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Ein ganzes Paket voller Liebe


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 22.01.2022

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War denn das zu fassen? Mit zusammengekniffenen Augen starrte Michaela auf das Paket, das da auf dem Treppenabsatz lag und fast ihre Wohnungstür blockierte. Sie hatte nichts bestellt. Also musste es schon wieder für diesen Michael Winter sein, der seit genau einem Monat und gefühlt mindestens 1000 falsch zugestellten Paketen im Haus nebenan wohnte.

Mit einem unterdrückten Fluch schob sich Michaela an dem Ungetüm vorbei und kramte nach ihrem Schlüssel. Diesmal würde sie es dem Mann nicht als gute Nachbarin wortlos hinterhertragen! Zumal sich dieser Mensch für ihren Service noch nie bedankt hatte.

Na ja, das konnte er auch nicht, musste sie zugeben, denn sie hatte noch nie bei ihm geklingelt, um ihm eines seiner Pakete direkt zu überreichen. Trotzdem war das irgendwie nicht in Ordnung.

Wütend schmetterte Michaela ihre Jacke auf den Dielentisch und ...

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... marschierte in ihre Küche, um sich den heiß ersehnten Kaffee zu kochen. Das hatte sich, seit sie vor einem Monat in die Stadt gezogen

war, um hier zumindest das berufliche Glück zu finden, zu einem abendlichen Ritual entwickelt: Wenn sie aus ihrem kleinen Schmuck-Atelier durchgefroren heimkam, gab es erst einmal einen Becher des belebenden Getränks. Frisch gebrüht und herrlich duftend. Damit konnte dann der Feierabend beginnen. Eigentlich.

Denn auch heute kreisten ihre Gedanken wieder einmal – ob sie es wollte oder nicht – beständig um das eckige Ärgernis draußen vor der Tür. Womit hatte sie das bloß verdient? Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen und dreimal „Simsalabim“ gemurmelt. Und wenn sie die Augen wieder öffnete, wäre der Karton verschwunden, es würde leise Musik erklingen und der herrliche Duft eines leckeren Schmorbratens würde passend zur kalten Jahreszeit ihre Nase umwehen … Nicht zu vergessen, dass jemand liebevoll „Schön, dass du da bist, Schatz! Ich habe dich ja sooo vermisst“ rufen würde.

Pustekuchen, Michaela Winters. Träum nur schön weiter!

Entschlossen griff sie nach ihrem Smartphone. Vielleicht konnte sie diesen Menschen einfach anrufen und auffordern, sein Paket persönlich und vor allen Dingen auf der Stelle abzuholen. Aber er war natürlich in keinem Telefonverzeichnis registriert.

Sie nahm einen großen Schluck Kaffee und verbrannte sich damit prompt die Lippen, was ihre ohnehin schlechte Laune noch weiter sinken ließ. Niemand, der jünger als 99 Jahre alt war, stand heutzutage noch im Telefonbuch, sei es auf Papier oder digital.

Sie stand auf. Am besten, sie erledigte die Sache gleich direkt. Dann würde es ihr bestimmt besser gehen nach diesem grässlichen Tag, an dem einfach nichts hatte klappen wollen. Und heute würde sie bei dem Typ klingeln, und wenn sie ihm dann gegenüberstand, würde sie ihm den Marsch blasen und ihn ultimativ auffordern, dafür zu sorgen, dass seine Pakete in Zukunft auch an seine Adresse geliefert würden statt an ihre!

Es war ja nicht ihre Schuld, dass sie Michaela hieß und dazu auch noch Winters? Ihre Namen unterschieden sich zwar nur in zwei Buchstaben, doch es gab schließlich auch noch die jeweilige Adresse. Und wenn er etwas online bestellte, musste er eben die Versender darauf hinweisen, dass er Michael Winter hieß und nicht Michaela Winters! So schwer konnte das doch wohl nicht sein.

Ärgerlich vor sich hin grummelnd, knallte Michaela den Kaffeebecher auf den Tisch – der natürlich überschwappte und einen hässlichen Fleck auf der weißen Tischdecke produzierte. Sie kümmerte sich nicht weiter um das Missgeschick, sondern schnappte sich ihre Jacke und trat vor die Tür.

Was war da drin in dem Ungetüm? Was bestellte der Typ?

Das Paket war wirklich groß. Michaela kickte einmal kräftig mit dem rechten Fuß dagegen. Es rührte sich nicht. Schwer war es also offenbar ebenfalls. Ob der Typ vielleicht kiloweise Mehl bestellt hatte, weil das dann drei Cent pro Kilo billiger war? Solche Menschen gab es, wie die Welt seit Loriots „Herrn Lohse“ wusste. Der hatte zentnerweise Büromaterial bestellt und war daraufhin von seiner Firma entlassen worden.

Über diesen verrückten Typen im Film hatte sie herzhaft gelacht. Jetzt war ihr jeder Anflug von Heiterkeit gründlich vergangen.

Sie hob das Paket ächzend an. Tragen konnte sie es immerhin, wenn auch nur mit Müh und Not. Wankend stieg sie mit ihrer Fracht die Treppe hinunter und wäre fast mit dem alten Herrn Meesen zusammengestoßen, der sich wohl auf den Weg zu seinem allwöchentlichen Schachabend machte.

Galant hielt er ihr die Haustür auf, verkniff sich jedoch nach einem Blick in ihre finstere Miene jeden Kommentar. Er nickte ihr nur freundlich zu, als sie sich wortlos Richtung Nachbarhaus wandte.

Dann stoppte sie und wandte sich noch einmal um. „Es soll heute Abend glatt werden, Herr Meesen. Seien Sie vorsichtig, ja?“, mahnte sie. Sie mochte den betagten Herrn, und eine gut gemeinte Warnung hatte noch nie geschadet.

„Keine Sorge. Ich passe auf“, beruhigte er sie und ruckte mit dem Kinn in Richtung Paket. „Ist das etwa schon wieder …?“

„Ja, ist es“, erwiderte sie grimmig. „Für Herrn Michael Winter höchstpersönlich. Blöd nur, dass dieser Mensch nebenan wohnt.“

Der alte Mann lachte vergnügt. In einer stillen Stunde hatte Michaela ihm von der Verwechslung erzählt. Er hatte sich ihre Klage geduldig angehört und ihr sogar einen Kakao gekocht, um sie zu trösten. Sie hatte das echt nett gefunden, auch wenn sie schon etwas über das Kakao-Alter hinaus war. Es war ja die Absicht, die zählte.

„Vielleicht sollten Sie beide einfach heiraten und zusammenziehen. Dann wäre das Problem gelöst“, schlug er schmunzelnd vor.

Michaela war nicht in Stimmung für solche Scherze. Doch sie zwang sich zu einem Lächeln. Er meinte es ja nur gut. Trotzdem blieb das wohl einer der absurdesten Vorschläge, die sie jemals gehört hatte. Der konnte auch nur von einem Menschen stammen, für den das Thema Bindung und Lebensplanung schon Lichtjahre entfernt lag.

„Ich fürchte, dann bekämen wir eine Menge anderer Probleme“, quetschte sie mühsam hervor.

„Sie meinen von der Sorte, wer beim Frühstück vom Brötchen immer das Oberteil bekommt?“, ulkte er. „Oder ob es im Urlaub in die Berge oder an die See geht?“

Herr Meesen befand sich eindeutig in aufgeräumter Stimmung. Michaela unterdrückte auch jetzt nur mit Mühe ein genervtes Stöhnen. „So in etwa, ja“, knurrte sie.

Er musterte sie durchdringend. Dann nickte er und straffte sich. „Verzeihen Sie, wenn ich persönlich werde, mein Kind. Aber Sie sind sehr viel allein, nicht?“

„Och, ich komme ganz gut zurecht“, wehrte Michaela ab.

„Das glaube ich Ihnen durchaus“, lautete die geduldige Antwort. „Trotzdem ist das nicht gut für einen jungen Menschen.“ Ein schmerzliches Lächeln huschte über die Lippen des alten Herrn. „Na ja, für einen älteren ist es auch nicht gerade das Gelbe vom Ei“, fügte er dann kaum hörbar hinzu.

„Aber die Heiratskandidaten fallen halt ebenso wenig vom Himmel wie die gebratenen Tauben“, gab Michaela zu bedenken.

Herr Meesen gluckste amüsiert. „Das ist ein schöner Vergleich. Den merke ich mir. Es muss ja nicht gleich die Ehe sein. Ein Freund würde auch erst mal reichen.“

Behutsam setzte Michaela das Paket ab. Das ging ja wohl entschieden zu weit! Er meinte es gut, sicher, aber sie schätzte es nicht, wenn sich ein Fremder in ihr Privatleben einmischte! „Herr Meesen“, begann sie drohend.

Er hob abbittend die Hände. „Ich sag ja nichts mehr“, beteuerte er.

„Michael Winter ist nett, glaube ich“, meinte Herr Meesen

„Gut.“ Michaela atmete tief durch. „Wissen Sie, das geht heute alles nicht so leicht.“ Sie merkte selbst, dass ihr Tonfall sich jetzt beinahe kläglich anhörte.

Der alte Herr nickte ernst. „Ja ja, mit dieser Digitalisierung ist alles so hektisch geworden. Ihr jungen Leute habt dauernd Stress – im Job und im privaten Bereich. Die Welt hat sich verändert. Und nicht zum Guten, wenn Sie mich fragen.“

„Nein“, stimmte Michaela zu. „Gut ist das sicher nicht. Aber so ist es eben heutzutage, und man kann das Rad nicht zurückdrehen.“

Herr Meesen nickte nachdenklich. Dann bemerkte er wie nebenbei: „Dieser Michael Winter ist ganz nett, glaube ich. Letztens hat er mir nicht nur die Tür aufgehalten, sondern auch meinen Einkaufskorb bis an die Wohnungstür geschleppt, weil ich so wackelig auf den Beinen war und auch ein bisschen Luftnot hatte.“ Er räusperte sich, bevor er fortfuhr: „Also, ich an Ihrer Stelle würde einmal bei ihm klingeln und das Paket nicht bloß vor die Tür stellen. Manchmal muss man dem Schicksal einfach etwas nachhelfen.“

Michaela nickte ungeduldig. „Ja, das hatte ich vor“, entgegnete sie scharf. „Also, nicht wegen des Schicksals, sondern weil das mit den Paketen aufhören muss.“

„Er ist wirklich ein Netter“, behauptete Herr Meesen hartnäckig. „Und Humor hat er auch.“

Das mochte ja sein, obwohl Michaela inzwischen ernsthaft bezweifelte, dass ein Mensch, der so viele Pakete bekam, überhaupt nett oder gar sympathisch sein konnte.

Sie bückte sich energisch und hob ihre schwere Last wieder an. Vielleicht sammelte der Typ ja Versteinerungen und ließ sich ständig die neuesten Ausgrabungen zentnerweise zuschicken. Sie nickte Herrn Meesen zum Abschied zu, der ihr mit einem versonnenen Lächeln hinterherschaute.

Mit einem erleichterten Seufzer setzte Michaela wenig später ihr ungeliebtes Mitbringsel vor der Nachbarwohnungstür ab. Dann zielte sie sorgfältig mit dem Zeigefinger auf den Klingelknopf von „Michael Winter“ und drückte fest darauf. Der Gong im Inneren der Wohnung ertönte. Einmal – zweimal – dreimal. Nichts geschah, doch Michaela dachte gar nicht daran, so schnell aufzugeben. Und wenn sie hier Wurzeln schlug, sie würde … Ein lautes Poltern ertönte im Inneren, dann ein ebenso lauter Fluch, bevor die Tür mit einem heftigen Ruck aufgerissen wurde.

Michael Winter war hochgewachsen, und seine Miene wirkte nicht eben freundlich, als er sie mit einem wütenden Blick bedachte. „Nehmen Sie ihren verdammten Finger von der Klingel!“, herrschte er sie an. „Ich weiß ja, dass ihr Paketboten ziemlich unter Druck steht, aber diese Dauerklingelei ist eine Unverschämtheit.“

Ihre schicke Winterjacke für die Uniform eines Zustelldienstes zu halten, war noch viel unverschämter, dachte Michaela. Doch das spielte jetzt keine Rolle. „Ja, das ist sie zweifellos“, erwiderte sie also zuckersüß. „Allerdings ist sie lange nicht so nervtötend wie Ihre Angewohnheit, stets und ständig Ihre Pakete bei mir abstellen zu lassen. Und ich bin keine Paketbotin, sondern Ihre Nachbarin.“

Er funkelte sie an. „Was reden Sie denn da für einen Unsinn? Ich lasse keine Pakete bei fremden Menschen abstellen.“

„Tun Sie doch“, widersprach Michaela heftig. „Ich weiß nicht, die wievielte Sendung dies hier schon ist, das ich zu Ihnen herüberschleppe. Aber seit Sie hier wohnen, kann ich meine Besuche im Fitnessstudio einstellen, weil ich pausenlos damit beschäftigt bin, Ihnen Sachen hinterherzutragen, die vor meiner Tür landen, aber gar nicht zu mir wollen.“

Er starrte sie grimmig an. „Was wollen Sie denn damit andeuten?“

„Oh, das kann ich Ihnen sagen: Dass das aufhören muss, natürlich. Und zwar sofort. Sonst lasse ich die Lieferungen umgehend zurückgehen, verstanden? ‚Empfänger unbekannt verzogen‘ würde ich groß draufschreiben. Jedes Mal.“

Unverschämt fand Michaela alles, was dieser Mann sagte

Er schwieg mit gerunzelter Stirn, was Michaela noch mehr in Rage brachte. „Wenn Sie hier einen schwungvollen Handel mit Päckchen und Paketen aufmachen wollen, dann mieten Sie sich einen Lagerraum“, schob sie angriffslustig hinterher, während sie energisch eine Strähne ihres Haares, das sich bei der Trageaktion widerspenstig vor ihrem Gesicht geringelt hatte, hinter das Ohr steckte.

Jetzt endlich zeigte Michael Winter so etwas wie eine Reaktion. Er schüttelte ungeduldig den Kopf und musterte sie dabei so intensiv, dass Michaela nicht sicher war, ob sie das nicht eigentlich schon wieder unverschämt finden sollte.

„Hören Sie, ich mache hier keinen Handel auf. Ich bestelle lediglich viel online, weil mir die Zeit fehlt, gemütlich shoppen zu gehen. Und außerdem gibt es etliche Sache für mich nur im Internet zu kaufen.“ Seine Stimme war dunkel, und es gelang ihm nicht, seine Gereiztheit zu verbergen.

„Ach ja? Unterhosen, Topfpflanzen oder CDs kann man im Laden kaufen und gleich mitnehmen“, ätzte Michaela. Obwohl zumindest in diesem Paket ganz bestimmt keine leichten Textilien steckten.

„Sie werden es nicht glauben, aber das ist mir durchaus klar“, schoss er augenblicklich zurück. „Ich lebe ja nicht hinterm Mond.“

Sie winkte lässig ab. „Ach, wissen Sie, bei den vielen Leuten, die demnächst einen Trip ins Weltall unternehmen werden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Paketdienste auch dorthin liefern“, unkte sie. „Adresse: Krater 33, hinter der Geröllwüste links.“

„Sie haben tatsächlich eine überbordende Fantasie, was?“ Er sagte das ganz ruhig, doch Michaela meinte eine gewisse Geringschätzung in seiner Stimme zu hören.

„Oh ja, die habe ich. Und Sie haben überhaupt keine, stimmt’s?“

Sie starrten sich an wie zwei Duellanten kurz vor dem Waffengang. „Wie kommen Sie denn zu dieser Einschätzung, wenn ich fragen darf?“, erkundigte er sich dann geradezu unangenehm höflich.

„Nein, das dürfen sie bedauerlicherweise nicht“, antwortete sie ebenso formvollendet.

„Weil Sie Ihre Behauptung vermutlich nicht begründen können.“

„Weil ich keine Lust habe, mit Ihnen noch weiter zu reden“, korrigierte Michaela ihn kühl.

Eine Weile herrschte Stille im Hausflur. „Schade“, knurrte Michael Winter schließlich. „Damit Sie bei Ihrer ausufernden Fantasie nicht auf noch seltsamere Ideen kommen, teile ich Ihnen mit: Ich arbeite im Computerbereich. Mit Einzelheiten will ich Sie nicht überfordern. Jedenfalls kommt man da oft mit dem Kauf von Unterhosen im Laden um die Ecke nicht weiter. Ich benötige spezielle Sachen, will ich damit sagen.“ Seine Miene war undurchdringlich, was Michaela noch mehr reizte.

„Das ist mir wurscht“, fauchte sie. „Fahren Sie zum Mond oder mieten Sie sich ein Apartment auf dem Grund des Atlantiks und bestellen Sie dorthin, was Sie wollen. Aber lassen Sie die Pakete nicht an meine Adresse liefern, mehr verlange ich nicht von Ihnen.“

Erst jetzt bemerkte Michaela, dass sie vor lauter Wut ihre Hände zu Fäusten geballt hatte. Dieser Mann sah unbestritten gut aus, aber dass er auch nur ansatzweise nett war, wie der alte Herr Meesen gesagt hatte – nein, das konnte wirklich niemand behaupten, der noch all seine Sinne beisammen hatte. Und das war bei ihr der Fall.

„Oje, ich bin eigentlich nur der Blitzableiter für Ihre schlechte Laune, oder?“ Seine Stimme war plötzlich fast sanft. Sofort fuhr Michaela die Krallen aus. Was fiel dem denn ein? Ihr Seelenzustand

ging ihn nun wirklich nichts an. Erst der alte Herr Meesen mit seinen Weisheiten und jetzt auch noch dieser Michael Winter mit seinen Plattitüden. Das war ein bisschen zu viel an einem einzigen Abend.

„Nein. Ich habe bloß keine Lust, Ihnen alles hinterherzutragen. Das ist doch wohl nicht so schwer zu verstehen, oder?“, schnappte sie.

„Uns trennen nur zwei Buchstaben …“, gab Michaela zu

„Du liebe Güte, das ist gerade mal ein Paket“, sagte er immer noch schrecklich verständnisvoll.

„Ja, heute. Aber es ist bestimmt das 20. in letzter Zeit“, knurrte Michaela. „Bis jetzt habe ich Ihnen die Dinger nämlich wortlos vor die Tür gestellt. Aber nun reicht es mir. Sie müssen etwas unternehmen.“

„Wirklich 20?“, wiederholte er ungläubig. „Sie machen Witze.“

„Bestimmt nicht. Na gut, vielleicht waren es auch nur 18 oder 17“, räumte Michaela gnädig ein. „Aber weniger auf keinen Fall.“

Jetzt traf sie ein ratloser Blick. „Das verstehe ich nicht …“

„Hier, schauen Sie. Es liegt an den Namen“, klärte sie ihn auf und deutete auf den Adressenaufkleber. „Sie heißen Michael Winter, und mein Name ist dummerweise Michaela Winters. Es sind nur zwei Buchstaben, die uns trennen.“

Er stieß einen leisen Pfiff aus. „Und wenn da auch noch ‚M. Winter‘ steht, ist alles verloren.“

Kummervoll sah er sie an. „Aber was soll ich da machen? Ich möchte weder auf dem Meeresgrund noch auf dem Mond leben, wie Sie so reizend vorgeschlagen haben.“ Er legte den Zeigefinger ans Kinn und tat so, als dächte er scharf nach. „Hmm, soll ich vielleicht eine Namensänderung beantragen? In Heinrich op der Heide? Oder Friedrich Klawitter? Da würde man uns nicht verwechseln.“

Er sagte das todernst, doch Michaela hatte das Gefühl, dass er sie verschaukelte und ihren Ärger nicht ernst nahm. „Was und wie Sie es machen, ist mir schnurzpiepegal“, fuhr sie ihn daher an. „Aber tun Sie etwas, so kann es nicht weitergehen. Ich bin schließlich Schmuckdesignerin und nicht Ihre persönliche Postbotin.“ Mit diesen Worten drehte sie sich schwungvoll um und ließ ihn stehen.

Vier Tage lang ging tatsächlich alles gut, kein Paket landete mehr vor ihrer Tür. Fast kam ihr das ein bisschen komisch vor. So schnell konnte das doch gar nicht funktionieren. Dieser Michael Winter musste Zauberkräfte besitzen, mit denen er nicht nur die Post umleiten konnte, sondern sich auch in ihrem Kopf eingenistet hatte.

Denn Michaela konnte einfach nichts dagegen tun: Sie dachte immer wieder an ihn und sah ihn deutlich vor sich, wie er da so lässig in der Tür stand. Und ganz unsympathisch war er eigentlich gar nicht gewesen, wenn sie es recht bedachte. Ihre erste Begegnung hatte einfach unter keinem guten Stern gestanden. Das war’s. Ob sie vielleicht noch einmal zu ihm hinübergehen sollte, um sich für ihre grantige Art zu entschuldigen? Als gute Nachbarin und ganz unverbindlich selbstverständlich.

Als Michaela am fünften Tag nach Hause kam, lag ein in Packpapier eingeschlagenes Paket unübersehbar vor ihrer Wohnungstür.

„Na bitte“, murmelte sie fast zufrieden. „Er hat es also doch nicht hingekriegt.“ Neugierig beäugte sie die Aufschrift. Dort stand tatsächlich in großen handschriftlichen Buchstaben der Name ihres Nachbarn. Und auch die Adresse war die richtige, nämlich seine. Allerdings schien der Absender kein sehr sorgfältiger Mensch zu sein, denn das braune Packpapier war eher nachlässig verklebt.

Michaela bückte sich seufzend. Sie hatte Hunger und sehnte sich an diesem Abend besonders nach ihrem Becher Kaffee, denn der Tag war wieder mal grässlich gewesen:

Erst hatte eine zickige Kundin aus heiterem Himmel einen Aufstand gemacht, weil ihr der Verschluss einer Kette nicht gefiel.

Dann war ihr auch noch die Mitteilung ins Haus geflattert, dass ihr Vermieter sich „leider“ gezwungen sähe, die Miete zu erhöhen. Und zwar ziemlich happig. Nein, mit ihrer Laune stand es schon wieder nicht zum Besten, trotzdem würde sie die fehlgeleitete Sendung netterweise hinüberbringen.

Doch als sie mit dem Paket die Treppe hinabeilte, öffnete sich wie durch Zauberhand die Wohnungstür des alten Herrn Meesen. Michaela wunderte sich. Heute war Freitag, und der Schachabend fand immer am Dienstag statt. Sie blieb stehen. „Hallo, Herr Meesen. Wo wollen Sie denn zu dieser späten Stunde noch hin? Es friert und ist glatt draußen. Da ist es keine gute Idee, das Haus zu verlassen.“

Im Gesicht des alten Herrn deutete sich kurz ein Lächeln an

„Ich gehe nicht raus“, erwiderte er. Seine Augen funkelten, während er neugierig auf das Paket deutete. „Schon wieder?“

„Ja. Vier Tage hatte ich Ruhe“, Michaela seufzte, „aber heute lag das hier vor meiner Tür.“

Zu ihrer Überraschung deutete sich im Gesicht des alten Herrn kurz ein Lächeln an. „Und Sie bringen es zu … äh … Herrn Winter rüber? Das ist fein. Also, das ist sehr anständig von Ihnen.“ Damit drehte er sich um und schloss die Wohnungstür hinter sich.

Verdutzt setzte Michaela ihren Weg fort und klingelte wenig später bei Michael Winter. Anders als bei ihrem ersten Besuch wurde ihr fast augenblicklich geöffnet, und eine verführerische Duftwolke wehte ihr entgegen. Michaela schnupperte sehnsüchtig. Der Duft von Knoblauch, Tomaten und Olivenöl stieg ihr in die Nase.

„Hallo“, begrüßte Michael Winter sie. Er trug eine bunte Schürze, die ihm ausgezeichnet stand, weil sie seine schmalen Hüften betonte. „Da sind Sie ja schon.“

Sie stutzte kurz, streckte ihm dann aber das Paket entgegen. „Hier. Das ist schon wieder vor meiner Tür gelandet.“

„Oh ja, ich weiß.“ Plötzlich wirkte er ein wenig verlegen, wie er so von einem Bein auf das andere trat und keinerlei Anstalten machte, ihr das Paket abzunehmen.

„Wie, Sie wissen …?“ Ratlos spielte Michaela mit ihrer Fracht herum. Die ausgesprochen leicht war, wie ihr jetzt bewusst wurde.

Michael grinste sie an, offenbar amüsiert über ihre Verwirrtheit. Sein Lächeln war offen und richtig nett, stellte Michaela fest und wunderte sich über sich selbst. Was war denn bloß in sie gefahren?

„Ja, ich weiß, dass dieses Paket bei Ihnen abgeliefert wurde“, wiederholte er. „Ich habe es sogar selbst vor Ihre Tür gestellt. Aber wollen Sie nicht hereinkommen?“

„Nein“, wehrte Michaela ab. Mittlerweile war sie völlig durcheinander. „Weshalb sollte ich?“

„Weil ich doch extra für Sie gekocht habe“, erklärte er strahlend. „Selbst gemachte Nudeln mit einer Tomatensoße, die Sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden. Das Rezept ist ein altes Familiengeheimnis und stammt von meiner lieben Großtante Trude.“

Unwillkürlich schnupperte Michaela erneut. Der Geruch, der aus seiner Küche kam, war wirklich äußerst verlockend. Und ausgerechnet in diesem Moment knurrte ihr Magen laut und vernehmlich.

„Sehen Sie“, rief Michael triumphierend. „Hören Sie auf Ihren Körper. Sie haben Hunger.“

„So ein Verräter“, brummelte Michaela und fuhr sich mit der rechten Hand über den Bauch.

Michael lachte vergnügt. „Also, dann essen wir zusammen?“

„Aber … wir kennen uns doch gar nicht“, entfuhr es Michaela. „Sie sind ein Fremder für mich, und ich bin eine Fremde für Sie.“

Er schüttelte energisch den Kopf. „Das stimmt so nicht. Sie wissen, wie ich aussehe, was ich mache, wo ich wohne und dass ich viele Pakete bekomme. Das ist doch schon eine ganze Menge.“

„Finden Sie?“, ging sie spontan auf seinen Tonfall ein. „Na ja. Ich würde über einen Mann, mit dem ich esse, gern noch etwas mehr wissen.“ Du meine Güte, was redete sie denn da? Aber wie er da so in der Tür stand und weil es wirklich so lecker roch …

„Genau das soll ja heute Abend geschehen“, versicherte er, wobei Michaela meinte, einen leicht angespannten Ton in seiner Stimme zu vernehmen. „Also, was ist? Sie haben offenbar Hunger. Ich habe gekocht. Das trifft sich doch ausgesprochen gut. Auf diese Weise können wir uns ganz wunderbar kennenlernen. Zwanglos und in aller Ruhe.“ Er trat schwungvoll

zur Seite und verneigte sich dabei leicht. Es war eine rührende Geste. „Bitte“, sagte er leise. „Ich beiße nicht. Mein Ehrenwort darauf.“

Michaela atmete tief durch und trat ein. Michael hatte nicht zu viel versprochen. Es waren eindeutig die besten Nudeln mit Tomatensoße, die sie jemals gegessen hatte. So würzig, so zart und doch so deftig – wunderbar! Und auch der Weißwein dazu war ein Gedicht. „Danke“, sagte sie schlicht, als ihr Teller blitzblank war. „Ich hab’s zwar nicht gewusst, aber genau das habe ich heute Abend gebraucht. Mir geht es schon viel besser.“

Michael nickte: „So ein Nudelgericht ist Seelenbalsam!“

Er nickte zufrieden. „Das dachte ich mir. Wenn man an so einem dunklen Winterabend nach Hause kommt und vielleicht auch noch auf der Arbeit Stress gehabt hat, ist ein leckeres Nudelgericht wirklich Balsam für Seele und Magen.“

„Hat das deine Tante Trude immer gesagt?“, neckte sie ihn.

Sie waren schon nach wenigen Minuten zum vertrauten Du übergegangen. Michaela kam das gar nicht komisch vor. Weil es einfach passte. „Nein, das sage ich“, antwortete er. „Aber meine Tante Trude war schon eine weise Frau.“

„Du liebst deine Familie offenbar sehr“, wollte Michaela wissen.

„Ja. Ich brauche zwar manchmal dringend Abstand und auch meine Ruhe, aber andererseits brauche ich auch wieder die Nähe zu Tante Trude oder meinen beiden Schwestern. Wie ist es bei dir?“

Und Michaela erzählte. Von ihrem kleinen Bruder, der sich auch als Erwachsener manchmal noch wie ein Prinz benahm und sie nervte. Von ihrem Vater, der immer an sie geglaubt und ihr Mut gemacht hatte, beruflich ihren Weg zu gehen und das kleine Atelier zu mieten. Und von ihrer Mutter, mit der sie ein inniges Verhältnis verband.

Die Zeit verging wie im Flug, denn Michael war ein guter und aufmerksamer Zuhörer. So wohl und entspannt hatte sich Michaela schon lange nicht mehr gefühlt.

Jetzt sah sie ihm direkt in die Augen. „Das Paket, das du heute extra vor meine Tür gestellt hast, das war leer, richtig?“

„Ja“, gestand er unumwunden. Michaela grinste. „Das ist aber mal eine originelle Idee und sticht das ewige ‚Kennen wir uns nicht von irgendwoher?‘ eindeutig aus.“

Zu ihrer Verwunderung biss er sich unsicher auf die Lippe. „Tja, äh … also eigentlich war es eher die Idee des alten Herrn Meesen, der in deinem Haus wohnt.“

„Herr Meesen?“, fragte Michaela verwirrt. „Was hat der denn mit den Nudeln zu tun? Ich habe ihn übrigens vorhin getroffen. Er kam aus seiner Wohnung, beguckte mich und das Paket und verschwand dann ohne ein weiteres Wort. Ich fand das schon seltsam.“

Jetzt kicherte Michael. „War es aber gar nicht Der Gute platzte vermutlich fast vor Neugier, nachdem er die Idee mit dem Essen gehabt hatte. Ich traf ihn vor drei Tagen zufällig im Supermarkt, und er sprach mich an. Ganz direkt, ohne viel Federlesens. Du seist allein, ich sei allein, da liege es doch nahe, dass wir uns zumindest ‚beschnuppern‘, wie er es ausdrückte.“

Eine Weile war es still in der kleinen Küche. Nur im Treppenhaus hörte man Kinder lachen.

„Ich fand“, Michael holte tief Luft, „na ja, also ich fand, dass er recht hatte und dass das doch mal eine nette Methode ist, um … äh … na ja … also, um …“, setzte er ein zweites Mal an, doch auch da kam er nicht weiter und verstummte.

„Die Nudeln samt Soße waren also ein Vorwand, um eine Frau in deine Wohnung zu locken?“, schlug Michaela gut gelaunt vor.

„Nicht irgendeine Frau, sondern dich“, korrigierte Michael sie leise.

„Mmh“, brummte Michaela nun ihrerseits verlegen. „Weil ich dir so lange treu und brav die Pakete hinterhergetragen habe?“

Ganz sanft strich er über ihre Hand. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder? Nein, ich wollte dich kennenlernen, weil ich dich attraktiv, hinreißend, umwerfend, herrlich komisch und süß fand.“

Sprachlos starrte sie ihn an. „Wie bitte? Sag das noch mal“, forderte sie ihn schließlich auf.

„Aber gern“, sagte er, und klang plötzlich gar nicht mehr unsicher.

„Also, ich fand dich auf Anhieb sagenhaft attraktiv, hinreißend süß, umwerfend toll und dazu ausgesprochen komisch in deiner Wut über deinen Job als Postbotin.“

„Und deshalb wolltest du mich kennenlernen?“, fragte Michaela.

„Ganz genau.“ Er zwinkerte ihr zu. „Aber der Hauptgrund ist, dass das mit den verwechselten Paketen aufhört, wenn es nicht mehr darauf ankommt, wer wo wohnt und wo sie zugestellt werden.“

„Der Meinung ist Herr Meesen auch“, sagte Michaela trocken.

„Und auf den Mond muss keiner ziehen!“ Michaela lachte laut

„Und recht hat der alte Herr. Denn wenn wir erst zusammengezogen sind, gehen alle Pakete an unsere gemeinsame Adresse. Das ist doch eine geniale Lösung für unser kleines Problem, finde ich.“

Michaela konnte nicht anders: Sie fing lauthals an zu lachen. Die Idee war wirklich zu komisch. „Du meinst, dann muss keiner von uns auf den Mond ziehen, den Namen ändern oder sich auf dem Meeresboden einmieten? Stattdessen ziehen wir einfach zusammen, und schon hat sich das Problem in Luft aufgelöst? Das ist doch verrückt.“

Michael zuckte mit den Schultern. „Ja, das ist es. Noch. Aber wir könnten doch darauf hinarbeiten, oder? Wir kochen zusammen, reden miteinander, gehen gemeinsam spazieren oder ins Kino. Und dann sehen wir weiter.“ Er drückte ihre Hand fester. „Ich glaube, der alte Herr Meesen wird sich freuen, wenn er hört, was wir vorhaben.“

„Ja, das glaube ich auch“, stimmte Michaela ihm zu. „Meinst du, wir sollten ihn einmal zu Tante Trudes geheimnisvollen Nudeln mit Tomatensoße einladen?“

„Unbedingt“, sagte Michael und schaute ihr tief in die Augen. „Irgendwann sollten wir das ganz sicher tun. Aber bis dahin möchte ich dich liebend gern ganz allein noch ein bisschen näher kennenlernen, Michaela! Hast du morgen etwas vor? Ich bin nämlich auch gut in Kuchen. Oder in Schmorbraten.“

Michaela erwiderte seinen Blick lange und intensiv. Zwischen ihnen gab es keine Verlegenheit mehr, nur eine tiefe Verbundenheit. „Meine Freunde nennen mich Micha“, flüsterte sie schließlich mit einem Lächeln im Gesicht.

„Auf eine lebenslange Freundschaft, Micha!“, antwortete Michael mit Jubel in der Stimme. „Und vielleicht auch auf mehr.“

ENDE

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LADY-KRIMI