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Ein Kosmopolit des Barock


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.07.2019

Johann Valentin Meder zum 300. Todestag


Vor dreihundert Jahren starb Valentin Meder. Heute ist er in Aufführungen nicht mehr oft vertreten. Zu seiner Zeit aber war er eine Berühmtheit, weit über Riga hinaus, wo er nach Lehr- und Wanderjahren bis zu seinem Tod als Domkantor und Organist tätig war. Seine geistlichen Werke verdienen wieder mehr Aufmerksamkeit.

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2019

Heike Hümmer (* 1968) ist Gambistin, Violone- und Lironespielerin. Aufführung von Musik des 17. Jahrhunderts mit ihrem eigenen Ensemble „ecco la musica“, CD-Einspielungen (SWR), Forschungen und Essays zur Musik jener Zeit. – www.ecco-la-musica.de ...

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Ende Juli 1719 verstarb der Komponist, Organist und Sänger Johann Valentin Meder in Riga nach einem bewegten Leben. Ab 1700 war er in der baltischen Hansestadt als Domkantor und Organist tätig. Sein Geburtsort Wasungen liegt im fränkisch geprägten Süden Thüringens. Dort wurde Johann Valentin am 3. Mai 1649 als jüngster der fünf Söhne des Wasunger Kantors Johann Erhard Meder getauft.

Johann Mattheson schrieb bereits 1740 in seiner berühmtenGrundlage einer Ehrenpforte... in einem ausführlichen Artikel über Meder: „Wir müssen diesen braven Mann, der schier vergessen zu seyn scheinet, und dessen sonst nirgends gedacht wird, etwas näher kennen lernen.“1 Keine Einführung könnte heute in seinem 300. Todesjahr passender sein.

Der junge Meder studierte 1669/70 in Leipzig zunächst Theologie. Seine Discant-stimme [als Falsettist/Altus?], die er biß inß viertzigste Jahr unterhalten“ , wurde allerdings schon seit Kindertagen so geschätzt , „daß er die Musik, als sein Hauptwerck, [hat] nothwendig erkiesen [erwählen] müssen.“ Zudem übte sich der begabte Musiker bei dem damaligen Thomaskantor Sebastian Knüpfer (1633–1676) im Kontrapunkt. Bald erhielt er attraktive Stellenangebote als Kapellmeister aus seinem Umfeld, für die er sich selbst jedoch als zu jung empfand. Er wollte für weitere musikalische Studien erst in die weite Welt, es zog es ihn, wie später auch den jungen Johann Sebastian Bach nach Norden. 1673 berichtete Meder von der „wohlbestellten Musique“ am Bremer Dom. Danach besuchte er seinen Bruder David Bernhard, der als Organist an der Marienkirche in Kopenhagen tätig war. Im folgenden Jahr kam es zu einer prägenden Begegnung mit Dietrich Buxtehude in Lübeck. Ab 1674 finden sich die Spuren des nun fünfundzwanzig jährigen Meder dann in Reval (Tallinn). Spätestens 1679 tritt er hier nun seine erste feste Stelle als Kantor am Gymnasium an. Von 1680 bis 1686 weilte „der Francke“ erstmals in Riga. Seine dortige Zeit „wäre ruhiger und glücklicher gewesen, wenn der Krieg [Nordischer Krieg] nicht darüber eingefallen“. Die erste und einzig erhaltene der vier Opern Meders,Die beständige Argenia , erlebte hier ihre Uraufführung.

1686 wurde Johann Valentin Meder zum Nachfolger von Johann Balthasar Erben (1626–1686) in das hochangesehene und begehrte Amt des städtischen Kapellmeisters an St. Marien zu Danzig berufen. Zwei Jahre danach heiratete er Constantia Fink. Meders Danziger Jahre waren kompositorisch sehr fruchtbar. Neben geistlichen Kompositionen (Kantaten, geistlichen Konzerten, Hochzeits- und Begräbnismusiken) wandte sich der progressive Meder auch hier wieder dem jungen Genre der Oper zu, obwohl dies vom konservativen protestantischen Rat der Hansestadt misstrauisch beäugt wurde. Meder hatte „wohl in seiner Jugend unter Welschen gelebet, und ihrer Sprache sich beflissen“, in seinen jungen Jahren schon italienische Kantaten von Carissimi und Cesti kennengelernt, die ihn nachhaltig beeindruckt haben. Meders OperNero wurde 1695 in Danzig uraufgeführt.

Vier Jahre später bat er vergeblich um die Erlaubnis zur Aufführung einer weiteren Oper. Als er das Werk daraufhin anderweitig zur Aufführung anbot, kostete ihn dies endgültig die Gunst und Unterstützung des Danziger Magistrates. Nachdem Meder „12 Jahr lang das Amt des Capellmeisters [zu Danzig] mit Ruhm und Ehre bekleidet“ hatte, musste er, auch durch diesen Umstand, die Hansestadt schuldenhalber verlassen. Sein Weg führte ihn im Jahre 1700 als Domkantor nach Königsberg (Ostpreußen), noch im gleichen Jahr wechselte er in gleicher Funktion nach Riga. Hier wurde der Musiker mit „kräncklicher Leibesbeschaffenheit“ endgültig sesshaft.


Keine Erlaubnis zur Aufführung einer Oper


Das Werk

Meder selbst betrachtet die geistliche Vokalmusik als Grundlage seiner Kunst. Abgesehen von einer Oper und zwei Instrumentalstücken ist ausschließlich vokale Kirchenmusik von ihm überliefert. Viele seiner nachweisbaren Werke sind heute verschollen. Erhalten sind einige seiner Werke in der Düben-Sammlung Uppsala, in Bibliotheken zu Danzig, Berlin und Wolfenbüttel.

Matthäus-Passion in der Handschrift des Komponisten (Staatsbibliothek / Preußischer Kulturbesitz, Berlin)


Johann Valentin Meder

Die 1701 entstandenePassio secundum Matthaeum ist wohl Meders bedeutendstes erhaltenes Werk. Er überträgt hier die dramaturgische Kompositionsweise seiner Opern auf die Kirchenmusik. Die gefühlsbetonten Melodien und Texte stammen teilweise aus damals bekannten Passionschorälen. Die Besetzung ist klein, aber fein und trotzdem von bemerkenswertem Farbreichtum: Meder stellt den fünf Vokalstimmen, die als Chor und in eigenen solistischen Partien agieren, ein kleines Instrumentalensemble mit zwei Violinen und zwei Oboen (im Wechsel mit zwei Blockflöten) zur Seite, alles getragen durch das Fundament des Bassus generalis.


Die „Matthäus-Passion“: maßgeblich für die Entwicklung des „oratoryschen Stils“ im Barock


Trotz der übersichtlichen Anlage lässt die Passion mit dem dramatisch erzählten Evangelienbericht, der von violinbegleiteten Jesusworten, Turbae-Chören und kleinen Arien durchwoben ist, Johann Sebastian Bachs großes Werk schon erahnen und war maßgeblich für die Entwicklung des „oratoryschen Stils“ des Barock. Das kompakte neunzigminütige Passionsoratorium ist melodiös eingängig und zeitlos ansprechend.

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Veröffentlichung im Forum unter

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Aus Johann Valentin Meders Feder stammen außerdem ausdrucksstarke und durch musikalische Gegensätze geprägte Kantaten und geistliche Konzerte in kleinerer Vokalbesetzung mit bis zu fünf Stimmen, stets kombiniert mit einigen Obligat-instrumenten (häufig Violinen, Violen, auch Oboen und Blockflöten).


Vorliebe für „Lamenten!“


Seine Vorliebe für „Lamenten“, als musikalisches Abbild des barocken Vanitas-Gedankens, teilt Meder mit anderen Komponisten (u. a. Buxtehude, Bach) seiner Zeit. Unterstützt wird dieser Affekt durch repetierend-pulsierende, zuweilen mit „tremolo“ bezeichnete Achtelnoten unter einem Bogen, vorzugsweise auf Streichinstrumenten (vgl. die Continuostimme im Eingangschor von BachsJohannes-Passion ).


Die Viola da Gamba als Instrument, das für Vergänglichkeit steht


Notenbeispiel: J. V. Meder,Unser keiner lebt ihm selber , Gambenstimme


Zur Darstellung dieses Affektes bediente sich Meder, ebenso wie einige Jahre später Bach in der Sonatina zu seinemActus tragicus (BWV 106) des silbrig-klagenden Timbres der Viola da gamba, die in der barocken Ästhetik häufig für die Vergänglichkeit steht.


„Starcke Kirchenstücke“, auch für die Nachwelt


Johann Valentin Meder hinterließ der Nachwelt zahlreiche „starcke Kirchenstücke“, nach Meinung Matthesons stets „dem Geschmack der heutigen niedlichen Ohren schmeichelnd“. Dies gilt auch heute noch und ist der beste Grund, Meders Kompositionen aus den Archiven zu holen und zum Klingen zu bringen.