Lesezeit ca. 18 Min.
arrow_back

Ein harter Kampf


Logo von Das goldene Blatt
Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 14/2022 vom 02.04.2022

Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

Jede Woche 8 Seiten EXTRA

Zum Herausnehmen

Die Luft in dem geräumigen Klassenzimmer kam Cora auch an diesem Morgen wieder so zäh vor wie dicke Erbsensuppe, obwohl die Fenster weit geöffnet waren und sich nicht allzu viele Menschen im Raum befanden. An den äußeren Bedingungen lag es also nicht, dass sich in ihrem Magen langsam ein Eisklumpen zu formen begann. Ach, wie sie das hasste!

„Ja bitte, Herr Schwalm?“ Ihre Stimme zitterte leicht, als sie ihre Aufmerksamkeit dem etwa 25 Jahre jungen Mann zuwandte, der da unrasiert und in schmuddeligen Jeans vor ihr auf seinem Stuhl lümmelte. Mit seiner gelangweilten Körperhaltung brachte er auch heute deutlich zum Ausdruck, was er von dieser Veranstaltung hielt: nämlich überhaupt nichts.

Artikelbild für den Artikel "Ein harter Kampf" aus der Ausgabe 14/2022 von Das goldene Blatt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Über Harald Schwalms glänzendes Gesicht huschte ein triumphierendes Grinsen, während er sie musterte. Ihm war die Wirkung, die sein ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,19€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Das goldene Blatt. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 14/2022 von LESESPASS direk t nach Hause. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESESPASS direk t nach Hause
Titelbild der Ausgabe 14/2022 von Ein Herz für Huhn, Pferd & Co.. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Herz für Huhn, Pferd & Co.
Titelbild der Ausgabe 14/2022 von Kurz & bündig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kurz & bündig
Titelbild der Ausgabe 14/2022 von „Wahre Freunde sind GOLD wert“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Wahre Freunde sind GOLD wert“
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Ihr Glücks-Horoskop
Vorheriger Artikel
Ihr Glücks-Horoskop
Beste Freunde der Familie
Nächster Artikel
Beste Freunde der Familie
Mehr Lesetipps

... geplanter Auftritt bereits im Voraus bei Cora auslöste, nicht entgangen. Jetzt setzte er sich aufreizend langsam auf und blickte Beifall heischend in die Runde. Seine gleichaltrigen Mitschüler feixten in erwartungsvoller Vorfreude, und aus der letzten Reihe meinte Cora sogar ein erwartungsvolles „Hört, hört“ zu vernehmen.

„Tjaaa …“, begann der Angesprochene gedehnt und verschränkte seine kräftigen Arme über dem sich abzeichnenden Bauchansatz.

Cora zwang sich, die Hände nicht zu Fäusten zu ballen, sondern mit bemüht neutraler Miene diese Provokation an sich abperlen zu lassen. „Tja – was?“, versuchte sie beiläufig zu erwidern. Doch zu ihrem Leidwesen klang das nicht souverän und sicher, sondern eher ziemlich herausgepresst.

„Tja …“, wiederholte er in aller Seelenruhe, um die Spannung noch ein bisschen zu steigern, und ließ erneut seinen Blick voller Selbstgefälligkeit kreisen, ehe er ihn wieder mit dem Ausdruck tiefer Abneigung auf Cora richtete. „Was Sie uns da eben wieder über Gesprächstechnik und so erzählt haben, ist ja schön und gut …“

Wenn er jetzt „Mäuschen“ zu mir sagt, springe ich ihm ins Gesicht, schoss es Cora durch den Kopf, Pädagogik hin oder her. Und dann scheuer ich ihm eine!

„... aber was sollen wir mit diesem ganzen Kram?“, fuhr Harald Schwalm mit seiner öligen Stimme fort. „Könnten Sie uns das noch einmal genau erklären? Bitte.“

In der Klasse entstand augenblicklich eine heitere Unruhe. Viele der jungen Männer nickten zustimmend, und alle starrten Cora herausfordernd an. Sie spürte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht stieg, so sehr sie sich auch um professionelle Gelassenheit bemühte.

„Ich meine“, setzte Schwalm nach, „wir sind schließlich angehende Ingenieure und Techniker und keine …“ Er rang publikumswirksam nach dem richtigen Wort, obwohl er es sich bestimmt längst zurechtgelegt hatte. „… von diesen abgedrehten Schwafel-Heinis, die alles nur zerreden. Wir rechnen und kalkulieren, verstehen Sie? Das ist unser Job.“ Jetzt grinsten seine Kumpane unverhohlen.

Cora schluckte mit aller Macht den immer heftiger aufflackernden Ärger hinunter. Dann atmete sie tief durch, bevor sie, wie sie fand, geradezu nachsichtig entgegnete: „Also gut. Es ist eigentlich nicht so schwer zu begreifen, Herr Schwalm, aber ich erkläre es Ihnen gern noch einmal.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Allerdings wird das das letzte Mal sein. Wenn Sie dann noch Probleme mit dem Stoff haben, müssten Sie in ein Buch schauen. Und falls Ihnen das zu kompliziert sein sollte, werden Sie auch im Internet einige erhellende Informationen finden.“

„Och“, maulte Harald Schwalm mit gespielter Enttäuschung. „Nein, dazu hab ich gar keine Lust. Mir ist die Erklärung der Lehrerin lieber.“ Die Klasse wieherte.

Coras Erklärung klang, als wollte sie sich entschuldigen

Cora hätte diesem blasierten jungen Mann sonstwohin treten können. „Also gut“, begann sie erneut so energisch, wie sie es vermochte. „Auch wenn Sie es in Ihrem zukünftigen Beruf hauptsächlich mit Maschinen und Technik zu tun haben, könnte es wohl sein, dass hin und wieder ein paar lebendige Menschen Ihren Weg kreuzen. Und in diesem Fall ist es wichtig zu wissen, wie man vernünftig mit Leuten umgeht und spricht! Darum geht es in diesem Kurs.“

„Ach, tatsächlich“, sagte Harald Schwalm mit unüberhörbarem Zweifel, drehte halb den Kopf und zwinkerte seinen Klassenkameraden siegesbewusst zu.

„Sie glauben das nicht?“, fuhr Cora, am Ende ihrer Geduld, ihn an. „Was ich Ihnen hier zu vermitteln versuche, sind Verhaltensweisen, mit denen Sie Ihre Ziele besser und leichter erreichen. Und Sie wollen doch alle Erfolge haben“, setzte sie lahm hinzu. Sie merkte selbst, dass ihre Worte mehr nach einer Rechtfertigung klangen als nach der selbstsicheren Darlegung ihrer Position. Beinah so, als wollte sie sich für die Belästigung durch ihren Unterricht bei den jungen Männern entschuldigen.

„Vielleicht müsste man mit unsereins etwas anders umgehen? Ich meine, gibt’s da nicht seit Adam und Eva diese Sache zwischen Mann und Frau? Möglicherweise sind wir alle nur etwas enttäuscht von unserer schönen Lehrerin. Männer brauchen eben viel Liebe“, ertönte plötzlich eine dunkle Stimme aus der hintersten Reihe, und sämtliche Köpfe drehten sich überrascht nach dem Sprecher um.

Dieser Achim Streiber war Cora gleich in der ersten Unterrichtsstunde aufgefallen. Er war ein bisschen älter als der Durchschnitt ihrer Schüler und einer der wenigen, der sich für die Thematik ernsthaft zu interessieren schien.

Achim Streiber hatte sich bislang nicht an den ständigen Sticheleien beteiligt. Und auch nicht, wie die anderen, amüsiert verfolgt, wie sie sich da vorne bemühte, diesen angehenden Machern im technischen Bereich ein wenig Fachwissen über Menschenführung beizubringen. Im Gegenteil, sie hatte den Eindruck gehabt, dass dieser eher sensibel wirkende Mann sie als Einziger in der Runde ernst nahm. Und nun kam diese dämliche Anmache ausgerechnet von ihm.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Was zur Hölle hatten Adam und Eva mit einem Kurs in Menschenführung zu tun? Nur die fortgeschrittene Uhrzeit rettete Cora davor, endgültig aus der Haut zu fahren. Oder, schlimmer noch, unkontrolliert in Tränen auszubrechen, weil sie sich einfach nicht mehr zu helfen wusste.

„Ich danke Ihnen für … für Ihre Aufmerksamkeit“, beendete sie den Unterricht mit letzter Kraft. „Wir sehen uns dann morgen wieder.“ Hastig raffte sie ihre Sachen zusammen und verließ geradezu fluchtartig den Unterrichtsraum.

Nein, so ging das nicht weiter, überlegte sie, während sie zur Tiefgarage hastete. Gleich morgen würde sie um die vorzeitige Auflösung ihres Zeitvertrages bitten. Die jungen Männer hatten sie von Anfang an nicht ernst genommen und sich einen Spaß daraus gemacht, sie gezielt auflaufen zu lassen. Und sie konnte einfach nicht angemessen darauf reagieren, sondern war diesen Attacken hilflos ausgeliefert, wie sie sich schonungslos eingestehen musste.

Sicher, versuchte Cora sich selbst gegenüber Gerechtigkeit walten zu lassen, während sie einer älteren Kollegin zunickte, die ihr entgegenkam. Sie machte diesen Job noch nicht lange – genau genommen war dies ihr erster Einsatz als Lehrbeauftragte an einer Berufsschule. Trotzdem hätte ihr so etwas wie heute nicht passieren dürfen. Das war absolut unprofessionell gewesen und entsprach in keiner Weise ihren Ansprüchen an sich selbst. Und wenn sich derartige Vorfälle wiederholten oder gar zum Begleitprogramm ihres Unterrichts entwickeln würden, könnte sie das nicht ertragen.

Im Halbdunkel der Tiefgarage tauchte Achim Streiber auf

Sie biss sich auf die Lippe, als vor ihrem inneren Auge plötzlich das Gesicht Achim Streibers auftauchte. Seltsamerweise versetzte ihr sein Verhalten einen besonderen Stich. Sie empfand es geradezu als Verrat und hatte das Gefühl, dass ein – wenn auch meist schweigender – Verbündeter unvermutet mit fliegenden Fahnen zum Feind übergelaufen war. Mit bebenden Händen fischte sie den Autoschlüssel au der Handtasche.

„Frau Wichert?“, ertönte da eine bekannte Stimme aus dem Hintergrund der Tiefgarage.

Cora schoss herum. Im Halbdunkel stand Achim Streiber und lächelte sie zerknirscht an, während er langsam auf sie zukam. „Himmel! Was wollen Sie denn?“, herrschte sie ihn an und umfasste ihre Tasche automatisch fester.

Er blieb stehen und hob in einer abbittenden Geste die Hände. „Ich wollte Sie auf keinen Fall erschrecken. Verzeihung.“ Cora entspannte sich und musterte ihn stumm. „Ich möchte vielmehr Frieden mit Ihnen schließen“, fuhr er fort.

„Frieden?“, echote Cora misstrauisch. Meinte er das ernst oder lauerten hinter den Pfeilern vielleicht die anderen jungen Männer, um sich an der Szene zu weiden? „Ich weiß ja nicht mal etwas von einer Kriegserklärung.“

Jetzt machte er die letzten Schritte auf sie zu. Sein Gesicht war ernst. „Die ist auch nicht nötig, weil Sie ohnehin immer so … äh … vorhersehbar reagieren.“

„Vielen Dank“, entgegnete Cora eisig. Ihr war klar, dass diese Aussage keinesfalls als Kompliment gemeint hatte. „Sonst noch was?“

„Ja. Ich möchte Sie sozusagen als Wiedergutmachung gern zu einem Kaffee einladen.“

Sekundenlang starrte sie ihn sprachlos an. Das war ja wohl nach seinem Verhalten vorhin mehr als frech! Erst demontierte er ihre Autorität mit diesem Mann-und-Frau-Geschwafel vor aller Ohren, und dann besaß er auch noch die Unverfrorenheit, sie anzubaggern!

„Nein“, knirschte sie deshalb ent-

rüstet, „kommt überhaupt nicht in Frage.“ Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wandte sie sich zur Autotür und schickte sich an, ihn einfach stehen zu lassen.

Er rührte sich nicht. „Was heißt das – nein?“, fragte er stattdessen. Um seine Mundwinkel zuckte es verräterisch, das sah sie sogar aus den Augenwinkeln. Machte er sich jetzt auch noch lustig über sie? „Nein zum Frieden oder Nein zum Kaffee?“, erkundigte er sich da auch schon, und seine grauen Augen funkelten dabei vergnügt.

Oh ja, und wie er sich über sie lustig machte! Was seine folgenden Worte umgehend bestätigten.

„Sie wissen doch, man soll seinen Standpunkt immer klar umreißen, um Missverständnissen keinen Vorschub zu leisten. Lektion eins Ihres Unterrichts: Lassen Sie Ihr Gegenüber jederzeit wissen, welche Absichten Sie mit …“

„Nein zu allem!“, entfuhr es Cora spontan. So ein Fatzke! Und dabei war er ihr mal sympathisch gewesen! Aber das war vorbei! „Nein zu diesem unfairen Verhalten“, zählte sie erbittert auf. „Nein zu diesem machohaften Gehabe. Nein zu all diesen arroganten Blicken, nein zu …“ Ihr ging die Luft aus, und sie atmete tief ein, wobei sie sich ermahnte, Ruhe zu bewahren. Doch so einfach wie in den Lehrbüchern war das im realen Leben eben nicht. Sie begann vor Wut und Enttäuschung zu zittern.

„Oh je“, bemerkte er, während er sie nicht aus den Augen ließ.

„Sparen Sie sich Ihr Mitleid. Es ist sowieso nicht echt“, fauchte sie.

Er verlagerte sein Gewicht vorsichtig von einem Fuß auf den anderen. „Und woher wollen Sie das wissen?“, fragte er sanft.

„Ich weiß es eben“, schoss Cora wenig überzeugend zurück.

„Aha.“ Über Achim Streibers Gesichtszüge huschte ein kaum wahrnehmbares Grinsen, wodurch der sanfte Schwung seiner Lippen zur Geltung kam, wie Cora trotz ihres Ärgers verblüfft feststellte. „Das heißt also, wir stehen hier einer Art Totalverweigerung in Sachen Männer gegenüber.“

Cora funkelte ihn an. „Das haben Sie gut formuliert. Ich hätte es nicht treffender sagen können.“

„Oh, wir wollen ja lernen“, versicherte Achim treuherzig

„Danke“, entgegnete er trocken. „Trotzdem finde ich Ihre Haltung traurig und … nicht richtig. Denn in Ihrer Position dürften Sie doch kein Gespräch verweigern. Sie unterrichten schließlich das Fach Kommunikation. Und einfach zu sagen ‚Mit Ihnen rede ich nicht’, das können Sie sich kaum leisten.“

„Ach, meinen Sie?“, pampte Cora ihn an und fügte wider besseres Wissen hinzu: „Tja, erstaunlicherweise sehe ich das völlig anders. Ohne Mithilfe der Schüler geht nämlich nichts.“ Sie bedachte ihn mit einem grimmigen Blick. „Sie und Ihre Mitstreiter sind ja nicht mehr sechs oder sieben Jahre alt, sondern erwachsen. Da geht man davon aus, dass die Herrschaften etwas lernen wollen und nicht nur die Zeit absitzen.“

„Oh, das wollen wir auch“, versicherte er treuherzig.

„Davon merke ich nichts“, entgegnete Cora scharf. „Sie können das verdammt gut verbergen.“

„Na ja …“ Er holte Luft, bevor er, den Blick fest auf sie gerichtet, noch einmal ansetzte. „Trotzdem ist es aus meiner Sicht ein Unding, dass Sie sich einem klärenden Gespräch verweigern. Wenn ich das den anderen verpetze …“

Cora trat unwillkürlich einen Schritt vor, ballte die Hände zu Fäusten und blitzte ihn empört an.

Das war wirklich unerhört! Da versuchte dieser Mensch nicht nur, sie noch mehr zu reizen, sondern wollte sie auch noch erpressen! Aber nicht mit ihr! Da hatte sich der feine Herr Streiber geschnitten!

Entschlossen straffte sie den Rücken und richtete sich kerzengerade auf. Dieses Mal hatte sie nicht vor zu kneifen, sondern würde ihm Kontra geben, dass ihm Hören und Sehen verging! Sie gab der bereits geöffneten Autotür einen heftigen Stoß, sodass die mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel. „Okay! Wohin gehen wir also?“

Achims kräftige, gepflegte Hände umschlossen mit festem Griff den Kaffeebecher, den er bei dem Kiosk am Eingang des kleinen Parks für sich gekauft hatte. Er hatte sie einladen wollen, doch Cora hatte darauf bestanden, ihren Kaffee selbst zu bezahlen. Irritiert stellte sie jetzt allerdings fest, dass diese Hände den Eindruck vermittelten, als wären sie zu sehr zarten Berührungen in der Lage …

Sie spürte, wie ihr ein heißer Schauer über Hals und Nacken kroch. Was waren das bloß für dumme Gedanken? Der Mann war ihr erklärter Gegner und versuchte, sie lächerlich zu machen!

„Also?“, durchbrach sie barsch das anhaltende Schweigen, während sie betont auf Abstand bedacht nebeneinanderher durch den Park schlenderten – anders als das eng umschlungene Pärchen vor ihnen, das die Finger nicht voneinander lassen konnte. Herausfordernd hielt Cora Achims Blick stand. Wenn er es so haben wollte, würde sie ihm das gewünschte Duell nicht verweigern! „Was wollen Sie mir also mitteilen? Ich höre!“

„Zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass ich Sie für eine sehr attraktive Frau halte“, entgegnete Achim seelenruhig, ohne auf ihre Kampfansage einzugehen. Es hätte nicht viel gefehlt, und Coras Kaffeebecher wäre ihr vor Verblüffung aus der Hand geglitten.

„Äh … danke“, erwiderte sie verdattert und nicht gerade sehr geistreich. „Das ist … hm … also …“

Unbewusst verlangsamte sie ihren Schritt und riss sich zusammen. Solch ein Kompliment in dieser Situation ganz ohne den ironischen Unterton wie in der Klasse zu wiederholen, war zweifellos ein gerissener Schachzug. Um ihr von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und fast hätte es geklappt. Aber eben nur fast!

„Das ist grundsätzlich sehr nett. Aber deshalb spazieren wir hier doch nicht durch den Park, oder?“ „Doch, auch“, erwiderte er.

„War’s das?“ Cora hatte keine Kraft für dieses Geplänkel

Cora blieb stehen und blitzte ihn an. Du liebe Güte, war dieser Mann von sich überzeugt! Ohne Frage, er war ihr sympathisch, doch er behandelte sie wie ein Mäuschen, das nicht bis drei zählen konnte – auch wenn er das hinter seinen durchsichtigen Schmeicheleien verbarg!

„Tja, leider gibt es in dieser Hinsicht zwischen uns nichts zu besprechen, Herr Streiber“, bemerkte sie mit Nachdruck. Die Betonung der förmlichen Anrede würde im hoffentlich nicht entgehen. Sie war die Lehrerin, er war der Schüler, da konnten sie noch so lange in einem Park herumlaufen und so tun, als hätten sie sich etwas zu sagen! „War es das jetzt?“

„Leider?“, wiederholte Achim jedoch in aller Unschuld. „Sie bedauern diese Sprachlosigkeit zwischen uns also auch „Weil es sich leider nicht um ein einvernehmliches Schweigen handelt, sondern aus einem dummen Missverständnis heraus entstanden ist?“

Cora hätte sich ohrfeigen können. Sie hatte in ihrer Ausbildung doch gelernt, wie bedeutsam die richtige Wortwahl war, um Fehldeutungen beim Gegenüber zu vermeiden. Aber momentan fühlte sie sich einfach nicht in der Lage, dieses Geplänkel – halb Flirt, halb Streiterei – noch weiter fortzusetzen. Sie war müde und frustriert und wollte dringend über ihr weiteres Vorgehen in Sachen Schule und Unterricht nachdenken. Und zwar allein und in Ruhe.

„Ich glaube, dieses Gespräch bringt uns nicht weiter. Ich muss gehen“, teilte sie Achim knapp mit.

Ein Ball rollte ihr vor die Füße, und ganz automatisch kickte Cora ihn zu dem kleinen Jungen zurück, dem er offenbar gehörte. Die Wucht ihres Schusses überraschte sie selbst, denn der Knirps fiel glatt um, als er den Ball auffing.

„Oh je“, murmelte Cora entsetzt und wollte ihm zu Hilfe eilen, als der Junge lachend aufsprang und ihr anerkennend den erhobenen Daumen entgegenstreckte.

„Immerhin, einen neuen Fan haben Sie jetzt“, brummte Achim und legte ihr die Hand auf den Arm. Cora zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt. Doch sie schüttelte ihn nicht ab. So eine dramatische Reaktion hatte sie bestimmt nicht nötig. „Tja, so leicht ist das manchmal, wenn man es richtig anpackt.“

„Und was soll das jetzt wieder heißen?“, knirschte Cora genervt und entwand sich Achims Griff. „Aber eigentlich ist das auch total egal. Behalten Sie Ihre Weisheiten lieber für sich. Denn ich muss jetzt wirklich schnellstens los.“

„Sie sagten es bereits.“ Dieser Achim Streiber schien wahrlich unerschütterlich zu sein.

„Dann wiederhole ich es eben noch einmal“, gab Cora aufs Äußerste gereizt zurück. „Damit Sie es auch ja verstehen und behalten.“

„Sie fliehen also immer, wenn es problematisch wird?“, erkundigte sich Achim spöttisch. Und ehe sie etwas erwidern konnte, setzte er nachdenklich hinzu: „Tja, das dachte ich mir schon. Schade.“

Ohne eine Entgegnung wandte Cora sich ab und stürmte davon. Aber die ganze schlaflose Nacht über hallten seine letzten Worte in ihrem Kopf nach. Hatte dieser Achim Streiber recht? Floh sie stets, wenn’s ungemütlich wurde?

Nein und nochmals nein! Im Gegenteil, sie würde es diesen eingebildeten Kerlen schon zeigen! So einfach ließ sich eine Cora Wichert nicht zum Kasper machen, schwor sie sich grimmig, als sie am Morgen ihren Kleinwagen schwungvoll in die Parklücke der fachhochschuleigenen Tiefgarage setzte.

Vor allem diesem unverschämten und dermaßen von sich überzeugten Achim Streiber wollte sie eine Lektion erteilen, die er noch seinen Enkelkindern erzählen könnte.

Zornesfalten gruben sich unwillkürlich in ihr fein geschnittenes Gesicht. Feige hatte er sie genannt!

Feige! Na ja, vielleicht nicht direkt, aber indirekt schon. Cora meinte noch immer seinen spöttischen Blick zu spüren. Zweifellos hielt Achim Streiber sie für ein Dummchen, zumal nach ihrem überstürzten Abgang im Park.

Den hatte sie bereits bereut, als sie an dem Kiosk vorbeigehechtet war. Aber umzukehren wäre selbstverständlich nicht infrage gekommen. Das hätte er womöglich als ein Zu-Kreuze-Kriechen missverstehen können. Nun, jetzt würde sie eben andere Saiten aufziehen!

Verblüfft starrten die Männer die neue, energische Cora an

Energisch schritt Cora den langen Gang zum Unterrichtsraum entlang, hier und da ein bekanntes Gesicht grüßend. Feige! Das war sie doch überhaupt nicht. Sie war eine engagierte junge Frau, die etwas von ihrem Fach verstand und die sich weder von einer ganzen Horde von Männern, noch von einem einzelnen Exemplar dieser Gattung aus der Fassung bringen ließ! Schwungvoll stieß sie die Tür zum Klassenzimmer auf.

„Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen, meine Herren“, grüßte Cora so laut und deutlich, dass sie das Gemurmel der Männer mühelos übertönte.

Und mit einem Knall, durch den ihre Anwesenheit auf keinen Fall mehr zu ignorieren war, ließ sie ihr Bücherpaket auf den Tisch fallen.

Die Männer verstummten und starrten sie verblüfft an, nur Achim grinste leicht, wie Cora bei einem schnellen Rundumblick feststellte.

Lässig saß er da, allerdings nicht in dieser beleidigenden Art und Weise wie dieser unsägliche Harald Schwalm, sondern einfach aus einem gesunden Selbstbewusstsein heraus. Und als sich ihre Augen einen Moment später direkt trafen, obwohl sie gerade das hatte unbedingt vermeiden wollen, nickte er ihr verschwörerisch und aufmunternd zu – und Coras Herz setzte für einen winzigen Moment aus. Schnell wandte sie sich ab.

„Herr Schwalm“, sprach sie mit ausgesuchter Freundlichkeit den Störenfried des Vortages unmittelbar an, „Sie wollten gestern Ihre Auffassung einer sinnvollen Unterrichtsgestaltung entwickeln. Leider hatten wir wegen des Zeitmangels keine Gelegenheit mehr zur Diskussion, der ich mich aber auf keinen Fall entziehen will.“

„Bravo“, tönte es von der hinteren Reihe. „Das nenne ich mutig.“

„Vielen Dank, Herr Streiber“, sagte Cora in ihrem besten Lehrerinnentonfall. „Aber ich möchte Sie doch bitten, mich nicht mit keineswegs zur Sache gehörigen Bemerkungen zu unterbrechen, ja?“

Sie hätte fast losgeprustet, als sie Achim Streibers verdutztes Gesicht sah. „Natürlich. Entschuldigung“, murmelte er. In der Klasse war es mucksmäuschenstill, alle Blicke hatten sich auf sie gerichtet.

„Also, Herr Schwalm“, fuhr Cora honigsüß fort, „fassen Sie doch meine gestrigen Ausführungen noch einmal zusammen – Punkt für Punkt, bitte – und setzen Sie dann Ihre Kritik dagegen, ja? Das wird zweifellos erhellend für beide Seiten, denke ich.“ Dann verschränkte sie lässig die Arme vor der Brust und wartete ab.

Nichts geschah. Doch – Harald Schwalm schluckte nervös und zischte seinem Nebenmann aus den Mundwinkeln etwas zu.

„Oh, lassen Sie uns doch bitte alle an Ihrem Wissen teilhaben“, forderte Cora ihn belustigt auf. „Ich … äh …“ Er verstummte. „Ja, Herr Schwalm? Geht es vielleicht noch etwas genauer?“, fragte sie liebenswürdig.

Der junge Mann funkelte sie wütend an. Doch dieses Mal wirkte das bei Cora nicht. Woraufhin auch der letzte Rest seiner aufgesetzten Pose mit einem Schlag verschwand. Unruhig wie ein Drittklässler mit einem dringenden Bedürfnis begann er auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Cora genoss die Situation. Gegen ihren Willen suchten ihr Blick den Kontakt zu Achim Streibers Augen.

Bravo, stand unverkennbar in seinem Gesicht geschrieben, so ist es richtig. Zu ihrer eigenen Überraschung fühlte sie sich von dieser stummen Ermunterung regelrecht aufgefangen, während sich in ihrem Kopf ein ungeheuerlicher Gedanke zu formen begann: Hatte er sie etwa gestern extra gereizt, um ihren Kampfgeist zu wecken?

Sie schielte noch einmal unauffällig zu ihm hinüber. Er nickte leicht, und beinahe hätte Cora mit ihren Lippen ein lautloses „Danke“ geformt. Doch ihre Überlegungen waren natürlich Unsinn, nichts weiter als Wunschdenken!

Energisch widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Opfer. „Nun, Herr Schwalm? Sie dürfen beginnen. Ihre Mitschüler warten sicher ebenso gespannt wie ich auf Ihre Ausführungen. Oder brauchen Sie vielleicht Hilfe?“ Cora war die Liebenswürdigkeit in Person.

Der Angeber tat Cora jetzt sogar leid – aber nur fast!

Harald Schwalm lief feuerrot an. „Ja … äh … nein, natürlich nicht. Also Sie sagten gestern … äh …“

Von seiner Überheblichkeit war absolut nichts mehr übriggeblieben. Wie ein undichter Heißluftballon war er in sich zusammengefallen, und fast tat er Cora ein wenig leid. Aber nur fast. Vielleicht lernte er in diesem Moment die Lektion seines Lebens!

„Ja?“, ermunterte sie ihn lächelnd und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. Er schüttelte nur hilflos den Kopf. „Das scheint mir als Kritik doch ein bisschen dünn zu sein“, erklärte sie achselzuckend und strahlte in die schweigende Runde. „Aber, meine Herren, da Sie Herrn Schwalm ja gestern alle mehr oder minder lautstark zustimmten, möchte vielleicht einer von Ihnen das Wort ergreifen?“

Die jungen Männer ducken sich doch tatsächlich weg wie ängstliche Schüler, dachte Cora vergnügt, als sie bewusst langsam ihren Blick über die Gesichter schweifen ließ, von denen manche noch ziemlich unreif aussahen. Allerdings nicht alle! Sie blieb an Achim Streibers ausgeprägten Zügen hängen. Schließlich hatte sie mit ihm noch ein besonderes Hühnchen zu rupfen. Und wie das geschehen sollte, hatte sie sich gestern Abend ebenfalls sorgsam überlegt.

„Herr Streiber? Wie ist es mit Ihnen? Möchten Sie nicht das Wort ergreifen? Sie waren ja schon gestern kaum zu bremsen.“

„Wie?“ Achim fuhr irritiert zusammen. „Ich … also, es …“

Cora musterte ihn so distanziert wie möglich. Cool bleiben, befahl sie sich, auch wenn es schwerfällt.

„Ich möchte Sie bitten, die Inhalte unserer gestrigen Sitzung noch einmal zusammenzufassen. Sie hatten sich da ja kurz vor Schluss mit einem interessanten Wortbeitrag eingebracht.“

„Ich … äh …“. Er räusperte sich verlegen und murmelte dann leise, aber trotzdem für alle gut hörbar: „Wissen Sie, ich kann Ihre Frage nicht beantworten, weil ich … tja, gestern im Unterricht mit meinen Gedanken irgendwie ganz woanders war.“ Dabei sah er ihr so tief in die Augen, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurücktaumelte.

„Oh!“, hauchte sie, auf einmal völlig aus dem Konzept gebracht.

Sie hätte nach dieser Stunde nicht mehr sagen können, über was sie in den verbleibenden endlosen Minuten noch gesprochen hatten. Wahrscheinlich hatte sie den Lehrstoff routiniert heruntergespult – und alle hatten aufmerksam zugehört. Das Einzige, woran sie sich danach glasklar erinnerte, waren Achims außerordentlich beunruhigende graue Augen, die sie einfach nicht mehr loslassen wollten.

Coras Hand zitterte, als sie am nächsten Morgen mechanisch in ihr Frühstücksbrötchen biss. Er hatte sie gestern nicht mehr angesprochen, sondern war nach dem Ende der Stunde wortlos und im Eiltempo verschwunden.

Für Cora war das wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. Offenbar hatte er sie nur als Studienobjekt benutzt, dachte sie bitter. Nach dem Motto: Mal sehen, ob sich mit ein paar provozierenden Äußerungen der Kampfgeist dieser bedauernswerten Person wecken lässt. Vielleicht kann man mit anschließender Pseudo-Unterstützung dem armen Wesen sogar beibringen, über den Schatten seines verhuschten weiblichen Charakters zu springen und sich doch noch durchzusetzen? Ist doch ein hochinteressantes Experiment!

Voller Wut nahm Cora einen allzu kräftigen Schluck aus ihrer Tasse und verbrannte sich prompt die Zunge an dem heißen Kaffee. Alles andere hatte sie sich schlicht und ergreifend eingebildet – die Sehnsucht in seinem Blick, wenn sich ihre Augen trafen, das leise Lächeln um seinen schönen Mund …

Reiß dich zusammen, Cora Wichert!, befahl sie sich eine Stunde später energisch, als sie vor dem Klassenraums stand. „Du bist schließlich kein albernes Gänschen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die weiß, was sie will.

Tja, aber genau da lag das Problem … Sie stieß die Tür auf. „Guten Morgen, meine Herren!“

„Guten Morgen!“, erscholl es ungewohnt freundlich zurück. 20 neugierige Augenpaare waren auf sie gerichtet. Sie wagte nicht, Kontakt zu dem 21. Paar zu suchen.

Unter dem Beifall aller schloss Achim Cora in seine Arme

Eine seltsame Spannung lag in der Luft, wie sie sie noch nie empfunden hatte. Es war ein bisschen beängstigend, aber gleichzeitig auch aufregend und keineswegs bedrohlich, sondern stattdessen – in dem Moment geschah es.

Mit offenem Mund beobachtete Cora, wie Achim langsam unter die Bank griff und einen riesigen Blumenstrauß hervorzauberte. Es waren rote Rosen, erkannte sie, als er das Papier entfernte. Dann steckte er einen Umschlag in den Strauß und überreichte das Gebinde feierlich seinem unmittelbaren Vordermann. Dieser wusste offenbar genau, was zu tun war. Keiner der jungen Männer verzog eine Miene, und keiner sprach, während der Strauß von Bank zu Bank bis in die vordere Reihe wanderte.

Dort saß Harald Schwalm. Cora bemerkte, dass er ungewohnt korrekt gekleidet war. Mit einem verlegenen Grinsen und einer Verbeugung erhob er sich und überreichte ihr die Blumen. „Wir haben zusammengelegt“, brachte er etwas mühsam hervor. „Als Entschuldigung für unser blödes Verhalten. Der Rest ist eher eine … äh … persönliche Sache.“ Hastig und mit hochroten Ohren quetschte er sich wieder auf seinen Stuhl.

Mit zitternden Händen riss Cora den Umschlag auf und überflog die wenigen Zeilen. Sie gab einen leisen Überraschungslaut von sich.

Achim lud sie für den Abend zu einem selbst fabrizierten Essen ein! Die beeindruckende Menüfolge hatte er handschriftlich auf die Rückseite der Karte geschrieben. Und darunter stand: „Für Kerzenschein und Champagner ist selbstverständlich gesorgt.“

Cora hob den Kopf und sah nur noch ihn. Ja?, fragten seine Augen, und sie nickte immer noch wie betäubt, als er aufsprang, mit Riesenschritten und unter tosendem Beifall durch den Klassenraum eilte und sie fest in seine Arme schloss.

ENDE

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

LADY-KRIMI