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Ein Land wird weise


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 28.10.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 11/2021

Vom Lad zum weisen Mann: Damon Albarn

An einem klaren Herbstmorgen sitzt der ROLLING STONE im ausge bau ten Dachgeschoß des alten West londoner Werkstattgebäudes, das Damon Albarn auf mehreren Ebenen als Studio dient. Eigentlich sollten wir hier mit ihm über sein neues Soloalbum sprechen. Doch nach ein paar Anläufen, die richtigen Worte zu finden, öffnet Albarn stattdessen lieber die Fotogalerie seines iPads, um die Geschichte seiner letzten zwei Jahre in Bildern zu erzählen. Die meisten der Thumbnails zeigen einsame Winterlandschaften, andere dagegen die schwer entstellte Spitze eines Zeigefingers. „Ich hatte mir Pesto zubereitet“, erklärt Albarn, während seine Hand über den Bildschirm wischt. „Es war an Heiligabend 2020, davor hatte ich Yoga-Übungen gemacht und fühlte mich wirklich entspannt.“ Albarn tippt auf den Bildschirm, und vor unseren Augen erscheint eine von Schwellungen deformierte, verkrustete Fingerkuppe, über die sich ...

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... diagonal eine in welligen Stichen vernähte Fleischwunde zieht. Albarn entfährt ein unkontrollierter Laut: „Ahh … Oh‐oh … Das sieht nicht gut aus! Ich hatte mir also ein bisschen Past zum Abendessen machen wollen, aber statt mein frisches Pesto von der Schale weg zu kosten, steckte ich den Finger in den Mixer und drückte gleichzeitig auf den Knopf. Nicht meine besten Weihnachten.“

Die Überwindung dieser Fingerkrise – die Wunde ist mittlerweile gut vernarbt, der zersplitterte Knochen geheilt – sollte immerhin einiges zur Entstehung seines jüngsten Werks mit dem ausladenden Titel „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ beitragen.

Man bezeichnet ihn ja gern flapsig als den „Bowie seiner Generation“, tatsächlich aber ist der 53-Jährige weniger ein Chamäleon als eine musikalische Sammlernatur, die sich mit Vorliebe hinter einer Reihe parallel am Laufen gehaltener Gruppenidentitäten verschanzt. In Albarns schon über dreißig fleißige Jahre anhaltender Karriere im Musikgeschäft – von den Britpoppern Blur über die Cartoon-Band Gorillaz, diverse Opern und das Improvisationskollektiv Africa Express bis hin zum All-Star-Projekt The Good, The Bad & The Queen – wurde nur Letzteres, mit dem Tod des unersetzlichen Drummers Tony Allen vergangenes Jahr, in den Ruhestand versetzt. Es bedurfte offenbar einer Kombination aus Pandemie und einer durch seinen Haushaltsunfall erzwungenen Ruhephase, um ihn zurück zu einem Soloprojekt zu treiben, dessen Vorarbeiten eigentlich schon Ende 2019 in Island begannen.

Die Insel im hohen Norden ist Albarns zweite Heimat, seit Blur dort 1996 auf der Flucht vor der britischen Öffentlichkeit ihr kreatives Exil fanden. Doch im Unterschied zu den Horden von Hipster- Touristen, die seither kamen und gingen, hat Albarn sich an den Gletschern und Geysiren nie sattgesehen. Auf seinem neuen Album hört man als akustische Verortung das Blubbern der heißen Quellen. Auf seinem iPad wiederum findet er die passenden Bilder dazu: Unter weißem Himmel sehen wir einen großen Raben flattern, im Hintergrund nichts als graues Meer und verschneite Berge. „Sehen Sie nur, wie nah der ist!“, sagt Albarn. „Und mein Klavier steht genau dort, direkt vor dem Fenster. Stellen Sie sich vor, wie es ist, jeden Tag zu so einem Anblick aufzuwachen! Man müsste ein verdammter Idiot sein, da keine anständige Platte zu machen.“

Ein anderes Foto zeigt Albarns Klavier neben einer antiken Hammondorgel vor einem breiten Fenster, das den Ausblick auf eine pittoreske isländische Landschaft rahmt. Was darauf nicht zu sehen ist, sind die Musiker, die laut Albarn hinter seinem Rücken spielten und sich gemeinsam mi ihm von der Wildnis draußen inspirieren ließen. Bisher waren seine Solowerke vor allem in einsamen Hotelzimmern auf Tour entstanden, siehe die Doppel-EP „Democrazy“ (2003) oder die in Eigenregie skizzierten Songs auf „Everyday Robots“ (2014), die dann erst auf der Bühne mit der Backing Band The Heavy Seas so richtig zum Leben erwachten. Diesmal dagegen umgab Albarn sich von Anfang an mit einem kleinen Orchester. „Hinter mir standen Kontrabässe, Celli, Violinen, eine Bassposaune, ein Waldhorn, und wir spielten alle drauflos“, erzählt er. „Es gab keine fertigen Songs, aber ich wollte nicht die wunderbare Stimmung dieses Ortes verlieren, ich wollte das festhalten.“

Vielleicht war auch eine Portion Vorahnung dabei, denn mit dem Ende jener Sessions im März 2020 begann auch schon die Zeit des Lockdowns, in der Albarn dann die erzwungene Ruhe fand, die im kollektiven Experiment erarbeiteten Fragmente zu Sololiedern zu formen. Auf das oben erwähnte Küchenunglück Ende vergangenen Jahres folgte dann ein erneuter Rückzug in die Natur zur Heilung des verletzten Fingers, diesmal aber nicht bis nach Island, sondern in sein britisches Versteck auf dem Land: ein feuchtes altes Gemäuer im westenglischen Devon nahe der Küste, das Albarn natürlich ebenfalls als Studio nutzt. Ganz allein blieb er allerdings auch in dieser steinernen Scheune nicht. Als langjährig vertraute Verbündete stießen Ex-The- Verve-Gitarrist Simon Tong und Saxofonist bzw. Arrangeur Mike Smith hinzu und halfen ihm bei der Komplettierung eines an den Avantgarde-Gestus der Frühsiebziger erinnernden, heimelig-organischen Klangbilds. Die spärlichen Beats kommen dabei aus alten Rhythmusmaschinen, und eine Mischung aus (in der Kälte übrigens ständig verstimmten) Vintage-Keyboards, Gitarren, Holzbläsern und den isländischen Improvisationen importierter Sounds vereint sich im warmen analogen Hall zu harmonisch dicht gestrickten Clustern. Immer wieder biegt die Musik in jazzig-progressive Richtung ab, aber dann drängt sich in Stücken wie dem irreführend humorig benannten „Daft Wader“ verlässlich der melodische Instinkt des Pop-Songwriters in den Vordergrund.

Albarn, dessen stimmliches Register sonst von den volkstümlichen Home-Counties-Lautverschiebungen seiner Blur-Persona bis zur transatlantischen Schläfrigkeit seines Comic-Alter-Egos 2‐D reicht, singt dazu mit dem angenehm sonoren Duktus seiner eigentlichen Sprechstimme – mehr Kevin Ayers als Chas & Dave. Die britische Kritik hatte ihm stets angekreidet, seine vorgeblich bürgerliche Herkunft hinter geborgten Akzenten zu verbergen (tatsächlich kommt Albarn aus einem künstlerischen Boheme-Milieu; seine Mutter, Hazel, entwarf in den Sixties Bühnenbilder, sein Vater, Keith, tourte mit Soft Machine an der Côte d’Azur). Albarn sei noch nie authentisch gewesen, hieß es immer, der ewige Schauspielschüler auf der Suche nach seinem wahrhaftigen Ich. Wären seine Kritiker auch bereit, ihr althergebrachtes Urteil an seiner jüngeren Musik zu testen, „The Nearer The Fountain …“ würde diesen alten Vorwurf glatt zu Grabe tragen.

„Eine Soloplatte ist dazu da auszudrücken, wie man sich fühlt“, sagt Albarn. „Ich schreibe sie für meine Brüder und Schwestern.“ Er meint damit aber nicht bloß seine eigene Generation, sondern auch jene 20- bis 30-Jährigen, die einst als Kinder mit den Hits der Gorillaz aufwuchsen. „In der Zwischenzeit haben wir hoffentlich begriffen, dass wir tief in unserem Innersten alle gleich sind“, versteigt Albarn sich ins esoterisch Abstrakte. „Dies ist unser kurzer Moment auf Erden, und viele der dummen Ideen, die wir in jungen Jahren hatten, haben wir doch inzwischen wohl als solche erkannt. Wir sollten uns jedenfalls nicht schwierige Gespräche mit den jungen Menschen ersparen. Das ist nicht nur unsere Pflicht, sondern Teil der Natur, des ganzen Konzepts einer Spezies, die sich regeneriert.“ Es ist nicht leicht, aus Albarn herauszukriegen, auf welche „dummen Ideen“ er sich hier konkret bezieht. Sein jüngeres Ich war schließlich auch schon analytisch, kampflustig und politisch bewusster als die meisten anderen Anhänger der hedonistischen Cool Britannia der 90er-Jahre. „Ja, das bin ich noch immer ein bisschen“, sagt Albarn und zündet sich eine Ideen, die wir in entspannende Zigarette an. „Aber ich kann jetzt auch darüber lachen.

„Viele der dummen jungen Jahren hatten, haben wir doch inzwischen wohl als solche erkannt“

Selbst wenn ich sehe, dass ich mit etwas recht habe, muss ich das nicht unbedingt demonstrativ aussprechen.“

Vielleicht hat der Konflikt, vor dem Albarn hier so offensichtlich ins Kryptische flüchtet, ja auch etwas mit gewissen derzeitigen Kulturkämpfen zu tun. Bei der Recherche zu diesem Artikel fielen dem ROLLING-STONE- Autor etwa die Tweets eines jüngeren weiblichen Fans auf, der den weltgewandten, weisen Damon Albarn der Gegenwart verehrt und sich bei ihren Recherchen über seine Vergangenheit von der Entdeckung seiner jüngeren Version als Aushängeschild der damaligen Lad Culture verstört zeigte. Vor allem angesichts eines 27 Jahre alten Interviews aus dem damaligen britischen Zeitgeistmagazin „Loaded“, in dem Albarn unter anderem über seine sexuellen Abenteuer mit allzu leicht verfügbaren Frauen sprach. Dabei erklärte er sich etwa als „intellektueller Bisexueller“, aber wenn es drauf ankomme, sei „ein gutes Paar Titten unschlagbar“. Der hyper ironisch-sexistische Metahumor jener Zeit, der seine Rechtfertigung aus dem Konsens bezog, dass alle es vermeintlich besser wüssten, wirkt aus heutiger Sicht tatsächlich ziemlich befremdlich.

„Was sie verstehen muss“, erklärt Damon Albarn, der Online-Foren meidet, via ROLLING STONE seinem Fan, „ist, dass ich damals in den Neunzigern ein gut aussehender Junge war und das Leben eine andere Energie hatte. Wenn man ein Urteil über die Vergangenheit fällt, muss man die Geschichte erforschen. Und wenn man sich mein Verhalten und meine Arbeit damals innerhalb des Spektrums ansieht, gab es da nichts als Widersprüche. Ich bot nie eine einheitliche Bewertung von irgendwas an. Man könnte es auch so sehen, dass ich den Sexismus oder den Nationalismus damals kommentierte. Alles, was ich sagen kann, ist: Ich war jung.“

Aber nicht dumm.

„Nicht dumm, nein. Aber das ist interessant. Ich denke, sie (der Fan) muss ein bisschen mehr über diese Zeit lesen, um sie zu verstehen. So geht das mit der Geschichte, und ob Sie es wollen oder nicht, mein Freund, wir sind jetzt Teil der Geschichte.“

Albarn versinkt wieder in sein iPad. „So war das Wetter da unten“, kommentiert er ein Bild von am Strand brechenden Sturmwellen, gefolgt von einem Selfie der Musiker, die sich vor nackten

Steinmauern zwischen Vintage-Keyboards und Verstärkern kuscheln. „Sehen Sie, wie viele Heizkörper da herumstehen? Es war wirklich furchtbar kalt! Wir brannten alle Sicherungen durch, trugen Dufflecoats und fingerlose Handschuhe, es dampfte aus unseren Mündern.“

Die winterliche Stimmung, die diese Bilder von den letzten Sessions in Devon mit jenen von Island vereint, spiegelt sich auch im Sound des Albums wider. „Wir mögen doch alle diese bestimme Farbe, dieses Blau. Mercury Revs Alben haben das auch!“, sagt Albarn begeistert. „Es ist eine blaue Platte.“ Die Wortfetzen, die sich nach und nach aus der Klanglandschaft von „The Nearer The Fountain …“ erheben, klingen allerdings auch ziemlich dunkel. „At the end of the world, stay by my side“, singt Albarn in „Royal Morning Blue“. In „The Cormorant“ wiederum fragt er sich, ob er „auf dieser Insel gefangen“ sei (ist es Island oder England?). Er habe versucht, hinaus bis zur Boje zu schwimmen, aber die Strömung sei zu stark. Und nun denkt er zurück an die Zeit „when we were happy on this beach/ We played with our children.“ So klingt die Melancholie eines Mannes mittleren Alters, der mit dem Erwachsenwerden seines Nachwuchses konfrontiert ist (Albarns Tochter Missy ist 21) und sich dabei noch nicht einmal selbst erwachsen fühlt: „A pathetic intruder into the abyss“, ein erbärmlicher Eindringling in den Abgrund der Sterblichkeit.

Überhaupt spielt die Vergänglichkeit eine große Rolle auf Albarns Album. Sein Eröffnungssong entpuppt sich als Vertonung von „Love And Memory“, einem Gedicht des romantischen Dichters John Clare zur Erinnerung an einen jung Verstorbenen: „The dark journey that leaves no returning, ’Tis fruitless to mourn thee.“ In der dritten Strophe des Gedichts findet sich schließlich die von Albarn zu Titelsong und Refrain erwählte Metapher: „Je näher die Quelle, desto reiner fließt der Strom.“ Ein leicht dekodierbares, wehmütiges Sinnbild für die verlorene Jugend. Vielleicht ja auch für Damon Albarns eigene.