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Ein Kind von einem anderen


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 14.12.2022
Artikelbild für den Artikel "Ein Kind von einem anderen" aus der Ausgabe 1/2023 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Auf die vielen Fragen sind sie nicht vorbereitet. Dass das Elternwerden länger dauern würde als ein Kinofilm, wussten sie. Aber jetzt sitzen beide vor Papieren, setzen Kreuze und notieren, wie sie heißen, welche Augenfarbe sie haben, wie ihre Haare beschaffen sind, wie viel sie wiegen. Sie schreiben auf, für welches Studium sie sich einmal entschieden haben und wofür sie sich in ihrer Freizeit interessieren. Sind sie musikalisch? Sportlich? Welche besonderen Fähigkeiten haben sie? Sie antworten gewissenhaft und reichen Fotos von sich ein. Als gelte es, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Dabei suchen sie nicht die große Liebe, die hatten sie ja schon gefunden. Sondern einen biologischen Vater für ihr gemeinsames Kind. Einen, der Marc ähnelt. Der so tickt wie er und wie Anna, der vielleicht eine Schwäche für Hockey hat.

In der Frauenmannschaft in Frankfurt spielt sie, er trainiert die ...

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... Herrenmannschaft, als sie sich 2010 kennenlernen. Marc kommt aus den USA. Dass er am Ende in Deutschland bleibt, hat auch mit Anna zu tun, in die er sich verliebt. Hartnäckig sucht er ihre Nähe, und dass er nicht ablässt, imponiert ihr. Sie gehen aus, und bei einem der ersten Treffen, so erinnert sich Marc, erzählt er Anna, dass er mit 26 Jahren Hodenkrebs hatte und keine Kinder zeugen kann. „Dann wird es eben etwas umständlicher, sollten wir mal eine Familie gründen wollen“, antwortet Anna und denkt an die Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Sie ist 25, sie will arbeiten. Sie liebt ihren Job als Moderedakteurin. Regelmäßig ist sie auf Reisen und betreut Produktionen überall auf der Welt. Und auch Marc, vier Jahre älter als sie, ist abgelenkt von einem Leben, in dem Kinder keine Rolle spielen.

Doch dann, fünf Jahre später, verändert sich etwas in Anna. Sie ist nun 30 Jahre alt, eine verheiratete Frau. Eine, die darüber nachdenkt, wie es wäre, ein Baby zu bekommen, weil es sich jetzt richtig anfühlt. Und weil sie beobachtet hat, wie liebevoll Marc auf kleine Kinder von Freundinnen und Freunden reagiert. Wie viel Freude es ihm bereitet, mit ihnen die Welt zu erkunden. Er ist ein geduldiger Typ, geduldiger als sie. „Er ist geboren, um Vater zu werden“, sagt sie und lacht, weil es schon irgendwie paradox klingt in ihrer Situation. Sie hat das Gefühl, ihm diese Erfahrung schenken zu wollen, genauso wie er sie ihr nicht vorenthalten will. Während sich einer um den anderen sorgt, füllen sie Formulare aus und zahlen 800 Euro pro Versuch. Die Kosten müssen sie selbst tragen, da es sich nicht um Marcs Spermien handelt. Eine Samenübertragung mit Spendersamen übernehmen weder private noch gesetzliche Krankenkassen.

„Am Anfang habe ich noch jedes Mal gehofft, irgendwann nicht mehr“

Anna ist 32 Jahre alt, als sie zum ersten Mal auf einem gynäkologischen Stuhl sitzt und ihr das Sperma eines fremden Mannes injiziert wird. Sie bedauert sich nicht für dieses unromantische Bild, weil sie weiß, dass sie an Marcs Seite nur auf diese Weise schwanger werden kann. Für sie ist das Elternwerden anders als bei anderen Paaren vor allem eine Folge von Terminen, eine sich langsam füllende Akte. Nüchtern betrachtet Anna diese Zeit, in der sie sich stoisch an das hält, was ihr Ärzte als notwendig erklären. Immer gibt es etwas zu organisieren, daran halten sich Marc und Anna fest. Dass es nicht beim ersten Versuch klappt, das war zu erwarten. Sie zahlen erneut und vereinbaren den nächsten Termin. Morgens vor der Arbeit. Niemand soll Fragen stellen.

Nach der Injektion trägt Anna eine Art Tampon, damit das Sperma länger in der Vagina bleibt. Erst abends, nach zehn Stunden, darf sie ihn entfernen. Vielleicht einer der Momente, in denen ihnen der unbekannte biologische Vater besonders präsent ist, ohne dass sie es thematisieren. Manchmal ist Anna in Rio oder Lissabon, in Madrid oder Kopenhagen, wenn ihr Eisprung ist. Dienstreisen sind es, die nun plötzlich unmittelbar das Thema Kinderkriegen beeinf lussen. Sie entscheiden, dass sich Anna in diesen Monaten nicht befruchten lassen, also auch nicht schwanger werden kann.

Nach neun Versuchen gelingt es ihnen kaum mehr, an ihrer Zuversicht festzuhalten. Anna und Marc fühlen sich ausgelaugt. „Es hat mich so traurig ge- macht“, sagt er. „Am Anfang habe ich noch jedes Mal gehofft, irgendwann nicht mehr.“

Nichts schützt sie vor der Enttäuschung, die ihnen jetzt die Kraft raubt. Dabei haben sie ihre Erwartungen gedimmt. „Weißt du“, sagte Anna, wenn sie wieder einmal ihre Periode bekam, „immerhin haben wir uns. Andere Menschen haben niemanden, mit dem sie den Rest ihres Lebens teilen wollen.“ Die Befruchtungsversuche sind ihr Geheimnis. Nur ihre Eltern und eine Freundin sind eingeweiht. Wie sehr es sie anstrengt, die Termine mit ihrem Alltag zu vereinbaren, das wissen nur sie beide. Immer wieder lässt sich Anna untersuchen, nichts wird gefunden. „Schau mal“, sagt sie zu Marc, „erst dachtest du, es liegt an dir, dass wir kein Kind bekommen. Jetzt liegt es an mir.“ Vielleicht ein Versuch, die Last der Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Nach eineinhalb Jahren sucht Anna eine Heilpraktikerin auf. Dass das Leben, das sie führt, ihr zu viel abverlangt, stellt sie mit der Therapeutin fest. Zum ersten Mal setzt sie sich mit sich selbst auseinander. Tränen f ließen. Sie trauert um das, was vielleicht nie sein wird, und um das, was sie bereits erlebt hat. Sie lernt, Stress zu reduzieren. Sich gesünder zu ernähren. Ein Jahr ohne Versuche verstreicht. Zweimal noch lässt sie sich Spermien injizieren, umsonst. Nun sind sie sich sicher, dass ihnen nur mehr die künstliche Befruchtung bleibt. Anna weiht jetzt ihre Chefin ein. Sagt, dass sie vielleicht mal fehlen wird, einen Tag oder zwei, im Laufe dieses Prozesses. Erleichtert ist sie nach diesem Gespräch. Ob sie sich früher hätte mitteilen sollen? Nein, sagt sich Anna, sonst hätte ich ständig von etwas erzählen müssen, das nicht klappt.

Sie finden eine Kinderwunschklinik, in der sie sich aufgehoben fühlen. Wieder füllen sie Formulare aus, wieder wird Anna untersucht. Sechs Monate nach dem ersten Gespräch wird ihr ein befruchtetes Ei eingesetzt. Wieder warten sie. Dass sie nicht weint, als sie ihre Periode bekommt, liegt daran, dass sie schon alle Tränen vergossen habe, so erinnert sie sich. 7000 Euro kostet eine künstliche Befruchtung, fast zehnmal so viel wie eine Samenspende. Eine machen sie noch, entscheiden sie, und sprechen trotzdem darüber, wie ein Leben zu zweit aussehen kann. Denn Anna hadert, ob sie sich nach diesem Versuch noch einmal dieser kräftezehrenden Behandlung unterziehen kann und will. Sie blicken auf ihre Möglichkeiten wie auf einen eben ausgegrabenen Schatz, als Anna nach der zweiten künstlichen Befruchtung schwanger wird. Sie jubeln nicht, sondern warten ab. Erst als sich das Baby in ihrem Bauch bewegt, begreifen sie, dass sie nach fünf Jahren tatsächlich Eltern werden. Als hätte sie auf der Stelle getreten, so kommen Anna die Jahre rückblickend vor. Manche Liebende verlieren einander, während sie versuchen, ihren Kummer mit sich allein auszumachen. War es so? „Nein“, erinnert sich Marc, „wir hatten auch schöne Zeiten. Aber ein trauriges Gefühl war immer im Hintergrund.“

„Sie trauert um das, was vielleicht nie sein wird, und um das, was sie bereits erlebt hat

Inzwischen lassen sie ihre Vorfreude zu. Sie kaufen Bettchen und Wickeltisch. Sie bereiten sich vor auf ein Mädchen, das im März zur Welt kommen wird. Das zwei Väter haben wird, einen biologischen und einen sozialen. Ob er daran denken wird, wenn er die Kleine in den Armen hält? Nein, glaubt Marc, und doch hofft er, sie möge seiner Frau ähneln und nicht einem fremden Mann. Seine Tochter wird mit einem Auskunftsanspruch geboren, sie darf erfahren, wer sie gezeugt hat. Mehr als 80 Prozent der aufgeklärten Kinder machen sich im Laufe ihres Lebens auf die Suche nach ihrem biologischen Vater. Auch deshalb, wissen beide, ist es wichtig, offen über ihre Geschichte zu sprechen. Irgendwann einmal, wenn ihre Tochter längst weiß, dass ihre Eltern sie bedingungslos lieben.

Bei einer künstlichen Befruchtung wird die Eizelle außerhalb des Körpers, auch als In-vitro-Fertilisation (IVF) bezeichnet, mit dem Samen eines Spenders befruchtet und anschließend wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Von einer Samenübertragung bzw. Insemination spricht man, wenn die Spende direkt in die Gebärmutter injiziert wird.