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Ein kleiner Ausflug in die Biomechanik: Vorwärts-Abwärts ist kein Gleichgewicht


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 17.04.2019

Durch das Training möchte man das Pferd in die Lage versetzen, den Reiter in vollkommener Balance zu tragen, um möglichst lange gesund zu bleiben. Balance, warum? Um beide Körperseiten gleichmäßig zu benutzen, muss die angeborene natürliche Schiefe ausgeglichen werden. Das Körpergewicht, von Natur aus mehr auf der Vorhand lastend, soll nach hinten auf die kräftigere Hinterhand verlagert werden. Die Gliedmaßen sollen möglichst gleichmäßig belastet werden, das ganze Pferd sollte beweglich sein und gut bemuskelt.

Die Wirbelsäule

Betrachtet man zunächst die Wirbelsäule: Sie besteht aus der Kette der einzelnen ...

Artikelbild für den Artikel "Ein kleiner Ausflug in die Biomechanik: Vorwärts-Abwärts ist kein Gleichgewicht" aus der Ausgabe 1/2019 von Piaffe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Piaffe, Ausgabe 1/2019

Das Skelett eines natürlich aufgerichteten Pferdes mit Verlauf des Nacken-/ Rückenbandes und der Nackenplatte.
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... Wirbelkörper. Die Form der Wirbel ist prinzipiell immer gleich. Ein Wirbel besteht vereinfacht aus einem Wirbelkörper mit einem Dornfortsatz nach oben und zu jeder Seite einem Querfortsatz. Über Gelenke besteht eine bewegliche Verbindung zu den Nachbarwirbeln. Je nach Wirbelsäulenabschnitt und damit Funktion gibt es nun verschiedene Varianten dieses Grundbauplans.

Der Brustwirbelsäule folgt die Lendenwirbelsäule mit ihren sechs Lendenwirbeln, die wiederum sehr breit ausladende Querfortsätze besitzen und nach vorn geneigte, kurze, kräftige Dornfortsätze. Die Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule erfolgt ebenfalls in Auf-und Abbewegungen, also Beugung und Streckung. Gut zu beobachten ist dies bei einem auf der Weide galoppierenden Pferd: Bewegen sich die Hinterbeine nach vorn, wird die Lende aufgewölbt, der Körper nach vorn gedrückt und beim Abfußen der Beine nach hinten wird die Lende durchgestreckt. Zur seitlichen Biegung ist wiederum eine Rotation der Wirbelkörper nötig. Die Querfortsätze begrenzen die seitliche Biegung.

An die Lendenwirbelsäule schließt sich das Kreuzbein an, das aus den fünf miteinander verschmolzenen Kreuzwirbeln besteht. Die Dornfortsätze des Kreuzbeins sind nach hinten gerichtet. Das Kreuzbein nimmt über das Kreuz-Darmbein-Gelenk (Iliosakralgelenk) Kontakt zum knöchernen Beckenring auf. Die Bewegung aus der Hinterhand wird also von den Hinterbeinen über den Beckenring und über das sehr straffe Iliosakralgelenk auf das Kreuzbein und über die Wirbelsäule nach vorn übertragen.

Das Nacken-/Rückenband

Die einzelnen Wirbelkörper der Wirbelsäule sind nun über verschiedene Bänder und Muskeln miteinander verbunden. Ein für den Reiter wichtiges Band stellt das Nacken-und im weiteren Verlauf das Rückenband dar.

Das Nackenband beginnt paarig am Hinterhauptsbein und läuft ohne Kontakt über die ersten beiden Halswirbel, Atlas und Axis, bis zu den Dornfortsätzen der Brustwirbel. Dort nimmt es Kontakt zum Dornfortsatz auf. Im gesamten Halsbereich zieht eine paarige Faserplatte, die Nackenplatte, von den Dornfortsätzen der Halswirbel nach hinten und oben zum Nackenband. Nackenband und Nackenplatte bilden über den Dornfortsätzen des zweiten bis sechsten Brustwirbels die Widerristkappe. Von hier zieht das Band als Rückenband über alle Dornfortsätze der Wirbelsäule und heftet sich an jeden Dornfortsatz. Senkt das Pferd den Kopf ab, kommt es zur Straffung des Nacken-Rücken-Bandes und die Dornfortsätze erfahren Zug nach vorn. Die nach hinten gerichteten Dornfortsätze der Brustwirbel eins bis 14 werden sich auffächern und Widerrist und Brustkorb erscheinen höher. Nach dem 15. Brustwirbel, dem antiklinalen Wirbel, sind die Dornfortsätze jedoch nach vorn geneigt, ebenso die der Lendenwirbelsäule. Diese werden sich deshalb beim Zug von vorn eher aufeinander zubewegen und eine Streckung der hinteren Brustwirbelsäule und der Lendenwirbelsäule verursachen. An den wieder nach hinten geneigten Dornfortsätzen des Kreuzbeins bewirkt der Zug des Rückenbandes ebenfalls eine Überstreckung des Kreuzbeins, sodass es insgesamt zu einer mit dem Menschen vergleichbaren Hohlkreuzbildung kommt – also dem Gegenteil der Beugung der Lendenwirbelsäule und des Übergangs zwischen Lende und Kreuzbein, wie man es für die Hankenbeugung wünscht. Hat das Pferd den Kopf gesenkt, um zu grasen, steht es in weiter Schrittstellung, ein Hinterbein wird weit unter den Bauch gestellt sein. Über dieses untergestellte Bein schafft das Pferd quasi einen Gegenzug für das Rückenband von hinten, wodurch die Überstreckung der Lenden-und Kreuzbeinregion begrenzt wird. So kann das Pferd in der grasenden oder auch ruhenden Position das Nacken-/ Rückenband nutzen, um den Rücken ohne Aufwand von Muskelkraft oben zu halten. Der Rücken sackt also nicht durch das Gewicht der Eingeweide zum Senkrücken durch. So kann das Pferd das Rückenband nutzen, um den Rumpf stabil und den Rücken oben zu halten, ohne Aufwand von Muskelkraft, also ohne zusätzliche Energie.

Die Biomechanik des Vorwärts-Abwärts

Beim Vorwärts-Abwärts-Reiten oder im Extrem während einer LDR-Position (Low, Deep and Round) wird ebenfalls durch die tiefe Kopf-Hals-Position das Nackenband gespannt, mit eben jenen oben beschriebenen Effekten. Richtig ist: Der Widerrist wird aufgefächert und die Dornfortsätze gewinnen Abstand zueinander. Aber eben nur im Bereich der Brustwirbelsäule bis zum 15. Brustwirbel. Im weiteren Verlauf kommt es zur Streckstellung der Lendenwirbelsäule und das Kreuzbein wird nach vorn und oben gezogen. Pferde, die durch die Vorwärts-Abwärts-Position ihren Schwerpunkt nach vorn verlagert haben, mit mehr Gewicht die Vorhand belasten und ein nach vorn und oben gezogenes Kreuzbein aufweisen, neigen sehr gern zum Bocken und Ausschlagen, weil sich der Körper quasi schon in der Ausgangslage zu diesen unliebsamen Bewegungen befindet. Um die „Hohlkreuz-Position“ des Pferdes zu vermeiden, muss man auch hier das Pferd dazu animieren, weit mit den Hinterbeinen nach vorn zu treten – um eine Beugung im Übergang zwischen Lende und Kreuzbein zu schaffen und damit einen Gegenzug von hinten aufzubauen, der auch die Lendenwirbelsäule wieder anhebt. Für dieses weite Untertreten müssen die Pferde gut vorwärtsgetrieben werden. Das weite Untertreten erfolgt mit relativ gestrecktem Bein und nicht in den großen Gelenken gebeugt (Hankenbeugung). Das Pferd wird also mit den Schenkeln voran gegen eine im besten Fall anstehende Hand getrieben. Es entwickelt sich so aus der kräftigen Hinterhand ein großer Schwung nach vorn. Die Pferde schieben, anstatt mit der muskulösen Hinterhand vermehrt Last aufzunehmen und zu tragen. Dieser Schub muss dann vorn aufgefangen werden. Das geschieht zum einen mit den Vorderbeinen und zum anderen mit der muskulären Aufhängung des Brustkorbes. Die Vorderbeine besitzen jedoch kaum Möglichkeit, das Gewicht abzufedern. Lediglich die Fesseln können durchfedern. Somit geht der Schwung zu Lasten der Gelenke und auch der Beugesehnen, die dem Durchfedern in der Fessel standhalten müssen.

Der Brustkorb des Pferdes hat keine knöcherne Verbindung zu den Vorderbeinen. Er hängt ledig-lich mit der Brustmuskulatur, die einem Sprungtuch gleicht, zwischen den Vorderbeinen. Diese Brustmuskulatur zieht vom Brustbein zu den Vordergliedmaßen bzw. den Rippen und zur Innenseite der Schulterblätter. Diese Muskulatur ist es also, die den Schwung von hinten auffängt, die auch den auf dem Brustkorb sitzenden Reiter trägt und welche schließlich verhindert, dass der Brustkorb zwischen den Schulterblättern durchsackt (Trageerschöpfung). Zusammen mit der Bauchmuskulatur bilden die Brustmuskeln die untere Verspannung des Pferdes, die seinen Rücken aufwölben lassen und es damit befähigen, den Reiter zu tragen. Allerdings wird während des Vorwärts-Abwärts-Reitens genau diese wichtige Muskulatur nicht trainiert. Es wird im Vorwärts-Abwärts vor allem die Muskulatur der Oberlinie gedehnt.

Schlussendlich fließt der Schwung von hinten noch weiter durch die Wirbelsäule in die Halswirbelsäule. Hier komme ich zurück auf den oben beschriebenen Knick am Übergang zwischen Hals-und Brustwirbelsäule. Wird der Hals nämlich durch eine aus-oder gar gegenhaltende Reiterhand oder auch etwa beim Longieren durch Ausbindezügel fixiert, kann die Bewegung nicht frei fließen und es kommt zu einer Stauchung der Wirbelsäule in diesem Bereich. Da hier auch die Nerven für die Versorgung der Vordergliedmaßen zwischen den Wirbeln austreten (Plexus brachialis Austritt zwischen dem sechsten Halswirbel und zweitem Brustwirbel), kann es zu Reizungen kommen, die Taktunreinheiten und vermehrtes Stolpern der Pferde verursachen. Auch hochschmerzhafte Entzündungen in den Zwischenwirbelgelenken treten auf. Lässt man sich all diese Folgen des Vorwärts-Abwärts-Reitens durch den Kopf gehen, so stellt sich doch die Frage, ob diese moderne Art des Pferdetrainings den Pferden wirklich hilft oder ob es nicht vielmehr Schaden anrichtet.

Was tun stattdessen?
Grundsätzlich kräftigt Gymnastik in ruhigem Tempo wie den Schulgangarten die Muskulatur optimal und schützt das Pferd davor, aus dem Schwung heraus eine Bewegung über sein physiologisches Vermögen hinaus zu machen, also sich zu überdehnen oder zu zerren.

In den Seitengängen verkürzen sich die Muskeln an der im Verhältnis zum Seitengang inneren Seite des Pferdes, während die Außenseite gedehnt wird. Das bedeutet, eine Seite wird durch Kontraktion gekräftigt,

die andere Seite durch Aufdehnen gelockert. Beim Vor-und Untertreten des inneren Hinterbeins arbeitet die Bauchmuskulatur der Innenseite und wird so gekräftigt. Beim Öffnen der Vorderbeine zur Seite und wieder Schließen oder sogar Kreuzen werden die so wichtigen Brustmuskeln gedehnt (Öffnen zur Seite) und kontrahiert (Schließen / Kreuzen). So wird das Pferd in die Lage versetzt, den Rücken mit dem Reiter mithilfe seiner Brust-und Bauchmuskeln anzuheben und sich unter dem Reiter zu versammeln.

Die Stellung und Biegung in den Seitengängen fördert die Mobilität der gesamten Wirbelsäule. Es finden zwischen den einzelnen Wirbeln kleine Rotationsbewegungen sowie Beuge-und Streckbewegungen statt. Auch der gesamte Beckenring rotiert und beugt sich am Übergang von Lende zu Kreuzbein (Lumbosakraler Übergang) beim Vor-/ Untertreten oder Kreuzen des inneren Hinterbeins. Dies hält zum einen die einzelnen Gelenke beweglich und kräftigt zum anderen die Stammesmuskulatur. Hierbei handelt es sich um kurze, sehr kräftige Muskeln, die sich wie ein Haarzopf direkt an die Wirbelsäule als unterste Schicht anlegen. Beim Menschen wird diese Muskulatur als Core-Muskulatur bezeichnet und vor allem bei Rückenbeschwerden trainiert, um den Rücken kräftig und stabil zu halten. Das gleiche gilt für das Pferd. Diese Stammesmuskulatur ist noch dazu mit vielen Rezeptoren und Nerven versorgt, die dem Gehirn ständig Auskunft über die Position der Wirbelsäule geben. Dadurch können einzelne Muskeln schnell und kräftig angespannt werden, um zum Beispiel eine Verletzung durch eine unphysiologische Bewegung zu verhindern. Verharrt der Muskel in dieser Anspannung, bewegen sich die zugehörigen Zwischenwirbelgelenke nicht mehr frei – es kommt zu einer Wirbelblockade. Werden aber diese Muskeln täglich über Mobilisationen in ruhigem Tempo trainiert, werden sie die Wirbelsäule optimal stützen und schützen. Flexionen, Mobilisationen und Seitengänge bewirken kleine Rotationen in der Wirbelsäule und kräftigen damit die Stammesmuskulatur. All diese Übungen vor allem mit einer freien Kopf-Hals-Position machen zu dürfen, ohne eine Reiterhand, die eine bestimmte Position forciert, oder ohne einen Hilfszügel, der sie erzwingt, ermöglicht es dem Pferd, den Hals zu Beginn der Ausbildung wirklich als Balancierstange zu benutzen. So wird es sich nie aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, verkrampfen. Auch kann die Halsmuskulatur optimal arbeiten und sich damit die Schulterpartie frei bewegen. Ein Pferd, das unter dem Reiter im Gleichgewicht geht. Das bedeutet, es belastet seine vier Gliedmaßen gleichmäßig, ist zu beiden Seiten gleich beweglich, hat keine Muskelverspannungen, keine Faszienverklebungen und kann so prompt auf die Hilfen des Reiters bezüglich Richtung, Tempo und Gangart reagieren. Eine Wunschvorstellung? Nein, sondern hoffentlich das hohe Ziel jeder Reiterei, denn nur so kann das Pferd unter dem Reiter gesund bleiben.

DVD „DER JAHRHUNDERTIRRTUM VORWÄRTS-ABWÄRTS“

Biomechanisch erklärt von Tierärztin Dr. Birgit Schock Historisch recherchiert von Richard Vizethum Begleitet von Osteopathin und Physiotherapeutin Stephanie Wiener

Zusammenfassung des Biomechanik-Vortages im Juli 2018 und der Vorwärts-Abwärts-Konferenz im September 2018 in den Oliveira Stables. 143 Minuten, Sprache: Deutsch, Preis 29,99 €
www.wu-wei-shop.de

PORTRAIT

Das Anliegen von Frau Dr. Birgit Schock ist es, ihrem Berufsethos entsprechend, Pferden zu helfen, gesund zu bleiben oder zu werden. Durch ihre immense Berufspraxis, verbunden mit der Erfahrung über die Rehabilitation unreitbarer Pferde aufgrund von Lahmheit, ist ihr Wissen über die richtige „Krankengymnastik“ und die korrekte Ausbildung von Pferden so groß, dass die Weitergabe an ihre Berufskollegen wichtig erscheint. Denn insbesondere Fachleute, die von Reitern um Rat bei körperlichen Problemen gefragt werden, müssen über Kompetenz verfügen und für Aufklärung sorgen. Beim Kongress für Osteopathen, Physiotherapeuten und Tierärzte am 8. Juli 2019 möchte sie, gemeinsam mit anderen Referenten, das Fachpublikum informieren.

Weitere Infos und Anmeldung per E-Mail: info@wu-wei-welt.com