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EIN IDENTITÄTSSTIFTENDES LEBENSMITTEL?


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 23.07.2021

Durch Ausgrabungen in Toro in der Präfektur Shizuoka kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Yayoi-Zeit auf anschauliche Weise wieder zum Leben erweckt (Abb. 1. 2). Bis zur Niederlage von 1945 war die autorisierte Version der frühen Geschichte Japans in den beiden frühesten japanischen Historiografien enthalten, dem Kojiki (712 n. Chr.) und dem Nihon Shoki (720 n. Chr.), die den Aufstieg und die Herrschaft der kaiserlichen Yamato-Dynastie darstellten und sich hauptsächlich mit den Herrschern, ihren göttlichen Vorfahren und den ihnen angeschlossenen Eliten befassten. Die Ausgrabung des Bauerndorfes Toro durch die neu gegründete Archäologische Gesellschaft Japans revolutionierte das Verständnis für diese Phase der japanischen Geschichte. Dort fand man Überreste von Reisfeldern, Wohnhäusern und Lagerhäusern mit erhöhtem Boden sowie große Mengen gut erhaltener Stein-und Holzartefakte, ...

Artikelbild für den Artikel "EIN IDENTITÄTSSTIFTENDES LEBENSMITTEL?" aus der Ausgabe 4/2021 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 4/2021

Abb. 1 KartederwichtigstenFundstättenausderYayoi-Zeit.
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... insbesondere halbmondförmige steinerne Reissicheln, hölzerne Stampfer, Hacken und Pflüge, wie sie bei der Produktion und Verarbeitung von Reis zum Einsatz kamen (Abb. 3). Neuere Untersuchungen in Toro haben die Existenz von mehr als fünfzig Reisfeldern auf 7 ha (70 000 m 2 ) bestätigt; das größte maß etwa 2000 m .

Neue Siedlungsformen entstehen

Im Zuge der Einführung des Reisanbaus entstanden Siedlungen, die von Gräben umgeben waren. Eine solche Siedlung war Itazuke, eine andere Etsuji. Auch wenn die Gebäude und Gräben neue Methoden der Raumgestaltung suggerieren, die denen auf der koreanischen Halbinsel ähnelten, lässt sich im Stil der Keramik eine deutliche Kontinuität beobachten, was darauf hinweist, dass in der Jōmon-Zeit zwischen den Migranten und der einheimischen Bevölkerung von einem frühen Stadium an ein hohes Maß an Integration herrschte (Abb. 4). Die frühen Ackerbauern bestatteten ihre Toten auch abseits der Siedlungsareale – ein offensichtlicher Bruch mit der Tradition der Jōmon- Zeit, wo die Gräber tendenziell innerhalb der Wohngebiete lagen.

Ab etwa 500 v. Chr. entwickelten sich in verschiedenen Teilen Japans landwirtschaftlich geprägte Landschaften, wobei die Zahl der neuen Siedlungen schnell zunahm und dem Bevölkerungswachstum Rechnung trug. Die andauernden engen Beziehungen zu den einheimischen Völkern während der Jōmon-Zeit belegen Stätten wie Hyakkengawa-Sawada in der Präfektur Okayama an der Seto-Inlandsee, wo die Jōmon-zeitliche Tradition, die Toten innerhalb der Wohngebiete zu bestatten, fortgesetzt wurde, und Daikai, weiter östlich in der Präfektur Hyogo, wo innerhalb einer von Gräben umgebenen Agrarsiedlung polierte Steinbarren im Jōmon-Stil gefunden wurden. Wie man an Ama und Uryudo in der Osaka-Ebene sehen kann, waren viele der neuen Siedlungen, die sich in oder in der Nähe von tiefliegenden Feuchtgebieten befanden, hochwassergefährdet.

Etablierung von regionalen Zentren

Ein ausgedehntes Gebiet früher Reisfelder hat man erst kürzlich in der südlichen Präfektur Nara ausgegraben, als dort eine Autobahn gebaut werden sollte. Es liegt im Nakanishi-Akitsu- Komplex, wo die teilweise wassergesättigten Bedingungen es ermöglichten, den Prozess zu rekonstruieren, durch den die Landschaft in großem Stil vom Wald in kultivierte Felder umgewandelt wurde (Abb. 5). Auch der Trockenfeldbau hatte eine große Bedeutung. Neben Reis wurden verschiedene Arten von Hirse, Gerste, Erbsen, Azuki- und Sojabohnen angebaut. Eine Vielzahl von Früchten wurden zu dieser Zeit vom Kontinent eingeführt, u. a. Birnen, Pflaumen, Pfirsiche, Melonen und Aprikosen. Man jagte aber auch weiterhin wilde Tiere und sammelte Nüsse – ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Traditionen, die ihren Ursprung in der Jōmon-Zeit hatten, später fortsetzten.

Während dieser Zeit entstanden eine Reihe von Dörfern, die zu wichtigen regionalen Zentren werden sollten. Das Buch Wei (Wei Zhi), eine chinesische Chronik aus dem 3. Jh. n. Chr., beinhaltet den ersten schriftlichen Bericht über das Leben im alten Japan. Es erwähnt hundert separate kuni (= Länder), von denen eines, angeführt von der allerersten namentlich genannten Herrscherin Japans, einer Königin namens Himiko aus Yamataikoku, Gesandte an den chinesischen Hof schickte und als Diplomatenpräsent zur Besiegelung dieser neuen internationalen Allianz (die die Chinesen als Tributverhältnis ansahen) mehrere bronzene Spiegel geschenkt bekam. Die Chronik beschreibt große, mit Mauern und Wachtürmen verteidigte Siedlungen, die über Märkte, Lagerhäuser und Elitequartiere verfügten und in denen die bedeutendsten Bewohner in riesigen Hügeln begraben wurden. Die Stätte Yoshinogari in der Präfektur Saga weist viele dieser Merkmale auf, ist aber um zwei Jahrhunderte älter als der chinesische Bericht (Abb. 6). Ein wahrscheinlicherer Kandidat für Himikos Yamataikoku befindet sich in der Präfektur Nara, wo sich in der Yayoi-Zeit an Orten wie Karako-Kagi und Makimuku große Zentren entwickelten. Hier fand man umfangreiche Hinweise auf spezialisierte Handwerksbetriebe, auch wenn sich das Ausmaß der Ausgrabungen im Vergleich zu den massiven Untersuchungen auf offenem Gelände und den anschließenden Rekonstruktionen in Yoshinogari eher bescheiden ausnimmt.

In Sugu (Präfektur Fukuoka), dem ersten Gebiet, wo der Reisanbau eingeführt wurde, lebten in einer Ansammlung von bis zu 50 kleinen Weilern, die sich über 200 ha erstreckten, bis zu 1500 Menschen. In Ikegami- Sone (Präfektur Osaka), wo sich heute Japans bestes Museum für die Yayoi- Zeit befindet, entstand eine große Grabensiedlung, die während der gesamten Yayoi-Zeit existierte. Hier befand sich ein 17 m langes Gebäude, von dem man annimmt, dass es die Entwicklung der späteren japanischen Schreinarchitektur vorwegnahm.

Vor 2000 Jahren war der Reisanbau im östlichen Honshu bereits gut etabliert, wovon Reisfelder mit dazugehörigen Siedlungen in Hidaka (Präfektur Gunma) und in Yashiro (Präfektur Nagano) zeugen. In der Region Kanto wurden mehrere große, mit einem Graben umgebene Siedlungen angelegt, zu denen separate Gräberfelder gehörten, z. B. in Otsuka und Saikachido (Präfektur Kanagawa). Die frühen Experimente mit dem Reisanbau im nördlichen Honshu waren nur von kurzer Dauer. Reissorten, die in den kühleren Regionen im Norden effektiv kultiviert werden konnten, wurden erst viel später entwickelt. Die nördlichste von Gräben umgebene Yayoi-zeitliche Siedlung befindet sich in Yamamoto in der Präfektur Niigata. Sie überblickt die große Niigata-Ebene, wo der Reisanbau heute eine Multi-Milliarden- Euro-Industrie darstellt.

Adresse des Autors

Prof. Dr. Simon Kaner Executive Director and Head of Centre for Archaeology and Heritage Sainsbury Institute Centre of Japanese Studies 64 The Close Gb-Norwich NR1 4DH

Übersetzung

Dr. Cornelius Hartz, Hamburg

Bildnachweis

Abb. 1: Peter Palm, berlin; 2: tackune; 3: malcolm Fairman / Alamy Stock Photo; 4: Osaka Prefectural museum of Yayoi Culture; 5: Nara-ken Kyôiku Iinkai; 6: beibaoke / Alamy Stock Photo.

Literatur

M. HUIDSN, Ruins of identity: ethnogenesis in the Japanese archipelago (1998).

S. KANER / K. YANO, ‹The origins of agriculture in the Japanese archipelago›. (with K. Yano), in: G.W.W. barker (Hrsg.), The World with Agriculture. Cambridge History of the World (2015) 353−386.

S. KANER, Jomon and Yayoi: premodern to hypermodern, in: K. Friday (Hrsg.), Routledge handbook of Premodern Japan (2017) 55−77.