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Ein Hoch auf die Küste


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 09.07.2019

Die Alabasterküste im Nordwesten Frankreichs lockt mit den höchsten Kreidefelsen Europas, aussichtsreichen Küstenstraßen und sympathischen Fischerörtchen. Angelika & Michael Engelke (Text & Fotos) kamen einer einladenden Region auf die Spur.


Artikelbild für den Artikel "Ein Hoch auf die Küste" aus der Ausgabe 8/2019 von Tourenfahrer - Motorrad Reisen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 8/2019

Einsamer Wächter: Der Leuchtturm von Saint-Valery-en-Caux weist seit 1872 Fischern und Freizeitkapitänen den Wasserweg.


Die Strecke ist nicht nur reich an Kurven, sondern auch an fantastischen Aussichten



Die imposanten Steilklippen gaben der Region ihren Namen


Mächtig: Unweit von Saint-Pierre-en-Port ragen die Kalkfelsen der Grandes Dalles in die Höhe.


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Allein schon von Claude Monet sind über 80 Gemälde von Étretat bekannt


Mondän: Den Hafen von Saint-Valery-en-Caux teilen sich Sport- und Fischerboote (unten links).


Tiefergelegt: Bei Quiberville geht es hinab zu ewig breiten Kiesstränden (unten).


Gut besucht: Honfleurs Promenaden locken mit einladenden Cafés (oben rechts).


Wahrzeichen der Alabasterküste: Felsformationen bei Étretat – der natürliche Brückenbogen im Kalkgestein erinnert in seiner Form an einen Elefantenrüssel (Mitte rechts).


Schöner wohnen: Am Stadtrand von Dieppe finden sich schmucke Häuschen (unten rechts).


Welch ein schöner Ausblick! Hinter unserem Rücken steigt die wärmende Morgensonne in einen hellblauen Himmel. Uns zu Füßen, gute 50 Meter tiefer, ziehen zwei, drei Fischerboote weiße, schnurgerade Linien durch das tiefblaue Wasser des Ärmelkanals. Rechts und links ragen entlang der Küste die mächtigen, alabasterfarbenen Kreidefelsen in die Höhe und trennen scharf das am Ufer weiß schäumende Meer vom Grün der Landschaft. Die imposanten Steilklippen sind es, die dieser Gegend zwischen Normandie und Picardie ihren Namen gaben: Côte d’Albâtre – Alabasterküste.

Gestern sind wir hier angekommen, in Fécamp, dem quirligen Fischer- und Urlaubsort direkt an der Küste, zwischen dem Seehafen Dieppe im Norden und der riesigen Seine-Mündung im Süden. Haben gleich oberhalb von Fécamp den einladenden Campingplatz entdeckt und sind vom gleichmäßigen Rauschen der gegen den Kiesstrand anrollenden Wellen in einen erholsamen Schlaf begleitet worden.

Zischend bereitet der Gaskocher das Kaffeewasser zu, der örtliche Bäckermeister kurvt mit seinem klapprigen Lieferwagen voller Baguettes und Croissants über den Platz – die perfekten Voraussetzungen für ein gelungenes Frühstück an der frischen Seeluft. Gut gestärkt sitzen Kiki und ich eine Dreiviertelstunde später auf der Honda und rollen durch die steilen und engen Gassen Fécamps hinunter an den Boulevard Albert 1er. Er bildet gleichzeitig die breite Strandpromenade zwischen dem Jachthafen und dem Spielcasino und vor eben Letzterem rollen wir aus, um den schönen Blick entlang der Kreidefelsen zu genießen.

Die drei großen Häfen von Fécamp, Jacht-, Fischerei- und Handelshafen, prägen das Bild der Stadt. Südlich der Becken lockt die lange Ladenzeile, gespickt mit einladenden Restaurants und Bars, gegenüber im Norden erhebt sich hinter ein paar Wohnhäusern das Kap Fagnet. Mit gut 110 Metern Höhe ist die steile Klippe gleich oberhalb der Hafeneinfahrt nicht nur ein guter Orientierungspunkt für die Seefahrt, sondern auch gleichzeitig der höchste Punkt der Alabasterküste. Über die D 79, die Route du Phare (Leuchtturmstraße), kurven wir hinauf zum Kap. Der Panoramablick über den Ort und die südlich davon liegende Steilküste ist einfach fantastisch. Aber Vorsicht! Das jenseits der Leitplanke warnende Hinweisschild »accès interdit éboulement de falaise« sollte man aller Euphorie zum Trotz ernst nehmen. Nicht selten lösen sich Teile von den Klippen und stürzen in die Tiefe. Dann sollte man nicht an der Abbruchkante stehen.


Hoch über Saint-Valery ist der Blick über die weiß leuchtenden Felsen einfach genial


Über die schmale D 79 folgen wir weiter dem Küstenverlauf. Das macht deutlich mehr Spaß als über die gut ausgebaute Landstraße im Hinterland. Die Strecke führt nicht nur mit einigen Kurven durch die gelb blühenden Raps-Landschaften, sondern auch durch ein paar kleine überschaubare Ortschaften. Allein schon die unglaubliche Vielfalt der Häuser rechts und links des Asphalts lohnt die Strecke. Von der herrschaftlichen Villa über mondäne Landhäuser bis zum hochmoderne Quader im Bauhausstil ist hier alles vertreten, worin sich perfekt wohnen lässt. In Saint-Pierre-en-Port führt ein wenige Hundert Meter langer Abstecher direkt hinunter ans Meer. Am Kiesstrand lasse ich die Africa Twin ausrollen. Wir setzen uns auf die Steine und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Nicht schlecht – nur 48 Stunden zuvor hat es zu Hause, gerade mal 500 Kilometer weiter östlich, noch ordentlich geschüttet.

Bis Veulettes-sur-Mer zirkelt die Straße weiter von Örtchen zu Örtchen, protzt schon mal mit echten Serpentinen. Hinter Veulettes schlägt sie auf einmal einen wilden Haken, zieht sich zurück von der Küste. Keine schlechte Idee, denn hier steht seit 1977 das Kernkraftwerk Paluel direkt am Ärmelkanal und dessen Druckwasserreaktoren gelten nicht gerade als Hort der Sicherheit. Paluel ist eines der leistungsstärksten Kernkraftwerke der Welt und automatische Notabschaltungen wegen Blockierung der Kühlung durch Algen, mehrere Brände und der Absturz eines mehrere Hundert Tonnen schweren Bauteils klingen ein wenig beängstigend. Kiki und ich sind froh, dass wir die schwer bewachte Anlage schnell wieder im Rückspiegel verschwinden sehen.

Umso netter ist Saint-Valery-en-Caux. Der Hauptort des gleichnamigen Kantons empfängt uns mit blumengeschmückten Straßen, einem riesigen, tief in den Ort hineinragenden Jachthafen und gemütlichen Cafés. Ganz in der Nähe der Brücke über die Hafeneinfahrt beinhaltet das »Maison Henri IV«, ein uriger alter Fachwerkbau von 1540, ein kleines Museum über die Stadtgeschichte. Viel mehr alte Substanz ist leider nicht erhalten. 1940 hatten die hier eingeschlossenen Briten kapituliert und im weiteren Kriegsgeschehen wurden große Teile des Ortes zerstört. Schön ist es hier dennoch und wer mag, kann entlang der lang gestreckten Hafeneinfahrt mit dem Motorrad bis zum Leuchtturm vorfahren, der hier seit 1872 den Fischern und Freizeitkapitänen den Weg nach Hause leuchtet.

Von einem der Angler am Turm, dem wir über die Schulter schauen, erhalten wir den Tipp, unbedingt zum Aussichtspunkt Falaise d’Aval hinaufzufahren. Dort, so meint er, habe man einen der schönsten Blicke über die Côte d’Albâtre. Gesagt, getan – wir folgen den Schildern und stehen nur ein paar Minuten später auf der kleinen Aussichtsplattform hoch über Saint-Valery-en-Caux. Stimmt, der Blick über die weiß leuchtenden Felsen ist einfach genial.

Nordöstlich von Saint-Valery-en-Caux folgen wir direkt der schmalen Küstenstraße, die zum Teil sogar direkt entlang des Wassers verläuft. Hinter Quiberville wartet der lange Badestrand Plage de Sainte-Marguerite auf sonnenhungrige Urlauber. Heute scheint die Sonne und kalt ist es auch nicht. Aber das Meer kann noch so verlockend türkis schimmern – eine kurze Probe mit dem dicken Zeh macht klar: Heute ist kein Badetag.

Küste, Klippen, Kurven: Am Kap d’Antifer führt griffiger Asphalt direkt ans Wasser (l).


Französischer Charme: Zwischen Saint-Valery-en-Caux und Quiberville verführt das urige »Café de la Place« zu einer Pause (o.).


Wir steuern lieber Dieppe an. Der Hauptort des gleichnamigen Arrondissements an der Mündung des Arques galt schon unter Kaiser Napoleon III. als mondäner Badeort. Ein wenig dieser Noblesse hat sich bis heute gehalten und so kurven wir unterhalb der mächtigen Burganlage durch die Straßen des Zentrums, entlang der alten Fassaden und rund um den bedeutenden Hafen. Und da sich hier jetzt unsere Mägen zu Wort melden, halten wir auch gleich noch nach einem der vielen einladenden Fischrestaurants Ausschau.

Fisch hat in Dieppe Tradition – ebenso wie Muscheln. Dieppe gilt als der größte Jakobsmuschelhafen Frankreichs. Einmal im Jahr feiern Zehntausende Besucher das Herings- und Jakobsmuschelfest. Jahreszeitlich bedingt bekommen wir heute zwar keine Jakobsmuscheln – ein guter Grund im November, noch mal die Alabasterküste anzusteuern –, aber eine leckere Portion Miesmuscheln ist allemal machbar. Und natürlich gönnen Kiki und ich uns die Muscheln nach Art der Normandie mit einer köstlichen Soße aus Zwiebeln, Knoblauch, Weißwein und feinen Apfelwürfeln. Dass zudem ein kleiner Schuss Calvados nicht fehlen darf ist klar, schließlich stammt der bernsteinfarbene Apfelbranntwein aus genau dieser Region, dem Département Calvados. Den angebotenen trockenen Weißwein müssen wir zu unserem Bedauern jedoch ablehnen, Alkohol trinken und Motorrad fahren vertragen sich nicht unbedingt gut miteinander.

Gefühlt ein paar Kilogramm schwerer und mit einem pechschwarzen Kaffee getunt, machen wir uns etwas später wieder auf die Reifen über die gut ausgebaute Landstraße quer durch das Hinterland. Zügig geht es zurück in Richtung Fécamp. Auffällig sind auf dieser Strecke vor allem die ausgebrannten Blitzer. Während der Gelbwesten-Proteste haben nicht wenige Chaoten ihre Chance gesehen, die ungeliebten grauen Kästen am Straßenrand abzufackeln. Das könnte sich jedoch langfristig als Bärendienst erweisen. Das französische Verkehrsministerium hat angekündigt, jede dieser Anlagen zu ersetzen. Und zwar hauptsächlich durch die brandneuen sogenannten Superblitzer: hochauflösende Kameras, die, in vier Metern Höhe aufgehängt, nicht nur Tempoverstöße protokollieren, sondern auch nicht angeschnallte und telefonierende Autofahrer – ein teures Vergnügen.


Ein Ölhafen als Ausflugsziel? Aber wir sind neugierig – zum Glück!


Noch mehr Meer: Bei Vaucottes schlängelt sich die Straße direkt am Wasser entlang.


Der südliche Teil der Alabasterküste steht anderntags auf dem Plan. Ganz so einfach ist das mit dem Aufstehen heute Morgen allerdings nicht. Die verlockenden Bars Fécamps sind gut zu Fuß erreichbar und es wurde gestern Abend dann doch ein bisschen später. Fast hätten wir den Bäckermeister verpasst. Das wäre allerdings auch kein großes Problem gewesen, denn einpetit-déjeuner, ein leckeres Frühstück, hätten wir auch am Hafen bekommen. So bemühen wir doch wieder unsere eigene Kaffeekanne und verlassen wenig später Fécamp gen Süden. Yport steht auf den Schildern, denen wir folgen. Der traditionelle Fischerort hat erstaunlicherweise gar keinen echten Hafen. Am breiten Kiesstrand, der von bunt bemalten Badehäuschen flankiert wird, werden die Boote mithilfe von Seilen und Rollen emporgezogen. Bisweilen ist das eine richtig schweißtreibende Sache und die drei Mann, denen wir eine Weile zuschauen, sind schon mit der abschüssigen Passage Richtung Wasser überfordert.

Wir drehen bei, folgen der D 211 in Richtung Étretat. Die offeriert immer wieder tolle Blicke auf Kreidefelsen und Ärmelkanal. Mehrfach streifen wir dabei auch die GR (Grande Randonnée) 21. Der beeindruckende Fernwanderweg führt nahezu parallel unserer Motorradtour stets entlang der steilen Felsen der Alabasterküste von Honfleur im Süden an der Seine-Mündung bis nach Le Tréport nordöstlich von Dieppe. Mit Étretat erreichen wir den fotografischen Höhepunkt der Côte d’Albâtre. Der natürliche Brückenbogen im Kalkgestein am südwestlichen Rand Étretats, der an die Form eines Elefantenrüssels erinnert, ist wohl das meistfotografierte Motiv an der französischen Küste. Schon Henri Matisse und Claude Monet standen mit ihren Staffeleien dort und malten, was das Zeug hielt. Allein von Monet sind über 80 Gemälde von Étretat bekannt.

Entsprechend groß ist auch der Trubel in dem eigentlich recht überschaubaren Seebad. Den knapp 1400 Einwohnern stehen alljährlich Zehntausende Besucher gegenüber und Kiki und ich sind froh, mit dem Motorrad unterwegs zu sein. Für die Honda findet sich immer eine Parklücke nahe des kleinen Zentrums; mit dem Auto hätten wir weit außerhalb parken müssen. Einen richtig schönen Blick auf Étretat und seine spektakulären Felsen hat man übrigens vom gegenüberliegenden Falaise d’Amont. Die gut 80 Meter hohe Klippe mit der Kapelle Notre-Damedela-Garde bietet eine tolle Sicht auf den Küstenabschnitt. 200 Stufen führen ab Étretat hinauf. Die gute Nachricht: Man kann die Klippe auch mit dem Motorrad anfahren, gleich neben der Kirche finden wir einen großen Parkplatz.

Leckere Meeresfrüchte: Für den kleinen und großen Hunger ist am Hafen von Fécamp dank zahlreicher Restaurants bestens gesorgt.


Das frische Baguette des Bäckermeisters von heute Morgen ergänzen wir auf dem Markt von Étretat mit regionalem Käse und ein paar frischen Tomaten. Dazu gibt’s schmackhaften gekochten Schinken aus dem Département Manche im Norden der Normandie. An die lokale Spezialität, die Innereien-Wurst Andouille, trauen wir uns ob des Inhalts nicht so recht heran. Dafür finden wir südlich von Étretat ein fantastisches Plätzchen für unsere Mittagspause. Gleich unterhalb des Mémorial de Bruneval, einer großen Denkmal-Anlage am Rand des gleichnamigen Dorfes, befindet sich direkt am Strand eine einladende Aussichtsplattform mit Tischen und Bänken. Außer uns ist den ganzen Mittag über hier niemand – die pure Idylle.

Nur wenige Fahrminuten weiter südlich passieren wir die Hinweisschilder zum Ölhafen Antifer. Das klingt erst einmal nur mäßig anziehend. Ein Ölhafen ist ja nicht unbedingt ein beliebtes Ausflugsziel. Aber die Neugierde überwiegt. Und das ist auch gut so. Mit griffigem Asphalt und weiten Kehren führt die Zufahrt von den Klippen hinunter an die Küste. Unten angekommen lockt das hervorragende Strandrestaurant »La Frite d’Or« Kiki und mich gleich mit einem leckeren Kaffee in bequeme Liegestühle. Das Panorama gen Süden entlang der Steilküste ist einfach grandios und der riesige, weite und weiße Strand lädt zum Entspannen und Baden ein. Man darf sich eben nur nicht herumdrehen. Denn dann fällt der Blick auf Frankreichs zweitgrößten Ölhafen und gewaltige Supertanker. Unser Tipp: den Hafen ignorieren, nur nach Süden schauen und im Strandcafé die exzellenten Muscheln genießen.


Stundenlang könnten wir hier am Hafen in der Sonne sitzen und die salzige Brise einatmen


Lust auf ein bisschen Sightseeing? Dann auf nach Le Havre! Zwar haben nur zwei Gebäude im Zentrum den Zweiten Weltkrieg überstanden – die Kathedrale Notre-Dame aus dem 16. Jahrhundert und der Justizpalast –, dennoch ist der Stadtkern sehenswert. Innerhalb von nur zehn Jahren wurde er vom Architekten Auguste Perret in herausragender Stadtarchitektur wieder aufgebaut. Und das immerhin so beeindruckend, dass das komplette Zentrum als bislang einziges im 20. Jahrhundert errichtetes Stadtensemble in Europa als UNESCO-Welterbe unter besonderen Schutz gestellt wurde.

Beeindruckt rollen wir durch das klar strukturierte Centre-Ville und vorbei an den langen Kais und Hafenbecken. Unser Ziel ist der etwas östlich liegende Pont de Normandie. Die größte Schrägseilbrücke Europas führt mit einer Gesamtlänge von nicht weniger als 2141 Metern in 52 Metern Fahrbahnhöhe über die Seine-Mündung und hinüber nach Honfleur. Mit der gewaltigen Gesamthöhe von 203 Metern ist das beeindruckende Bauwerk schon von Weitem zu sehen. Und auch hier gibt es eine gute Nachricht für motorisierte Zweiradfahrer. Während die Maut für Autos bis zu 13,50 Euro pro Überquerung kostet, dürfen Motorradfahrer das technische Wunderwerk ganz umsonst überqueren.

Bunter Geburtstag: Der Künstler Vincent Ganivet schuf zum 500-jährigen Jubiläum von Le Havre im Jahr 2017 das symbolische Stadttor »Catène de Containers«.


Das idyllische Hafenstädtchen Honfleur am Ufer der Seine ist der südlichste Punkt unserer heutigen Tagesetappe. Im Schatten der unzähligen Fischkisten und Reusen am alten Fischereihafen stelle ich die Honda ab und zu Fuß schlendern wir entlang der bildschönen historischen Fassaden eine Runde um das Hafenbecken, erkunden die schmalen Nebengassen mit ihren netten Läden und gönnen uns ein paar köstliche Crêpes mit süßer Konfitüre. Stundenlang könnten Kiki und ich am Hafenbecken von Honfleur in der Sonne sitzen, die salzige Brise einatmen und das bunte Treiben beobachten. Irgendwann müssen wir dann aber doch aufbrechen und uns über die Pont de Normandie auf den Weg zurück nach Fécamp machen. Für morgen steht die abwechslungsreiche Tour entlang all der vielen Seine-Schleifen an. Von der Alabasterküste geht es nach Paris, aber das ist dann eine andere Geschichte.

Allgemeines

Mit Alabasterküste (auf Französisch: La Côte d’Albâtre) wird in etwa der nordfranzösische Küstenabschnitt entlang des Ärmelkanals zwischen Le Tréport im Norden und Le Havre an der Seine-Mündung im Süden bezeichnet. Er liegt zum weitaus größten Teil in der Normandie, ist etwa 130 Kilometer lang – und damit die längste Felsenküste Frankreichs – und besticht vor allem durch die über 100 Meter hohen Kreidefelsen in seinem Verlauf. Die alabasterfarbenen Steilklippen, die der Region ihren Namen gaben, sind insbesondere an den Ortschaften von sogenannten »Valleuses« unterbrochen, diese talähnlichen Einschnitte reichen dann bis hinunter ans Meer.

Im Hinterland, dem Pays de Caux, dominiert die Landwirtschaft. Rinder grasen auf dunkelgrünen Wiesen, Tausende Apfelbäume liefern den Rohstoff für den Apfelwein Cidre und den hochprozentigen Apfelbranntwein Calvados.

Reisezeit

Eigentlich hat jede Reisezeit an der Alabasterküste ihren Reiz. Im Frühjahr blühen riesige Rapsfelder oberhalb der Kreidefelsen und in den Orten wird nicht mit Blumenschmuck gegeizt. Der Sommer ist nicht zu heiß, lässt sich dank Meeresbrise in vollen Zügen genießen und im Herbst erholen sich Land und Leute vom Sommertrubel und es geht besonders entspannt zu. Wir waren sogar schon einmal im November eine Woche an der Alabasterküste und hatten außer Nebel am Vormittag fantastische Tage zum Motorradfahren und Wandern. Einzig den Monat August können wir nicht empfehlen. Dann ist fast ganz Frankreich kollektiv im Urlaub und Étretat und einige weitere Küstenstädtchen platzen völlig aus den Nähten.

Highlights

Eigentlich ist die ganze Côte d’Albâtre ein einziges Highlight, aber natürlich stechen einige Orte und Sehenswürdigkeiten besonders hervor: Das quirligeDieppe mit seinem jährlichen Heringsund Jakobsmuschelfest im November, das netteSaint-Valery-en-Caux mit seinen Hafenanlagen,Fécamp mit drei Häfen und Strandpromenade und natürlichÉtretat mit den mächtigen Felsbögen an der Steilklippe. Das hoheKap d’Antifer ist ebenso einen Besuch wert wie diePlage de Sainte-Marguerite , an dem die Küstenstraße direkt am Wasser entlang verläuft. Ganz im Süden der Alabasterküste sollte man unbedingt eine Überquerung des riesigenPont de Normandie einplanen und anschließend am historischen Hafenbecken vonHonfleur ein paar Crêpes genießen.

Unterkünfte

Außerhalb des Ferienmonats August lassen sich unterwegs recht einfach Übernachtungsmöglichkeiten finden oder online über die entsprechenden Portale buchen. Kiki und ich sind in Frankreich auch sehr gerne mit dem Zelt unterwegs. Sehr verbreitet sind die von den Gemeinden betriebenen »Camping Municipal«, preiswerte, aber meist schön gelegene Campingplätze. Gerade an der Alabasterküste gibt es viele ansprechende Plätze, uns hat der terrassenförmige »Camping de Renéville« in Fécamp besonders gut gefallen.

Literatur / Karten

Ralf Nestmeyer: Normandie (Reiseführer), Michael Müller Verlag, 4. Auflage (2019), ISBN: 978-3-95654-604-4, 21,90 Euro.
Klaus Simon: Normandie (DuMont Reise-Taschen buch), DuMont Reiseverlag, 1. Auflage (2019), ISBN: 978-3-616-02072-3, 18,90 Euro.

Michelin Regionalkarte 513: Normandie (Straßen- und Tourismuskarte), M.: 1:200.000, 13. Auflage (2016), ISBN: 978-2-06-720964-0, 8,99 Euro.

Michelin Straßen- und Reiseatlas Frankreich, Karten im M.: 1:200.000 sowie 62 Stadtpläne, Auflage 2017, ISBN: 978-2-06-719302-4, 19,99 Euro (einzelne Seiten lassen sich dank Spiralbindung heraustrennen, ins Kartenfach legen und später wieder einsortieren).

Technikinteressierte Möwe? Das Fachsimpeln scheiterte leider an den jeweils fehlenden Sprachkenntnissen.