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Ein Jahrgang zum Verlieben


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Ratgeber Frau und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 30.09.2022

DER RATGEBER-KURZROMAN

Der Winzerhof lag an diesem frühen Herbstmorgen im dichten Nebel. Auf einem Anhänger standen mehrere leere Bottiche, daneben waren Eimer aufgestapelt. Aus dem Bauernhaus trat eine grauhaarige Frau mit Kopftuch und Kittelschürze. Sie warf einen fragenden Blick auf Lisa und kam dann auf sie zu. „Guten Morgen! Ich komme vom Kreisblatt und habe einen Interviewtermin mit Lucas Falk“, stellte Lisa sich freundlich vor. Die Frau wirkte wenig erfreut. „Mein Sohn und ich haben heute keine Zeit für eine Journalistin“, stellte sie klar. Doch so schnell ließ Lisa sich nicht abwimmeln. „Ich fasse mich kurz“, versprach sie und setzte, als das Gesicht der Frau immer noch abweisend blieb, nach: „Der Artikel ist auch als Werbung für Ihr geplantes Hoffest gedacht. Er ist also durchaus in Ihrem Sinne.“ Rechts von Lisa öffnete sich eine Türe. Ein schwacher Schwefelgeruch stieg ihr in die Nase, ...

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Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie, Ausgabe 10/2022

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... als ein schlaksiger Mann in Jeans und Pullover heraustrat und verwundert fragte: „Was ist hier denn los?“ Erneut stellte sich Lisa vor. Der Winzer fuhr sich durch die schwarzen Locken. „Ach herrjeh! Das Interview habe ich in der Hektik ganz vergessen! Wir müssen es wohl auf übermorgen, also auf Montag, verschieben.“ Unter anderen Umständen hätte Lisa nachgegeben, doch am nächsten Tag ging ihr Flieger nach Lanzarote und Kurt, der Chefredakteur, hatte extra eine Doppelseite reserviert. Das Gespräch musste also heute stattfinden. Doch der Winzer erwiderte bestimmt: „Zwei unserer Helfer sind ausgefallen. Deshalb sind wir nur vier Leute und müssen bis zum Abend fünf Bottiche füllen. Und das auf einem Rebstück, das aufgrund der Hanglage von Hand gelesen werden muss. Es tut mir leid.“ Er wollte sich abwenden, doch seine Mutter hielt ihn zurück. „Die Journalistin hat recht, wir brauchen den Artikel als Werbung“, sagte sie eindringlich, hielt kurz nachdenklich inne und fuhr dann fort: „Vielleicht hat die Dame ja Lust das Herbsten hautnah zu erleben? Während der Arbeit kann sie dich interviewen.“ Bevor Lisa sich von ihrer Verblüffung erholt hatte, schüttelte der Winzer schon den Kopf und meinte schmunzelnd: „Die junge Dame ist hinter dem Schreibtisch sicher besser aufgehoben als im Rebberg.“ War es die abwertende Bemerkung? Oder sein Schmunzeln bei der Vorstellung, dass sie sich die Hände schmutzig machen könnte? Warum auch immer, Lisa hörte sich zu ihrer eigenen Verwunderung sagen: „Ich habe kein Problem damit, Ihnen heute bei der

der Rebstöcke waren genauso feucht vom Morgentau wie die sattblauen Trauben, die in Massen an den Weinstöcken hingen. Froh um die Gummistiefel, die ihr die Dame ausgeliehen hatte, stapfte Lisa durch das feuchte Gras zur Rebzeile. Ihr gegenüber, auf der anderen Seite der Rebzeile, begann Lucas Falk mit dem Traubenschneiden. Durch das Blättergewirr konnte Lisa schemenhaft sein konzentriertes Gesicht sehen. Während sie Trauben schnitt, ging Lisa in Gedanken die Interviewfragen durch und überlegte, wie und wann sie das Gespräch am besten eröffnen sollte. Sie hatte gerade den zweiten Eimer gefüllt, als Lucas Falks Stimme zu ihr drang. „Beim Herbsten ist es wichtig, dass wir alle im selben Tempo arbeiten“, sagte er einige Meter vor ihr, aus der Rebzeile gegenüber. Für einen Moment freute sich Lisa darüber, dass Lucas Falk von sich aus das Gespräch aufnahm, dann jedoch wurde ihr bewusst, dass dies eine Zurechtweisung war, denn sie war nicht nur hinter ihm, sondern hinter allen anderen zurückgefallen. Hastig erhöhte sie ihr Schnitttempo und schloss zu ihm auf, um gleich darauf erschrocken zurückzuweichen, als ihre Schere zwischen dem Blättergrün mit der von Lucas klirrend kollidierte. „Auch wenn Sie zügig arbeiten, müssen Sie trotzdem darauf achten, mit Ihrer Schere weder meinem Arbeitsgerät noch meiner Hand zu nah zu kommen“, stellte Lucas Falk klar. Wahrscheinlich war es besser, sich erst einmal auf die ungewohnte Arbeit zu konzentrieren und danach das Interview anzugehen. Als sie die erste Rebzeile abgeerntet hatten, brachen Sonnenstrahlen durch den Nebel und brachten die taunassen Blätter zum Glitzern. Um Lisa herum war Reden und Lachen zu hören. Die anderen Erntehelfer, Freunde der Familie Falk, waren erfahrene Herbster und verbanden das Nützliche mit dem Angenehmen – den neuesten Tratsch auszutauschen. Nach und nach ging auch Lisa das Herbsten besser von der Hand. Ihr Eimer füllte sich fast genauso schnell wie der von Lucas Falk. Sie wollte ihrem Gegenüber gerade die erste Interviewfrage stellen, da rief die Winzerin zum Mittagessen. Unbemerkt von Lisa hatten Lucas Falks Nichte und sein Neffe Klappbänke und einen Tisch vom Hänger geladen und am Rande des Rebstücks aufgebaut. Darauf stand ein großer Vesperkorb. Ein Krug mit Wein fehlte genauso wenig wie ein selbst gebackener Kuchen zum Nachtisch. Lisa saß dem Winzer gegenüber. Dieser tauschte mit den Helfern Neuigkeiten aus und plante die weiteren Herbsttermine. Seine braunen Augen leuchteten und die bislang hart wirkenden Gesichtszüge hatten sich merklich entspannt. „Was mustern Sie mich so genau?“, fragte Lucas Falk plötzlich und sah Lisa direkt an. Die Helfermannschaft um sie herum brach in Lachen aus. „Ich wundere mich nur, wie gesprächig Sie plötzlich sind“, gab Lisa ehrlich zurück. „Bislang haben Sie mit mir ja kaum ein Wort gewechselt!“ „Hört, hört“, rief ein älterer Mann. Alle lachten und in Lucasʹ Augen blitzte für einen Moment etwas auf, was Lisa nicht deuten konnte, ihr aber den Atem nahm. „So, wir müssen weitermachen!“, rief Lucasʹ Mutter da. Der Winzer wandte den Blick von Lisa.

Durch das Blättergewirr konnte Lisa sein Gesicht sehen

Schweigend folgte sie ihm zur Rebzeile und ergriff dort erneut ihren Eimer. „Ich habe Sie heute Morgen nicht ernst genommen“, ertönte seine Stimme hinter ihr. Lisa wandte sich überrascht um. Der Winzer zuckte mit den Schultern und fuhr fort: „Ich dachte, Sie wären nur an Ihrer Schreiberei interessiert, stattdessen schneiden Sie Trauben, als hätten Sie nie etwas anderes gemacht. Das versprochene Interview werde ich Ihnen nach der Lese in aller Ruhe geben.“ Er nickte ihr kurz zu und war in der gegenüberliegenden Rebzeile verschwunden, bevor sie etwas erwidern konnte.

Braun gebrannt schloss Lisa nach ihrem Urlaub die Wohnungstür auf und drückte auf die Abspieltaste des Anrufbeantworters. Während sie mit einem Ohr den Nachrichten lauschte, sah sie ihre Post durch, bis eine wütende Stimme auf dem Band des Anrufbeantworters sie innehalten ließ. „… Da Ihr Vorgesetzter es nicht für nötig hält, möchte ich Ihnen doch sagen, was Ihr Artikel angerichtet hat. Kaum jemand ist zum Hoffest erschienen. Meine Mutter hat Bleche mit Zwiebelkuchen umsonst gebacken, ich habe für nichts und wieder nichts den neuen Wein in Krüge abgefüllt. Es hätte ein so schönes Fest werden sollen und hat im Desaster geendet.“ Erschrocken stoppte Lisa das Band und wählte sofort Kurts Nummer. „Hast du mir etwas zu sagen?“, eröffnete sie das Gespräch mit ihrem Chefredakteur. Kurt seufzte und gestand: „Uns ist nach dem Überarbeiten eine kleine Panne passiert. Wir haben statt dem 10.10. den 10.11. als Termin gedruckt. Deshalb kam wohl kaum jemand zum Fest. Du kannst nichts dafür, und es lässt sich leider nicht mehr ändern, also nimm es dir nicht zu Herzen.“

Eine Armada nasser Bottiche begrüßte Lisa, als sie am nächsten Abend aus ihrem Auto stieg. Den Wasserschlauch in der Hand, trat Lucas Falk hinter einem der großen Behälter hervor. Als er sie erblickte, erschien eine tiefe Falte auf seiner Stirn, und für einen Augenblick befürchtete sie, er würde sie mit einem Wasserstrahl davonjagen. Doch er stellte das Wasser ab und trat auf sie zu. „Ich möchte mich persönlich für den Fehler entschuldigen“, sagte Lisa. In seinem Gesicht regte sich keine Emotion. „Wenn ich irgendetwas tun kann, so lassen Sie mich dies bitte wissen“, setzte Lisa nach. Lucas Falk lachte bitter. „Sie haben genug getan! Die einzige Bitte, die ich an Sie habe, ist eine Klarstellung, dass im November definitiv kein Hoffest stattfinden wird. Ich habe hierzu nämlich schon einige verwunderte E-Mails erhalten.“ Er wollte sich abwenden, doch Lisa griff spontan nach seinem linken Arm und hakte nach: „Interessierte haben sich nach dem Fest im November erkundigt?“ Lucas schüttelte ihre Hand brüsk ab, wandte sich jedoch wieder zu ihr um und stellte klar: „Niemand braucht ein Herbstfest Mitte November“. „Niemand hat es bislang gebraucht“, entgegnete Lisa und fuhr fort: „Sie haben Nachfragen erhalten, das heißt, es besteht Interesse.“ „Die Leute haben sich über mich lustig gemacht“, hielt Lucas Falk dagegen. „Das reden Sie sich nur ein“, gab Lisa zurück und hielt dem feindseligen Blick seiner braunen Augen stand, bis er mit den Schultern zuckte. „Okay, nur mal angenommen, ich würde im November ein Weinfest veranstalten. Was würde ich den Leuten anbieten? Ich kann im kahlen Weinberg keine Rebführungen veranstalten. Der neue Süße hat sich zu Standardwein weiterentwickelt und die Zeit des Zwiebelkuchens ist auch vorbei.“ „Sie denken zu kurz“, rief Lisa. Lucas hob die Augenbrauen und sie winkte entschuldigend ab. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, sondern nur klarstellen, dass für Sie als Winzer ein Weinfest nur im Oktober denkbar ist. Für mich als Weinliebhaberin wäre eine Kellerführung im November genauso interessant wie eine Wanderung durch den Rebberg Anfang Oktober. Statt neuen Süßem würde ich gerne die Standardweine probieren, und Zwiebelkuchen kann zumindest ich auch im November essen.“ „Oder wir ersetzen den Zwiebelkuchen durch Winzerbrötchen“, ertönte die Stimme von Lucasʹ Mutter. Sie waren beide so ins Gespräch vertieft gewesen, dass sie ihr Nähertreten nicht bemerkt hatten. „Winzerbrötchen sind Brötchenhälften, die mit Schmand bestrichen, mit Speck oder Gemüse belegt und dann im Ofen mit Käse überbacken werden“, erklärte die Winzerin Lisa. Lucas stemmte die Hände in die Hüften. „Ich werde mich nicht zum Affen machen, indem ich wegen eines Druckfehlers ein Weinfest im November veranstalte, zu dem niemand erscheint.“ „Du und dein Stolz!“ Die Frau griff nach dem Arm ihres Sohnes. „Biowein hat seinen Preis, Lucas. Wir müssen den Menschen klarmachen, warum er jeden Cent wert ist, sonst war der Aufwand für die Umstellung auf Bioanbau umsonst, weil der Hof sich nicht tragen wird.“ Ihre Stimme wurde leiser bei den letzten Worten und Lisa sog erschrocken Luft ein. Dass so viel von dem Hoffest abhing, war ihr bislang nicht klar gewesen. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn und sagte entschlossen: „Ich werde dafür sorgen, dass ein gratis Werbeartikel für das Hoffest in der nächsten Ausgabe erscheint. Und wenn Sie sonst noch Hilfe benötigen, greife ich Ihnen gerne unter die Arme.“ Die Wangen der Winzerin hoben sich. „Wäre es Ihnen vielleicht auch möglich, uns beim Internetauftritt zu helfen? Wir haben dafür nicht genug Zeit und viel zu wenig Erfahrung.“ „Also Mutter, das geht jetzt wirklich alles zu weit!“ Lucas Falk schoss die Röte ins Gesicht, doch die Winzerin ließ sich vom Ärger ihres Sohnes nicht beeindrucken. „Wir brauchen das Hoffest, Lucas“, entschied sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und deshalb werden wir es im November veranstalten.“

Am Tag, nachdem der Werbeartikel erschienen war, klingelte bei Lisa abends das Telefon. Lucas Falk war am anderen Ende der Leitung. „Meine Mutter bedankt sich für den Artikel und meint … also sie möchte … nun ja, sie würde es gerne sehen, wenn Sie uns dabei helfen würden, unseren Internetauftritt zu verbessern.“ Lisa verkniff sich ein Schmunzeln. Sollte sie es ihm schwer machen? Oder leicht? „Hat sie zugestimmt?“, hörte sie eine Stimme im Hintergrund besorgt fragen. Bevor Lucas seiner Mutter antworten konnte, rief Lisa in den Hörer: „Selbstverständlich werde ich Sie unterstützen. Ich komme morgen Abend vorbei.“

„Die Hofbeschreibung ist nicht schnulzig, sondern spricht Emotionen an“, verteidigte Lisa am Abend darauf ihren Entwurf. „Ich weiß nicht recht.“ Lucas stützte den Kopf auf die Hände und starrte auf den Bildschirm, als könne dieser ihm die Entscheidung abnehmen. Hinter ihnen knarrte der Holzboden und gleich darauf schaute ihnen die Winzerin über die Schultern. „Da bekommt man ja fast Mitleid mit uns“, schmunzelte die Frau. „Na siehst du!“ Lucas sah Lisa herausfordernd an. Diese wandte sich zu seiner Mutter um und fragte: „Du meinst, wir sollten den Hof so nicht beschreiben?“ Das vertrauliche Du hatte Lucas und seine Mutter ihr zur Begrüßung angeboten. Nun schob die Frau ihre Brille höher auf die Nase und sagte entschieden: „Doch, ich finde, genau so sollte der Hof beschrieben werden. Lisa schildert unsere harte Arbeit und das finanzielle Risiko der Umstellung auf Bioweinerzeugung genau richtig.“ „Ja, aber …“, begann Lucas, doch seine Mutter fiel ihm ins Wort: „Uns steht das Wasser bis zum Hals. Wir müssen die Menschen von dem Produkt überzeugen. Und das geht nur, wenn sie auf den Hof kommen. Deshalb werden wir den Internetauftritt genau so, wie Lisa ihn geschrieben hat, aktualisieren.“

Lucas und seiner Mutter steht das Wasser bis zum Hals

Am Tag des Weinfestes erstrahlte der Winzerhof in spätherbstlichem Glanz. Chrysanthemen, Alpenveilchen und Hornveilchen schmückten Tische und Bänke, die im Innenhof um Heizstrahler gruppiert waren. Auf einem Tresen wurden Weinflaschen zusammen mit Fotos der Weinlese präsentiert. Daneben lag eine Informationsmappe über biologischen Weinbau. Vor dem Weinkeller wies ein Aufsteller das Programm aus. Lucas bot Führungen durch den Weinkeller und Weinproben an. Sein Nachbar hatte sich angeboten, Traktorfahrten mit den Kindern zu unternehmen. Lucasʹ Mutter bereitete in der Küche die Winzerbrötchen zu. Lisa trug Geschirr über den noch menschenleeren Hof. Als sie in die Küche zurückgehen wollte, stellte sie fest, dass die spätherbstliche Sonne direkt auf die Weinflaschen schien. Gab es auf dem Hof einen Sonnenschirm? Sie lief in den Vorraum des Weinkellers, wurde dort jedoch nicht fündig. Aus dem Keller selbst ertönten Schritte. Lisa streckte den Kopf durch die Türe. Ein Putztuch in der Hand, schritt Lucas mit einem Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß, im Raum nervös auf und ab. Im Gegensatz zu seiner Mutter, die fröhlich vor sich hin summend in der Küche werkelte, schien er alles andere als freudig. Lisa klopfte kurz an die offen stehende Holztür, um auf sich aufmerksam zu machen, und fragte dann: „Gibt es einen Sonnenschirm?“ Lucas sah auf. „Brauchst du auch noch eine Liege und etwas Sonnenmilch?“ Lisa musste lachen. „Nein, aber dein Wein wird in der warmen Novembersonne gerade unfreiwillig zu Glühwein, das will ich verhindern.“ Lucas schüttelte den Kopf. „Ich wusste, dass das hier nicht funktionieren wird.“ Er wirkte so ehrlich verzweifelt, dass Lisa Mitleid bekam. Sie stieg die Steinstufen hinab zu ihm in den kühlen, dunklen Naturkeller und trat auf ihn zu.

Sein Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes verheißen

„Lucas, ihr habt zahlreiche Anfragen bekommen. Schon in einer Stunde wird sich der Hof mit Interessierten füllen. Deine Mutter summt deshalb in der Küche fröhlich vor sich hin. Nur du siehst überhaupt nicht zufrieden aus. Was ist dein Problem?“ „Die Vorstellung, vor Fremden eine Show abziehen zu müssen, ist grauenhaft“, stieß er hervor. „Wer sagt denn, dass du eine Show abziehen musst?“ Verblüfft ließ Lisa sich auf eine Weinkiste sinken. Lucas sah zu ihr herunter und erwiderte mit mühsamer Beherrschung:

„Du erwartest das und alle, die herkommen.“ „Was redest du dir denn da ein?“ Lisa sprang auf. „Die Besucher wollen dich und deine Produkte kennenlernen. Sei einfach du selbst.“ „Meinst du, das genügt?“, fragte Lucas zögernd. Lisa schüttelte fassungslos über so wenig Selbstvertrauen den Kopf. „Du hast nach dem Tod deines Vaters nicht nur deine sichere Arbeit aufgegeben, um den Hof weiterzuführen. Du hast auch auf Bioweinanbau umgestellt. Das war alles verdammt mutig. Du schmeißt den Laden zusammen mit deiner Mutter. Das ist eine grandiose Leistung von euch beiden. Du solltest wirklich mal an deinem Selbstvertrauen arbeiten, weißt du.“ Lucas blickte auf ihre rechte Hand, und sie stellte fest, dass sie während ihrer leidenschaftlichen Rede nach seiner Hand gegriffen hatte und diese immer noch umfasst hielt. Sie sollte ihn loslassen und einen Schritt zurücktreten, schoss ihr durch den Kopf. Stattdessen umfasste sie seine Rechte fester. Lucas warf ihr einen Blick zu, der ihren Herzschlag beschleunigte und fragte: „Was hast du vor?“ „Ich hole dich aus dem Keller, damit du die Gäste begrüßen kannst, die in Kürze eintreffen werden“, antwortete Lisa. Lucas drückte ihre Hand und fragte leise: „Und später? Fährst du dann auf Nimmerwiedersehen davon?“ „Vielleicht fällt dir ja bis zum Abend etwas ein, das mich davon abhält, den Hof zu verlassen“, gab Lisa zurück. „Das könnte durchaus passieren“, nickte Lucas lächelnd. „Aber jetzt lass uns hochgehen und gemeinsam das Fest zu einem Erfolg machen.“ •