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Ein Leben für die Schimpansen


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 43/2021 vom 22.10.2021

NATUR

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 43/2021

RETTERIN Jane Goodall mit Waise Wounda in der Tchimpounga-Schutzstation

Es ist ein kühler, feuchter Morgen, der die Geschichte der Menschheit ändern wird. Eine zarte blonde Frau kriecht auf allen vieren durch das Gebüsch einen dicht bewachsenen Hang hinauf. Jane Goodall will noch im Dunkeln auf den Bergkamm klettern. Von dort hat sie einen guten Blick auf das Tal im Gombe-Strom- Reservat im Westen Tansanias. Sie will Schimpansen beobachten, unsere haarigen Brüder. Wie immer hat sie nur ihren Bleistift, einen Notizblock und ein Fernglas dabei. Wie immer trägt sie Kleidung in Buschfarbe, eine kurze Hose und ein Hemd. „Ich wollte unsichtbar sein, ein Teil der Natur“, sagt Dr. Jane Goodall (87).

Schimpansen bauen Werkzeuge

Sie erinnert sich noch genau, wie sie damals in 40 Meter Entfernung eine dunkle Gestalt erblickt. Zuerst sieht sie von ihr nur einen Rücken und eine haarige Hand. Diese Hand stochert mit einem Grashalm in einem Termitenhügel, zieht den Halm behutsam ...

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... heraus und leckt ihn ab. Der Schimpanse benutzt den Grashalm als Angel. Ein einfaches, taugliches Werkzeug. Ein paar Tage später: Derselbe Schimpanse, den sie wegen seiner grauen Stoppeln am Kinn „David Greybeard“ getauft hat, geht wieder auf Termitenjagd. Er knickt einen Ast von einem Baum, reißt die Blätter ab und stochert damit nach Insekten. Goodalls Erkenntnis: Frei lebende Schimpansen benutzen nicht nur Werkzeuge, sondern stellen sie auch selbst her. Bis zu jenem Oktober 1960 nahm man an, die Affen hätten sich den Gebrauch solcher smittel bei uns abgeschaut, weil man nur an Menschen gewöhnte Tiere beobachtet hatte. Die Nachricht war eine Sensation! Goodall und Forscher nach ihr haben eine ganze Palette von Werkzeugen entdeckt: Schimpansen nutzen Äste als Angeln, Brechstangen oder Speere, fangen mit geknickten Blättern Wasser auf und knacken mit speziell ausgesuchten Steinen Nüsse.

Bis zu dieser Entdeckung hatte sich der Mensch als einziger „Werkzeugmacher“ gesehen. Nun war Homo faber, der schaffende Mensch, nicht mehr allein. „Damit war die deutliche Trennlinie zwischen Mensch und Schimpanse verwischt“, erklärt Goodall. Ihr Auftraggeber war damals der berühmte Anthropologe Louis Leakey. Er hatte die belesene, aber unstudierte Mittzwanzigerin zu den Schimpansen nach Gombe geschickt. Leakey sah ihren unverbrauchten Blick als Vorteil an. Ein genialer Schachzug. Alle paar Monate erstaunte die blonde Frau im Dschungel die Welt. Sie revolutionierte die Wissenschaft: Sie beobachtete David Greybeard, wie er auf einem Baum ein junges Buschschwein fraß. Bis dahin hielt man Schimpansen für Vegetarier. Mittlerweile ist auch ihre ausgefeilte Jagdtaktik erforscht. Schimpansen jagen in Gruppen mit verteilten Rollen.

»Wenn der Mensch eine Seele hat, dann auch die Schimpansen.«

DR. JANE GOODALL

Natürlich konnte sich Goodall nicht einfach mitten in die wilde Horde setzen. In den ersten Wochen suchte sie mit einem Führer nach Früchte tragenden Bäumen, zog sich in drückender Hitze an schlüpfrigen Hängen hoch. Nur alle paar Tage traf sie auf Schimpansen, die sofort Reißaus nahmen. Sie kletterte auf Bäume, in denen die Affen ihre Schlafnester aus Zweigen gebaut hatten. Nur um ein Haar entkam sie dabei einer tödlichen Wasserkobra. Eines Nachts brach ein Leopard neben ihr durch das Gebüsch. „Selbstverständlich hatte ich auch Angst“, bekennt Jane Goodall. „Aber es gab für mich eine Aufgabe, und ich wusste einfach, dass mir nichts passieren würde.“

Nach einem Jahr kam der große Vertrauensbeweis: David Greybeard verlor seine Scheu, gab ihr sogar sanft die Hand. Eine beruhigende Geste. Sie durfte ihm folgen. Für Goodall „ein wundervoller Moment“. Der weise, sanfte Greybeard wurde ihr Türöffner, die anderen folgten ihm. Fast 30 Jahre verbrachte sie in Gombe und gründete das Jane Goodall Institute, das sich für Erforschung und Schutz von Primaten und für Umweltschutz allgemein einsetzt.

1990 entdeckte sie auf einem Markt in Zaire ein Schimpansenbaby in einem erbärmlichen Zustand. Fortan engagierte sie sich auch für verwaiste Schimpansen. Die erwachsenen Tiere werden wegen ihres Fleischs getötet, Babys auf dem Schwarzmarkt verkauft. 1992 gründete Goodall in der Republik Kongo das Tchimpounga Chimpanzee Rehabilitation Centre, eine der ersten Auffangstationen für elternlose Schimpansen und zweite Heimat für inzwischen über 160 Tiere. Die Mitarbeiter haben auf nahe gelegenen Flussinseln Reservate eingerichtet, wo die Primaten fast wie in freier Wildbahn leben – aber sicher sind vor Wilderern. Als die Schimpansin Wounda auf so eine Flussinsel umgesiedelt wird, schlingt sie ihre Arme zum Abschied um Jane Goodall. Eine innige Geste und nur einer von vielen bewegenden Momenten in einer sehenswerten Doku (siehe TV- Tipp) über das Projekt. Auch nach Jahren der Trennung erkennen die Schimpansen Jane Goodall wieder, „weil die soziale Kultur der Schimpansen der unseren sehr ähnelt“. Besonders beeindruckt hat sie die knubbelnasige Flo, die Übermama.

»Von Gombes Schimpansen habe ich viel über das Mutterseingelernt.«

DR. JANE GOODALL

„Flo war eine wunderbare Mutter, die ihre Kinder unterstützt hat, ohne zu bevormunden“, so Goodall, deren Sohn in Afrika aufwuchs. „Bei Flo und später ihrer Tochter Fifi habe ich viel über das Muttersein gelernt.“ Bei Regen beschirmte sie sie mit ihrem Körper. Sie machte geduldig vor, wie man Termiten angelt. Als Flo mit stattlichen 43 Jahren starb, überlebt ihr achtjähriger Sohn sie nur um drei Wochen. Er starb aus Trauer über den Verlust. Goodall: „Ihre Gefühle sind den unseren so ähnlich.“

Wir müssen endlich handeln

Bis heute bildet ihre bahnbrechende Arbeit das Gerüst der modernen Primatenforschung. Goodall sah immer mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Haben Schimpansen auch eine Seele? „Wenn wir Menschen eine haben, dann auch Schimpansen.“ Seit Jahren schrumpfen die Populationen in freier Wildbahn dramatisch: „Was sollen unsere Nachfahren denken, wenn wir unsere engsten Verwandten aussterben lassen?“ Was die UN-Friedensbotschafterin antreibt, ist Hoffnung: „Wir wissen, wie wichtig die Rettung der Regenwälder ist, schon wegen des Klimawandels. Wir können es in Ordnung bringen – wir müssen es nur tun.“

DAGO WEYCHARDT

EINSATZ IM HERZEN AFRIKAS Fast 30 Jahre forschte Goodall in Tansania. Im Kongo gründete sie eine Schutzstation für Schimpansen. Am häufigsten ist der Ostafrikanische Schimpanse mit 181.000 bis 256.000 Tieren. Das Verbreitungsgebiet der vier Unterarten ist stark zerstückelt