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Ein Herz für Tiere


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 60/2022 vom 16.05.2022
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Prof. Bernd Heicke mit der ehemaligen Busch-Bundeschampionesse Camisa Negra v. Cascadello II, die nun in die Zucht gehen soll.

An der Fohlenweide“ heißt die Straße, an der das Gestüt Fohlenhof im rheinland-pfälzischen Haßloch liegt. Weder Straßen-noch Gestütsname sind ein Zufall. Es gab sie bereits lange bevor die Familie Heicke das Anwesen 2007 erwarb. Im 19. Jahrhundert war hier eine kommunale Pferdeaufzuchtstätte untergebracht.

Die Bauern der Umgebung brachten ihre Absetzer hierher zur Aufzucht und ersten Ausbildung, ehe sie Arbeits-oder Militärpferde wurden. Anfang des 20.

Jahrhunderts wechselte der Fohlenhof in privaten Besitz und wurde fortan zur Zucht und Aufzucht von Vollblütern genutzt. Diese Ära endete Anfang der 1980er-Jahre und damit auch die erste Blütezeit des Fohlenhofes. Wobei die Spuren davon noch omnipräsent sind und nun eine Renaissance erleben.

INFO

Seit mehreren 100 Jahren werden auf dem Gestüt Fohlenhof Pferde gezüchtet. Die Familie Heicke hat dem Anwesen zu altem Glanz verholfen, inzwischen auch mit ...

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... eigener Hengststation.

„Unser Ziel ist es, die optimale Lösung individuell für jedes Pferd zu finden.“

Claudia Heicke

Die Schönheit der Anlage offenbart sich sozusagen im Zwiebelprinzip. Die äußere Schale des Anwesens wirkt vor allem zweckmäßig mit der langen Seite der Reithalle vis-à-vis der Einfahrt, rechter Hand einem länglichen Stallgebäude, an dessen Seite ein Holsteiner Brandzeichen prangt und linker Hand zwei Paddocks mit Offenstall, in denen junge Stuten in der Sonne dösen. Dann geht man um die Ecke in den ersten Innenhof und erblickt die ersten Stallungen auf der anderen Seite der Reithalle, alle mit Paddocks davor und Boxen in einer Größe, die anderswo als Abfohlboxen durchgehen. Imposante Scheunen, die gut und gerne zehn Meter hoch sind, wurden ebenfalls ausgebaut und dienen nun der Pferdehaltung. Im Zentrum des Hofes dreht sich eine Führanlage mit einem Roundpen in der Mitte. Dahinter gibt es noch einen Longierzirkel unter freiem Himmel. Begrenzt wird der Hof hier von dem Buchenhecken umsäumten Dressurviereck und einem dahinter liegenden Springplatz. Rundherum brummt und summt es in liebevoll angelegten Blumenrabatten. Aber nicht nur die Bienen sind fleißig. Hier herrscht überall rege Betriebsamkeit. Dann geht man über das Kopfsteinpflaster unter einem Torbogen hindurch und gelangt zum eigentlichen Kern der Anlage. Hier herrscht beinahe sakrale Ruhe. Es ist ein Innenhof mit dem ältesten Gebäude des Hofes an der Stirnseite, das heute das Wohnhaus von Prof. Bernd Heicke und seiner Frau beherbergt. Die eine lange Seite neben dem Torbogen wird von der Rückseite des Hengststalls eingefasst. Die Rabatten davor sind mediterran bepflanzt. Auch die Gebäude, Wohnhaus, Hengststall sowie gegenüberliegend das architektonisch raffiniert angeglichene Bürogebäude sind in einem warmen Terrakottaton gestrichen. Dunkelgrüne Giebel und Fensterläden setzen geschmackvolle Akzente.

Ein Kopfsteinpflaster-Rondell verbindet alle Gebäude miteinander. Es ist der ehemalige Führring der Vollblüter. Und dort, wo die Familie Heicke nun auf einer Terrasse mit Feuerstelle zwischen den alten Laubbäumen inmitten des alten Führrings auf dem Rasen sitzt, war einst eine Schwemme. Auf der ganzen Anlage verteilt stehen Bronzeplastiken des Künstlers Wolfgang Lamché, vor allem Fohlen. Die hatten es den Heickes schon angetan, lange bevor sie sich in Haßloch niedergelassen haben. „Uns kam es vor wie ein Wink des Schicksals, als wir dann erfuhren, dass das Anwesen ,Fohlenhof‘ heißt“, so Ingrid Heicke.

Wenn schon, denn schon

Sie und ihre Tochter Claudia waren es, die 2007 die Anzeige im St.GEORG entdeckten, in der der Fohlenhof beworben wurde. 25 Hektar arrondiertes Gelände, das explizit für die Pferdehaltung vorgesehen war, das klang viel versprechend. Die Pferde haben immer eine große Rolle im Leben der Heickes gespielt – oder zumindest bei einem Teil der Familie.

Prof. Bernd Heicke und seine Frau Ingrid ritten, ihre Tochter Claudia ebenfalls. Die beiden weiteren Geschwister hatten jedoch andere Hobbys. Dass ihre Leidenschaft allerdings eines Tages solche Ausmaße annehmen würde, das hatte Familie Heicke eigentlich nicht geplant. Mehr als 100 Pferde haben sie momentan, rund die Hälfte davon steht in Haßloch. Die anderen sind bei den Partnern der Heickes, namhaften Hengststationen, Ausbildern und Sportreitern in der ganzen Bundesrepublik, untergebracht. „Dabei wollten wir eigentlich nur eine Reithalle“, sagen Mutter und Tochter. „Schuld“ am Status Quo sei der Professor. Schließlich sei „wenn schon, denn schon“ lange Jahre sein Erfolgsrezept gewesen. Wenn Prof. Bernd Heicke von seinem Werdegang erzählt, tut er das in einer sehr ruhigen, bedachtsamen Art und Weise. Jeder Satz ist wohl überlegt. Was er erzählt, klingt selbstbewusst, aber sachlich. Es ist keine Prahlerei. Das hat er nicht nötig. Es ist einfach eine Schilderung der Fakten. Wie er Medizin studierte, sich aber zugleich sehr für die Forschung interessiert hat.

Dass diese Kompetenz in beiden Bereichen der Grund war, weshalb er von einer bekannten Pharmafirma den Auftrag erhielt, ein Labor für medizinische Diagnostik aufzubauen. Nach einigen erfolgreichen Jahren ergab sich eine strategische Umorientierung der Muttergesellschaft und ein Verkauf des Labors stand im Raum. Damit stellte sich die Frage, wie es für ihn weitergehen sollte – Geschäftsführer bleiben oder Unternehmer werden? Er übernahm das Labor, das damals schon mehrere hundert Mitarbeiter hatte und entwickelte es sehr erfolgreich weiter mit mehreren Standorten und internationaler Anerkennung.

Lebenstraum erfüllt

Als Prof. Heicke seinen 70. Geburtstag hinter sich gelassen hatte, begann er sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen sollte. Da kam ein internationales Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, weil es die Zukunft seiner Firma und seiner zahlreichen Mitarbeiter garantierte. Bis dato hatten die Heickes in Rheinhessen in einer umgebauten Mühle gelebt und ihre Pferde am Haus gehalten. Die Baugenehmigung für die Reithalle zu bekommen, von der Ingrid und Claudia Heicke träumten, war utopisch. Also musste etwas anderes her.

„Erfolg ist das Ziel. Aber das Pferdewohl steht bei Familie Heicke immer an erster Stelle.“

Julia Krajewski

„Wir wollen Pferde mit Qualität züchten. Aber im Vordergrund stehen die Reitpferdeeigenschaften.“

Familie Heicke

Dann fanden sie den Fohlenhof. Drei Jahre hat es gedauert, bis sie den historischen Gebäuden wieder zu altem Glanz und neuem Komfort verholfen hatten. 2010 war das Gros des Baus abgeschlossen, und heute wachsen hier wieder Jungpferde auf und gehen in die Pferde-Grundschule. Aber nicht nur. Auch einige Rentner verbringen auf den Weiden des Fohlenhofes ihren Lebensabend. Und wer hier keinen Platz mehr gefunden hat, der bekommt sein Gnadenbrot auf einer eigens zu diesem Zweck gepachteten Anlage. Ein Pferd wegzugeben, weil es alt ist, käme nicht infrage. Mit dem Gestüt Fohlenhof haben sie sich den Traum erfüllt, Pferde so zu halten und auszubilden, wie es sich aus ihrer Sicht gehört – artgerecht, mit viel Zeit und immer dem Blick auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Pferdes. Dazu gehört es dann eben auch, dass sie auch im Alter noch genauso umsorgt werden, wie sie es stets gewohnt waren. Überhaupt, das Herz für Tiere ist groß. „Unsere ersten Zuchtstuten waren alles solche, denen es nicht gut ging“, muss Ingrid Heicke selbst ein bisschen schmunzeln. Ihr Mann wirft ein: „Aber sie hatten auch tolle Abstammungen!“

Zu den Neuzugängen zählten aber nicht nur Mitleidskäufe. Im Gegenteil.

Liebling Cascadello

Bei der Holsteiner Körung 2011 trat Prof. Dr. Bernd Heicke erstmals in der Pferdeszene in Erscheinung. Der Grund hieß Cascadello, damals der Reservesieger in den Holstenhallen und bis heute der Liebling des Professors. Der Casall-Sohn sei sein „Traumpferd“, so Heicke. „Ich hatte schon immer ein Faible für Holsteiner.“ Geprägt wurde die Liebe zum Holsteiner Pferd von seinem Jagdpferd Fando v. Farnese. Und Cascadello, der bunte Braune mit dem großen Springvermögen, verkörpert für Heicke all das, was er sich heute von einem Pferd wünscht: „In unserer Zucht wollen wir Pferde mit Qualität. Aber im Vordergrund stehen die Reitpferdeeigenschaften. Wir möchten gesunde, rittige Pferde mit Charakter züchten, die den Menschen zugewandt sind und die die richtige Einstellung zum Sport haben. Rittige Pferde finden immer einen Platz.“

Was für ihren Mann Cascadello I ist, ist für Ingrid Heicke der Stakkato-Sohn Salento, eine „Seele von Pferd“, wie sie sagt, erfolgreich im Parcours bis Klasse S und ein zuverlässiger Lieferant von Nachkommen, die ihren Besitzern ehrliche Sportpartner sind. „Er hat eine regelrechte Fan-Gemeinde, die von ihm Fohlen zieht, um sie später selbst zu reiten“, erzählt Ingrid Heicke. Keine prominenten Kinder also, aber solche, die ihren Besitzern Freude machen.

Das tun die Cascadello-Kinder auch. Wobei der heute 13-jährige Casall-Sohn von Anfang an großen Zulauf hatte, bereits aus seinem ersten Jahrgang einen Siegerhengst stellte (Charleston) und dazu 24 gekörte Söhne, 35 S-Springpferde und diverse Nachkommen vorweisen kann, die beim Bundeschampionat und den Weltmeisterschaften der jungen Springpferde in Erscheinung getreten sind. Cascadello hat in Holstein inzwischen den Ruf eines Stempelhengstes. Prof. Heicke war von der ersten Begegnung an klar, dass er hier ein besonderes Pferd vor sich hat. Dafür musste Cascadello keinen Handstand in der Freispringgasse machen. „Er lag bei der Körung in seiner Box. Ich habe die Tür aufgemacht und mich dazu gesetzt und er ist völlig entspannt liegengeblieben“, beschreibt Heicke, was ihn an dem Hengst so überzeugt hat. „Wenn er dann in der Halle war, präsentierte er sich selbstbewusst.“

Seine Frau wirft ein: „Eigentlich sollte ja keiner wissen, dass wir Interesse an Cascadello haben. Aber er (Blick auf ihren Mann) war ja nicht von seiner Box wegzubekommen …“ Schlussendlich erhielten sie den Zuschlag für den Hengst bei bis dato in den Holstenhallen nie dagewesenen 600.000 Euro. Cascadello gehörte ihnen, aber er sollte der Zucht im Land zwischen den Meeren erhalten bleiben. Dadurch entwickelte sich die Partnerschaft mit Dirk Ahlmann und Cascadellos Züchter, Reimer Hennings.

Auch Charleston ist bei der Familie Ahlmann in Reher stationiert und springt inzwischen mit Sohn Hannes, für den Prof. Heicke die Patenschaft bei der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport übernommen hat, international.

Die Zusammenarbeit mit der Familie Ahlmann war die erste dieser Art. Inzwischen gibt es davon mehrere. So investierte Prof. Bernd Heicke gemeinsam mit dem Klosterhof Medingen in den Dressur-Siegerhengst der Westfalen-Körung 2014, Borsalino v.

Boston. Zwei Jahre später kam der Kannan-Sohn Karajan hinzu, den Marco Kutscher reitet. Dorothee Schneider hat seit diesem Jahr das Klosterhof-Heicke-Gemeinschaftsprojekt Escalito v.

Escolar in Beritt. Bei Familie Nieberg steht der heute siebenjährige Casco Bravo, bei dem Lars Nieberg Cascadello an seine For Keeps-Tochter Floronce angepaart hat, die über Generationen auf unter ihm selbst international erfolgreiche Hengste zurückgeht. Auch Casco Bravo gehört dem Gestüt Fohlenhof, das inzwischen 18 Vererber vorweisen kann. Bis vor Kurzem war es noch notwendig, sie auf verschiedene Stationen zu verteilen. Doch inzwischen verfügt das Gestüt auch über eine eigene EU-Besamungsstation und einige Hengste stehen hier im Hengststall, der mit seinen hohen Decken, der guten Luft, den Schwalbennestern und dem historischen Mauerwerk beinahe wie ein Landgestütsstall anmutet. Es begrüßen uns der Bundeschampionats-Dritte Arcachon v. Apache, Cascadello II (der kurz nach seinem großen Bruder Einzug hielt), Valego v. Vivaldi und Fürst Magic v. Fürstenball. Salento ist bereits auf der Weide. Alle Pferde des Fohlenhofs kommen jeden Tag raus, auch die Hengste.

Dass es den Pferden gut geht, hat oberste Priorität. Danach werden auch die Ausbilder der Pferde ausgesucht. Wobei Prof. Heicke hier gerne zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt und sowohl seine Pferde als auch Reiter fördert.

Leidenschaft für den Busch

Eines der prominentesten Beispiele von Heickes Engagement ist Vielseitigkeitsolympiasiegerin Julia Krajewski. Als ehemaligem Jagdreiter (Claudia Heicke: „Mein Vater kennt nur den dritten Gang.“), der gut mit Herbert Blöcker bekannt war, hat die Buschreiterei es Prof. Heicke besonders angetan. So war er maßgeblich daran beteiligt, dass am DOKR in Warendorf die Perspektivgruppe U25 Vielseitigkeit aufgebaut wurde.

Julia Krajewski war eine der Pionierinnen dieser Talentschmiede und für Heicke war ihre außerordentliche Begabung schon damals offensichtlich. Er investierte zunächst in Samourai du Thot und später in Olympia-Stute Amande de B’Néville. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Julia Krajewski sagt: „Nach so vielen Höhen und Tiefen, die wir zusammen erlebt haben, ist der Professor mehr als ,nur‘ ein Mitbesitzer. Es ist eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit und für mich so wertvoll, weil jede Entscheidung im Sinne des Pferdes zu 100 Prozent mitgetragen wird.“

Auch Pia Münker und ihr Partner Ben Leuwer reiten Heicke-Pferde im Busch. So stellte Pia mit dem Araldik-Sohn Abraxas 2020 den Bundeschampionats-Zweiten der fünfjährigen Vielseitigkeitspferde und mit Camisa Negra v. Cascadello II die Bundeschampionesse der sechsjährigen Buschspezialisten.

Dabei geht es Heicke aber nicht nur um die Sportförderung über die Reiter. Als 2014 der furchtbare Unfall beim CCI4* in Luhmühlen passierte, der Nachwuchsreiter Benjamin Winter das Leben kostete, machte sich der Mediziner dafür stark, dass die Vielseitigkeit entschärft wird. Seine Unterstützung trug maßgeblich zur Entwicklung des MIM-Systems bei, das heute auf der ganzen Welt in vielen festen Sprüngen verbaut wird und dafür sorgt, dass die massiven Hindernisse auf Geländekursen bei einem Rumpler in sich zusammenfallen können. So konnte schon mancher potenziell gefährliche Sturz mit Überschlag, einer der gefürchteten „Rotational Falls“, verhindert werden. Das sei allerdings bei weitem nicht allein sein Verdienst, wiegelt Prof. Bernd Heicke in der ihm eigenen Art ab: „Erfolg hat immer viele Köpfe. Das wichtigste ist das Netzwerk dahinter.“

„Beeindruckend ist, dass Familie Heicke den Pferden immer die Zeit gibt, sich zu finden.“

Dorothee Schneider

Gestütsmanagement

Das Herz von Ingrid und Claudia Heicke schlägt eher für die Dressur. Claudia Heicke, studierte Juristin und Pferdewirtschaftsmeisterin Zucht und Haltung, hat ihr reiterliches Rüstzeug bei Egon von Neindorff erhalten. Heute managt sie den Gestütsbetrieb von der Besamung bis zur Ausbildung der Pferde.

Das ist ihre Leidenschaft. „Ich liebe es zu sehen, wie Pferde sich entwickeln, wenn man sie behutsam fördert. Turniere interessieren mich ehrlich gesagt eigentlich gar nicht.“ Darüber muss sie selbst lachen. Dabei ist sie selbst Dressur und Springen bis Klasse M geritten.

Das würde sie aber am liebsten unerwähnt lassen. Heute schafft sie es kaum noch in den Sattel. Zu viel zu tun mit dem Betrieb. Wobei sie von ihrem Sohn Max unterstützt wird. Der ist zwar kein Reiter, aber die Liebe zu Tieren hat er geerbt. Nun tritt er nach und nach in die Fußstapfen seiner Mutter. Die jungen Pferde bleiben auf dem Fohlenhof, bis sie die Grundausbildung abgeschlossen haben. Dann gehen sie je nach Begabung zu den Partnern der Heickes.

Das offene Wort und die Zufriedenheit aller zwei-und vierbeinigen Beteiligten sei ihnen das Wichtigste, sagen die Heickes. Das Konzept funktioniert. Claudia Heicke berichtet, dass ihre Reiter sich die Pferde auch untereinander zuweisen, wenn sie den Eindruck haben, dass sie in einem anderen Stall besser aufgehoben wären. So ergab sich beispielsweise auch die Partnerschaft mit Dorothee Schneider. Da man ursprünglich aus einer Region kam, kannte man sich. Zumal Ingrid Heicke früher von Dorothee Schneiders Vater Eberhard unterrichtet wurde. Die Heickes hatten mit der im vergangenen Jahr leider aufgrund eines Aortenabrisses verstorbenen Rock n‘ Rose ein überaus talentiertes Dressurpferd, aber zuhause nach dem Ausscheiden von Oliver Luze nicht den passenden Reiter für die diffizile Rubin-Royal-Tochter. Sie gaben „Rosi“ zu Dorothee Schneider, unter der aus dem heißen Ofen ein erfolgreiches Grand Prix-Pferd wurde. Dann wurde Dorothee Schneider ein Hannoveraner Wallach v. Falsterbo mit Namen Faustus angeboten. Schneider sprach Familie Heicke an, ob sie Lust hätten, dieses interessante Pferd zu sichern. Ingrid und Claudia Heicke waren begeistert von dem schönen Braunen und er hielt bei Dorothee Schneider Einzug. Nun ist er Mannschaftseuropameister. Umgekehrt ist der bei Schneider bis Prix St.

Georges und Intermédiaire I ausgebildete Fürstenball-Sohn Fürst Magic vor Kurzem heimgekehrt auf den Fohlenhof und ist hier nun der erklärte Liebling von Bereiterin Roisin Hausen. Die kennt den Hengst schon seit Jahren, sie hat selbst bei Dorothee Schneider gelernt. Claudia Heicke sagt: „Uns war klar, dass Fürst Magic ein fantastisches Pferd für die kleine Tour ist, aber kein internationales Grand Prix-Pferd. Warum sollten wir dann versuchen, eines aus ihm zu machen? Er vererbt sich super und macht genau die Pferde, die wir uns wünschen.“ Wie schon erwähnt, es geht den Heickes vor allem darum, zu schauen, was für jedes Pferd individuell das Beste ist. Genau das ist es, was Dorothee Schneider so an der Zusammenarbeit schätzt: „Es ist wichtig, dass die Pferde mental und körperlich so gut vorbereitet sind, dass sie sportliche Herausforderungen mit einer gewissen Leichtigkeit meistern. Die Zeit muss man den Pferden geben. In diesem Punkt sind die Heickes und ich uns sehr nah. Das ist unser gemeinsames Anliegen.“ Das hat allerdings seinen Preis. Dessen sind die Heickes sich bewusst. Sie geben zu, dass die aktuelle Anzahl an Pferden, die zu ihnen bzw. zum Gestüt Fohlenhof gehören, doch über das hinausgeht, was sie sich einst vorgestellt haben, als sie sich eine Reithalle wünschten. Aber verkaufen fällt schwer. „Wir gucken uns ganz genau an, wohin unsere Pferde gehen.

Bei uns gilt Platz vor Preis“, betont Prof.

Heicke.

Er hat sich inzwischen umgezogen und trägt nun Reithose und Stulpenstiefel. Gleich ist es Zeit für seine Reitstunde bei Ausbilder Ingo Menze, der freiberuflich auf dem Fohlenhof arbeitet. Viermal in der Woche sitzt Prof. Heicke im Sattel – natürlich in dem von einem Holsteiner Cascadello-Nachkommen, dem neunjährigen Cascofino. Cascadello sei „immer irgendwo drin“ sagt Ingrid Heicke. Nicht die große Blesse, aber die zugewandte Art hat Cascofino von seinem Erzeuger geerbt. Neugierig schnuppert er an des Professors Taschen und wird nicht enttäuscht. Eine Handvoll Möhrenstücke findet ihren Weg in sein Maul. Geduldig steht der bei Dirk Ahlmann und Julia Krajewski ausgebildete neunjährige Wallach still, während Heicke in seinen Sattel steigt. Dann geht es los. Einfach nur draufsitzen sei ihm aber zu wenig, betont Heicke. Ingo Menze sagt: „Er ist unglaublich streng mit sich.“ Wen wundert’s. Einer wie Prof. Dr. Bernd Heicke weiß: Von nichts kommt nichts.

Autorin

Dominique Wehrmann

Vom Sportler bis zur aus schlechter Haltung geretteten Shetty-Dame – die Fohlenhof-Tiere sind Familienmitglieder. Das spürt man.