, doch. Vollverstärker. Und er ist dreiteilig, weil er als „Einteiler“ schlicht nicht sinnvoll machbar gewesen wäre. Denn: Wir haben es hier mit einem der extremsten Röhrenvollverstärker zu tun, den es am Markt gibt. Der Sun-833X ist eine Single-Ended-Konstruktion, die bis zu 200 Watt pro Kanal leistet. Warum irgend jemand so etwa haben wollen sollte? Weil er den unvergleichlichen Single-Ended-Sound will, aber keine Lautsprecher, die man normalerweise an solchen Geräten betreibt. ...

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... Denn: Wenn man in Sachen Stromverbrauch, Abwärme und konstruktivem Aufwand irgendwie auf dem Boden des Greifbaren bleiben will, dann endet die Welt bei vielleicht zehn bis 15 Watt. Was zur Folge hat: Man braucht Lautsprecher mit ordentlich Wirkungsgrad, sprich: Deutlich über 90 Dezibel sind das Mittel der Wahl, wenn‘s Spaß machen soll. Beim Sun 833-X sind solche Dinge egal. Er ist ein 22000 Euro teures Monsterensemble, der so ziemlich alles treibt, was der Lautsprechermarkt bereit hält. Die Kehrseite der Medaille (neben dem Preis): 165 Kilogramm Gesamtgewicht und 1400 Watt Leistungsaufnahme. Ständig. Auch dann, wenn kein Ton herauskommt. So sieht‘s aus, wenn man den Class-A-Gedanken auf die Spitze treibt.

Der Hersteller

Urheber dieser Unglaublichkeit ist die vietnamesische Firma Thivan Labs, die sich in den letzten Jahren eine beeindruckende Reputation mit ihren Single-Ended-Röhrenamps erarbeitet hat. Angefangen mit dem berühmten 811 Anniversary, der den Markt für bezahlbare Senderöhrenverstärker gründlich aufgemischt hat. Und der seit Jahren eines der bestbeschäftigten Geräte in meinem Gerätepark ist. Als regelmäßiger Leser dieses Magazins wissen Sie, was folgte: Wunderbare ThivanVerstärker mit Senderöhren vom Typ 211 oder gar 805 im Ausgang. Leistung war auch bei jenen eigentlich kein Thema mehr um das man sich hätte Gedanken machen brauchen, aber Mr. Thi war mit seinen Ambitionen in Sachen Verstärker noch lange nicht am Ende.

Die Endröhre

Was jetzt gerade mein Wohnzimmer heizt, das setzt pro Kanal auf eine 833C. Das ist zwar bei Weitem nicht die größte je gebaute (Glas-) Senderöhre, aber schon ein ziemlich amtliches Kaliber. Die 833C ist eine mit Graphitanode ausgestattete, zuerst von Svetlana auf den Markt gebrachte Version der 833A, die RCA in den späten Dreißigern vorstellte. Die direkt geheizte Triode im Würstchenglasformat hat oben und unten zwei am Glaskolben herausgeführte Anschlüsse. Sie verträgt (ohne Zwangskühlung) eine Anodenspannung von 3000 Volt und einen Strom von 500 Milliampère. Thivan Labs begnügt sich bei beiden Parametern in etwa mit der Hälfte, was aber immer noch weit jenseits dessen ist, was Audio-Röhrenverstärker normalerweise zum Betrieb brauchen. Schon eine solche Röhre zu heizen ist eine Ansage: 10 Volt bei 10 Ampère wollen angelegt werden, damit das Ding wach wird und sein wunderbar helles, fast weißes Licht erstrahlen lässt, das den thorierten Wolframfäden zu eigen ist.

Gemessenes

Messtechnik-Kommentar

Für so ein extremes Gerät benimmt sich der Sun 833-X im Labor ziemlich ordentlich. Die Minus-drei-Dezibel-Punkte des Frequenzgangs liegen bei rund 13 Hertz und 24 Kilohertz, das ist beachtlich für so einen großen Ausgangsübertrager. Ein Dezibel Kanalunterschied gehen auf das Konto nicht ganz genau gematchter Röhren, aber das geht in Ordnung. Der Fremdspannungsabstand beträgt gut 73 Dezibel(A) bei einem Watt an acht Ohm, die Kanaltrennung liegt in der gleichen Gegend. Bei einem Watt verzerrt das Gerät mit 0,22 Prozent, das ist ebenfalls gut. Der Klirr steigt darüber fast linear mit der Aussteuerung an, das ist bei solchen Konzepten normal. Die maximale Ausgangsleitung ist von daher ein wenig Ansichtssache, die liegt aber in der Gegend zwischen 150 und 200 Watt pro Kanal. Aussteuerungsunabhängig verbraucht die Maschine konstant 1400 Watt Strom.

Das Power-Modul

Einer dieser Kolben steckt, gut von einem Käfig aus Aluminiumblechringen vor Berührung geschützt, auf einem „Power-Modul“ des Sun 833-X. Nach vorne sorgt eine zentimeterdicke Glasplatte für klare Sicht auf die im Betrieb kirschrot glühende Anode der Endröhre. Was bei fast allen anderen Röhren zum baldigen Ableben führen würde, ist bei einer 833C völlig normal.

Die Endröhre ist das einzige aktive Element in – oder besser auf – dieser Einheit, die komplette restliche Signalverarbeitung inklusive der Arbeitspunkteinstellung für die Endröhre findet im „Treibermodul“ statt. Dafür gibt‘s im pro Stück 70 Kilogramm schweren Power-Modul aber reichlich Eisen: Auf dem Chassis tummeln sich der Hochspannungsnetztrafo, eine Siebdrossel für die Hochspannung und der Ausgangsübertrager. Allein letzterer bringt stattliche 17 Kilogramm auf die Waage und verfügt über gleich drei Abgriffe. Hier dürfen sich Lautsprecher von zwei bis 16 Ohm bestens aufgehoben fühlen. Im Geräteinneren finden sich dann noch der imposante Ringkerntrafo für die Heizung und eine Heizungssiebdrossel. Das zu der Netzteilschlacht gehörige Kondensator-Ensemble erinnert eher an eine frühe Krell-Monsterendstufe als an einen Röhrenverstärker. Allerdings werkeln hier nur in Ausnahmefällen Elkos, den Löwenanteil der Siebung übernehmen gewaltige Ölpapierkondensatoren. Wie bei Thivan üblich, ist die Bauteilequalität über jeden Zweifel erhaben und es finden sich immer wieder Vintage-Bauteile, die jede Selberbauer liebend gerne in der Teilekiste hätte. Hinzu gesellt sich noch eine kleine Platine, die das LED-Display in der Front ansteuert. Es dient zur Kotrolle des Ruhestroms, der durch die Endröhre fließt.

Das Treibermodul

Dem gegenüber ist das zentrale Gerät des Triumvirat mit seinen etwa 25 Kilogramm Gewicht schon fast Spielzeug, gleichwohl von entscheidender Bedeutung. Zunächst erst einmal werden hier die Eingangssignale angeschlossen, zur Auswahl stehen zwei symmetrische und zwei unsymmetrische Eingänge. Auch beim Treibermodul stecken die Röhren unter einem Alukäfig. Es finden sich eine ECC82 / 12AU7, pro Kanal eine 6SN7 und eine 6AS7G. Die Eingangskonfiguration kennen wir schon von anderen Thivan-Verstärkern, die Leistungs-Doppeltriode 6AS7G hingegen ist neu und eine gute Idee an dieser Stelle – die 833 will mit reichlich Gitterstrom angesteuert werden, dafür braucht‘s einen potenten Treiber. Als Koppelelement zwischen Treiberund Leistungsröhre setzt Thivan erstmals auf Zwischenübertrager, was in der „japanischen Schule“ für Verstärker dieser Art als der heilige Gral gilt.

Der gesamte Verstärker ist also mit waschechten Trioden aufgebaut und läuft im lupenreinen Class-A-Betrieb – was soll da noch schiefgehen?

Für die Ruhestromeinstellung muss man den Deckel des Röhrenkäfigs abnehmen und die beiden Potis mit einem langen Schraubendreher betätigen. Der Hersteller empfiehlt eine Vorwärmzeit von etwa 15 Minuten und eine Einstellung auf etwa 260 Milliampère. In der Praxis bleibt die Einstellung schön stabil, überhaupt muss man den Hut davor ziehen, wie unproblematisch sich der Verstärker in der Praxis verhält. Die Professionalität einer Konstruktion zeigt sich immer dann, wenn sie unauffällig ihren Job macht. Das ist hier der Fall, allerdings nur technisch und nicht klanglich. Etwas gewöhnungbedürftig zeigt sich allenfalls die Charakteristik des 128-stufigen Lautstärkestellers, der den Pegel mittels per Relais geschalteter Festwiderstände variiert: Obwohl es schon bei Stufe eins ein hörbares Signal gibt, muss man bis etwa Position 70 kurbeln, bis so etwas wie nennenswerter Pegel ansteht. Das Phänomen ist an weniger wirkungsgradstarken Lautsprechern noch stärker ausgeprägt.

Klang

Und? Ist der Riesen-Thivan klanglich so spektakulär, wie der konstruktive Aufwand hoffen lässt? Er ist. Und wie. Dass er den hauseigenen 811 Anniversary in dynamischer Hinsicht im Regen stehen lässt, kommt letztlich nicht wirklich überraschend. Die Wucht, mit der er Schlagzeugattacken auf dem brandneuen (und erst im kommenden Heft zu rezensierenden) Long Distance Calling-Album in den Raum pustet ist ein bisschen wie in ein paar Metern Abstand vor einer Reihe 18-Zoll-Bins an der Bühne zu stehen. Das ist auch bei moderaten Pegeln fühlbarer Tiefton – ganz erstaunlich. Davon ab fällt der Dreiteiler tatsächlich eher durch seine weit gefächerte Hintergründigkeit auf. Er stellt ein riesiges Panorama dar, die Bühne kennt in Breite und Tiefe kaum Grenzen.

Beim – übrigens unfassbar großartigen – zweiten Album der britischen Hardrock-Heroen von UFO steht der Pegelsteller schon auf 95 und der krautige, toll improvisiert wirkende Klangteppich der Band rollt sich schon fast schwindelerregend weitläufig aus. Das ist nicht nur Atmosphäre pur, sondern auch etwas fürs audiophile Gehör: Die einzelnen Instrumente sind perfekt lokalisierbar, wieder drängt sich der Eindruck auf, ganz nah vor der imaginären Bühne zu stehen. Das Schlagzeug pluckert abermals knochentrocken und großartig autoritär – man ist einfach mittendrin. Ganz großer Sport.

Wenn es noch eines weiteren Beweises für den Ausnahmestatus des Sun 833-X gebraucht hätte, dann liefert ihn Willy DeVille mit der Darbietung seines Unplugged-Konzertes in Berlin anno 2011. Das Klavier sprüht nur so vor Farbe und Wucht, Willy ist in Hochform – und das hört man. Und ja, das funktioniert auch an weniger einfach anzutreibenden Lautsprechern als meinen Selbstbau-Dreiwegerichen, wie ein Quercheck mit den Audio Physic Avantera III im Verlagshörraum zeigte. Die Faszination baute sich in praktisch gleichem Maße auf, Souveränität und Größe sind auch hier atemberaubend.

Holger Barske

Thivan Labs Sun 833-X

» Physisch und klanglich einer der spektakulärsten Vollverstärker überhaupt. Dynamisch eine Welt für sich, atmosphärisch intensiv und mit ganz viel Händchen auch für Kleinigkeiten.