Lesezeit ca. 3 Min.
arrow_back

Ein genialer Unternehmer


Logo von Musik & Kirche
Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.07.2019

Arp Schnitger zum 300. Todestag


„Was ist das Besondere an einer Schnitger-Orgel?“ Diese Frage gehört zu den am häufigsten gestellten, mit denen Organisten an den rund 30 erhaltenen Schnitger-Orgeln konfrontiert werden. Ganz besonders in diesem Jahr, in dem der 300. Todestag des berühmten Orgelbauers Arp Schnitger (1648–1719) gefeiert wird. Der Autor erinnert an den großen Orgelbauer.

Artikelbild für den Artikel "Ein genialer Unternehmer" aus der Ausgabe 4/2019 von Musik & Kirche. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2019

Hilger Kespohl (* 1964): Orgelausbildung bei Martin Lücker in Frankfurt, Orgel- und Klavierstudium an der Hochschule für Musik in Köln, künstlerische Reifeprüfung, Studium der Kirchenmusik an der Hochschule für Künste Bremen, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Musik & Kirche. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von AKTUELL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Konfession und Kontext. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Konfession und Kontext
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von „Wenn es uns gefällt, gefällt es auch Gott“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Wenn es uns gefällt, gefällt es auch Gott“
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
„No roto mai au I te fenua“
Vorheriger Artikel
„No roto mai au I te fenua“
Ein Kosmopolit des Barock
Nächster Artikel
Ein Kosmopolit des Barock
Mehr Lesetipps

... seit 2003 Leiter der Konzertreihe „Orgelpunkt“ an der Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen, seit 2006 Lehrbeauftragter an der Hochschule für Künste Bremen, seit 2007 Organist an St. Pankratius Hamburg-Neuenfelde, Mitbegründer der Arp-Schnitger-Gesellschaft Neuenfelde, CD-Produktionen, zuletzt mit Orgelwerken von Matthias Weckmann und Heinrich Scheidemann (beide MDG), Preisträger mehrerer internationaler Orgelwettbewerbe, Konzerte im In- und Ausland.

Die Antwort auf die so simple wie berechtigte Frage –„Was ist das Besondere an einer Schnitger-Orgel?“ – fällt schwer. Schnell kann man bei der Hand sein mit Begriffen wie „Hamburger Prospekt“ und „Werkaufbau“. Die Orgelbewegung hat Schnitgers Schaffen in problematischer Weise auf diese Schlaglichter eingeengt. Dabei baute Schnitger auch anderes: große Orgeln ohne Hamburger Prospekt wie in St. Johannis zu Magdeburg und im Bremer Dom (beide nicht erhalten und deshalb aus dem Blickfeld geraten) und kleine Orgeln, bei denen zwei Manuale auf ein gemeinsames Werk zugreifen. Das entsprach freilich nicht den Ansätzen der Orgelbewegung, und nur eine dieser kleinen Orgeln ist in Dedesdorf erhalten geblieben. Schnitger ging sehr auf die Wünsche seiner Auftraggeber ein. So unterscheiden sich Orgeln für reformierte Gemeinden in den Niederlanden in wesentlichen Punkten von denen für die lutherischen norddeutschen Kirchen. Man muss also weit ausholen, um ein einigermaßen vollständiges und zutreffendes Bild von Arp Schnitgers Orgelbaukunst zu vermitteln, und ungern möchte man es bei einer simplen Aussage wie „das besondere ist die Qualität“ belassen.

Schnitgers Arbeitsumfang und Werkstattorganisation sind einzigartig für einen Orgelbauer seiner Epoche. Er schuf über 100 Orgeln neu, daneben führte er zahlreiche Umbauten und Reparaturen durch. Er organisierte seine Arbeit wie ein moderner mittelständischer Unternehmer und ließ seine Gesellen in weit voneinander entfernten Orten in großer Eigenverantwortung arbeiten. Mit seiner beinahe unüberschaubaren Anzahl von Mitarbeitern arbeitete er im gesamten norddeutschen und niederländischen Raum vom Groningen bis Stettin, einzelne Lieferungen gingen nach Spanien, Portugal, Russland und England. Für die damalige Zeit war er ein „Global Player“ (Harald Vogel). In dieser Form hatte vor ihm noch kein anderer Orgelbauer gearbeitet, und sein Geschäftsmodell blieb auch lange danach ohne Nachfolge.

Arp Schnitgers Wahlheimat war das Dorf Neuenfelde, heute zu Hamburg gehörend. Seine erste Ehefrau Gertrud Otte stammte von dort, und hier verbrachte er auf dem „Orgelbauerhof“ den größten Teil seiner letzten 14 letzten Lebensjahre. In der St. Pankratius- Kirche befindet sich seine größte zweimanualige Orgel und direkt gegenüber der Orgel sein üppig verzierter Kirchenstuhl. In dieser Kirche wurde er am 28. Juli 1719 begraben. Die Neuenfelder Orgel stand von Beginn an im Mittelpunkt der Schnitger-Renaissance des frühen 20. Jahrhunderts, angeregt durch Hans Henny Jahnn und weiter gefördert durch den aus Neuenfelde stammenden Schnitger-Forscher Gustav Fock. Nach romantisierenden Umbauten des 19. Jahrhunderts wurde ab 1926 schrittweise die Originaldisposition wiederhergestellt, einer der ersten Restaurierungsversuche an einer norddeutschen Barockorgel. Danach folgten weitere Reparaturen und Anpassungen im Sinne der Orgelbewegung mit wenig überzeugenden klanglichen Resultaten. Erst die umfassende Restaurierung durch Kristian Wegscheider in den Jahren 2015 bis 2017 konnte der Orgel wieder ihren ursprünglichen Klang zurückgeben. Mit zahlreichen Konzerten und Veröffentlichungen in Buchform und auf CDs wird sie im Jubiläumsjahr 2019 einen Schwerpunkt im Gedenken an den berühmten norddeutschen Orgelbauer bilden.

Die Schnitger-Orgel St. Pankratius Neuenfelde


Alexander Voss

Die persönlichen Lebensumstände Arp Schnitgers sind bisher nur ansatzweise erforscht. Grundlage der Schnitger-Forschung sind die Aufzeichnungen des Groninger Organisten Siwert Meijer, der Mitte des 19. Jahrhunderts Dokumente aus dem Nachlass Schnitgers zusammenfasste und ins Niederländische übersetzte. Weitere Informationen liefern Akten aus den Kirchenarchiven und einige wenige Briefe Arp Schnitgers. Exemplarisch für die Jahre 1697/98 hat Konrad Küster aus diesen Quellen die Arbeitsabläufe nachgezeichnet und in Buchform veröffentlicht.

Ergänzend zum musikwissenschaftlichen Ansatz wurde anlässlich des Jubiläumsjahres auch nach neuen Vermittlungsformen gesucht. Um historische Personen auf bisher ungesehene Weise vorzustellen, entwickelte die Stader Malerin Anja Seelke das Konzept „Lesungen vor Porträts“. Vom barocken Orgelmacher ist die Staderin schon lange fasziniert: „Arp Schnitger war eine rundherum originelle Persönlichkeit, von Musik besessen und beseelt zugleich, sinnlich und intelligent, ein klangaffiner Künstler und ein kluger Handwerker – wenn er eine Kirche betrat, um eine Orgel auszumessen, wurde er erst mal ganz still.“ Durch ein speziell installiertes Bildnis bringt die Malerin die Verbundenheit des Orgelmachers mit seinem Instrument zum Ausdruck. In Lebensgröße erscheint Arp Schnitger an der Orgel, die er erbaut hat. In der sorgfältig recherchierten Lesung spielt seine Orgel eine zentrale Rolle, nicht nur inhaltlich, sondern auch klanglich. Barocker Orgelbau wird hörspielartig erlebbar gemacht. Lesung und Porträt vermitteln einen Zugang zu Arp Schnitger in seiner Zeit.

1 Konrad Küster,Arp Schnitger: Orgelbauer – Klangarchitekt – Vordenker , Kiel 2019.

2 Die Premiere von „,extra ordinaris goedt‘ – Orgelmacher Arp Schnitger“ findet am 13. Oktober 2019 in der St. Pankratiuskirche Neuenfelde statt. Das Festkonzert unter Mitwirkung des Ensembles „Vox luminis“ (Leitung: Lionel Meunier) und Hilger Kespohl (Orgel) wird am 28. Juli 2019 um 21:05 in der Sendung „Konzertdokument der Woche“ im Deutschlandfunk übertragen.