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EIN KOLOSSALER LUFTSPRUNG


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FIDELITY - epaper ⋅ Ausgabe 64/2022 vom 07.10.2022

SPEZIAL

ALBUM-DOPPEL

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Bildquelle: FIDELITY, Ausgabe 64/2022

Colosseum: Live (rec. 1971, Bronze)

— Dieses Album war fällig. Nach drei Studioplatten, die im Vereinigten Königreich alle in die Top 25 kamen, erwartete man von Colosseum jetzt eine knackige Live-Scheibe. Denn für ihre Konzertauftritte war diese Rock-Jazz-Blues-Band ja berühmt – die Improvisation spielte bei ihr eine besonders große Rolle. Bandleader Jon Hiseman galt als Meister des Schlagzeugsolos, Dick Heckstall-Smith als ein Saxofonist mit großen Jazz-Qualitäten, der Sänger Chris Farlowe als ausgesprochenes Bühnentier. Auch Dave Greenslade (Orgel) und Clem Clempson (Gitarre) waren großartige Solisten. Zudem hatte das Who-Album Live At Leeds gerade erst bewiesen, dass ein gutes, die Konventionen sprengendes Konzertalbum die Charts stürmen kann. Man beschloss also, im Frühjahr 1971 einige Livekonzerte mitzuschneiden.

Nach dem ersten Mitschnitt (in Manchester) war die Band erst einmal mit sich unzufrieden. ...

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... Doch das lag vor allem daran, dass das Programm praktisch neu war und die Erfahrung, es zu spielen, noch ungewohnt. Beim Publikum jedenfalls spürte man keine Unzufriedenheit. Später beschlossen die Musiker von Colosseum, dass genau dieses Konzert den Großteil des Albums ausmachen sollte. Es wurde eine Doppel-LP mit sechs Stücken von durchschnittlich über elf Minuten Länge. Bis auf „Walking In The Park“, den Opener ihres Debütalbums, war keines der Stücke vorher auf einem der UK-Studioalben zu hören gewesen. Zwei Songs – „Rope Ladder To The Moon“ und „Lost Angeles“ – hatten es immerhin in kurzen Studioversionen auf das US-Album geschafft. In der Live-Fassung jedoch waren sie nun auf die etwa dreifache Länge angewachsen und besaßen einen völlig neuen, entfesselten Charakter.

Die Doppel-LP Live erschien im Juni 1971. Sie war ein Riesenerfolg und schnitt in den Charts sogar besser ab als das vorige Studioalbum der Band. Dieses grandiose Konzertdokument schien die Tür zur weiteren Karriere von Colosseum weit zu öffnen. Schon im August stellte Jon Hiseman ein paar liegengebliebene Studioaufnahmen von Colosseum zu einer Spezial-Kollektion zusammen, um die Begeisterung für die Band weiter am Köcheln zu halten. Doch völlig überraschend kippte dann alles. Farlowe und Clempson, zwei der „neuen“ Mitglieder in der Band, schienen abwandern zu wollen. Und die „alten“ Mitglieder fühlten sich nach drei Jahren fast ununterbrochener Tourneen plötzlich erschöpft. Im November 1971, auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, verkündete Jon Hiseman das Ende der Band Colosseum. Die Spezial-Kollektion (The Collectors Colosseum) wurde zum Nachschlag und Nachruf.

Bis heute ist Colosseums Doppel-LP ein Diamant der Rockgeschichte – eines der besten, eigenständigsten, explosivsten Livealben sämtlicher Genres. Das plötzliche Ende der Band wirkte angesichts dieses Albums irgendwie tragisch und erhöhte noch den Legendenstatus der Platte. Auch das eigenwillige Albumcover wurde geradewegs zur Ikone – man suchte symbolische, erklärende Bedeutungen in der hochspringenden Figur, der roten Schrift, der weißen Wand. Keith MacMillan (Künstlername: Keef ) hatte die Albumhülle gestaltet, ein damals hochgeschätzter Coverdesigner. Das Plattencover für Colosseums Valentyne Suite war seine erste Arbeit für das Label Vertigo gewesen. Er verantwortete auch Albumhüllen für Beggars Opera, Black Sabbath, David Bowie, Manfred Mann, Rod Stewart – insgesamt „mehr als 1000 Cover“, wie er behauptete. Später produzierte er Musikvideos. Doch keine Frage: Eine Band mit der Energie und Originalität von Colosseum verschwindet nie völlig. Sie bleibt im Gedächtnis, sie hinterlässt Spuren, sie glüht nach. Ein paar Jahre später gründete Bandleader Jon Hiseman die Formation Colosseum II, die zeitweise eine der besten Jazzrock-Bands Europas war. Und 23 (!) Jahre nach der Auflösung von Colosseum kam sogar die „klassische“ Besetzung von 1971 wieder zusammen und machte mehrere Alben. Zuletzt war Schlagzeuger Jon

Es gibt nicht nur Cover versionen von Songs. Das gecoverte Cover: Ist es witzige Anspielung, „Gecovert“ werden a uch Plattenhüllen. respektvolle Vere hrung, Parodie – oder hat es eine n tieferen Sinn?

Hiseman noch mit JCM unterwegs, quasi dem Rhythmus-Kerntrio von Colosseum – mit Clem Clempson (Gitarre) und Mark Clarke (Bass). Ein weiteres JCM-Album befand sich schon in der Planung, als Jon Hiseman 2018 starb. Da hatte man gerade begonnen, das Trio zur alten Colosseum-Stärke auszubauen. Und weil Clem Clempson Hisemans letzten Willen so verstand, dass man auf diesem Weg weitergehen solle, wurde 2020 tatsächlich Colosseum neu geboren. Traurigerweise ein Colosseum ohne „Mr. Colosseum“. Clem Clempson, der Gitarrist, hat nun die Zügel in der Hand. „Ich habe mich gewundert, wie viel Spaß es mir macht, die alten Colosseum-Songs wieder zu spielen. Und ich liebe das Saxofon. Manchmal bin ich es leid, in jedem Song ein Gitarrensolo spielen zu müssen – daher ist es schön, ein anderes Soloinstrument zu haben. Das nimmt ein bisschen Druck weg.“ In der neuen Colosseum-Besetzung von 2021 sind immerhin noch drei Mitglieder der 1971er Band: Clempson, Farlowe und Clarke. Für das Cover des Albums Restoration griff man natürlich auf die Platte von vor 50 Jahren zurück – das ikonische, grandiose, tragische Live-Album und das Bildmotiv der hochspringenden Figur. Natürlich war es Clem Clempson, der die Anregung fürs neue Cover gab. Seine Gitarrenriffs und Gitarrensoli sind auch mit Abstand das Stärkste auf Restoration.

Hans-Jürgen Schaal

L P -Boxen mit Gesamteinspielungen klassischer Meisterwerke gehörten in den 1970er und 1980er Jahren in jeden bildungsbürgerlichen Haushalt. Ehrfürchtig las man in den beigelegten und umfangreichen Begleitheften, die oftmals von Musikwissenschaftlern verfasst und mit zahlreichen Notenbeispielen versehen waren. Heute erleben diese LP-Boxen eine kleine Renaissance, wobei weniger der bildungsbürgerliche als der audiophile Aspekt im Vordergrund steht. So hat sich das Label TACET entschlossen, die ab 2005 über einen längeren Zeitraum erschienenen Einspielungen aller Sinfonien Beethovens mit der Polnischen Kammerphilharmonie unter Wojciech Rajski nun in einer edlen Box zusammenzufassen. Neben der äußerst energetischen Interpretation der Werke ist die Veröffentlichung unter technischen Gesichtspunkten erwähnenswert. Bei den Sinfonien 5, 7 und 9 laufen die Rückseiten der LPs (180-g-Vinyl) von innen nach außen. Was zunächst wie ein Gimmick wirkt, hat einen handfesten Grund: Da die Verzerrungen zur Platteninnenseite zunehmen, hat man sich entschlossen, die extrem dynamischen Finalsätze der besagten Sinfonien technisch dorthin zu verfrachten, wo der Beethoven’sche Orchesterfuror möglichst verzerrungsfrei erklingen kann. Vor allem den Blechattacken des formidabel aufspielenden Orchesters bekommt dieser technische Kniff mehr als gut. Selten gibt es Aufnahmen, bei denen sich künstlerische und technische Intelligenz derart gut ergänzen.

Roland Schmenner

Ludwig van Beethoven Sinfonien Nr. 1–9

Polish Chamber Philharmonic Orchestra, Wojciech Rajski Label: TACET

Format: LP-Box (auf 1000 limitiert)

Stefanovich, Dell, Lillinger, Westergaard SDLW

Label: Bastille Musique Format: CD

Im Sommer 2018 hat der Schlagzeuger Christian Lillinger hier in FIDELITY 38 bekundet, dass er seinen Platz eher bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik als in muffigen Jazzkellern sieht. Auf seinem eigenen Label PLAIST ist er auch konsequent diesen Weg gegangen, entweder indem er dort Werke von Stockhausen oder Rihm produzierte oder zusammen mit Christoph Dell und Jonas Westergaard einen ganz eigenen Ansatz zu Pierre Boulez vorlegte. Nun haben sich die drei Herrn mit Tamara Stefanovich zusammengetan, einer der profiliertesten Pianistinnen zeitgenössischer Musik. Ihren Ansatz einer „Echtzeit-Komposition“ führten sie im Herbst 2021 in der Glashalle der gerade wiedereröffneten Neuen Nationalgalerie Berlin auf – inmitten der Alexander-Calder-Ausstellung „Minimal/Maximal“. Dabei bildeten die riesigen Installationen des Heroen der kinetischen Kunst den optimalen Rahmen für dieses Konzertprojekt. Gleichzeitig hätte die Wiedereröffnung keinen besseren musikalischen Rahmen finden können. Das auf Neue Musik spezialisierte Label Bastille Musique hat jetzt eine Studioproduktion des Projekts veröffentlicht, die in hervorragender Aufnahmetechnik einen tiefen Einblick in die komplexen Strukturen der einzelnen Stücke verschafft. Fasziniert nimmt man zur Kenntnis, dass die durchstrukturierten Klanggespinste just im Moment des Einspielens entstanden sind. Eine atemberaubende Veröffentlichung!

Roland Schmenner

John Cage Chormusik

Latvian Radio Choir, Sigvards Kļava

Label: Ondine Format: CD, DL 24/96

Chormusik und John Cage mögen als ein seltsames Paar erscheinen. Und tatsächlich hat Cage streng genommen nur zwei Kompositionen für Chor geschrieben, die beide auf diesem Album zu hören sind: Hymnen und Variationen (1979) und Four2 (1990). Die anderen Werke auf dem Album sind für mehr oder weniger offene Ensembles geschrieben, die hier in Chorbesetzung interpretiert werden. Gerade die offenen „Nummern-Kompositionen“, die Cage in seinen letzten Lebensjahren komponiert hat, sind prädestiniert für chorische Aufführungen. Lang gehaltene Töne in den einzelnen Stimmen, die durch variable Zeitklammern bestimmt werden, evozieren schnell den Eindruck polyphoner Chormusik der Renaissance, nur eben in Zeitlupe aufgeführt. Die audiophile Aufnahme des Latvian Radio Choir demonstriert die sinnliche und klangschöne Seite dieser Kompositionen, die Zeit und Raum hinter sich lassen und den Hörer in unendliche Klangsphären entführen. Mitunter klingt dies für Cage ungewöhnlich sakral und harmonisch, lediglich die geschickt eingesetzten Stimmverfremdungen an einigen Stellen lassen erahnen, dass wir doch Stücke vom wohl wichtigsten Avantgardisten des 20. Jahrhunderts hören. Zweifelsohne die optimale Aufnahme, um sich auch erstmals der Musik des amerikanischen Komponisten zu nähern. Ein echter Meilenstein in der Diskografie John Cages, sowohl interpretatorisch als auch vom Repertoirewert her.

Roland Schmenner

Georg Christoph Wagenseil Triosonaten Ensemble Klingekunst

Label: cpo Format: CD, DL 16/44

Die musikalisch interessantesten Epochen sind häufig die Zwischenepochen, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Besonders erwähnenswert ist dabei die Zeit zwischen 1740 und 1780, die sich schon weit von den Schemata des Barocks gelöst hat, aber noch nicht die melodisch-harmonische Eleganz der Klassik erreicht. Wie wichtig diese Zwischenzeit aber war, zeigt Ludwig van Beethoven, der Carl Philipp Emanuel Bach, das musikalische Schwergewicht besagter 40 Jahre, immer als größtes Vorbild angegeben hat. Hier nun lauschen wir Triosonaten für Traversflöte, Violine und Basso continuo von Christoph Georg Wagenseil, der zu den berühmtesten Wiener Komponisten seiner Zeit gehörte. Die Werke sind zwar alle nach dem üblichen Sonatenschema dreisätzig (schnell/langsam/schnell) konzipiert, aber weit entfernt von unterhaltsamen Gelegenheitskompositionen. Wagenseil lotet bis in die kleinsten harmonischen Details und melodischen Wendungen die Affektwirkungen der Musik aus; mitunter gelingt ihm in den kurzen Kompositionen ein zerreißender Gefühlssturm auf kleinstem Raum. Dass die Ersteinspielung dieser Kompositionen so zu überzeugen weiß, liegt vor allem auch am Ensemble Klingekunst (Sieglinde Größinger, Dimitris Karakantas, Pavel Serbin, Maja Mijatović), das mit Originalinstrumenten vielfältige farbliche Schattierungen gestaltet und mit feinen dynamischen Abstufungen und transparentem Spiel die Hörer fesselt. Eine echte Entdeckung.

Roland Schmenner

Fernande Decruck Concertante Works Carrie Koffman, Amy McCabe, Leelanee Sterrett, Chen-Yu Huang, Jackson Symphony Orchestra, Matthew Aubin

Label: Claves

Format: CD

Sie studierte in Paris bei Marcel Dupré und zählte Olivier Messiaen zu ihren eigenen Schülern. Sie gab Orgelkonzerte in den USA, lebte rund ein Jahrzehnt lang dort, wurde Mitglied der ASCAP und unterrichtete später Harmonielehre in Toulouse. Als Komponistin verbindet Fernande Decruck (1896–1954) auf ganz eigene Weise Polytonalität mit Impressionismus, Exotik mit Neoromantik – ihre fantasievolle Orchesterbehandlung ist am ehesten mit Ravel zu vergleichen. Dieses Album versammelt gleich drei wunderbare Solistenwerke mit Orchester: die Altsaxofonsonate in Cis von 1943 (die man sonst nur mit Klavierbegleitung hört), das Poème Heroique von 1946 (ein Doppelkonzert für C-Trompete und F-Horn) und das Harfenkonzert von 1944. Alle drei Werke sind Ersteinspielungen, das Poème Heroique wurde wahrscheinlich sogar niemals zuvor aufgeführt. Den Anfang macht (zu Recht) die Sonate in Cis für Saxofon und Orchester, die in der klassischen Saxofonwelt hohes Ansehen genießt. Auch der französische Sax-Maestro Marcel Mule hatte den virtuosen dritten Satz einst im Programm. (Decrucks Ehemann Maurice war selbst Orchestersaxofonist.) Die elegante Musiksprache der Komponistin passt jedoch nicht nur zu diesem Instrument. Das Orchester aus Jackson (Michigan) brilliert, indem es paradoxerweise gerade Zurückhaltung übt. Anstatt nämlich grelle Toneffekte aufzuhäufen, verschmilzt es Decrucks pointierte Farbgebungen zu einer sanften Klanglandschaft.

Hans-Jürgen Schaal

Mit dem von ihm gegründeten Smith Quartet hat der britische Bratschist Nic Pendlebury Hunderte von neuen Werken uraufgeführt. Als die Corona-Pandemie das renommierte Ensemble ausbremste, suchte und fand er nun aber andere Ausdrucksmöglichkeiten: die elektrische Bratsche, die Transkription und das Multitracking. Den Startschuss für Pendleburys Soloalbum gab Steve Reichs minimalistischer Electric Counterpoint von 1987, im Original ein Playback-Stück für 13 elektrische Gitarrenparts. Komponist Reich zeigt sich von Pendleburys Version für 13 E-Bratschen begeistert: „Die Idee, dass das Stück mit dem Bogen gestrichen werden könnte, war mir nie gekommen.“ Im historischen Kontrast zu Reich steht eine Musik aus dem 16. Jahrhundert: Thomas Tallis’ Spem In Alium, eigentlich gedacht für fünf Chöre mit insgesamt 40 Stimmen. Weitere spannende Experimente für die multiple E-Viola bestellte Pendlebury bei seinem komponierenden Professorenkollegen John Ashton Thomas und dessen „Schüler“ Ell Kendall. Den Abschluss des Albums bildet eine (aleatorische bzw. improvisierte) Neufassung von Terry Rileys Dorian Reeds von 1964: Motivfiguren in einer konstanten Tonart (Dorisch), die per Echo-Loops einen modalen Klangraum erzeugen. Pendleburys multiple elektrische Bratsche ist ein Saitenorchester visionärer Art. Mit diesem Album durchbricht er nicht nur historische Grenzen, sondern auch klangliche Konventionen.

Hans-Jürgen Schaal

Reich, Riley, Tallis u. a. Multiple Nic Pendlebury 

Label: Orchid 

Format: CD