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Ein Literaturerfolg findet den Weg auf die Musicalbühne »Der Hase mit den Bernsteinaugen« uraufgeführt in Linz


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.05.2019
Artikelbild für den Artikel "Ein Literaturerfolg findet den Weg auf die Musicalbühne »Der Hase mit den Bernsteinaugen« uraufgeführt in Linz" aus der Ausgabe 3/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 3/2019

Edmund de Waal (Christof Messner, r.) beobachtet seine Verwandten aus der Ferne (v.l.): Elisabeth von Ephrussi (Anaïs Lueken), ihr Vater Viktor von Ephrussi (Riccardo Greco) und Junger Iggie von Ephrussi (Gernot Romic) müssen sich trennen


Edmund de Waal (Christof Messner) mit einer Netsuke


Am Schauspielhaus des Linzer Landestheaters fand die Uraufführung von »Der Hase mit den Bernsteinaugen« mit Musik von Thomas Zaufke und Buch sowie Liedtexten von Henry Mason statt. Mason hat das Stück auch inszeniert, das auf einem internationalen Bestseller von Edmund de Waal basiert, welcher bei der Uraufführung ...

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... anwesend war.

Bei Edmund de Waals 2010 veröffentlichtem Roman »The Hare with the Amber Eyes: a Hidden Inheritance« handelt es sich um die Familiengeschichte des Autors. Er entstammt der jüdischen Wiener Familie von Ephrussi, die während des Zweiten Weltkriegs Österreich verlassen musste. Als Leitmotiv dient eine Sammlung von kostbaren japanischen Schnitzfiguren aus Elfenbein, die man Netsuke nennt und die als Gegengewicht an einem japanischen Kleidungsstück dienen. Sie gehörten der Familie von de Waals Großmutter, Elisabeth von Ephrussi. Das Stück beginnt in London, wo Edmund de Waal (Christof Messner) gemeinsam mit seiner Frau Sue (Anaïs Lueken) und ihren drei Kindern lebt. Eines Tages kommt eine unerwartete, große Lieferung an. Darin befinden sich 264 Netsuke, die de Waal von seinem kürzlich verstorbenen Großonkel Iggie von Ephrussi geerbt hat. Von hier an beginnt ein neues Abenteuer für ihn. Er beschließt, sich auf die Spuren seiner Familie zu begeben und diese in Form eines Romans zu dokumentieren. Musikalisch wird diese Szene mit der Nummer ›Familie/Geschichte‹, die zwar sehr gut als Eröffnungsnummer funktio-niert, aber leider viel zu lang ist, untermalt. In den folgenden Szenen wird immer wieder mit Gegenwart und Vergangenheit gespielt. Bei den Szenen, die nicht in der Gegenwart spielen, sieht man Edmund de Waal als Beobachter, teilweise mit seinem Großonkel Iggie (William Mason), oder aber wie in einer anderen Szene mit seiner Großmutter Elisabeth (Anaïs Lueken), wobei hier beide Ebenen (Gegenwart und Vergangenheit) aufeinandertreffen – ein sehr berührender Moment. In anderen Fällen fungiert de Waal als Erzähler, um diese komplexe Geschichte genauer zu erläutern.

Die erste Station bringt uns nach Odessa. Dort begegnen wir Charles Joachim »Großpapi« von Ephrussi (Carsten Lepper), welcher sich im Lauf des 19. Jahrhunderts einen Namen im Getreidehandel gemacht hat, und Viktor von Ephrussi (Riccardo Greco), die das Geschäft nach Europa importieren. Die Familie von Ephrussi wird in kürzester Zeit die einflussreichste Bankiers-Familie Europas. Die nächste Station führt nach Paris. Hier stehen die Brüder Jules und Ignace als Erben des Von-Ephrussi-Imperiums. Währenddessen genießt Charles das Leben mit seiner Louise Cahen d‘Anvers (Hanna Kastner), mit der er gemeinsam Kunstwerke sammelt: darunter auch 264 japanische Netsuke. In Wien beginnt die Geschichte, spannender zu werden, und hier verstehen wir auch Edmund de Waals Verwandtschaft mit der Von-Ephrussi-Familie, begegnen Edmunds Urgroßvater Viktor von Ephrussi. Er ist mit Emmy (Myrthes Monteiro) verheiratet und hat drei Kinder: Elisabeth (Edmunds Großmutter), Gisela (Angela Waidmann) und Iggie (Gernot Romic), von dessen älterer Version wird Edmund später die Netsuke-Sammlung erben! Die wertvolle Netsuke-Sammlung erhalten Viktor und Emmy als Weihnachtsgeschenk von Charles aus Paris. Der Erste Weltkrieg naht und bringt nur Schwierigkeiten: Während Viktor einen Großteil seines Vermögens verliert, träumt Elisabeth von einem Studium und Iggie zeigt kein großes Interesse an den Familiengeschäften, sondern strebt eine Karriere in der Modewelt an. Nach dem Krieg bringt Emmy einen Sohn namens Rudolf zur Welt. Elisabeth studiert Jura und Iggie zieht nach Paris. Unter den Nazis sind die von Ephrussi – genauso wie alle anderen jüdischen Familien – in Wien nicht mehr sicher.

Der zweite Akt beginnt mit Viktor und Emmy, die gemeinsam mit Sohn Rudolf im Palais Ephrusssi zurückgeblieben sind. Ihr gesamtes Leben wurde von den Nazis zerstört: Viktor und Rudolf werden von der Gestapo vorübergehend festgenommen. Emmy und Viktor gelingt es, dank Tochter Elisabeth, die ein Gut in der damaligen Tschechoslowakei besitzt, aufs Land zu fliehen. Währenddessen erhält Sohn Rudolf ein Visum für die USA. Das Palais Ephrussi steht quasi leer und wird von den Engländern als Quartier benutzt. 1946 kehrt Elisabeth in ihr einstiges Heim, das Haus der Familie, zurück und findet die Zofe Anna vor, welche über all die Jahre dortgeblieben ist. Diese übergibt ihr die Netsuke Sammlung, die sie vor den Nazis versteckt hat.

In Tunbridge Wells, wo Elisabeth inzwischen lebt, trifft sie nach vielen Jahren auch ihren Bruder Iggie wieder. Er ist inzwischen groß im Getreidehandel und möchte mit seinem Partner Jiro nach Japan auswandern. Elisabeth beschließt, ihrem Bruder die Netsuke zu überlassen. Aus diesem Grund gelangt die Sammlung Jahre später von Japan nach London zu Edmund de Waal. Das Buch ist fertig geschrieben und es wird zurück in die Gegenwart geschwenkt: Edmund de Waal kehrt zu seiner Familie zurück.

Diese dreistündige Produktion von »Der Hase mit den Bernsteinaugen« bringt viel Schönes mit sich, wie beispielsweise mit Christof Messner einen fantastischen Darsteller für die Rolle des Edmund de Waal. Er begeistert mit vielen Facetten auf schauspielerischer Ebene und zeigt sich dabei sehr authentisch. Des Weiteren ist Anaïs Lueken gleich in zwei Rollen zu sehen: einerseits als Edmunds Ehefrau Sue, wobei sie in dieser Rolle vor allem mit ihrer grandiosen Stimme punktet, und andererseits als seine Großmutter Elisabeth, hier glänzt sie vor allem im Schauspiel. Gernot Romic begeistert als Junger Iggie vor allem stimmlich. Besonders berührend ist die Szene, wo er mit seinem Partner Jiro (Wei-Ken Liao) tanzt und dann auf einmal der Alte Iggie erscheint, den Autor William Mason selbst nicht nur sehr authentisch verkörpert, sondern auch ausdrucksstark singt.

Henry Mason ist es durchaus gelungen, diesen aufwendigen Stoff auf die Bühne zu bringen. Man kann der komplizierten Handlung sehr gut folgen (und das ist bei diesem Stoff wirklich eine Herausforderung). Das Geschehen auf der Bühne läuft teilweise sehr schnell ab, mit vielen Szenenwechseln. Das Bühnenbild bleibt meistens unverändert. Bestehend aus mehreren weißen Kästen, wirkt es etwas nackt. Wären da nicht großartige Projektionen von Valentin Huber, würde man nicht mehr wissen, wo die Handlung gerade stattfindet. Auf einer Leinwand wird immer der Ort des jeweiligen Geschehens projiziert, um dem Zuschauer das Verfolgen zu erleichtern. Dennoch wirkt es, besonders am Anfang, ein wenig verwirrend, bis man das Konzept versteht, aber insgesamt ist das hier eine schöne, gut funktionierende Produktion.

Thomas Zaufke hat für dieses Stück schöne, eingängige Musik komponiert. Es sind teilweise Revue-Elemente dabei, wo man sich eher große dramatische Balladen vorstellen kann. Die Musik erinnert dadurch großteils an ein Familienmusical, aber am wichtigsten: Sie funktioniert wunderbar mit dem Libretto von Henry Mason. Es ist nur schade, dass auch die musikalischen Szenen so schnell wechseln.

Die Choreographien stammen von Francesc Abós, der für dieses hohe Szenentempo schwungvolle, teils revueartige Choreographien geschaffen hat.

Diese Uraufführung von »Der Hase mit den Bernsteinaugen« ist auf jeden Fall einen Besuch nach Linz wert, auch wenn drei Stunden wirklich lange sind, aber offensichtlich sind sie auch notwendig, um diese spannende Familiengeschichte zu erzählen.

Fotos (3): Reinhard Winkler


Abb. unten von oben links:
1. Edmund de Waal (Christof Messner, l.) mit seinem Großonkel Iggie von Ephrussi (Klaus Brantzen, r.), von dem er die Netsuke-Sammlung erbt
2. Zwei von Ephrussi mit großen Ambitionen: Viktor (Riccardo Greco) und Charles (Carsten Lepper)
3. Sehr sympathisch: der junge Iggie von Ephrussi (Gernot Romic) und seine Schwester Elisabeth (Anaïs Lueken)


Fotos(2): Reinhard Winkler