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Ein Künstler auf Montage


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 202/2022 vom 26.07.2022

KERAMIK

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 202/2022

Eine typische Montage Walter Popps aus mehrschichtig glasierten Zylindern, 1962.

Die Keramik hat es schwer. Zwar spielt die Arbeit mit dem gebrannten Ton im Werk vieler Künstlerinnen und Künstler der Nachkriegsmoderne von Lucio Fontana bis heute Leiko Ikemura eine wichtige Rolle. Und auch in der jüngeren Generation steht das formbare Material derzeit hoch im Kurs.

Dennoch wird das Schaffen von ausgebildeten Töpferinnen und Töpfern, die aufwendige Einzelstücke in ihren Werkstätten herstellen, nach wie vor oft nur dem Kunsthandwerk zugeordnet. Dabei sind die Übergänge zur »freien Kunst« fließend.

Die Documenta 15, die gerade stattfindet, ist auch ein Anlass, daran zu erinnern, dass sich die Moderne in Kassel nicht nur alle fünf Jahre auf der großen Weltkunstausstellung abspielte, sondern die Stadt einmal ein ganz besonderer Ort der tönernen Kunst war.

Bewirkt hat dies der bedeutende Keramiker und Lehrer Walter Popp (1913–1977). Er nahm eine Sonderstellung ein unter den ...

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... Ausbildern seiner Zeit, etwa Paul Dresler in Krefeld, Otto Lindig in Hamburg, Jan Bontjes van Beek in Berlin und Hamburg, Helmut Griemert in Höhr-Grenzhausen oder Walter Gebauer in Bürgel. Im Gegensatz zu ihnen hob Popp als einer der Ersten die Töpferei aus der Produktion von Gebrauchsgegenständen in den Bereich der freien Kunst. Nicht das Verhältnis von Handwerk und Industrie, von Form und Funktion stand in seinem Fokus, sondern er brachte die Keramik mit Kunst, Musik und Philosophie in Einklang.

Es lag vor allem an seiner Persönlichkeit und seinem freien Geist, dass Popp so einflussreich wurde. Hinzu kam die Atmosphäre in Kassel, dem Schauplatz und Experimentierfeld der modernen Kunst. Popp hatte keine traditionelle Ausbildung als Keramiker durchlaufen, das trug zu seinem unbefangenen Blick bei und ließ ihn zu neuen Ufern aufbrechen. Zwar stammte er aus der schlesischen Töpferstadt Bunzlau, doch entschied er sich 1933 als Zwanzigjähriger für die Fotografie. Zur Töpferei kam er nach 1945 über seine Frau Veronika, Tochter von Paul Dresler und selbst Keramikerin. Unter ihrer Anleitung erwarb sich Popp Dreh- und Glasurtechniken. In der gemeinsamen Werkstatt in Dießen am Ammersee produzierte das Ehepaar Geschirr und Vasen in Kleinserien, die es seit 1952 auf der Frankfurter Messe präsentierte. So erreichten die beiden einen breiten Abnehmerkreis, darunter den einflussreichen Keramikkenner, Händler und Sammler Jakob Wilhelm Hinder, der für Popps weiteren Lebensweg wichtig bleiben sollte.

Der entscheidende Karriereschritt für ihn war 1954 die Berufung an die Kasseler Werkakademie. Die Stadt hatte kaum eine eigenständige Töpfertradition, die Akademie schon gar nicht; Keramik wurde eher an der kunstgewerblich ausgerichteten Werkkunstschule gepflegt. Schon 1950 sollten die beiden Schulen zusammengelegt werden, was aber erst 1970 gelang. Im Gegensatz zur Werkkunstschule war die Werkakademie (ab 1960 Hochschule für Bildende Künste) auf die Ausbildung von Architekten, Malern, Bildhauern, Grafikern und Kunstlehrern ausgerichtet. Die Keramik spielte eine eher untergeordnete Rolle in der Grundlehre, sie stand aber allen Studierenden offen.

Popp machte die Werkstatt innerhalb weniger Jahre zu Westdeutschlands führendem Zentrum keramischer Kunst. Das hätte bei seiner Einstellung niemand erwartet, er selbst wohl auch nicht. Doch Kassel wurde zur Erweckung für ihn. Als er im Wintersemester 1954/55 begann, war die gesamte Werkakademie in die erste Documenta eingebunden. Sie war das große Projekt von Arnold Bode, Professor für Malerei und Popps Kollege. Als ausgebildeter Fotograf erhielt der Keramiker die Aufgabe, die eingereichten Kunstwerke aufzunehmen. Für ihn wurden die Vorbereitung, der Aufbau und die Ausstellung zu einer umfassenden Schule des Sehens, Lernens und Verstehens der modernen Kunst. Ihn faszinierten die abstrakten Werke, vor allem die der Gruppe Zen, aber auch die Skulpturen von Constantin Brâncuşi und Hans Arp. Was Popp auf der Documenta sah, sollte schon bald Eingang in seine eigene Arbeit finden. Das Erlebnis der modernen Avantgarden führte zu bahnbrechenden keramischen Experimenten, immer parallel zum Unterricht. Über die Jahre sahen die Studenten ständig neue Werke ihres Lehrers und wurden von dessen jeweils aktuellen Entwicklungsschritten beeinflusst.

Sehr schnell begann Popp, mit auffälligen Glasurgestaltungen, er bemalte seine Gefäße mit breiten Pinselwischern oder beschüttete sie farbig. Hierzu inspirierte ihn nicht nur die abstrakte Malerei, sondern auch die Töpferkunst Ostasiens, wie sie vom Briten Bernard Leach und dem Japaner Shoji Hamada propagiert wurden. Leachs »Töpferbuch« wurde auch für Popp zur Bibel. Um 1956 begann er, ein modernes Geschirr zu entwerfen, davon haben sich nur einige Stücke erhalten. Sie haben schwerere Formen, akzentuiert durch eine freie Pinselbemalung.

Aber die Produktion von Gebrauchsstücken war nicht das Ziel. Popp beschäftigte sich lieber mit bildhauerischen Fragen. Er experimentierte mit vollkommenen, in sich geschlossenen Formen wie dem Ei. Angeregt durch Brâncuşi, beschäftigte er sich 1958 intensiv mit der Kugelvase. Dabei entstanden Hohlkörper mit kleinen Öffnungen, deren Funktion als Blumengefäß nachrangig war.

Vielmehr ging es Popp um absolute Gestaltungen, um Kunstwerke.

Geschult an der modernen Skulptur, zerlegte er deren Formenvokabular wie ein Baukastensystem in Einzelteile und versuchte, daraus frei zu komponieren. Er setzte Formen mit scharfen Kanten gegeneinander, ließ die einzelnen Elemente sichtbar werden. Dabei schönte er nichts, ließ Brüche, Kanten und Ecken bewusst stehen. So entstanden zwischen 1956 und 1960 überzeugende Lösungen wie etwa die bekannten Doppelkonus- und Doppelkummenvasen. Popp signierte seine

Stücke nicht nur, sondern datierte sie ab 1956 auch wie ein bildender Künstler. Das machte damals kein anderer Keramiker.

An all dem ließ Popp die Studierenden im Unterricht teilhaben. Er förderte aber auch ihr eigenes künstlerisches Empfinden.

Gespräche über Musik, Dichtung, Kunst und Philosophie waren zentraler Bestandteil der Ausbildung. »Keramik entsteht nicht nur durch Keramik allein«, pflegte Popp zu sagen.

Die Schüler der ersten Jahre kamen an die Akademie, um Kunst zu studieren oder Kunstlehrer zu werden. Dazu gehörten neben Peter Lakotta etwa Dieter Crumbiegel, der auch Malerei studierte, sowie aus der Bildhauerei Robert Sturm, Konrad Quillmann und Hans-Georg Weber. Sie alle machten 1960/61 ihren Abschluss.

Parallel zu seiner Lehrtätigkeit präsentierte Popp seine Werke im In- und Ausland.

Sie stachen heraus und fielen auf. Es gab viel Zuspruch, aber auch Ablehnung von anderen Keramikern. Umso kritischer sah Popp dann deren Arbeiten, denen es seiner Meinung nach nur auf Schönheit, perfekte Formen und Glasuren ankam. Einen bedingungslosen Unterstützer hatte er in dem Keramikvermittler Hinder. 1960 erfolgte die erste Einzelausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Dieser Auftritt und der Vergleich mit anderen Keramikkünstlern auf Überblicksschauen oder der Triennale in Mailand setzten eine neue radikale Weiterentwicklung in Popps Schaffen in Gang. Innerhalb kürzester Zeit eroberte er sich in Auseinandersetzung mit dem russischen Konstruktivismus weitere raumgreifende Strukturen. Nicht mehr die Mittelachse blieb bestimmend, sondern freie, asymmetrische Montagen aus bewusst heterogenen Einzelteilen fügten sich seit 1962/63 zu großartigen Gebilden. Popp ging über seine bisherigen Ansätze noch einmal hinaus, zuweilen bis an die Grenzen des technisch Machbaren. Die Idee stand im Vordergrund, diese suchte er dem Material abzuringen. So manches Stück ging beim Trocknen oder Brennen kaputt, aber die Erfolge überwogen.

Rohe Übergänge waren gewollt, führten aber auch zu einer gewissen Unperfektion.

Doch das blieb zweitrangig, die Gestaltung der Ideen war wichtiger.

Popp hatte sich jetzt einen Namen gemacht. Schüler, darunter auch bereits ausgebildete Keramiker, kamen eigens zu ihm nach Kassel. In den Jahren von 1963 bis 1965 gehörten dazu Ralf Busz, Ursula Gerke, Heidi Kippenberg oder Antje Brüggemann-Breckwoldt, die alle später zu Bedeutung in der Welt der Töpferkunst gelangten. Weiterhin gab es aber auch Studierende der Malerei, der Bildhauerei und des Lehramts, die Popp für ein oder zwei Semester in die Grundlagen der Keramik einwies.

In den frühen Sechzigerjahren veränderte sich die Szene in der Bundesrepublik enorm. Die Töpferei erhielt einen ganz anderen Stellenwert und wurde als Studiokeramik zum begehrten Sammelgebiet. Anspruchsvolle Einzelstücke ersetzten die bisherigen Kleinserien, die Funktion trat in den Hintergrund. Vasen wurden zu kunstvollen Objekten, zu Skulpturen ihrer selbst.

Hinder schrieb Artikel als Anleitungen für Sammler. So entstanden kleine und größere Privatkollektionen, Schwerpunkte in Museen wurden ausgebaut und Preise ausgelobt.

Neben die bisher vorherrschende Produktion von Gefäßen trat immer stärker die Objektkeramik, die freie Gestaltung in all ihren Variationen. Außer Popp experimentierten in Deutschland vor allem Rolf Weber, Ingeborg und Bruno Asshoff sowie Beate Kuhn mit der Montage von abstrakten Formen. In den Jahren 1964/65 arbeitete Popp an größeren Skulpturen, meist 40 bis 50 Zentimeter hoch. Noch monumentalere Werke brannte er in Einzelteilen und setzte sie danach zusammen. So eine 137 Zentimeter hohe Röhrenskulptur, die sich heute als Gartenplastik im Hessischen Landesmuseum in Kassel befindet. Mindestens zwei weitere Objekte in dieser Größe realisierte Popp damals. Die Arbeiten dieser Jahre bilden den skulpturalen Höhepunkt seines Schaffens. 1966 erhielt er im Kunstverein endlich auch eine Einzelausstellung in Kassel. Sein Ruf festigte sich weiter, allerdings führte dies nicht dazu, dass er in der Hochschule aufgewertet worden wäre.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Lehrern wurde er nie zum ordentlichen Professor ernannt, was ihn sehr schmerzte.

Zwischen 1967 und 1970 betreute Popp noch eine dritte Generation von Schülern.

Reinhold Rieckmann, Wolfgang Heyne, Peter Zweifel oder James Kwame Amoah aus Ghana erlebten einen Lehrer, der sich künstlerisch schon wieder weiterentwickelte. Grafische Elemente traten verstärkt in den Fokus.

Nicht mehr der freie Farbauftrag mit dem Pinselwischer, sondern die grafische Durchgestaltung der Keramikfläche beschäftigten Popp nun. Parallel zur Keramik hatte er schon seit Längerem an zweidimensionalen Collagen aus farbigen Folien gearbeitet. Wie die Montagen aus Ton basierten sie auf der Auseinandersetzung mit Kandinsky und dem Konstruktivismus. Neben Malewitsch und Lissitzky spielten jetzt auch die holländischen Vertreter wie Mondrian und Theo van Doesburg eine entscheidende Rolle. Auf dem Papier konnte Popp die einzelnen Segmente noch leichter zu neuen Kompositionen zusammenfügen. Erhalten haben sich aus den Jahren 1963 bis 1967 um die dreißig Bilder. Diese grafischen Arbeiten kulminierten 1967 im Entwurf für ein keramisches Wandbild für die Universität in Gießen, das 1968/69 ausgeführt wurde.

Im Jahr 1968 zog die Kunsthochschule endlich aus den beengten Verhältnissen der ehemaligen Kaserne in einen Neubau an der Karlsaue. Damit ergaben sich für Popp ganz andere Arbeitsmöglichkeiten, die er gleich für die Ausführung des Gießener Wandbilds nutzen konnte. 1970 erfolgte die lang geplante Fusion mit der Werkkunstschule, und ein Jahr später wurde der ganze Kunstbereich in die neu geschaffene Gesamthochschule Kassel integriert. In diesen Jahren war Popp an großen internationalen Ausstellungen beteiligt, auch diverse Einzelpräsentationen wurden ihm gewidmet. Neben den montierten Skulpturen zeigte er weiterhin einfache Gefäße wie Schalen, Kummen oder Kugelvasen, an denen er immer festgehalten hatte: dickwandig mit strengen Formen und farblich akzentuiert. Fritz Vehring zeigte 1971 in seiner Galerie in Syke Popp und einige seiner Schüler. Wohl erstmals tauchte hier die Bezeichnung »Kasseler Schule« auf, die in der Keramikwelt zu einem festen Begriff werden sollte. Damals hatte Popp aus gesundheitlichen Gründen seine eigene Arbeit weitgehend einstellen müssen. So ist das Werk überschaubar, herausragende Stücke kommen so gut wie nie auf den Markt.

Die Lehrtätigkeit konnte Popp bis zu seinem frühen Tod 1977 immer weniger selbst ausüben, doch kamen weiterhin Studierende wegen der Keramik nach Kassel, darunter Sonngard Sänger, Reinhard Ader, Vera und Fritz Vehring oder Kozo Ikemoto aus Japan. Sie wurden nun auch von Popps ehemaligen Schülern geprägt, die Lehraufträge hatten – zum Beispiel Ralf Busz, der dann 1979 als Professor die Keramikausbildung auch übernahm. In ihren frühen Arbeiten waren alle Kasseler Schüler noch nah bei Popp und seinen Gestaltungsprinzipien.

Nach und nach gingen aber alle ihre eigenen Wege. Einige wurden Bildhauer, andere blieben der Gefäßkeramik treu. Die meisten waren vielseitig und arbeiteten in ganz unterschiedlichen Bereichen und mit verschiedenen Materialien als Maler, Bildhauer,

Kunstlehrer, Hochschuldozenten, Designer und Industriegestalter oder eben Studiokeramiker. Heterogener könnte eine »Schule« kaum sein. Aber genau das war es, was Popp mit seinem Unterricht bewirken wollte: künstlerische Persönlichkeiten so fördern, dass sie sich frei entfalten konnten.

Bei Dieter Crumbiegel, der von 1957 bis 1961 bei Popp studierte, waren die Glasuren von Beginn an stark malerisch geprägt.

Rasch kam er zu ganz anderen Lösungen als Popp. Weniger die sichtbar bleibende Montage aus Einzelelementen als vielmehr die Gesamtform mit weichen Umrissen oder kantigen Blöcken beschäftigte ihn. In den Sechzigern schuf er eigentümlich amorphe, dabei geschlossene Volumen, die schwellend aus dem Ton wuchsen. Danach entstanden konstruktiv gebaute Gerüste, fast filigrane und lichtdurchlässige Gebilde. Später wurden die Formen wieder kompakter, kantiger, aber auch schwebend und schwingend, fast wie bewegte Körper.

Wie Crumbiegel durchlief auch Robert Sturm eine kurze Episode als Kunstlehrer, bevor er freischaffender Bildhauer wurde. Er arbeitete zunächst mit Papier, Holz und Metall. Seine Vorliebe für den Ton, den er nur kurz bei Popp kennengelernt hatte, offenbarte sich erst Jahre nach dem Studium im Austausch mit Crumbiegel. Um 1968 wurde Ton für ihn zum ebenbürtigen Werkstoff. Nun konnte Sturm, auch durch Rückkoppelung mit Popp, seinen Weg selbstbewusst als keramischer Bildhauer gehen. Charakteristisch sind seine rauen, gebrochenen Formen und Körper, die Assoziationen an Köpfe und menschliche Torsi hervorrufen.

Den keramischen Arbeiten von Konrad Quillmann sieht man die bildhauerische Prägung ebenso an, selbst wenn es sich um Gefäße handelt. Die Farbgestaltung ist sehr malerisch, weniger zeichenhaft als bei Popp.

Ende der Sechziger entwarf er mehrere Vasen für KPM in Berlin, mit die schönsten modernen Formen, die in der Porzellanmanufaktur nach 1945 entstanden. Quillmanns keramische Skulpturen dieser Zeit bestehen aus großen, stehenden Faltungen oder kleinen knotenartigen Gebilden. Nach 1970 verlegte er sich auf Objekte aus Acrylglas.

Ralf Busz blieb dagegen immer dem Gefäß verbunden. Objektkeramiken stand er eher skeptisch gegenüber, ihm war die Oberfläche vorrangig. Er hatte vor der Ausbildung Geologie studiert und experimentierte zeitlebens intensiv mit der Zusammensetzung von Glasuren. Von 1979 bis 2004 bildete Busz in Kassel als Popps Nachfolger eine ganze Reihe bekannter Keramiker aus.

Eine von Popps bedeutendsten Schülerinnen ist Heidi Kippenberg. Sie beschäftigte sich früh mit der Entfremdung des Menschen von der Natur, aber auch damit, wie sich Material und Form gegenseitig bedingen. Sie wollte dem Ton nie etwas abringen, wie es bei Popp teilweise der Fall war. Ihre Ideen verwirklichte sie im Einklang mit dem Material. Zuweilen setzte sie kantige Platten gegen fließende Formen, suchte den Kontrast von glatten und strukturierten, wie gewachsen erscheinenden Oberflächen. Zugleich ging Kippenberg von industriell gefertigten Glasuren zu natürlichen Rohstoffen über, experimentierte mit Aschenglasuren und erlangte darin eine große Meisterschaft. Nach nur wenigen Ausflügen in den Bereich freier Skulpturen beschränkte sie sich ganz bewusst auf die Gefäßkeramik. Dabei stehen auf der Drehscheibe gefertigte Gefäße gleichberechtigt neben gebauten Stücken. In einem folgt Kippenberg ihrem Lehrer Popp bis heute: in der meisterlichen Nutzung der Gefäße als Bildträger. Auch sie setzt ihre Pinselwischer als Zeichen, als kompositorisches Element im Sinne der Moderne.

Wie divers Popps Schüler waren, zeigt besonders eindrücklich das Werk Reinhold Rieckmanns. Schon 1966, im ersten Jahr an der Kasseler Werkakademie, schuf er eine große Skulptur, die an Montagen des Lehrers erinnert, aber in Keramik Elemente wie Maschinenteile, Rohre oder Reifen nachbildet.

Diese Vorliebe fürs Technische prägte sein gesamtes späteres Werk. Sein Kommilitone Wolfgang Heyne kam zu ähnlichen technoiden Formen, nachdem er zunächst amorphe Steine aus Keramik übereinanderstapelte.

Nach Lehraufträgen in Kassel bildete er seit 1976 Keramiker in Lateinamerika und in der Dominikanischen Republik aus, wo er bis heute eine Werkstatt betreibt.

Für Antje Brüggemann-Breckwoldt brachte die Zeit bei Popp eine Erweckung aus den strengen Grenzen der Gefäßkeramik.

Ihre konstruktivistischen Frühwerke wandelten sich schnell zu frei gebauten Kastenvasen, bei denen sie natürlich gewachsene, fast fließende Oberflächen mit eckigen Formen kontrastierte. Von dort kam sie zu realistischen Darstellungen wie Stillleben, bei denen oft ein fließendes Tuch mit Früchten korrespondiert. Später überwog wieder ein strenger Gestaltungswille. Perspektivische Wechselspiele beleben die fast mathematisch exakten Oberflächen der Objekte, die wie aus einem Baukasten gefügt wirken. Einen wieder anderen künstlerischen Werdegang schlug Fritz Vehring ein. Wie Heyne gab er den Grundelementen seiner abstrakten Stücke eine sehr präzise Formensprache, doch wurden schon früh daraus Helme, die er mit der Zeit immer realistischer darstellte.

Der Streifzug durch das Schaffen der wichtigsten Künstlerinnen und Künstler zeigt eines: Die »Kasseler Schule« ist keine stilistische Einheit. Alle von Popps Schülern gingen ihren eigenen Weg – aber letztlich immer in seinem Sinn, denn er förderte Persönlichkeiten mit eigenständigem künstlerischen Ausdruck. Mit ihren Arbeiten und teilweise selbst als Lehrer prägten sie ihre Zeit und nachfolgende Generationen der Töpferkunst. So explodierte in den Siebzigern und Achtzigern die Objektkeramik regelrecht, auch in Kassel unter Ralf Busz.

Nach dessen Ausscheiden 2004 wurde die Professur nicht wieder besetzt. Keramik ist in Kassel kein Fach mehr, aber die Werkstatt besteht weiter: Alle Studierenden können dort arbeiten und sich weiterbilden.

Heute ist Keramik unter jüngeren Künstlerinnen und Künstlern wieder sehr beliebt und der Ton ein gleichberechtigtes Material unter vielen. Walter Popp, dem es um eine Kunst ohne Beschränkungen ging, hätte das sicher gefallen. ×

Andreas Sternweiler ist Kunsthistoriker und Kurator in Berlin. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Wirken von Walter Popp und hat eine große Sammlung deutscher Studiokeramik aufgebaut