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EIN GARTEN DER GLÜCKSELIGKEIT


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 08.04.2022

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Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 5/2022

Thorsten Ulbrich und Marcus Vogel

Die beliebte Redewendung „Wer suchet, der findet“ trifft ganz sicher auch auf viele Gärten zu. Auf den Garten Ulbrich in Solingen auf alle Fälle. Denn hier findet sich bei aller Suche sehr viel und nicht nur im zeitigen Frühjahr, wenn die Gartenzeit losgeht. Dafür sorgen Marcus Vogel und Thorsten Ulbrich das ganze Jahr, denn Momente vollkommener und gärtnerischer Schönheit sind wahre Lichtblicke, wenn es im Leben mal klemmt und kneift. Manch ein Garten wirkt wie gute Medizin. Im April zum Beispiel gibt es auf dem Anwesen Tage, an denen 800 weiße Tulpen stramm wie Soldaten entlang eines schmalen Wasserbeckens stehen. Im Juni zeigen sich verteilt auf verschiedenen Tischen die 160 Funkien-Sorten in üppiger Vielfalt. Gleich um die Ecke versprüht die Lorbeerrose ‘Pink Charme’ mediterrane Freude dank ihrer karminrosaroten Knospen. Auch der Herbst kennt Lichtblicke, wenn sich die Farbkonzepte der Beete ...

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... beinahe täglich verändern, sich Stauden wie Gehölze langsam verfärben. Jeder Gartenraum hat hier seinen ganz eigenen Charakter. Selbst in Wintern mit Frost und viel Schnee haftet einigen Beeten etwas Verwunschenes an. „Das kann nicht jeder Garten“, sagt deshalb mit viel Respekt Thorsten Ulbrich. „Die Besonderheit bei uns ist die Vielfalt. Wir sind beide pflanzenvernarrt, und es gibt keinen Gärtnereibesuch, bei dem wir mit leeren Händen nach Hause fahren.“ Diese botanischen Glücksmomente lassen sich im Garten von Thorsten Ulbrich und seinem Mann Marcus Vogel jede Saison gleich mehrfach erleben.

Doch der Reiz dieses Gartens beschränkt sich nicht nur auf die bloße Quantität an Pflanzen, sondern auch auf die Qualität botanischer Raritäten. Die beiden sind Jäger und Sammler, und jedes Beet kann hier und da noch etwas mehr vertragen. Dann gibt es noch die zahlreichen baulichen Veränderungen. Stillstand ist Rückschritt. Im Hause Ulbrich/Vogel sowieso. Während manch ein Privatgärtner sich schon freut, wenn alles einigermaßen funktioniert, geht es in Solingen jedes Jahr aufs Neue mit Veränderungen in die Saison. Immer wieder entstehen weitere Bereiche, die mit viel Liebe und Leidenschaft gestaltet werden. Wobei Thorsten Ulbrich zwar Namensgeber dieses Paradieses ist, aber er ist eben nur ein Teil. Auch Marcus Vogel hat in den vergangenen Jahren viel beigetragen, sodass der Ort zum Wallfahrtsort für Gartenfans nicht nur in Nordrhein-Westfalen geworden ist. Die 8000 Quadratmeter Fläche befinden sich gut versteckt an einer der vielen Ausfallstraßen der Klingenstadt Solingen. Hier haben sich die beiden Männer ihren Traum vom gärtnerischen Glück Schritt für Schritt erfüllt. Wer weiß, dass auf den Flächen mal so gut wie nichts an Beeten, Objekten, Raumstruktur vorhanden war, erstarrt vor Ehrfurcht und Bewunderung und weiß seinen Besuch noch mehr zu schätzen. Der Garten Ulbrich ist ein kleines Meisterwerk, das sich über Jahre entwickelt hat und immer wieder neue Impulse bekommt. Denn ein Garten ist nie fertig, und das macht für Vogel und Ulbrich den Reiz des Gärtnerns aus.

„GARTENVERRÜCKT“ IST EIN WORT, DAS DIE BEIDEN MÄNNER JEDERZEIT MIT EINEM LÄCHELN ANNEHMEN.

Beide haben alles geplant und ausbaldowert. Ein Vollzeitjob, doch neben dem Gärtnerdasein haben beide noch Berufe. Thorsten Ulbrich ist Florist und Dekorateur, was man beim Besuch des Grundstücks sofort sieht. Im Eingangsbereich stehen Cortenstahl-Elemente neben Betonskulpturen, elegante Pflanzgefäße neben bunten Dekoideen und kistenweise Pflanzen. Marcus Vogel arbeitet in einem Alten-und Pflegeheim. Kennengelernt haben sich die Männer – passend zur Leidenschaft – online in einem Gartenforum. Vor über zehn Jahren ist Marcus Vogel dann aus Freiburg im Breisgau ins Bergische Land gezogen. Ihr gemeinsamer Garten ist der perfekte Ausgleich zum Alltag und Ergebnis von vielen Ideen. Die zwölf Gartenräume sind längst zur erweiterten Wohnfläche geworden. Jeder Raum mit eigenem Stil, eigenem Chic und gärtnerischer Eleganz.

GARTENFEELING IN ZWÖLF VERSCHIEDENEN RÄUMEN

Da gibt es einen kleinen verträumten Klostergarten mit Backsteinmauer, Eisentor, vielen Gehölzen samt Staudenmix und einem Wasserbecken. Um die Ecke winden sich Berberitzen und Eiben ineinander und gestalten gemeinsam einen eher dunkel gehaltenen Knotengarten. Ein üppiger Teichgarten mit Seerosen und verspiegelten Kugeln auf der Wasseroberfläche sorgt mit seinem Plätschern für Entschleunigung und Wohlbehagen. Zwei mannshohe Ganesha-Figuren sind ein weiterer Hingucker, nicht zu vergessen der prächtige Torgarten, an dem niemand vorbeikommt, weil bei ihm die Reise durch den Garten beginnt. Wer die bunte Tulpenpracht im Frühling erlebt, wird diesen Anblick nicht mehr vergessen.

Nicht fehlen darf ein kleiner Hausgarten mit immergrüner Einfassung. Mit diesem Bereich fing vor gut 15 Jahren das Abenteuer Garten an. Direkt vor dem Wohnhaus hatte Thorsten Ulbrich damals einen kleinen barocken Rosengarten angelegt. Der Buchs als Eingrenzung der insgesamt vier Beete fiel in den vergangenen Jahren der unheilvollen Mischung aus Zünsler und Buchsbaumpilz zum Opfer. Ilex-Ersatzpflanzungen führten nicht zum gewünschten Ziel. Erst die Eibensorte ‘Renke’s Kleiner Grüner’ erwies sich als perfekt und robust für den Solinger Boden. Selbst Formschnitt-Säulen aus Eibe sind möglich. Sie geben dem Raum Struktur und lösen leicht britisches Gartenfeeling aus. Als Partner der Rosen finden sich in den Beeten vor allem Katzenminze, Lavendel, Rittersporn und jede Menge Allium. Alles strahlt Harmonie und Ruhe aus.

Das gesamte Gelände beherbergte vor Jahrzehnten die Familiengärtnerei der Ulbrichs. Zwei Glashäuser und eine Ruine, von der nur das Stahlskelett steht, erinnern daran. Thorstens Urgroßvater gründete sie in den 1920er-Jahren. Ein zur damaligen Zeit klassisches Angebot an Beet-und Balkonpflanzen wurde produziert. Im Krieg kamen Obst und Gemüse dazu. Thorsten Ulbrich lief als Bub durch die Pflanzenreihen, saß in Schubkarren, spielte mit den Gießkannen und schaute allen Erwachsenen sehr genau über die Schulter. Als gelernter Florist erwarb er die familiäre Fläche vor einigen Jahren und zog mit seinem exquisiten Blumenladen ein. Da das floristische Konzept weit über den reinen Schnittblumenverkauf hinausgeht, kamen Pflanzen in Töpfen und Kübeln dazu, gefolgt von vielerlei Accessoires. Nachdem mit dem ersten Gartenraum ein Anfang gemacht wurde, folgten schnell weitere Ideen. Der Teichgarten war so ein Muss. Längst wird die Wasserfläche durch einen großen Schattenbereich mit Rhododendren, Azaleen, Taschentuchbaum, Cyclamen und den großen Nobilis-Tannen ergänzt. „Gartenverrückt“ ist ein Wort, das die beiden Männer jederzeit mit einem Lächeln annehmen. „Es gehört etwas Verrücktheit dazu, wobei ich es nie abwertend sehe“, sagt Marcus Vogel. „Wir beide nehmen uns nichts, wenn es um schrullige Ideen geht. Je eigenwilliger, desto schneller nimmt die Realisierung Fahrt auf.“ Ein versunkener Garten, wie er in britischen Gärten immer mal wieder zu finden ist, war so ein Geistesblitz. Eine brachliegende Fläche eignete sich bestens für das Vorhaben, und über wenige Wochen entstand ein neuer Gartenraum. Ein Wasserbecken von 16 Meter Länge und zweieinhalb Meter Breite ist das Sinnbild für das Versunkene. Rundherum bewegen sich im Wind unzählige japanische Gräser, die sich im Herbst rötlich färben. Das eine Ende des Wasserbeckens wird als Ruhezone mit Liegestühlen genutzt. Die Liebe zu Pflanzen ist dank vieler Details spürbar. Neben den Liegen tummeln sich Bienen auf dem als Bodendecker verwendeten Kriech-Thymian.

DER GARTEN ULBRICH ERHÄLT SEINEN CHARME VOR ALLEM DURCH DIE GESCHICKTE GÄRTNERISCHE MISCHUNG AUS DETAILVERLIEBTHEIT UND KOMBINATIONSGESCHICK.

Der Garten Ulbrich erhält seinen Charme vor allem durch die geschickte gärtnerische Mischung aus Detailverliebtheit und Kombinationsgeschick. Überraschungen durchziehen alle Räume. „Uns ist es bei jeder neuen Raumsituation wichtig, dass man von keinem Raum in den nächsten blicken kann“, erklärt Thorsten Ulbrich. „Mit Hecken, Bäumen oder Gebäuden verhindern wir den direkten Blick über die ganze Fläche. Mit der Überraschung zu gestalten, ist ein wichtiger Stil, weil man als Besucher wirklich auf eine Entdeckungsreise gehen kann.“

IMMER WIEDER KOMMEN NEUE GESTALTUNGEN DAZU

Am anderen Ende des Wasserbeckens wurde gleich eine weitere Idee umgesetzt. Weil allerhand Steine übrig waren, erfüllten sich die beiden Gartenbesitzer den Traum einer kleinen Marienkapelle, die ganz klassisch eingesegnet wurde, sodass sich mittlerweile immer mal wieder Hochzeitsgesellschaften im Garten aufhalten.

„WIR SIND BEIDE PFLANZENVERNARRT, UND ES GIBT KEINEN GÄRTNEREIBESUCH, BEI DEM WIR MIT LEEREN HÄNDEN NACH HAUSE FAHREN.“ (Thorsten Ulbrich)

Entstanden sind die 8000 Quadratmeter ohne große Unterstützung. „Für schwere Erd-oder Steinarbeiten nutzen wir das Wissen und die Hilfe von Freunden. Vieles aber wird selbst gebaut“, erzählt Marcus Vogel. „Auf Reisen zu Raritätenmärkten in Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland finden wir immer mal wieder Bauelemente, die ganz wunderbar die schon große Sammlung ergänzen könnten: irgendwann zumindest.“

In Thorsten Ulbrich und Marcus Vogel schlagen Jäger-und Sammler-Herzen. Beim Brandkraut setzen sie nicht auf die klassische Variante (Phlomis russeliana), sondern haben mit dem Knollen-Brandkraut ‘Amazone’ (Phlomis tuberosa) und dem Strauchigen Brandkraut (Phlomis fruticosa) zwei Verwandte im Garten. Auch die Elfenblumen-Sammlung ist ebenso unscheinbar wie umfangreich. Zu weiteren Favoriten gehören Nieswurz und Narzissen.

Zur Ruhe kommen Thorsten Ulbrich und Marcus Vogel eher selten. Aktuell entstehen mediterrane Beete und ein Gebäude, das eigentlich gebaut wurde, weil zwei alte türkisfarbene Holztüren aus Indien eine neue Heimat brauchten. Schon weil sich das Klima verändert, bleiben die freundlichen Gartenbesitzer immer in Bewegung. Jeder Bereich erlebt in den nächsten Jahren Veränderungen. Die Aussichten für die kleine Hortensiensammlung und einige Rhododendren sind trübe, weil Wasser in manchen Monaten eine Mangelware ist. Der grundstückseigene Brunnen liegt 30 Meter tief und ist mittlerweile immer mal trocken. Längst gibt es Überlegungen, den Schacht deutlich zu vertiefen.

Wie ein Garten der Zukunft aussehen kann, zeigt ein kleiner Trockengarten. Auf der Rückseite eines alten Gewächshauses wurde ein Randstreifen mit trockenresistenten Arten bepflanzt. „Als Untergrund dient uns Schlacke von der früheren Heizanlage aus den 1920er-Jahren“, erklärt Thorsten Ulbrich. „Mit einer Schicht Kies wurde aufgefüllt, dann ganz verschiedene Pflanzen angesiedelt, die sich pudelwohl fühlen. Vor allem die 20 Distelsorten ziehen Bienen und Insekten magisch an.“ Ein Blasenstrauch mit vielen schmückenden Früchten (Colutea arborescens) gibt der Fläche aufgrund seiner Größe Struktur. Auch ein Zahnwehstrauch (Zanthoxylum simulans) findet sich im Beet. Auffallend schön ist ein junger Reispapierbaum (Tetrapanax papyrifer), dessen große handförmige Blätter für tropische Lebendigkeit sorgen. Das Gehölz stammt aus China und kann bis zu vier Meter hoch werden. Als Unterbepflanzung finden sich Fingerhüte (Digitalis purpurea), Seidenpflanzen (Asclepias), und verschiedene Gräser sorgen für stimmungsvolle Leichtigkeit im Beet. Im Juli gab es auch im Trockengarten den magischen Moment der gärtnerischen Perfektion. Die beiden Männer waren fassungslos vor Glück. Zumindest für einen kurzen Moment. Die nächsten Ideen warten ja schon.

Text und Fotos: Jens Haentzschel