Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Ein Modell für die Alpen?


Logo von Bergsteiger - Das Tourenmagazin
Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 12.08.2022

Andermatt: Interview

Artikelbild für den Artikel "Ein Modell für die Alpen?" aus der Ausgabe 9/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Während des Interviews via Internet frühstückt Samih Sawiris. Man könnte das als kleinen Affront betrachten, nimmt aber schnell wieder davon Abstand. Denn der milliardenschwere Investor nimmt sich Zeit für das Gespräch, hört genau zu und antwortet frank und frei auf alle Fragen. Für ihn ist das Projekt »Andermatt Reuss« insofern Neuland, als er seine touristischen Großprojekte bislang nur im Nahen Osten umgesetzt hatte. Nun also die Schweiz, ausgerechnet die Schweiz.

BERGSTEIGER: Herr Sawiris, wie sind Sie auf Andermatt gekommen?

SAMIH SAWIRIS: Ich war vom Schweizer Verteidigungsministerium als Berater eingeladen, um ein paar Ideen zu geben, was man alles auf dem früheren Armeegelände in Andermatt machen könnte.

Wie kam man dann ausgerechnet auf Sie als Berater?

Der Schweizer Botschafter in Ägypten kannte meinen Urlaubsort El Gouna am Roten Meer gut. Als er nach Bern zurückging, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2022 von Schätze heben. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schätze heben
Titelbild der Ausgabe 9/2022 von Alpine Wildnis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alpine Wildnis
Titelbild der Ausgabe 9/2022 von Paul-Preuss-Preis 2022 für Thomas Huber. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Paul-Preuss-Preis 2022 für Thomas Huber
Titelbild der Ausgabe 9/2022 von 4. Bergsteiger Wandertag. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
4. Bergsteiger Wandertag
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Der Milliarden-Coup
Vorheriger Artikel
Der Milliarden-Coup
Die besten Touren dieses Heftes
Nächster Artikel
Die besten Touren dieses Heftes
Mehr Lesetipps

... wechselte er zum Verteidigungsministerium. Auf seiner To-Do-Liste stand Andermatt ziemlich weit oben. Die Armee zog aus, das Dorf brauchte eine neue Perspektive. Er dachte sich, vielleicht kann uns dieser Ägypter helfen. Der hatte ja in der Wüste eine Stadt aus dem Nichts geschaffen ... So wurde ich eingeladen.

Nun ist die Gotthard-Region als kontinentale Wasserscheide gewissermaßen das Gegenteil von Wüste …

Ich fand es auch sehr witzig, dass die Schweizer Armee ausgerechnet jemanden aus Afrika zu Hilfe holt, um neue Ideen für Andermatt zu finden. Mich machte das schon ein wenig stolz, und ich sah das Potenzial sofort. Ich hatte ja schon 15 Jahre Erfahrung mit der Entwicklung von Ferienorten, nicht nur in Ägypten. So brachte ich meine Vorstellungen zu Papier. Die Projektidee war der Armee aber zu groß. Sie fragten mich, ob ich es machen wolle. Ich sagte natürlich: Ja!

Was macht Sie denn so sicher, dass Ihre Investition von mehreren Milliarden Schweizer Franken in ein ehemaliges Armeeareal gut angelegt ist?

Ob es Sand und Sonne oder Schnee und Sonne sind, die die Leute dort hinbringen, ist im Prinzip egal. Es ist dasselbe Geschäftsmodell: Urlaub verbringen an einem schönen Ort.

» Ob Sand und Sonne oder Schnee und Sonne, ist im Prinzip egal. Es ist dasselbe Geschäftsmodell: Urlaub verbringen an einem schönen Ort.«

Die Baubestimmungen und -auflagen in der Schweiz sind vermutlich schärfer als in Ägypten, oder?

Sagen wir so: Der Umgang mit den Behörden in der Schweiz war neu für mich, alles geht etwas langsamer. Dafür aber viel organisierter. Man weiß immer, wo man steht. Man lernt schnell, damit umzugehen. Die Herausforderung war dennoch groß: In Europa in ein großes Projekt zu investieren und nicht im Nahen Osten.

Klar war für mich von Anfang an: Andermatt hat extrem viel Potential. Das sah ich sofort.

An was genau machen Sie das fest?

Andermatt ist äußerst gut erreichbar: Die Strecke von Zürich ist kurz, alles Autobahn und direkte Züge. Von Mailand her ebenfalls.

Von zwei großen Flughäfen aus ist man in anderthalb Stunden auf den Ski. Das gibt es nicht überall in den Alpen. Das Dorf ist zudem wegen der Armee intakt geblieben. Es gibt so gut wie keine Bausünden aus den 60er- und 70er-Jahren, wie man sie in anderen Alpenorten findet. Damals durfte praktisch alles gemacht werden.

Andermatt hat dagegen bis heute seinen Charme bewahrt…

… und zieht deshalb Erholungssuchende an?

Die Menschen suchen die frische Luft in den Bergen, sie suchen Alternativen zu Städtereisen. Sie kommen hierher zum Skifahren, zum Golfen, vor allem aber, um das Leben zu genießen. Sie wollen in einem schönen Hotel wohnen oder in ihrem Appartement, sie wollen gut essen, sich gut unterhalten, ein wenig einkaufen.

Sie wollten keine Winterdestination aus Andermatt machen?

Es war für mich von Anfang an sehr wichtig, dass Andermatt kein Resort wird, das zwei, drei Monate im Jahr regelrecht überrannt wird und den Rest des Jahres zur Geisterstadt mutiert. Wenn das passieren würde, wäre ich gescheitert.

Ganzjähriger Tourismus ist eine ziemliche Herausforderung.

Ja, aber wir machen das. Und es hat sehr lange gedauert, bis ich das hier durchgeboxt habe. Nun haben wir ein Ganzjahresprogramm auf die Beine gestellt. Dadurch haben wir viele Angestellte, die hier auch leben und ihre Familien nach Andermatt gebracht haben. Das Leben ist nach Andermatt zurückgekehrt.

Auch Andermatt wird von der Klimakrise nicht verschont.

Die Temperaturen steigen und dadurch wird sich die Wintersaison verkürzen. Haben sie den Klimawandel in Ihr Investment mit eingerechnet?

Mir war von vorneherein klar, dass wir hier nicht nur auf Skifahren setzen dürfen, sondern sehr viele Aktivitäten angeboten werden müssen. Wir haben zum Beispiel eine Konzerthalle gebaut, die internationalen Standards entspricht. Wir hatten die Berliner Philharmoniker zur Eröffnung da und Maestro Barenboim in unserer ersten Saison. Das führt dazu, dass auch außerhalb der Skisaison Leute gerne nach Andermatt kommen.

Die Umweltauflagen sind in der Schweiz recht hoch, nicht nur die Anforderungen an ökologisches Bauen. Für den Golfplatz wurde beispielsweise ein Monitoring zum Thema Vogelaufkommen verlangt. War das für Sie als außereuropäischer Investor eine neue Erfahrung?

Ich musste schon recht früh miterleben, wie das Meer in meiner Kindheits-Lieblingsstadt Alexandria derart verseucht war, dass wir darin nicht einmal schwimmen konnten. Später habe ich mitbekommen, wie illegale Fischer die Riffe am Roten Meer beschädigt haben. Daraus habe ich gelernt, dass wir mit der Umwelt vorsichtig umgehen müssen. Sonst bleibt uns nichts mehr und unseren Kindern sowieso nichts. El Gouna wurde vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen für seine ökologische Nachhaltigkeit mit dem Global Green Award ausgezeichnet.

Was haben Sie konkret gemacht?

Wir waren die Ersten in Ägypten, die das Abwasser aufgefangen und wieder aufbereitet haben. Wir haben den Müll gesammelt und nach Wertstoffen sortiert. 95 Prozent des Mülls verwerten wir inzwischen weiter. Übrigens habe ich vor 30 Jahren zusam- men mit einem Schweizer die erste NGO gegründet, um die Riffe am Roten Meer besser zu schützen. Vor allem das unkontrollierte Auswerfen der Anker von Tauchbooten war ein großes Problem.

Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen bei der strukturellen Entwicklung von Orten und Regionen: Bottom-up, also aus der Bevölkerung entspringend, oder durch Investoren wie Sie, die von außen kommen und Großprojekte finanzieren. Kann etwas Aufgesetztes auf Dauer funktionieren?

Es gibt verschiedene Wege, die nach Rom führen. Ich bin überzeugt, dass man den Andermatter Weg auch auf viele verlassene Orte der Alpen anwenden kann. Es braucht aber Erfahrung. Denn nur Häuser sanieren und Straßen reparieren, wird nicht reichen. So läuft das nicht.

Sondern?

Mein Beruf ist wie der eines Dirigenten. Der muss erst einmal entscheiden, wie viele Pauken er braucht, wie viele Streicher, Blasmusiker usw. Dann muss er sicherstellen, dass alle harmonieren, damit Musik daraus entsteht. Wenn jeder alleine spielt, gibt es Kakophonie. Genauso ist das bei Entwicklungen von Dörfern.

Zitat aus einer Magazin-Reportage: »Der Ort ist das RB Leipzig unter den Skiresorts.« Kompliment oder Beleidigung?

Weder noch. Es lässt mich kalt, was andere glauben oder denken.

Am Anfang hat man mich überall ausgelacht, auch beim Start von El Gouna. Mein Vater betrachtete dieses Projekt zunächst als Witz. Er meinte, ich wolle nur mein Wochenende am Roten Meer verlängern – das Projekt sei also nichts anderes als eine Ausrede.

Es dauerte vier bis fünf Jahre, bis er einsah, dass El Gouna Hand und Fuß hat. Es ist nichts Neues für mich, wenn anfangs viele Leute kritisch eingestellt sind. Oft steckt einfach nur Unkenntnis dahinter, wie so ein Projekt funktioniert.

2005 hat »Andermatt Reuss«, wie Ihr Feriendorf heißt, seinen Anfang genommen. Sind Sie zwischenzeitlich mal ins Zweifeln gekommen, ob die Schweiz der richtige Partner ist?

Nein nie. Die Probleme, die wir in den letzten 17 Jahren hatten, waren nicht durch den Standort Schweiz bedingt, sondern international. Die große Finanzkrise war auch eine globale Immobilien-Krise, die hat uns extrem wehgetan. Corona hatte auch negative Auswirkungen aufs Geschäft. Frustriert war ich wegen Andermatt Reuss jedenfalls nie. Man muss einfach Geduld haben.

Geduld im Sinne: Warten, bis der Break Even kommt?

Es ist jedenfalls kein Geschäft, in das man schnell Geld reinsteckt und schnell welches rauszieht. Wer es eilig hat, sollte die Finger davon lassen. In der Schweiz sind die Renditen gering, dafür aber sicher. Wenn mich Menschen fragen, ob es nicht riskant sei, so viel Geld in Andermatt zu investieren, sage ich Folgendes: Ob das Geld bei einer Schweizer Bank liegt oder in Andermatt, ist dasselbe.

Haben Sie weitere vergleichbare Projekte in der Pipeline?

Es muss schon viel passen, damit aus einer Idee ein Projekt wird: Die politischen Voraussetzungen, die Nachbarschaft, die Bevölkerung, die das Projekt nicht nur tolerieren, sondern mittragen muss. Ich hatte ein vergleichbares Andermatt-Projekt in Deutschland. Die topografischen Verhältnisse hätten gepasst, aber ich merkte sofort, dass die Hälfte der Einheimischen dies nicht wollten. Mit Sieht sich nicht als Visionär, sondern in der Rolle des Dirigenten, der alle an einem Projekt Beteiligten zum Harmonieren bringt: Samih Sawiris 50:50 kann man nicht vernünftig planen. In Andermatt waren 96 Prozent der Einwohner dafür, und das ist sehr wichtig.

» Ich wollte kein Resort, das drei Monate überrannt wird und dann zur Geisterstadt mutiert. «

Welche Zukunft sehen Sie in den Alpen? Es ist das weltweit am besten erschlossene und auch am stärksten frequentierte Hochgebirge. Der Transitverkehr ist enorm, gleichzeitig ist der Erholungsdruck groß.

Eine gesunde Zukunft gibt es dann, wenn die Menschen in den Alpen gut leben können und zufrieden sind. Gesunde Orte brauchen also eine genügend große Bevölkerung, die vor Ort ein gutes Auskommen hat. Das ist der wichtigste Maßstab. Wenn sich die Einheimischen über Lärm, Abgase, über Geisterstadt-Atmosphäre etc. beschweren, dann ist das ungesund und man muss etwas dagegen machen.

Sehen Sie sich als Visionär?

Nein, weil ich den gleichen Film schon sechsmal gesehen habe.

Ich weiß also, ob der Held am Ende stirbt oder überlebt. Ich bin sehr hartnäckig und bleibe am Ball. Ich lasse mich nicht bei der ersten Krise kleinkriegen. Es ist viel wichtiger, Mut zu haben und langfristig zu denken, als Visionen zu haben. Meine Devise: Nicht nach unten schauen. Wenn man auf einem Seil geht, darf man das nicht, sonst fällt man runter. Man muss immer geradeaus schauen.