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Ein Herz für andere


Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 03.11.2021

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Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 12/2021

Helfer nach der Flut Adrian Seidler (44) wollte dort sein, wo er gebraucht wurde

Nie wird Adrian Seidler (44) die Angst in den Augen des kleinen Mädchens vergessen, das im Schlafanzug auf den Schultern seines Vaters saß und sich an ihm festklammerte. Der Mann stand bis zur Hüfte im schlammigen Wasser, Haus, Hof und Garten der Familie waren überflutet. In ihrem Heimatort Antweiler im Oberahrtal war im Juli die Ahr innerhalb von Stunden angeschwollen. Eine Flutwelle ungeahnten Ausmaßes rollte über den Ort hinweg, der bis dahin ein idyllisches Weindorf war.

Wenige Tage nach der Katastrophe fuhr Adrian Seidler mit einem Helferbus aus Frauenweiler bei Heidelberg los, um vor Ort mitanzupacken. „Als wir dort ankamen, war das Wasser zwar einigermaßen abgelaufen“, erzählt er. Doch die Flut hatte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen: Häuser, Autos, Schulen, Gaststätten und Geschäfte hatte sie mit sich gerissen. Aber auch Fotoalben, wichtige Dokumente und ein Leben, das vorher so ...

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Kein Dach mehr überm Kopf

Mehr als 180 Menschen sind im Juli in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in den Fluten gestorben, 800 wurden verletzt. Viele Häuser wurden von der Flut mitgerissen – oder von Schlamm und Wasser zerstört. Bei der Familie des kleinen Mädchens hat Adrian Seidler Schlamm aus dem Keller geschaufelt und nasse Böden herausgeklopft. „Viele im Dorf hatten kein eigenes Dach mehr über dem Kopf. Es fehlte am Nötigsten, von der Zahnbürste über Schuhe bis zur warmen Jacke.“

Schnell waren Psychologen vor Ort, aber auch sie konnten die seelischen Verletzungen der Menschen nicht ganz auffangen. „Das kleine Mädchen hatte wochenlang panische Angst vor Wasser“, weiß Adrian Seidler. Der Händler für Büromöbel ist selbst Vater von drei Kindern zwischen ein und zwölf Jahren. Dass seine Frau ihm in den letzten Monaten den Rücken freigehalten hat, damit er ganze Wochenenden mit anderen Helfern ins 350 Kilometer entfernte Hochwassergebiet fahren konnte, bedeutet ihm viel. „Ich wollte nicht vor dem Fernseher sitzen und mir das Ganze in den Nachrichten anschauen, sondern dort sein, wo ich gebraucht werde.“ Inzwischen hat sich in Frauenweiler eine Initiative gebildet, die neben Sach- und Geldspenden auch Know-how auftreibt. Maurer und Elektriker zum Beispiel, die beim Wiederaufbau helfen. „Jeder, der bei uns vor Ort mit anpackt und für uns da ist, schenkt uns Hoffnung“ – solche Sätze von Betroffenen sind es, die Adrian Seidler und seine Freunde anspornen, weiterzumachen.

„Diesen Kindern eine Familie zu geben ist mein Lebensglück“

Kerstin Held lebt mit vier behinderten Kindern im „Heldenhaus“

Eine Überraschung in einer Zeit, in der man das Gefühl hat, dass jeder erst einmal nach sich selbst schaut? Zum Glück nicht. In den vergangenen 20 Jahren ist die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, um zehn Prozent gestiegen, zeigt eine Befragung, die alle fünf Jahre die Hilfsbereitschaft der Deutschen misst (zuletzt 2019). Helfen, das liegt wohl einfach in unserer menschlichen Natur. Entwicklungspsychologe Prof. Joscha Kärtner von der Universität Münster fand heraus: Schon Einjährige helfen begeistert mit. Im Laufe des Lebens wird andere zu unterstützen zum sozialen Tauschgeschäft, bei dem das Gehirn blitzschnell Beziehungsstatus und Kraftreserven abgleicht: Finde ich die Person nett? Was kostet es mich, ihr zu helfen? Schulde ich ihr noch einen Gefallen? Am besten stehen die Chancen, wenn wir in einem hilfsbereiten Haushalt aufgewachsen sind und der andere nichts für seine Notlage kann.

Helfer sind mit sich im Reinen

„Helfen ist immer auch Herzensarbeit“, sagt die Kölner Mediatorin und Rechtsanwältin Britta Redmann. Für ihr Buch über erfolgreiche Zusammenarbeit im Ehrenamt (siehe Buch-Tipp) hat sie mit mehr als 50 Frauen und Männern gesprochen, die sich für ganz unterschiedliche Themen engagieren, und herausgehört: „Engagement bedeutet für sie alle, zu zeigen, wer man tief drinnen ist und wie man gesehen werden möchte.“ Die Interviews haben länger in ihr nachgeschwungen – und das nicht nur wegen der interessanten Projekte. „Ich habe noch nie mit so vielen Menschen gesprochen, die so gut drauf und vollkommen mit sich im Reinen waren.“

„Für mich waren die Gef lüchteten keine Aktenzeichen“

Josefine Steiger flog auf eigene Kosten mit ihren Schützlingen nach Indien, um Visa zu besorgen

Das treibt uns an!

Warum greifen wir ein, wenn andere Menschen in Not sind? Ein paar Erklärungen

Wiedersehen macht Freu(n)de Je öfter wir Menschen begegnen, z. B. im Verein, in der Skatrunde, bei einem Projekt, desto wahrscheinlicher schließen wir sie ins Herz -das besagt die „Kontakt-Sympathie-Regel“ des Soziologen Robert K. Merton. Und mit dem Teamgeist wächst die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen.

Spieglein, Spieglein … Einfühlungsvermögen entsteht im Kopf! Genauer gesagt im Spiegelneuronen-Netzwerk. Diese Nervenzellen im Gehirn reagieren beim Beobachten menschlicher Handlungen genauso, als würden wir selbst in den Schuhen des anderen stecken. Das macht uns empathischer und oft auch hilfsbereiter.

Oh nein, die Armen! Mitleid ist ein starkes Gefühl -und ansteckend! Sprechen immer mehr Menschen z. B. über ein schlimmes Ereignis, spenden sie Geld oder Kleider, sind wir eher bereit, uns ebenfalls zu engagieren. Je näher uns Menschen in Not geografisch oder kulturell sind, desto größer ist die kollektive Hilfsbereitschaft.

Einfach besser Gutes tun. „Effektiver Altruismus“ ist ein Trend, der uns das Gefühl gibt, auch mit kleinen Mitteln etwas bewegen zu können.

Kerstin Held (46) kennt das befriedigende Gefühl, jeden Tag das zu tun, was sie am besten kann: behinderten Kindern ein Zuhause geben. „Heldenhaus“ nennt sie das alte Pfarrhaus im niedersächsischen Ovelgönne, das sie vor zwölf Jahren gekauft und renoviert hat. Für Kinder wie Jonathan (4), der in einem Spezialrollstuhl sitzt und nie laufen oder sprechen wird. Kurz nach seiner Geburt starb der Junge – 14 Minuten brauchten die Ärzte damals, um ihn zurückzuholen. Heute lebt er bei seiner Pflegemutter Kerstin Held und drei Geschwistern: Charmeur Maximilian (7), der Musik und Wortspiele mag und den Kerstin liebevoll „meinen kleinen Gold- fisch“ nennt, weil er schon im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurde und sein Kurzzeitgedächtnis nicht richtig funktioniert. Sein Pflegebruder Richard (9) wurde mit 2,4 Promille im Blut geboren, die Ärzte gaben ihm keine drei Jahre. Heute geht er in die zweite Klasse. Zur Familie gehört auch die 17-jährige Cora, die sich aus Freude selbst auf die Handflächen küsst. Das Mädchen leidet unter Spastiken und frühkindli- chem Autismus.

„Es braucht immer wieder Menschen, die Lücken im System mit Herzblut schließen“

Katja Hübner hat einen Obdachlosen von der Straße geholt

Vier so besonde- ren Schützlingen Struktur und Liebe zu geben, aber auch ein Zuhause, in dem Platz ist für Überwa- chungsmonitore, Listen mit Verständi- gungszeichen, Ernährungssonden und immer ein paar Pflegekräften – all das ist für Kerstin Held nicht die größte Herausforderung. „Ich war zweieinhalb Jahre alt, als meine Schwester zur Welt kam.“ Sie hatte eine tödliche Form von Muskelschwund, saß im Rollstuhl und ist mit 15 Jahren verunglückt. „Ich bin damit aufgewachsen, ständig alarmbereit zu sein und Verantwortung für das Leben eines Menschen zu tragen. Das mag für andere eine Zumutung sein, für mich ist es normal.“

Trotzdem ist der Alltag der Pflegemutter sehr kräftezehrend, Kerstin hat wenig Zeit für sich. Privat zu sein, das ist es, was ihr manchmal fehlt, gesteht die Frau, die in den letzten zwanzig Jahren insgesamt zehn Kinder mit Behinderung und zwei „normale“ Jugendliche begleitet hat und dabei schon mal den eigenen Geburtstag vergisst. „Einfach alle einpacken und in den Zoo gehen, ohne eine Wagenladung Equipment und mindestens eine Krankenschwester als Begleitung – das wäre traumhaft.“ Ein ungestörtes Telefonat zu führen oder den Tränen ihren Lauf zu lassen, wenn die Gefühle sie übermannen, ebenfalls. „Andere gehen nach Hause, um für sich zu sein, ich gehe am Strand spazieren“, erzählt die gelernte Ergotherapeutin.

Nächstenliebe tut einfach gut

Ob eine Frau, die so viel erlebt und leistet, an Gott glaubt? „Ich bin evangelisch“, sagt sie lächelnd. Aber sie betont, dass nicht christliche Nächstenliebe oder Religion sie motivieren. „Diese Kinder haben ein Recht auf Familie. Die will ich ihnen geben. Das ist meine Lebensentscheidung und mein Lebensglück.“

„Helper’s High“ nennen Amerikaner das Hochgefühl, das man bei guten Taten empfindet. Die Sozialpsychologin Prof. Elizabeth Dunn aus Kanada hat in Studien belegt, dass Menschen glücklicher sind, die einen Teil ihres Geldes für gute Zwecke spenden. Das Gleiche gilt für Zeit, die wir opfern: „Studien zeigen, dass Freizeitaktivitäten, die der Gemeinschaft dienen, zufriedener machen als etwa eine Gehaltserhöhung“, so der Berliner Glücksexperte Prof. Jürgen Schupp. Engagement tut einfach gut – gerade in turbulenten Zeiten. Da ist es kein Wunder, dass während der Coronazeit die Spendenbereitschaft gestiegen und dass 2015, im Jahr der Flüchtlingskrise, die Zahl der Ehrenamtlichen um 70 Prozent gewachsen ist.

Eine davon ist Josefine Steiger aus Friedberg bei Augsburg. Jahrzehntelang arbeitete die heute 66-Jährige in leitender Position für die Industrie- und Handelskammer in Augsburg und baute das Projekt „Junge Flüchtlinge in Ausbildung“ auf – bis ihr das nicht mehr genug war. „Es waren diese erdrückenden Lebensgeschichten, aber auch die Verzweiflung der Menschen, die mich nicht mehr losgelassen haben“, erzählt sie. Als die ersten Afghanen, die sie betreut hatte, abgeschoben werden sollten, hat die Ungerechtigkeit sie fast zerrissen. „Für mich waren die Geflüchteten keine Aktenzeichen, sondern junge Burschen, die Schreckliches hinter sich hatten. Hier in Deutschland hatten sie neue Wurzeln geschlagen, die Sprache gelernt, Freunde gefunden, einen Ausbildungsplatz in der Tasche“, erzählt Josefine Steiger. Und trotzdem sollten sie zurück nach Afghanistan, in ein Land voller Gewalt, das ihnen keine Zukunft bot.

29 Mio. Menschen enga- gieren sich für gute Zwecke. Das sind fast 40 Prozent der Deutschen über 14 Jahre – vor allem die älteren

Quelle: Deutscher Freiwilligensurvey 2019

Ungerechtigkeit offen ansprechen

Sie nahm Kontakt auf zu Behörden, Entscheidungsträgern, Politikern. Weil das oft nicht half, beschloss sie, selbst aktiv zu werden. Josefine Steiger flog mit ihren Schützlingen kurzerhand zur deutschen Botschaft nach Neu-Delhi. Dort hat sie die jungen Männer (bisher waren es zwanzig) auf Ämter begleitet und ihnen beim Ausfüllen von Dokumenten geholfen, bis das ersehnte Ausbildungsvisum erteilt wurde. „Ich bin mit viel Demut und Dankbarkeit aus Indien zurückgekommen, denn man merkt, wie gut es uns hier allen geht. Aber ich spreche auch deutlicher aus, wenn ich etwas ungerecht finde“, erzählt die Augsburgerin, die dieses Jahr in Rente gegangen ist und ehrenamtlich weitermacht. Nicht allen Freunden gefällt das. „Du mit deinem missionarischen Eifer“, unterstellen die einen. Andere fragen offen, warum sie sich immer noch für „diese Menschen“ einsetzt. „Wer sich mit Herzblut engagiert, spürt fast immer Gegenwind“, weiß auch Katja Hübner (53), die in Hamburg eine Agentur für Grafikdesign leitet. „Andererseits erkennt man so, wer zu einem steht, wenn es im Leben wirklich um etwas geht.“ Ihrem Schicksal begegnete sie an einer Parkbank im Hamburger Schanzenviertel. Auf dem Weg zum Friseur fiel Katja Hübner vor vier Jahren ein junger Mann auf. „Er war viel zu dick angezogen und wirkte total abwesend.“ In den folgenden Tagen sah sie ihn immer wieder, allein, ohne Schlafsack oder zumindest eine Tüte mit Habseligkeiten. Als er einmal regungslos auf der Wiese lag, sprach Katja Hübner ihn an: „Ist alles okay mit dir?“ – „Alles super, hast du eine Zigarette?“ Das war der Anfang einer Geschichte, die zum Wettlauf gegen die Zeit wurde.

„Ich konnte mir das Ganze nicht einfach im Fernsehen anschauen“

Adrian Seidler fuhr im Juli spontan ins Hochwassergebiet an der Ahr

„Ich habe schnell gespürt, dass da etwas nicht stimmt, dass Marc, dieser junge Kerl, kein normaler Obdachloser ist.“ Tagelang saß der damals 25-Jährige regungslos im Regen, magerte immer mehr ab, begann zu stinken und in seine eigene Welt abzurutschen. Was eine Psychose ist, davon hatte Katja Hübner zuvor ein vages Bild, mit Marc wurde es ganz deutlich: „Ich wusste, er überlebt den Winter nicht, wenn er schutzlos hier draußen bleibt.“ Denn durch seine Wahnvorstellungen war Marc apathisch und konnte seine Parkbank nicht mehr verlassen. Vom Rettungsdienst, von Psychologen, der Polizei kam immer wieder die Antwort: „Wenn er nicht will, können wir nichts machen!“ Eine Psychologin von der Berliner Charité wurde zum Rettungsanker. „Ich hatte ein Interview mit ihr über Psychose und Obdachlosigkeit gelesen.“

„Helfen ist immer auch Herzensarbeit“

Britta Redmann, Buchautorin

Zwei Stunden nach Katja Hübners verzweifelter Mail an die Charité meldete sich der Psychologe Prof. Thomas Bock aus Hamburg bei ihr, eine Koryphäe auf dem Gebiet – und Marcs Retter. Gemeinsam schafften sie es, den jungen Mann in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Ein Jahr verbrachte er dort, fünf Monate davon in der geschlossenen Abteilung. Katja Hübner besuchte ihn jed en Tag. „Ich musste mit eigenen Augen sehen, dass es ihm besser geht, dass es der richtige Schritt war.“ Heute ist Marc stabil, lebt in einer betreuten Wohneinheit am Stadtrand von Hamburg. Katja Hübner hat nach wie vor Kontakt, aber inzwischen auch einen anderen Blick auf das Leben: „Es gibt in jedem System Lücken und es braucht immer wieder Menschen, die sie mit Herzblut schließen.“

Kristina Junker

BUCH-TIPPS

Kerstin Held: „Mama Held. Jedes Kind hat ein Recht auf Familie“ Über das Leben mit einer besonderen Familie. Kösel Verlag, 20 Euro

Katja Hübner: „Okay, danke, ciao!“ Eine wahre Geschichte über Obdachlosigkeit und Freundschaft. Heyne Verlag, 16 Euro

Britta Redmann: „Erfolgreich Führen im Ehrenamt“ Praxisleitfaden für Leute, die sich engagieren, Springer Gabler Verlag, 49,99 Euro

„Es gibt viel Gutes zu tun"

Was spornt Sie an, anderen zu helfen? Das hat die Mediatorin Britta Redmann viele Ehrenamtliche gefragt

Wie kamen Sie auf die Idee, Menschen zu fragen, warum sie sich engagieren?

REDMANN Als ich mal für eine gemeinnützige Organisation gearbeitet habe, fiel mir ein interessanter Unterschied auf: Viele Hauptamtliche machen einen guten Job. Aber die Freiwilligen strahlen dabei tiefe Zufriedenheit und Erfüllung aus. Das hat mich neugierig gemacht.

Und was ist Ihre wichtigste Entdeckung?

REDMANN Menschen, die sich engagieren, können völlig unterschiedliche Gründe dafür haben. Gutes zu tun ist nur einer davon! Andere werden zum Beispiel aktiv, um etwas auf die Beine zu stellen, Menschen zu begeistern oder Ordnung in eine Organisation zu bringen. Und es gibt auch unter Ehrenamtlichen so etwas wie „Bock auf Erfolg“.

Gibt es etwas, das alle Ehrenamtlichen gemeinsam haben?

REDMANN Egal, wo wir uns engagieren: Es geht immer darum, Bedürfnisse auszuleben. Wir wollen gesehen werden, mit all unseren Talenten und dem, was uns ausmacht. Und das kommt dann der guten Sache zugute. Weil jeder das einbringt, was er am besten kann, wenn zum Beispiel der Zahlenmensch die Abrechnung macht, während der charismatische Typ die Reden hält.

Wo finde ich Ideen, wenn ich mich ehrenamtlich engagieren möchte?

REDMANN Zum Beispiel bei einer Freiwilligenagentur. In einem Fragebogen werden da die Interessen und Talente abgeklopft. Der Computer spuckt dann verschiedene Projekte aus, die zur Person passen könnten. Bei mir war das eine Suppenküche für obdachlose Frauen. Eine große Inspiration für mich war aber auch, wie viele tolle Möglichkeiten noch auf mich warten, wenn ich aus dem Berufsleben ausscheide. Es gibt immer und in jedem Alter viel Gutes zu tun!