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Ein Leben mit zwei Lieben


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 10.10.2018

Mitten im Leben stirbt plötzlich der Partner. Und trotz aller Trauer findet man irgendwann wieder einen neuen Menschen, den man liebt, mit dem man zusammen sein möchte. Eine Beziehung mit Herausforderungen


Die Wohnung sieht aus, wie viele Wohnungen von jungen Paaren aussehen: Holzgerahmte Bilder an der Wand erzählen von den i-Tüpfelchen des gemeinsamen Lebens: der Safari in Afrika, dem Rucksacktrip in Laos, dem Wanderurlaub in Südtirol. Zwei Zahnbürsten schmiegen sich im Badezimmer aneinander. Laufschuhe vor der Tür, Reiseführer hinter dem Schreibtisch und eine Armada von Gewürzdöschen in der Küche ...

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 11/2018

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... verraten gemeinsame Leidenschaften. Zufriedene 60 Quadratmeter, die zwei Mittdreißiger ihr Zuhause nennen: Johanna Beck und Martin Schreiner. Wenig verrät hier, dass ihre Beziehung besondere Vorzeichen hat. Nur wer genau hinsieht, wird fündig. Da ist die Engelkerze ganz links auf dem Bücherregal. Das Sterbebild, von dem ein viel zu junger Mann auf das Sofa blickt. Das Foto eines innigen Paares neben dem Bett, das Johanna zeigt, aber nicht Martin.


Der Tod trennt das Paar physisch. Aber die Beziehung bleibt erhalten – über Erinnerungen, über Träume


Trennung wider Willen

Ein Irrtum. Denn auch wenn es einige Parallelen gibt, warnen Trauerforscher und Berater davor, die Situation von Geschiedenen und Verwitweten gleichzusetzen. „In beiden Fällen geht es darum: Wo ist mein Platz? Wie gehen wir mit Erinnerungen um?“, sagt Erik Trewendt. Der Erziehungswissenschaftler und systemische Familientherapeut aus Mannheim hat selbst vor sieben Jahren seine Frau verloren und lebt heute in einer neuen Beziehung. „Der große Unterschied ist aber, dass es keinen Grund zur Trennung gab – außer dem Tod.“

Meist geht dem Ende einer Liebesbeziehung eine Phase der Ablösung voraus. Mindestens einer von beiden hat sich von der gemeinsamen Zukunft verabschiedet. Die Partner können Kontakt aufnehmen, miteinander ringen und Wege suchen. „Das ermöglicht eine Vergewisserung, dass es richtig war, sich zu trennen, oder eine versöhnliche Freundschaft“, schreibt die Verhaltenswissenschaftlerin und Leiterin des Trauer-Instituts Deutschland, Chris Paul, in ihrem BuchKeine Angst vor fremden Tränen! . „Wenn die Trennung nicht durch Entschluss, sondern durch das Sterben eines Partners herbeigeführt wurde, ist vieles anders.“ Es gab keine Ablösung, keine Gründe, keinen Entschluss. Niemand wollte gehen. Während der Abschied bei Geschiedenen vor allem auf emotionaler Ebene stattfindet, „trennt der Fakt des Todes ein Paar nur physisch“, stellt die Sozialwissenschaftlerin Shoshana Grinwald fest. Die Beziehung aber bleibe erhalten: über Erinnerungen, Gespräche, Träume oder das Gefühl eines unsichtbaren Begleiters.

Entsprechend haben empirische Studien belegt, dass Trauernde den Verlust des Partners besser bewältigen, wenn ihnen dieser Kontakt weiter zugestanden wird. War lange Zeit „loslassen“ das Credo der Therapeuten und Berater, ist „verbunden bleiben“ nun das Ziel. Die äußere Abwesenheit des geliebten Menschen zu realisieren und zu akzeptieren und gleichzeitig im Inneren eine neue Beziehung zu ihm zu finden – das bedeutet Trauerarbeit heute. Doch auch wenn die Liebe in einer veränderten Form weitergelebt wird, fehlt trotzdem ein Gegenüber im täglichen Leben. So stehen die tiefe Verbundenheit zu dem Verstorbenen und der Wunsch nach einer neuen Beziehung gerade bei jungen Betroffenen oft nebeneinander. Sie sehnen sich nach Unterstützung, Stabilität und Bestätigung. Nach körperlicher Intimität oder einer Zukunft als Familie.

Doch schon bei der Suche nach einem potenziellen Jemand tauchen Hürden auf: Was bin ich überhaupt, wenn ich nicht verheiratet war und doch meinen Lebensgefährten verloren habe? Bin ich Single, selbst wenn ich mich nicht so fühle? Welchen Beziehungsstatus gebe ich in meinem Profil bei der Partnerbörse an? Interessiert sich noch jemand für mich, wenn da „verwitwet“ steht? Auch die ersten Treffen laufen anders, wenn einer viel im Rucksack hat. „Ich wusste nicht, wie ich Martin von meiner Geschichte erzählen sollte und wann der beste Zeitpunkt dafür sein würde“, sagt Johanna Beck. „Ich wollte ihn nicht überfahren und hatte Angst, ihn zu verschrecken. Gleichzeitig war die Trauer noch so präsent, dass ich sie gar nicht hätte verheimlichen können.“

Sie entschließt sich zur Flucht nach vorne: Beim zweiten Rendezvous erfährt Martin von Tobi, seiner Krankheit und seinem Tod. Martin reagiert souverän, ist interessiert, ohne vor Mitleid zu zerfließen. Dennoch: „Für mich war die Situation ziemlich skurril“, erzählt er. „Am Anfang war nicht greifbar, was das jetzt heißt. Für mich, für uns, für sie. Die Situation war neu und fremd, aber auch spannend.“ „Und anstrengend“, ergänzt Johanna. Mit der wachsenden Nähe begann für sie eine Zeit der Ambivalenz. Denn: „Sich neu zu verlieben ist nicht so, als würde man vom Trauerweg einfach auf den Partnerschaftsweg abbiegen“, schreibt Chris Paul inIch lebe mit meiner Trauer . „Die Trauer geht mit in die Verliebtheit und macht sie komplizierter. Man öffnet sich für einen neuen Menschen und lernt, ihn immer näher an sich heranzulassen, und gleichzeitig ringt man mit den Erinnerungen, Gefühlen und Einordnungen, die den verstorbenen Partner betreffen.“

Seine Witwe, ihr Witwer

Zu diesem Zwiespalt der Gefühle, der Gleichzeitigkeit von aufgeregter Verliebtheit und verzweifeltem Schmerz, kommen Schuldgefühle: Wer überlebt hat, der darf nicht glücklich sein. Treue über den Tod hinaus ist oft der eigene Anspruch – und der des Umfeldes. „Viele Trauernde ringen deshalb mit einem Loyalitätskonflikt“, sagt Roland Kachler, Psychotherapeut, Trauerbegleiter und Paartherapeut aus Remseck. „Sie haben das Gefühl, den Verstorbenen und die gemeinsame Liebe zu verraten, wenn sie sich auf einen neuen Menschen einlassen.“ Und der einzige Mensch, der sie von diesem Dilemma befreien könnte, ist nicht mehr da. Roland Kachler rät seinen Klienten, trotzdem den Austausch zu suchen. Er leitet eine imaginierte Begegnung an, bei der der Trauernde an einem selbstgewählten Ort in der eigenen Vorstellung alle offenen Fragen stellen kann. Auch solche nach der zweiten Liebe: „Wer mit dem verstorbenen Partner auf der inneren Bühne in einen Dialog tritt, erlebt häufig Zustimmung zur neuen Beziehung“, sagt Kachler.

Chris Paul macht den Hinterbliebenen außerdem bewusst: Liebe ist weniger ein Gut als eine Fähigkeit. „Die neue Liebe nimmt der alten nichts weg. Es gibt nicht nur 500 Pfund Liebe, die ich irgendwie aufteilen muss.“ Das ist auch dem Freundeskreis und der Familie oft nicht bewusst. Sie sprechen von dem Betroffenen als „ihrem Witwer“ oder „seiner Witwe“ und implizieren damit einen Besitzanspruch des Verstorbenen. In einer qualitativen Studie mit 12 Paaren hat Andrew Brimhall entsprechend festgestellt, dass einigen Trauernden Ablehnung entgegenschlägt, wenn sie ihren neuen Partner vorstellen.

„Von vielen Seiten können Vorwürfe kommen: Wie kannst du ihn oder sie schon vergessen? Da wirken sehr alte Konventionen, die vor allem Frauen treffen“, sagt Chris Paul. „Doch es gibt auch den umgekehrten Fall: den sozialen Druck, endlich loszulassen und sich neu zu binden. Man will den Hinterbliebenen emotional versorgt sehen.“ Vor allem jüngere Betroffene werden mit dieser Haltung konfrontiert. Ein Umfeld, das noch kaum Erfahrungen mit Tod und Trauer hat, unterbreitet ihnen Floskeln wie „Du hast das Leben ja noch vor dir“ oder „Du bist doch noch so jung“.

Sich gegen diese Vorstellungen zu behaupten fällt Verwitweten oft schwer. Denn mit dem Partner verschwindet auch das Selbstwertgefühl. Vor allem Frauen erleben den Verlust als Makel und sich selbst als bedürftig. Schließlich leiden unter der Trauer viele Faktoren, die das Ego sonst streicheln. Die Konzentration in der Arbeit lässt nach, das Gewicht geht durch die Decke und die Energie für Hobbys fehlt. Kommt der Tod zur Sprache, suchen Kollegen das Weite, Freunde wechseln das Thema. „Die Hinterbliebenen bekommen gespiegelt: Trauer nervt“, sagt Roland Kachler. „Außerdem ist mit dem Verlust selbst eine wichtige Säule der Selbstbestätigung weggebrochen: Die Beziehung als Sinn gebender Bestandteil des Lebens fehlt.“

Auch deshalb bringen Trauernde eine große Verletzlichkeit mit in die neue Beziehung. „Sie haben erlebt, dass Krankheiten und Unglücksfälle jeden Plan für ein gemeinsames Leben zerstören können“, sagt Chris Paul. „Das Urvertrauen ist massiv erschüttert. Es bleiben ein tiefsitzendes Misstrauen und eine große Angst.“ Nach einer Erfahrung, die an den Grundfesten der eigenen Existenz gerüttelt hat, versuchen Betroffene, sich vor neuen Schmerzen zu schützen. Einerseits bewahren sie sich eine große Autonomie – brauchen manche Erinnerungen und Gefühle doch einen Raum außerhalb der Beziehung. Andererseits sehnen sie sich nach Nähe und Geborgenheit – mussten sie sich doch als Einzelkämpfer durch eine der schwersten Episoden ihres Lebens schlagen. Widersprüchliche Bedürfnisse, die in der Partnerschaft gemeinsam austariert werden wollen.

Boxkampf mit einem Phantom

Mit ihren vielen Herausforderungen hat die neue Liebe einen schweren Stand: Der Kontrast zur Vergangenheit ist groß. Denn gleichzeitig idealisieren Verwitwete ihren verstorbenen Partner und die gemeinsame Beziehung gerne, wie Andrew Brimhall in seiner qualitativen Studie feststellen konnte. Das Gute wird betont, das Schlechte übersehen. „Die Erinnerungen verblassen und können täuschen“, sagt auch Erik Trewendt. „Dann ist ein Mythos im Raum, an den die Gegenwart nie heranreichen kann.“ Die neue Beziehung fühlt sich an wie ein ewiger Kompromiss. Der Verstorbene ist alles, was die Sehnsucht will. Auf ihn kann sich das verwundete Herz bequem berufen: Mit ihr war es immer … Wir waren viel … Er hätte niemals …

Der neue Partner muss deshalb gegen ein Phantom in den Ring steigen – und darf nicht mal zuschlagen. So hat Andrew Brimhall in seiner Studie auch gezeigt, dass sich die neuen Partner oft mit dem Verstorbenen vergleichen. Sie konkurrieren mit einem unsichtbaren Heiligen und sind unsicher, ob sie genügen – auch wenn sich Trauernde oft „in schützendes Schweigen hüllen“, wie Brimhall schreibt. Ihrer eigenen Attraktivität können sich „die Neuen“ nicht vergewissern. Nie werden sie in der Stadt zufällig der Glatze des Exmannes begegnen. Nie werden sie erleben, wie die Exfreundin einen selbstverliebten Redeschwall über ihr Publikum ergießt. „Es braucht deshalb ein gesundes Selbstbewusstsein, um jemanden zu lieben, der trauert“, sagt Chris Paul. Auch, damit der Verlustschmerz des Verwitweten nicht die eigenen Zweifel füttert. „Es ist eine gefährliche Falle, zu glauben: Würde ich sie glücklich machen, wäre sie nicht traurig“, sagt Paul. „Der Partner muss aushalten, dass er die Verzweiflung nicht lindern kann. Und dass etwas fehlt, was nur der Verstorbene geben könnte.“

Nicht an der eigenen Ohnmacht ersticken – das hat auch Martin Schreiner versucht. „Die Hilflosigkeit war anfangs schwer zu ertragen. Zu sehen, wie Johanna leidet, und nichts tun zu können, außer sie in den Arm zu nehmen.“ Gemeinsam haben sie aufgedröselt, was ihr hilft, wenn die Trauer sie zu verschlucken droht. „Ich wusste dann ganz klar, dass ich nichts Hilfreiches sagen muss und kann. Dass es ihr aber guttut, wenn ich einfach da bin“, erzählt er. „Johanna hat zum Glück sehr offen über ihre Gedanken gesprochen und mich daran teilhaben lassen, was in ihr passiert.“


Der Verstorbene bekommt ein Zimmer. Und das Zimmer eine Tür


Im Hier und Jetzt geliebt werden

Studien zeigen, dass beide Partner darunter leiden, wenn es an dieser Offenheit krankt. Kommunikation ist essenziell, das erlebt Roland Kachler bei seinen Klienten immer wieder: „Nur wenn der Trauernde einen Einblick in den Prozess gibt, können eine intensive Begegnung und ein enges Vertrauensverhältnis entstehen.“ Der neue Partner wiederum müsse dem Verstorbenen mit Respekt und Interesse begegnen. „Er sollte verstehen und akzeptieren, dass es noch jemanden gibt, der wichtig ist. Gleichzeitig hat er das Recht, ganz im Hier und Jetzt geliebt zu werden.“ Der Verstorbene brauche also Platz in der Beziehung, aber einen begrenzten.

Chris Paul nutzt dafür das Bild eines Lebenshauses, das groß genug ist für alle wichtigen Menschen. Der Verstorbene bekommt dort ein Zimmer und das Zimmer eine Tür. „Der Trauernde kann ihn jederzeit besuchen. Aber der Verstorbene geistert nicht einfach im Haus herum.“

Die Selbstverständlichkeit des Glücks

Es sei wichtig, dass es in dem Leben des neuen Paares auch trauerfreie Räume gebe. Denn: „Trauer ist nur eine Facette. Sie muss akzeptiert werden als fester, bleibender Teil. Aber man darf die Beziehung nicht darauf reduzieren.“ Der Partner sei schließlich kein Trauerbegleiter und auch kein Traumatherapeut. Auch müsse beiden Seiten klar sein, dass nicht alle Probleme auf den Verlust zurückzuführen sind. „Eine sexuelle Störung ist auch mit einem Verwitweten eine sexuelle Störung und ein Kommunikationsproblem ein Kommunikationsproblem.“

Beziehungen, meint Trauerbegleiterin Paul, sind nie nur Honigschlecken. Wenn Verwitwete Angst davor haben, dass sich ihr Leben mit dem neuen Partner für immer wie ein schlechter Plan B anfühlen wird, erwidert die Trauerbegleiterin: „Stimmt, es wird nie mehr, wie es einmal war. Es wird anders gut und anders schlecht.“

Beide Lieben unterscheiden sich – das erlebt auch Johanna Beck. Der Tod von Tobi und die Trauer um seinen Verlust haben sie verändert. So wie sie heute anders ist, ist es auch ihre Beziehung mit Martin. „Ich brauche mehr Freiräume als früher, dafür war ich noch nie so entspannt. Und ich bin wahnsinnig dankbar für alles, was ich mit Martin erleben darf. Das Leben und das Glück haben ihre Selbstverständlichkeit verloren“, sagt Johanna. Auch davon erzählen die Bilder an der Wand, wenn man nur genau genug hinsieht.
PH

ZUM WEITERLESEN

Chris Paul: Ich lebe mit meiner Trauer. Random House, München 2017 Roland Kachler: Meine Trauer geht – und du bleibst. Kreuz, Freiburg 2009


ILLUSTRATIONEN: MARCO WAGNER