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Ein Land, zwei Lager. Und Menschen dazwischen


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 188/2020 vom 13.02.2020

Jonathan Coe ist ein präziser beobachter gesellschaftlicher entwicklungen. mit „middle england” meistert er die herkulesaufgabe, den „brexit” literarisch zu erklären, bravourös.


Ach, Britannien, Du machst es Deinen Freunden schwer. Und Deinen Wortschmiedinnen und -schmieden ebenfalls. Denn wer kann Dich noch verstehen, da Du beschlossen hast, mit Deinen Freunden zu brechen? „Brexit” nennst Du das, und wir alle rätseln, was zum Teufel das soll. „Kein Mensch mit mehr als einer Hirnzelle hat für Brexit gestimmt”, ließ sich ein anonymer Spitzenbeamter zitieren. Und der US-amerikanische Medientycoon Michael ...

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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 188/2020

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... Bloomberg, seines Zeichens auch Ex- Bürgermeister von New York, gab Anfang 2017 zu Protokoll, der Brexit sei die „dümmste Entscheidung, die ein Volk in Friedenszeiten getroffen” habe. Allerdings, so ergänzte er, wurde dann Ende 2016 in den USA Donald Trump gewählt … Der Brexit-Entscheid und seine Folgen haben bereits eine ganze Reihe britischer Autorinnen und Autoren beschäftigt: So versuchte sich Ian McEwan mit der Groteske „Die Kakerlake”; Sam Byers mit „Schönes neues England” und John Lanchester mit „Die Mauer” lieferten makabre Dystopien ab. Alle drei verabschiedeten sich für ihre Romane von der Jetztzeit und den Realitäten des Alltags – vielleicht, weil die Aufarbeitung der alltäglichen Dinge, die das Votum beeinflusst haben, eine Herkulesaufgabe darstellt.

Genau dieser Herkulesaufgabe hat sich Jonathan Coe mit seinem Roman „Middle England” gestellt, und er hat sie mehr als nur befriedigend erledigt. Das überrascht, sind doch Romane, die aktuelle politische Begebenheiten aufgreifen, in aller Regel zum Scheitern verurteilt: Zu komplex sind zumeist die Sachverhalte, zu viel Hintergrundwissen um Personen und Themen müssen den Lesern entweder abverlangt oder mühsam erläutert werden, was der Erzählung selten guttut.

Coe umschifft diese Klippen gekonnt, indem er uns auf eine kleine Zeitreise mitnimmt, zurück in den April des Jahres 2010. Es läuft gerade der Wahlkampf, der das Ende von 13 Jahren Labour-Regierung besiegelte und zur Amtsübernahme des konservativen Premierministers David Cameron führte.

Camerons Regierung zeichnete sich in den Folgejahren vor allem durch drei Elemente aus: einen rigiden Sparkurs, der den Menschen im Land die Kosten für die staatliche Bankenhilfe im Nachgang der Finanzkrise aufbürdete, eine stark rassistisch geprägte Innenpolitik der damals zuständigen Ministerin Teresa May, die ausdrücklich eine „feindliche Umgebung” für Immigranten schaffen wollte – und das Versprechen eines Brexit-Referendums.

Im Laufe der Erzählung scheinen immer wieder die Folgen dieser Politik auf: ob Gesundheitssystem oder Polizei, Bildung oder soziale Unterstützung, überall wurde der Rotstift angesetzt.

Die Budgets der Kommunen wurden um fast 50 Prozent gekürzt, was zur Schließung von Bibliotheken und Jugendzentren und zur Streichung von Sozialarbeit führte. Ein Ergebnis: Großbritannien erlebte seit 2010 einen dramatischen Anstieg von Banden-, Drogen- und Gewaltkriminalität, während gleichzeitig mehr als 20.000 Stellen bei der Polizei gestrichen wurden.

Jonathan Coe, 1961 in Birmingham geboren und seit vielen Jahren in London lebend, hat sich schon in der Vergangenheit als präziser Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Verwerfungen im Königreich gezeigt. Auch die wachsende Entfremdung der Menschen von der Mainstream- Politik hat er immer wieder thematisiert, und auch das britische Fremdeln mit Europa spielte beispielsweise in seinem komödiantischen Roman „Expo 58” (2013) eine Hauptrolle: Bei der Weltausstellung 1958 in Brüssel zeigte sich das Königreich als extrem rückwärtsgewandt und so gar nicht gerüstet für eine Zukunft ohne die vertrauten Strukturen des Empire.

Coe selbst ist überzeugter „Remainer”, aber er vermeidet es, in „Middle England” gegen die „Leavers” zu agitieren, ohne eine artifizielle Ausgewogenheit anzustreben. Da gibt es halt den Milchbauern, der davon träumt, künftig nach China exportieren zu können und den Schweinezüchter, der nicht mehr an die Regeln des EU-Binnenmarkts gebunden sein will. Die Figur des Ian, ein überzeugter Brexiter, wird sogar zu einer der sympathischsten Personen, mit seinem bodenständigen Patriotismus, seiner Höflichkeit und seiner genervten Toleranz gegenüber den hyperliberalen Argumenten seiner Sophie. Zu einem echten Gespräch reicht es bei beiden allerdings nicht mehr.

TATSÄCHLICH, SAGT Coe, ist es die seit dem Referendum entstandene Sprachlosigkeit der beiden Lager, die ihn bedrückt.

Dies sei absurd und schockierend, schließlich sei man doch gemeinsam auf einer relativ kleinen Insel zusammengepfercht.

In der Vergangenheit waren die Briten ja auch berühmt für ihre Toleranz gegenüber abweichenden Auffassungen – das ist, zumindest in der Brexit-Debatte, Vergangenheit. Diese gesellschaftliche Sprachlosigkeit, die er ganz wesentlich durch das Versagen der Politik ausgelöst und bestärkt sieht, befällt denn auch die verschiedenen Charaktere in seinem Roman.

„MIDDLE ENGLAND” ist der letzte Teil einer Romantrilogie, die mit „The Rotters Club” im Jahr 2001 begann und mit „The Closed Circle” im Jahr 2004 fortgesetzt wurde. Darin werden die Lebenswege einer Gruppe von Freunden, die in den 1970er Jahren gemeinsam in Birmingham die Schule besuchten, nachverfolgt, jeweils mit Spiegelung der politischen Entwicklungen im Land zu verschiedenen Zeiten. Viele der handelnden Personen in „Middle England” sind 18 Jahre nach dem ersten Roman immer noch dabei, aber die Kenntnis der Geschehnisse in den Vorgängerromanen wird an keiner Stelle vorausgesetzt.

Nehmen wir als Beispiel drei der Hauptpersonen: Benjamin Trotter, ein frustrierter Literat, ist vom zurückhaltenden Schüler des ersten Romans über den enttäuschten Ehemann im zweiten zum halbwegs in sich ruhenden 50-Jährigen gereift, der noch vor dem Platzen der Immobilienblase sein kleines Londoner Apartment höchst lukrativ verkauft hat und nun ein großes Anwesen mit Windmühle auf dem Land bewohnt. Dort arbeitet er an einem überdimensionierten Romanprojekt – er kann sich das leisten, weil der Geldregen aus dem Wohnungsverkauf ihm auf einige Jahre die finanziellen Sorgen genommen hat. Am Ende wird Benjamins Roman tatsächlich verlegt – allerdings anders als geplant. Die oben bereits erwähnte Sophie, Benjamins Nichte, ist zur engagierten Dozentin gereift, die zur eigenen Überraschung mit dem biederen Ian ihr Glück gefunden hat, das aber im Lauf der Erzählung Kratzer bekommt. Und da ist immer noch Doug, ein erfolgreicher linker Zeitungskolumnist, der das Leben mit seiner dem Adel entstammenden Ehefrau zunehmend unerträglich findet.

Einer der Vorzüge der Romane Coes ist seine Experimentierfreude, die bisweilen an Flann O’Brien erinnert. Diese formalen Versuche sind allerdings subtil und stehen im Dienst der Erzählung selbst: Besonders seine gekonnte Schnitttechnik, mit der er zwischen Personen und Erzählpfaden wechselt, ohne dabei den Fluss der Handlung zu beeinträchtigen, ist wirklich bemerkenswert.

Ist Jonathan Coes „Middle England” der „ultimative” Brexit- Roman? Sicher nicht, die Sache ist ja auch längst noch nicht ausgestanden. Aber ganz sicher ist dies der beste und anrührendste Roman, der sich bisher dieses Themas angenommen hat.

Jonathan Coe, 1961 in Birmingham geboren, studierte in Cambridge und Warwick. Er lebt in London und zählt zu den wichtigsten lebenden, zeitgenössischen britischen Autoren. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Für „Middle England” wurde er mit dem Costa Book Award 2019 und dem Preis des Europäischen Buches 2019 ausgezeichnet.
Middle England Übers. v. Cathrine Hornung, Dieter Fuchs, Folio, 480 S.


foto: caroline irby