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Ein kleines Universum


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 16.09.2022

2. KAPITEL BÜRGER

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 10/2022

Kölner Panorama von 1493. Zum neuen Wahrzeichen der Stadt ist der unvollendete Dom mit seinem Baukran geworden

Es reicht! Webermeister Medebruwer ist außer sich vor Zorn. Soeben erst wurde die Tuchsteuer erhöht und jetzt heißt es, dass auch der Rheinzoll angehoben werden soll. Wie soll man da noch konkurrenzfähig bleiben? Sein Zorn richtet sich gegen die sogenannte Richerzeche. So heißt der Zusammenschluss der reichsten Bürger Kölns, der Patrizier, die angeblich von den römischen Senatoren abstammen. Seit Ende des 12. Jahrhunderts sitzen sie an den Schalthebeln der Macht und bestimmen damit auch die Preispolitik der Stadt. Dabei zahlen sie selbst keinen Pfennig Steuern! Und nicht nur das: In letzter Zeit konnten ihnen sogar Geldunterschlagungen nachgewiesen w erden.Dieses selbstherrliche Gebaren muss ein Ende finden!

Wie Medebruwer denken auch andere Kölner Webermeister, aus gutem Grund. Ihre Stof- fe sind ein heiß begehrter Exportartikel, vielleicht nicht so fein wie die flandrischen, ...

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... dafür aber erheblich preiswerter. Das soll auch in Zukunft so bleiben! Doch es geht um mehr. Mit der Zeit haben es die Weber zu erheblichem Reichtum gebracht, manche von ihnen können sogar mit den Patriziern konkurrieren. Doch in der städtischen Politik ist ihnen jede Mitsprache verwehrt. Das muss sich schleunigst ändern, notfalls mit Gewalt!

Revolution am Rhein: Die Kölner Weber entmachten die Patrizier

Im Mai 1369 ist es soweit: Bewaffnet mit Schwertern, Spießen und Hellebarden ziehen die Weber zum Rathaus, um die Richerzeche zu entmachten. Schließlich haben die Kölner 1288 schon ihren Erzbischof aus der Stadt vertrieben. Jetzt sind die Patrizier dran. Es geht einfacher als erwartet. Druck und Drohungen reichen aus, um die Männer von der Abdankung zu »überzeugen«. Wenig später löst sich die Richerzeche auf und überträgt die Macht an die Kölner Webermeister.

Doch die Herrschaft der Weber bleibt ein kurzes Intermezzo. Sie begehen nämlich die gleichen Fehler, die sie zuvor der Richerzeche angekreidet hatten. Mit undiplomatischem Verhalten und neuen Steuererhöhungen – von denen sie selbst ausgenommen sind – machen sie sich die anderen Zünfte zu erbitterten Feinden. Tief enttäuscht verbünden die sich mit den Patriziern, um nunmehr der Weberherrschaft ein Ende zu setzen. Das verläuft diesmal nicht so glimpflich. Am 20. November 1371 liefern sich die Kontrahenten eine blutige Schlacht, und »die Straßen färbten sich rot vom Blut der Weber«, wie es in einer Chronik heißt. Am Ende finden dreißig Weber den Tod, zahlreiche Familien, darunter auch die Medebruwers, werden aus der Stadt vertrieben, ihre Häuser abgerissen, Vermögen konfisziert.

Eine neue Verfassung: Der Verbundbrief garantiert die Herrschaft der Bürger

Vorerst kehrt Ruhe ein. Doch die Patrizier, die die Macht wieder an sich reißen, sind bald heillos zerstritten. Es folgen jahrelange Auseinandersetzungen mit den Zünften. Allmählich dämmert es den Kölnern: Wenn sie künftig in Frieden miteinander leben wollen, dann muss die Macht gerechter verteilt werden. Im Sommer 1396 wird ein provisorischer Rat mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung beauftragt. Künftig ist die Bürgerschaft in 22 gewerblich-politische Genossenschaften eingeteilt, die sogenannten Gaffeln. Alle Vollbürger Kölns – selbstständige Kaufleute und Handwerker – müssen einer dieser Gaffeln angehören. Über diese Institution wählen sie die neue Machtzentrale, den Rat der Stadt Köln, dem 49 Ratsherren angehören. Diese als »Verbundbrief« bezeichnete Verfassung, die das endgültige Ende der Patrizierherrschaft besiegelt, bleibt bis zum Einmarsch der Franzosen 1794 in Kraft.

Das späte Mittelalter markiert die Blütezeit der Metropole am Rhein. Mit rund 40 000 Ein- wohnern zählt Köln zu den größten Städten Europas, im Heiligen Römischen Reich ist sie die größte und reichste überhaupt. Der Wohlstand beruht vor allem auf dem Fernhandel, dessen Wurzeln bis in die römischen Anfänge der Stadt zurückgehen. Begehrte Exportartikel sind neben den bereits erwähnten Stoffen – darunter auch hochwertige Seide – vor allem Wein, Getreide und Kunsthandwerk.

Es sind übrigens keineswegs nur Männer, die die Wirtschaft ankurbeln. Auch zahlreiche Kölnerinnen betätigen sich als tüchtige Unternehmerinnen mit weltweiten Handelsbeziehungen, besonders in der Garn- und Seidenproduktion. Köln ist sogar die einzige Stadt, in der spezielle Frauenzünfte existieren.

Überdies gibt es noch einen weiteren Grund für den Reichtum der Handelsmetropole, den sogenannten Stapel. Dazu muss man wissen: Im Mittelalter können hochseetüchtige Schiffe den Rhein nur bis Köln befahren. Hier müssen alle stromaufwärts transportierten Waren in kleinere Wasserfahrzeuge verladen werden und umgekehrt. Das seit 1259 geltende Kölner Stapelrecht verfügt nun, dass alle Güter drei Tage lang in Köln ausgestellt (»gestapelt«) werden müssen. In dieser Zeit werden sie den Bürgern der Stadt in eigenen »Stapelhäusern« zum Verkauf angeboten – eine Garantie für hohe Steuereinnahmen. Zugleich aber wird die Ware einer Qualitätskontrolle unterzogen. Man öffnet zum Beispiel alle Heringsfässer, die in großer Zahl angeliefert werden, und überprüft, ob sie den Anforderungen entsprechen. Ist das der Fall, füllt man den Inhalt in neue Behältnisse um, wobei die entsprechenden Fässer oder Kisten jetzt mit dem Kölner Stadtwappen versehen sind: den drei Kronen, die für die Heiligen Drei Könige stehen. Ein Gütesiegel, das »Kölner Qualität« in alle Welt exportiert.

Doch Köln ist nicht nur florierende Handelsmetropole, sondern neben Rom und Jerusalem auch eines der bedeutendsten Pilgerziele der Epoche. Wie die heutigen Touristen, kommen die Gläubigen von nah und fern, um vor den Reliquien der hl. Ursula oder dem Schrein der Heiligen Drei Könige zu beten, deren Gebeine 1164 nach Köln gebracht wurden. Schon seit dem 8. Jahrhundert wird die Stadt als »Sancta Colonia« bezeichnet, und Münzen mit dieser Aufschrift verbreiten die »Heiligkeit« Kölns bis in den letzten Winkel des Reiches.

Ein rheinisches Jerusalem: Kirchen, Klöster und Pilgerstätten

Diese »Heiligkeit« kommt selbst in der Stadtmauer zum Ausdruck, denn der imposante, 400 Hektar umgebende Schutzwall ist mit seinen zwölf Toren dem Vorbild des »himmlischen Jerusalem« nachempfunden. Überhaupt prägen auf engem Raum zahlreiche Gotteshäuser die Silhouette der Stadt. Außer dem seit 1248 im Bau befindlichen Dom sind vor allem die zwölf romanischen Stifts- oder Klosterkirchen von Bedeutung, die parallel zur Stadtmauer einen Halbkreis bilden. Hinzu kommen die Kirchtürme der neunzehn Pfarrbezirke. Für das Selbstbewusstsein der Kölner Bürger steht hingegen der zwischen 1407 und 1414 errichtete, 61 Meter hohe Rathausturm mit seinem reichen Figurenschmuck.

»Die Vielzahl der großen Schiffe konnte ich nicht zählen«

Ein Chronist über den Kölner Hafen im Spätmittelalter

Bürgerlicher Initiative ist auch die Gründung der Kölner Universität 1388 zu verdanken. Während die älteren Universitäten Prag (1348), Wien (1365) und Heidelberg (1386) auf kaiserliche oder fürstliche Anregung zurückgehen, etabliert sich in Köln zum ersten Mal auf deutschem Boden eine von der Stadt ins Leben gerufene und von Bürgern finanzierte Hochschule. Mit ihr verfestigt sich der Ruf der Stadt am Rhein als Zentrum hervorragender Bildung. Vorreiter auf diesem Gebiet sind jedoch die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner, die sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Köln niedergelassen haben und deren Klöster schon bald zu Stätten der Gelehrsamkeit wurden. Große Berühmtheit erlangte zum Beispiel der Dominikaner Albertus Magnus, der 1248 eine Schule gründete, in der alle damals bekannten Wissenschaften gepflegt wurden und die von Scharen internationaler Studenten frequentiert wurde.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Trotz allen Reichtums gibt es in Köln Heerscharen von armen Menschen – meist Witwen und Waisen, Kranke oder Behinderte. Es ist ein interessantes Phänomen, dass diese nicht am Rande der Gesellschaft stehen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der christlichen Gemeinschaft gelten. Die reichen Bürger der Stadt sind nämlich gerne bereit, für ihre bedürftigen Mitmenschen zu sorgen. Diese Wohltätigkeit verschafft ihnen das angenehme Gefühl, mit gutem Gewissen reich sein zu können. Schließlich heißt es in der Bibel: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« So wird es üblich, sich den »Weg ins Himmelreich« durch Spenden, Stiftungen und milde Gaben zu sichern.

Gelebte Mildtätigkeit: Ein Platz für Bedürftige in den Häusern der Reichen

Betteln gilt daher keineswegs als anstößig. Für alle, die nicht betteln wollen, gibt es ein urbanes Wohlfahrtssystem, das sowohl von den reichen Bürgern als auch von den Kirchen getragen wird. Viele wohlhabende Bürgerfamilien unterstützen einen sogenannten »Hausarmen«, bieten ihm mitunter sogar »Kost und Logis«, also neben den täglichen Speisen auch eine trockene Unterkunft, sei es unter der Treppe oder in der Dachkammer.

Für alle anderen gibt es das Heilig-Geist-Spital am Domhof, eine zentrale Einrichtung der offenen Armenpflege. Hier erhalten rund 700 Bedürftige eine regelmäßige Unterstützung in Form von Geld, Kleidung und Lebensmitteln. Ähnlich arbeiten auch die Tafeln der verschiedenen Pfarrbezirke, wo die Berechtigten aus der Nachbarschaft ihre Almosen in Empfang nehmen können.

Die Kölner Weberfamilien, die man 1371 aus der Stadt vertrieben hat, sind übrigens nicht auf milde Gaben angewiesen. So konnten die Medebruwers rechtzeitig Land vor den Stadttoren erwerben, um dort die Waidpflanze anzubauen. Die aus ihr gewonnene Farbe ist hochbegehrt, dient sie doch dem Blaufärben der typischen Kölner Stoffe. Nur wenige Jahre später sind die Medebruwers reicher als je zuvor.

LESETIPP

Carl Dietmar, Werner Jung: »Kleine illustrierte Geschichte der Stadt Köln«. Bachem 2009, € 19,95