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Ein menschlicher Mensch


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MAGNIFICAT - Das Stundenbuch - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 01.12.2021

Dass der Text der 150 Psalmen mit 15 Miniaturen zum Leben Jesu illuminiert wurde, ist zunächst nicht naheliegend. Dahinter steht aber die christliche Tradition, die Psalmen auf Christus hin zu deuten und sie in seinem Heilshandeln erfüllt zu sehen. Die Szene der Taufe Jesu ist auf unserem Titelbild wie bei einer byzantinischen Ikone auf Goldgrund dargestellt. Ein in abwechselnden Farben gestaltetes Knickband füllt den gemalten Rahmen.

Christus in menschlicher Gestalt

Die zentrale Bildachse wird von der unbekleideten Figur Jesu beherrscht. Seine Füße (s. Innenkarte) sind in leichter Schrittstellung gezeigt und der rechte Fuß überschneidet den Rahmen unten. Dadurch und durch die anstößige Nacktheit (auch wenn das Geschlecht nicht zu sehen ist) wird gezeigt, wie sehr der Sohn Gottes im Menschsein angekommen ist: mit der Erde verbunden ist er ein menschlicher Mensch. Dabei wird seine Gottheit aber nicht versteckt. Der Goldnimbus mit dem eingeschriebenen Kreuz scheint sich im Goldgrund über den oberen Teil der Miniatur auszubreiten und verströmt göttliches Licht. Der Täufling hat die rechte Hand zum Segen erhoben (nach Lk 3, 21 betete er während der Taufe) und taucht die Linke in den grünen Wellenberg, der ihn vom Bauch abwärts mit einem netzartigen Muster umgibt.

Auf der linken Seite türmt sich eine waghalsige Felsformation auf, deren Spitze Johannes der Täufer aufwärts schreitend einnimmt. Sein Obergewand ist blau und rot gezeigt, doch darunter kommt das „Gewand aus Kamelhaaren“ (Mt 3, 4) hervor, das ihn als Asketen in der Wüste charakterisiert. Der goldene Nimbus weist ihn als Heiligen aus. Mit der linken Handfläche zeigt er auf Jesus hin, die Rechte berührt mit zwei Fingern des-  sen Kopf in der Nähe des Scheitels. Es ist aber kein Wasser zu sehen, denn die Taufe wird nicht als Handlung des Täufers, sondern als trinitarisches Geschehen aufgefasst.

In der Mitte die Dreifaltigkeit

Denn auch die anderen beiden Personen der Dreifaltigkeit sind in der mittleren Bildachse zu sehen, wenn sie auch durch die symbolische Abkürzung nicht dasselbe Bildgewicht erhalten. Über dem Haupt Jesu ist die Taube des Heiligen Geistes wie im Sturzflug zu sehen. Diese Symbolik leitet sich von der Tauferzählung in den synoptischen Evangelien ab: „der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab“ (Lk 3, 21). Der Vater wird im Evangelientext in Gestalt einer Stimme aus dem Himmel eingeführt: „… und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Lk 3, 21). Da es nicht ohne Weiteres möglich war, eine Stimme in der Malerei darzustellen (man könnte nur das, was die Stimme sagt, in einem Schriftband niederschreiben, aber dann wäre es Schrift, nicht gesprochenes Wort, von Stimme getragen), griff der Maler zur Darstellung des Vaters auf den geöffneten Himmel zu Beginn der Taufszene zurück. Er malte nämlich ein gewelltes blaues Wolkenband, das von der oberen Miniaturkante herabzutropfen scheint und den Rahmen überschneidet. In seinem Inneren aber ist eine ebenfalls gewellte orange-leuchtende Zunge zu sehen, die sozusagen das Innere des Himmels meint und Gott in seiner Liebe abbildet. In späteren Zeiten scheute die christliche Kunst auch nicht davor zurück, den Vater in menschlicher Gestalt darzustellen (vgl. MAGNIFICAT, Dezember 2021).

Vater, Heiliger Geist und Christus bilden die Mitte dieser Miniatur und werden von den beiden Figuren in Menschengestalt umrahmt und damit in ihrer Bedeutung hervorgehoben.

Engel als Diener

Gegenüber dem Täufer steht ein Engel auf einem Felsplateau, dem unten eine ähnlich gestaltete Stufe vorgelagert ist. Die seltsame Form der Felsen zeigt, warum diese Stilstufe der Romanik im Vorfeld der Gotik „Zackenstil“ heißt. Der Engel ist ebenfalls in blau-rote Gewänder gehüllt und den Kopf umgibt ein Nimbus (der hier aber vor den Flügeln besser zur Geltung kommt als bei Johannes). So wirkt er wie eine Spiegelung des Täufers, beide rahmen gemeinsam die göttliche Erscheinung in drei Personen. Die den Rahmen überschneidenden Flügel mit roten und weißen Federn zeigen ebenso wie beim Wolkensaum in der Mitte die Herkunft des Engels „von oben“ an. Der Engel aber hält dem Täufling seine grünen Kleider hin, um ihn zu bedecken oder abzutrocknen. Hiermit wird erneut die irdische (grün), menschliche Natur Jesu unterstrichen. Der Engel aber wird zum Diener, wie kurz danach am Ende der Versuchungsszene beschrieben: „… und siehe, es kamen Engel und dienten ihm“ (Mt 4, 11).

Die Erzählung der Taufe Jesu markiert den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Bevor Jesus in Gottes Vollmacht spricht und handelt, bekennt sich der Vater zu ihm und nennt ihn „mein geliebter Sohn“. Es ist eine Bestätigung der messianischen Sendung Jesu, er wird als „Christus“ (Gesalbter) proklamiert. In den frühen christologischen Auseinandersetzungen ist diese Szene teilweise missinterpretiert worden als eine Form von Adoption: Jesus, der Mensch, wird von Gott als Sohn angenommen und erst jetzt mit göttlicher Vollmacht ausgestattet. Dementsprechend folgen auch manche frühen Darstellungen der Taufe Jesu dieser heterodoxen theologischen Spur, indem sie die menschliche Seite Jesu betonen und seine Nacktheit sehr drastisch darstellen (vgl. z. B. das Kuppelmosaik im Baptisterium der Arianer in Ravenna, um 500). Hier im 13. Jahrhundert ist das aber sicherlich nicht mehr der Fall. Nachdem in der Romanik sehr stark die göttliche Natur Jesu, seine könig- liche Würde und seine wundertätige Macht zum Ausdruck gebracht wurden, bereitet sich nun schon die gotische Betonung der menschlichen Natur vor. Es geht darum zu zeigen, dass der Sohn Gottes als Mensch unter Menschen gelebt hat, dass er wie jedes Kind Windeln gebraucht hat und dass er unter seinem Gewand nackt war. Vor allem aber ging es darum, das Leiden des Gottessohnes zu zeigen, um Gottes Nähe und Zuwendung zu uns Menschen spürbar zu machen, gerade da wo wir leiden müssen und uns gottfern fühlen.

Heinz Detlef Stäps

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