Lesezeit ca. 12 Min.
arrow_back

Ein Kindheitstraum wird wahr


Logo von Blinker
Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 100/2022 vom 09.09.2022

KANADA

Artikelbild für den Artikel "Ein Kindheitstraum wird wahr" aus der Ausgabe 100/2022 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blinker, Ausgabe 100/2022

Markus Spänle berichtete seinem Sohn immer wieder vom Lachsangeln in Nordamerika. Dieses Mal fingen sie gemeinsam Königslachse ? wie dieses wunderschöne Exemplar.

ESOX EXPERTENWISSEN!

Auf meinem Nachttisch sitzt „Huskey“ – ein Stofftier aus Kanada, ein Mitbringsel aus dem Jahr 1991. Meine Mutter war gerade schwanger mit mir und mein Vater war zum ersten Mal in Kanada. Er war dort zum Lachsangeln zusammen mit Kumpels in Owen Sound. Dieses Kuscheltier brachte er mir mit und es wurde bis heute nicht durch ein zweites ersetzt. Hinzu kam später, als ich als kleiner Junge meine ersten Angelerfahrungen machte, ein Poster an einem unserer Geräte-Schränke. Dieses Bild zeigt meinen Vater mit einem Königslachs in den Händen. Ich bin groß geworden mit seinen Geschichten aus Kanada, sie waren fast schon ein Bestandteil meines Alltags.

Warum es tatsächlich bis 2018 dauerte, bis mein Vater und ich gemeinsam nach Nordamerika flogen? Ich kann es nicht sagen. Schon seit meinem zehnten Lebensjahr stand eine Kanada-Reise im Raum, ständig wurden die Fotoalben gewälzt und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Blinker. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Fliegenfischen ist die schönste Art, keinen Fisch zu fangen …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fliegenfischen ist die schönste Art, keinen Fisch zu fangen …
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Halleluja, es ist Herbst!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Halleluja, es ist Herbst!
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Der silberne Blitz. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der silberne Blitz
Titelbild der Ausgabe 100/2022 von Räubernester ausräuchern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Räubernester ausräuchern
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Augen auf bei der Platzwahl
Vorheriger Artikel
Augen auf bei der Platzwahl
LESERFÄNGE
Nächster Artikel
LESERFÄNGE
Mehr Lesetipps

... dabei geträumt. Wahr wurde der Traum erst weit über ein Jahrzehnt später. Im Nachhinein wissen wir, dass der Zeitpunkt nicht besser hätte gewählt sein können.

Der Flug und unser Camper waren schnell gebucht. Auch die aufwendigeren Einreiseformulare hatten wir zügig ausgefüllt. Wir haben großes Glück – Axel, ein Freund unserer Familie, ist vor einigen Jahren mit seiner Frau Andrea und den beiden Kindern nach Kanada ausgewandert. Das nahm uns einiges an Recherchearbeit und Vorbereitung ab, da Axel mittlerweile gut vernetzt war und wir auch beim Angeln auf Tipps von „Locals“ hoffen konnten.

REISE OHNE FANGGARANTIE

Ende September war es dann so weit. Mit Zwischenstopp in London flogen wir über den atlantischen Ozean bis zur Ostküste Kanadas. Der Reisezeitpunkt hatte Gründe: Zum einen wollten wir beim Aufstieg der Lachse dabei sein, zum anderen fiel dieser Zeitraum nicht in die Hauptreisesaison, denn was sich in den Sommermonaten in den großen Nationalparks abspielen muss, ist unheimlich. Axel erzählte uns von vierspurigen Autobahnen und kilometerlangen Staus von Campern und Wohnmobilen.

Drei Wochen Zeit standen uns zur Verfügung. Ich hoffte, Bären oder Elche in freier Wildbahn zu sehen. Mein Ziel war es natürlich, einen Lachs zu fangen. Wobei ich vorwegnehmen möchte, dass wir keinen reinen Angelurlaub geplant hatten. Dafür hat dieses riesige Land einfach zu viel zu bieten. Zu 100 Prozent planbar wäre es – zumindest das Lachsangeln – sowieso nicht gewesen, denn die Flüsse waren in den letzten Jahren aufgrund der geringen Aufstiegszahlen für Angler gesperrt. Dies galt nicht für die „Natives“, wie die Ureinwohner dort genannt werden, für die es jagd- und angeltechnisch keine Einschränkungen gibt. Die Behörden entscheiden teilweise täglich über ein Verbot oder eine Freigabe für den Lachsfang. Uns blieb nur die Hoffnung, dass die Flüsse freigegeben werden.

BASS PRO SHOP: DAS IST MAL EIN ANGELLADEN!

Nachdem wir die erste Nacht in einem Hotel in der Nähe des Flughafens verbrachten und morgens zum Camper-Verleih gebracht wurden, beluden wir unseren Pick-up und fuhren los. Erster Stopp: Bass-Pro-Shop! Die Formate dieser bekannten Outdoor-Kette waren mir von Bildern und Erzählungen bereits vertraut, trotzdem war ich überwältigt von dieser, für einen Einkaufsladen, großen Dimension. Es war wie eine Mischung aus Naturkundemuseum und „Sea Life“: Hier standen unzählige ausgestopfte Tiere, die XXL-Aquarien waren mit bekannten heimischen Fischen besetzt.

Nach dem Besuch des Bass Pro-Shops fuhren wir in Richtung Meer, denn unser erstes größeres Ziel war die Fähre nach Vancouver Island, früh am nächsten Morgen. Erst spät in der Nacht trafen wir Axel und Andrea und zwangen uns nach herzlicher Umarmung, einem Bier und ersten Updates ins Bett. Noch bevor es hell wurde, waren wir an Bord einer riesigen Fähre und setzten über auf die größte Insel vor Kanada. Hier hatten wir für die darauffolgenden zwei Tage ein Guiding für den Pazifik gebucht. Nicht ganz mein Geschmack, aber Axel redete bereits seit Jahren davon. Wir fuhren bis nach Tofino, einem weltbekannten Surferparadies. Es war wunderschön und wir konnten es kaum erwarten, endlich die Ruten auszupacken.

WELLEN FORDERN IHREN TRIBUT: UNFREIWILLIG ANFÜTTERN

Morgens um vier Uhr klingelte der Wecker. Noch im Dunkeln legten wir ab und fuhren mit unserem Guide John aufs offene Meer. Die Wetterprognose war alles andere als erfreulich, viel Wind und Regen wurden vorhergesagt. Auch John, der zwar absolut souverän agierte, merkte man die Anspannung an. Es kam, wie es angekündigt wurde. Meterhohe Wellen ließen unser Boot von weitem aussehen wie eine kleine Nussschale. Das vertikale Angeln wurde zur Herausforderung. Damit man nicht umfiel oder sogar über Bord ging, musste man sich eigentlich festhalten. Dann allerdings blieb nur noch eine Hand für die Rute frei. Ich hielt eine Weile durch, musste das Angeln aber nach zwei Stunden einstellen. Mir wurde von Minute zu Minute übler – willkommen Seekrankheit. Nachdem wir einige Leng gefangen hatten, probierten wir es noch auf Heilbutt. Und tatsächlich hatten wir nach einiger Zeit einen Biss und nach intensivem Drill auch ein stattliches Exemplar an Bord.

Auf der Rückfahrt durch die von Inseln etwas geschützteren Bereiche, schleppten wir noch mit kleinen Ködern auf Lachs. Mir ging es schnell besser, als wieder Struktur am Horizont erkennbar war, sodass ich wieder mitangeln konnte. Ich war es dann auch, der den ersten Biss bekommen sollte. Erst kurz vor der Hafeneinfahrt schlug eine Rute aus und ich konnte tatsächlich einen kleinen Coho fangen. Der erste Lachs gleich am ersten Angeltag – was für ein Bilderbuchstart!

DYNAMIT SCHAFFT LEBENSRAUM

Wir hatten allerdings noch den Flug und die Zeitumstellung in den Knochen, dazu das frühe Aufstehen und insgesamt wahnsinnig viel Schlafentzug. Nach diesem Tag auf dem Meer waren wir platt und uns fielen noch bei Tageslicht die Augen zu.

Am beeindruckendsten an der Zeit auf dem Meer waren die Erkenntnisse zur Lebensweise und Lebenseinstellung unseres Guides John. Nicht ein einziges Mal in seinem bisherigen Leben bezahlte er für Fleisch oder Fisch, erzählte er uns. Er lebt das Angeln und Jagen, sieht Fleisch und Fisch als Ressourcen der Natur und hält von Supermärkten recht wenig. Generell ist die Einstellung der Kanadier zur Natur ganz speziell. Ich bekam das Gefühl, die Menschen dort haben eine andere Verbindung und Wertschätzung für ihr gesamtes Ökosystem. Das betrifft nicht nur die Natives, sondern die gesamte Bevölkerung. Von Axel erfuhren wir, dass teilweise ganze Landstriche renaturiert oder alte Flussläufe durch Einsatz von Dynamit wieder hergestellt werden, um den Lachsen den Aufstieg zu ihren Geburtsorten zu ermöglichen, damit sie dort wieder ablaichen können.

CHINOOKS AUS DEM PUNTLEDGE RIVER

Von Urlaub und Erholung fehlte bislang jede Spur. Wir waren auch nach Tag zwei bei schlechtem Wetter auf dem Meer total erschöpft und gönnten uns nach einer Dusche auf dem Campingplatz eine Mütze Schlaf. Danach besprachen wir mit Axel das weitere Vorgehen für die nächsten Tage. Er zeigte uns Routen zu den bekannten und weniger bekannten Nationalparks, Flüsse, die fürs Lachsangeln in Frage kommen würden und nicht zuletzt seine Heimatstadt Kelowna. Dort würden wir uns gegen Mitte unserer Reise noch einmal für ein paar Tage treffen.

Axel hatte berufliche Verpflichtungen und musste zurück nach Vancouver. Mein Vater und ich entschieden uns dazu, noch zwei Tage auf der Insel zu bleiben, denn Axel hatte heiße Tipps für uns. Wir fuhren Richtung Osten – unser Ziel war ein Fluss namens „Puntledge River“ und unser Ziel dort waren Chinooks. Königslachse.

Schnell erledigten wir die Einkäufe und machten uns über unser Lachsfilet vom Vortag her, bevor wir uns eine Stelle am Fluss suchten. Wir sahen andere Angler an einer Brücke und konnten so entspannt von oben das Geschehen betrachten. Zwei angelten mit Fliege an der Oberfläche, ein Dritter ließ fortwährend seine Montage mit der Strömung abtreiben, seinen Köder konnten wir nicht erkennen. Immer wieder sahen wir Fische springen. Es schien so, als ob hier tatsächlich die Lachse den Fluss aufstiegen. Das Meer war Luftlinie nicht einmal einen Kilometer entfernt, Minuten zuvor waren die Fische, die unsere Brücke passierten, noch im Pazifik geschwommen.

Wir versuchten es an diesem Abend noch mit kleinen Wobblern und Wurm-Imitaten, blieben jedoch ohne Biss. In der Dämmerung erkundeten wir noch ein wenig die Gegend und fanden einen Platz wie aus einem Märchen. Hier würden wir es, sobald es hell wird, versuchen.

LAICHFRESSER FÄNGT MAN MIT GOOEY BOB!

Wir mussten über einen Trampelpfad ein gutes Stück flussabwärts laufen, bis wir nach einer leichten Biegung das Ufer erreichten. Wie in einem kleinen Tal lag der Fluss vor uns, umsäumt mit Farn und Bäumen, mit einer winzig kleinen Insel vor einem riesigen Baum, der quer über den Fluss gestürzt war. Hinter dem Baum, der etwa einen Meter über der Wasseroberfläche lag, verengte sich der Fluss kurz vor einem Wasserfall. Verglichen mit den strukturloseren Abschnitten, die wir bisher entdeckt hatten, war das der absolute Hotspot. Mit unseren Wathosen und stabilen Stöcken zur Absicherung durchquerten wir einen Teil des Flusses, um auf die Insel zu gelangen, von der wir angeln wollten. Spätestens an dieser Stelle begann für mich das Abenteuer Kanada so richtig. Genauso hatte ich mir das Feeling vorgestellt – in einem schönen Fluss mit einer Angel in der Hand bis zum Bauch im Wasser zu stehen.

Wir angelten mit einer Art Laich-Imitat, Gooey Bob, das uns von den Einheimischen im Angelladen empfohlen wurde. Die Lachse waren bereits auf dem Weg zu ihren Laichgründen. Jagen und fressen spielte für sie ab jetzt nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Einheimischen erzählten uns, dass Lachse gerne nach dem Laich anderer Fische schnappen. Und das nicht unbedingt, um ihn zu fressen. Es handle sich dabei eher um das Totbeißen der Konkurrenz. Unsere eigene Erfahrung bestätigte das, denn weder mit der Fliege bei den Anglern vom Vortag noch bei unseren Versuchen mit Wobblern und Spinnern tat sich etwas – trotz sicherer Anwesenheit einiger Fische.

Obwohl unser Spot einen so verlockend guten Eindruck hinterließ, gerieten wir schnell ins Zweifeln. Wir konnten aufgrund der Tiefe keine Fische sehen und einige Meter flussabwärts war das Wasser so flach und der Fluss so breit, dass man zumindest die größeren Exemplare beim Aufsteigen sehen müsste, dachten wir zumindest. Aber wir wurden eines Besseren belehrt.

DER KÖNIG IST BESIEGT – EIN UNVERGESSLICHER DRILL

Nach etwa einer halben Stunde hatte mein Vater einen Biss. Der erste Flussfisch hing am Haken! Er erwischte einen kleinen Lachs und unsere Freude war riesig. Der erste Fang aus einem neuen Gewässer ist immer etwas Besonderes, auf eine Fischart dieser Kategorie und das beinahe am anderen Ende der Welt umso mehr. Jetzt hatte ich Blut geleckt und musste nicht allzu lange warten, bis auch meine Rute bis zum Anschlag krumm war. Es folgte der heftigste Drill, den ich je erlebt habe. In einem unwirklichen Tempo riss mir mein Kontrahent Schnur von der Rolle. Dann bekam ich ihn das erste Mal zu Gesicht. Es war ein großer, dunkler Fisch, der mehrmals hintereinander aus dem Wasser sprang. Er schoss gnadenlos über die flachen Stellen und verschwand dahinter im wieder tiefer werdenden Wasser.

„Was dann folgte, war der heftigste Drill, den ich je erlebt habe.“

Inzwischen hatte ich einige Meter Schnur abgegeben und der Druck durch die Strömung nahm immens zu. Ich hatte keine andere Wahl, als ihm hinterherzulaufen. Voller Adrenalin bewegte ich mich immer schneller flussabwärts, konzentriert nicht auszurutschen und immer mit Spannung auf der Schnur. Nach etwa einhundert Metern wildester Verfolgungsjagd – während ich mich halb am Ufer, halb im Wasser den Fluss hinab kämpfte – blieb mein Widersacher endlich stehen. Im hüfttiefen Wasser konnte ich ihn ausdrillen, bevor ich mit einem beherzten Griff vor die Schwanzflosse zur Landung ansetzte. Dann war er mein. Mein erster Chinook. Mein Königslachs.

AUF EINMAL STEHT DA EIN BÄR!

Noch nie zuvor hatte ich einen so explosiven, kräftigen und vor allem ausdauernd kämpfenden Fisch am Haken. Ich war unendlich stolz. Seit meiner Kindheit träumte ich vom eigenen Fangbild mit einem dieser fantastischen Fische. Behutsam machten wir einige Fotos und ich ließ den Lachs wieder schwimmen. Bis heute war das wohl mein intensivster Angelmoment, und ich bin unendlich dankbar, dieses Erlebnis mit meinem Vater geteilt zu haben.

Über dem Fluss auf dem Baumstamm sitzend, machten wir eine kleine Pause – ohne Vorahnung, dass sich das nächste Erlebnis bereits anpirschte. Mein Vater bemerkte ihn zuerst. Hinter uns hörte er es rascheln, vielleicht sah er auch im Augenwinkel, wie sich etwas bewegte. Wir befanden uns immer noch auf dem Baumstamm, unter uns rauschte das Wasser durch und ein Schwarzbär bewegte sich die Böschung hinunter, direkt auf uns zu. Immer wieder hatten wir über die Vorstellung gewitzelt, Auge in Auge einem Bären gegenüberzustehen – und plötzlich war es soweit. Gefangen auf unserem Baumstamm verharrten wir und hofften, die Route des Bären würde nicht über unseren Pausenplatz führen. So war es dann auch und der Bär überquerte den Fluss einige Meter hinter uns, über die flacheren Bereiche. So schnell wir ihn bemerkt hatten, so schnell war er wieder verschwunden.

Als ob all diese Ereignisse in so kurzer Zeit nicht genug gewesen wären, wiederholte sich am darauffolgenden Tag alles noch einmal. Wir hatten zwar nur noch einen Tag auf der Insel, nachdem es aber so gut lief und uns der Platz gefiel, beschlossen wir, hier am nächsten Morgen noch einmal unser Glück zu versuchen. Tatsächlich konnten mein Vater und ich jeweils einen großen Chinook fangen. Und wahrhaftig kam wieder ein Schwarzbär vorbei, der sich so viel Zeit ließ, dass ich einige Fotos schießen konnte. Wir waren überwältigt. Natürlich hatten wir gehofft, dass etwas Derartiges passieren würde, aber dass wir innerhalb der ersten Woche in Kanada gleich so auf unsere Kosten kommen würden, hätten wir nicht zu träumen gewagt.

ZUM ENDE WIRD’S BUNT

Am nächsten Morgen nahmen wir die Fähre zurück nach Vancouver. Dort bekamen wir einen weiteren Tipp und angelten wieder auf Cohos, die kleinere Lachsart, die wir schon zuvor vom Boot gefangen hatten. Dabei gelang es meinem Vater, auch dort einen Königslachs zu fangen, bevor wir uns auf den Weg zum großen Okanagan-Lake machten – nach Kelowna, Axels neuer Heimat. Es war wunderschön dort. Wir nahmen uns Zeit und erkundeten die Gegend rund um den See, fingen an kleineren Gewässern Schwarzbarsche und Forellen. Wir aßen gemeinsam, gingen auf die Jagd und Axel zeigte uns seine Arbeit und seinen neuen Alltag hier. An Thanksgiving war unser letzter gemeinsamer Abend, und so schmiedeten wir Pläne für unsere weitere Reise, ganz klassisch bei einem leckeren, gefüllten Truthahn.

„Immer wieder hatten wir über die Vorstellung gewitzelt, Auge in Auge einem Bären gegenüberzustehen.“

Wir machten uns auf in Richtung Berge, die großen Nationalparks in Jasper und Banff waren unser nächstes Ziel. Auch dort hatten wir eine wunderbare Zeit bei bestem Wetter im Indian Summer. Die Kulisse war einzigartig und wir durften noch zwei Bärenfamilien beobachten, die eine der Straßen passierten. Den letzten Tag vor der Rückreise verbrachten wir im Großstadtdschungel Vancouvers. Nach drei Wochen in der Wildnis ein heftiges Kontrastprogramm!

Selbst mit einem gehörigen Zeitabstand zu unserer Reise wirken die Erlebnisse beim Schreiben dieses Artikels immer noch nach. Die Reise verlief genauso, wie ich sie mir seit meinem zehnten Lebensjahr nach den Erzählungen meines Vaters immer wieder vorgestellt hatte. Die Natur, das Wetter, die Fische, die Menschen – alles war perfekt.

Fischfakten: Königslachs

Der Königslachs (Oncorhynchus tshawytscha) ist die größte Lachsart Nordamerikas und gehört zur Gattung der Pazifischen Lachse. Er lebt sowohl im Süß- als auch im Salzwasser. Der im Englischen auch „Chinook“ genannte Fisch erreicht im Durchschnitt eine Länge von circa 90 bis 100 Zentimeter und kann 20 Kilo schwer werden. Es sind aber auch Fänge von über 50 Kilo und 140 Zentimeter bekannt. Königslachse werden maximal zehn Jahre alt, durchschnittlich circa fünf bis sechs Jahre. Sie kommen von Alaska bis Kanada häufig vor. Man kann sie sogar weiter südlich in kleineren Populationen bis hin zur San Franciso Bay finden. Zudem gibt es auch große Populationen in Asien. Hier kommen sie vom nördlichen Japan bis nach Russland vor.

Königslachse gehören zu den Wanderfischen, die zum Laichen die Gewässer wechseln. Vor der Laichwanderung ist ihr Rücken graugrün, der silberne Bauch mit schwarzen Flecken bedeckt. Während des Laichzugs werden der Rücken und die Seiten etwas bläulich und der Bauch bekommt rote Tupfen. Ältere männliche Fische können auch ganz rot werden. Der Kopf läuft spitz zu, das Maul weist zur Paarungszeit eine deutliche hakenartige Verformung auf. Jungfische leben in den ersten, bis maximal 18 Monaten (durchschnittlich vier bis sieben Monate) in Flüssen und ziehen dann ins Meer. Hier leben sie bis zum Erreichen der Geschlechtsreife – spätestens nach sieben Jahren. Dann suchen sie ihre angestammten Laichgewässer auf.

Königslachse wachsen recht schnell und können bereits nach vier Monaten etwa zwölf Zentimeter lang sein. Jungfische fressen erst Insektenlarven und Kleinkrebse, später auch kleine Fische. Erwachsene Fische hingegen ernähren sich von Krebstieren und Fischen wie Sprotten, Makrelen und Heringen. Erwachsene Königslachse, die auf dem Weg zu den Laichgründen sind, nehmen keine Nahrung mehr zu sich. Sie sterben nach der Paarung.