Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Ein Mönch gegen Thor und Wotan


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 17.09.2021

Bischof Ansgar

1. KAPITEL KREUZZEICHEN

Artikelbild für den Artikel "Ein Mönch gegen Thor und Wotan" aus der Ausgabe 10/2021 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 10/2021

Der Heilige und die Heiden Ansgar predigt das Christentum in Birka. Gemälde von Gustaf Olaf Cederström im Schwedischen Nationalmuseum

Die nordische Welt der wilden Götter weiß sich zu wehren. Im Sommer 829 erwählt sie sich dazu eines der zahlreichen Piratenschiffe, welche die Südküste Schwedens unsicher machen. Als sie das Schiff aufgebracht haben, trauen die Seeräuber kaum ihrem Gaunerglück: An Bord finden sie kostbare Kunstwerke aus Silber, zum Teil sogar vergoldet – ein Schatz, der eines Königs würdig ist! Tatsächlich sind die Preziosen als Geschenk für den Wikingerkönig Björn vorgesehen, der über Svealand in Mittelschweden herrscht. Der großzügige Geber ist niemand Geringerer als Ludwig der Fromme, Kaiser des Frankenreiches und Sohn Karls des Großen.

Eher ratlos betrachten die Piraten die 40 merkwürdigen Schachteln, die zwischen schweren Deckeln dicht beschriebene Pergamentblätter enthalten. Was soll man damit anfangen? Auf einigen Blättern gibt es wenigstens bunte Bilder, und die Deckel ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von G Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Freiheit, Einheit & ein Volksentscheid. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Freiheit, Einheit & ein Volksentscheid
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Von Bernstein zu Bitcoin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Von Bernstein zu Bitcoin
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Gar nicht so neue Gründe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gar nicht so neue Gründe
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Heiliger ohne Mitleid. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Heiliger ohne Mitleid
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Herrscher über den Norden Europas. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Herrscher über den Norden Europas
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von Die Stunde der Könige. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Stunde der Könige
Vorheriger Artikel
Herrscher über den Norden Europas
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Die Stunde der Könige
aus dieser Ausgabe

... sind mit Silberbeschlägen und Halbedelsteinen geschmückt.

Beute aus Silber, kostbares Pergament und verblüffte Piraten

Noch merkwürdiger erscheinen den Räubern die zwei Gestalten in schwarzen Wollkutten. Die haben keine Schwerter gegen die Angreifer gezückt, sondern diesen die Kreuze entgegengehalten, die sie um den Hals tragen. Statt Kampfgebrüll haben sie beschwörende Worte gemurmelt. Das ist alles recht unheimlich, und so lassen die Piraten die beiden Männer an die nahe Küste entkommen.

»Viele wurden durch ihr Vorbild und ihre Lehre bekehrt«

Ansgar-Biograf Rimbert über die erste Reise der Missionare

Den zwei Benediktinermönchen Ansgar und Witmar bleibt nun nichts anderes übrig, als sich auf den mühseligen Landweg nach Birka zu machen, einem bedeutenden Handelszentrum Skandinaviens und Residenz König Björns. Doch wie würden die beiden Glaubensboten – und kaiserlichen Botschafter – dort aufgenommen werden? Ohne die Bibeln und Messbücher, die Ansgar den erhofften neuen Christengemeinden zur Verfügung stellen wollte, und ohne die Geschenke für König Björn? Die Wikingerfürsten haben rasch begriffen, dass ein Weg, sich die Unterstützung des Frankenreichs zu sichern, die Annahme des christlichen Glaubens war. Sie sind aber noch Beutejäger genug, um für diesen Schritt auch reiche Geschenke zu erwarten. Dennoch bleibt Ansgar entschlossen »nicht umzukehren, bevor er nicht durch ein Zeichen Gottes wisse, ob in diesem Land eine Möglichkeit zur Verkündigung bestehe« – so der Chronist Rimbert in seiner Lebensbeschreibung Ansgars. Die beiden Benediktiner haben harte Missionsarbeit vor sich ...

Ansgar von Bremen

► um 801 Geburt in der Picardie

► 827 – 829 1. Missionsreise nach Dänemark

► 831 Erhebung zum Bischof mit Sitz in Hamburg

► 845 Plünderung und Zerstörung Hamburgs durch Wikinger

► 849 Erster Bischof der zusammengelegten Bistümer Bremen und Hamburg

► 865 Tod in Bremen

Ansgar ist vermutlich 801 als Sohn einfacher Leute in der Picardie geboren worden und in jungen Jahren in das Kloster von Corbie eingetreten. Er muss großes pädagogisches Geschick gezeigt haben, denn als die Mönche von Corbie an der Weser ein Tochterkloster »Neu-Corbie« (Corvey) gründeten, wurde Ansgar der Aufbau der dortigen Klosterschule anvertraut.

Karriere im Kloster und eine gefahrvolle Reise in den Norden

Corvey war ein wichtiger Vorposten des christlichen Glaubens wie der fränkischen Herrschaft im Sachsenland, das erst vor Kurzem unterworfen und missioniert worden war. Mit der zumindest formellen Eingliederung der Sachsen ins christliche Abendland war der Blick von Missionaren wie Politikern weiter gewandert, zu den Wikinger-Reichen in Skandinavien. Die loteten ihrerseits das politische und kulturelle Potenzial der neuen Nachbarn aus.

Als der dänische Regionalkönig Harald Klaks von Rivalen vertrieben wurde, wandte er sich hilfesuchend an Kaiser Ludwig, der 826 in der Pfalz zu Ingelheim Hof hielt. Harald wusste, wie er sich die Unterstützung des frommen Karolingers sichern konnte: Er bot an, sich und sein Gefolge taufen zu lassen und sein Reich christlichen Missionaren zu öffnen. In deren Reihen hatten die Dänen und andere Nordländer freilich den Ruf ebenso hartnäckiger wie gewalttätiger Heiden – wer würde so ein Himmelfahrtskommando übernehmen? Da brachte der Abt in Corvey Ansgar ins Spiel, der den heiligen Bonifatius, den »Apostel der Deutschen«, als sein großes Vorbild ansah – bis hin zum Märtyrertod. Tatsächlich nahm Ansgar den Auftrag an und trat im Gefolge Harald Klaks die Reise nach Dänemark an. Dessen Griff zur Krone scheiterte jedoch, und Ansgar konnte während zweier Jahre nur eher bescheidene Bekehrungen im Umfeld des Königshofs erreichen, den optimistischen Worten seines Chronisten Rimbert zum Trotz.

Inzwischen hatte den Kaiserhof ein weiteres Angebot aus dem Wikingerland erreicht, Glaubensboten willkommen zu heißen – diesmal von König Björn von Svealand. Auch diese Missionsfahrt schien unter einem Unstern zu stehen. Die Mönche wurden aber trotz der geraubten Geschenke von Björn freundlich aufge-nommen und erlebten in Birka Aufgeschlossenheit für die Verkündung des Evangeliums. Nicht zuletzt, weil es in Birka schon einige Christen gab, die bei Raubzügen der Wikinger versklavt worden waren. Ansgar konnte mit vielversprechenden Nachrichten zu Kaiser und Kirchenführern zurückkehren.

Diese erkannten die Notwendigkeit, das neue Missionsgebiet in die Kirchenorganisation einzubinden; für die Aufgabe eines »Bischofs des Nordens« bot sich niemand besser an als Ansgar, der 831 in dieses Amt berufen und geweiht wurde. Seinen Amtssitz bezog er in der befestigten Handelsstadt Hammaburg an der Elbe; die Kirchenhistoriker streiten bis heute, ob damals bereits ein eigenes (Erz-)Bistum Hamburg begründet wurde.

Beutezug an die Elbe und Kampf gegen die Kirche in Schweden

Der folgende Aufschwung Hamburgs lockte 845 prompt dänische und norwegische Wikinger an: »Die Heiden griffen an; schon war die Burg umringt. Da sah er (Ansgar) sich zur Verteidigung außerstande, und er sann nur auf die Rettung der ihm anvertrauten Reliquien. Ansgars Geistliche zerstreuten sich nach allen Seiten. Auch die Bevölkerung irrte flüchtend umher. Einige wurden gefangen, viele erschlagen.« Motiv des Angriffs auf Hamburg war schlichte Beutegier. Im selben Jahr kam es aber auch in Birka zu einem Aufstand, der sich ganz offen gegen den christlichen Glauben richtete und von Anhängern der nordischen Kulte gesteuert wurde. Ansgar stand vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Doch er gab nicht auf, nicht zuletzt dank der Unterstützung der Reichskirche. Hamburg wurde mit dem bestehenden Erzbistum Bremen zusammengelegt und Ansgar auf dessen Bischofsstuhl berufen. Von Bremen aus organisierte und koordinierte er nun neue missionarische Vorstöße ins Wikingerland, unternahm aber auch selbst weitere Reisen nach Schweden und Dänemark. Dort erreichte er von dessen König Horich II. die Wiedereröffnung der Kirchen, die auf Drängen einer christenfeindlichen Adelspartei geschlossen worden waren. Solchen Erfolgen standen jedoch Rückschläge entgegen; so wurde 858 auch Bremen von den Nordmännern geplündert.

Die Christianisierung Skandinaviens war noch ein sehr fragiles Projekt, als Ansgar 865 in Bremen starb – nicht als Blutzeuge, wie er es sich gewünscht hatte, sondern an einer Krankheit. Der getreue Rimbert, der Ansgars Bischofsstab übernehmen würde, versicherte seinem Mentor auf dem Sterbebett, dass die Mühen, die er auf sich genommen habe, einem Martyrium durchaus gleichwertig seien. Die Verehrung des »Patrons des Nordens« als Heiliger setzte denn auch unmittelbar nach seinem Tod ein.

LESETIPP

David Fraesdorff: »Ansgar. Apostel des Nordens«. Topos 2009, € 9,95