Lesezeit ca. 4 Min.
arrow_back

Ein neuer „Da-Vinci-Code“


Logo von Die Deutsche Bühne
Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 01.10.2021

DAS THEATER DER ZUKUNFT

DAS THEATER DER ZUKUNFT

In unserer Serie schreiben Theaterkünstler, welche Impulse sie aus der Coronakrise mitnehmen

Artikelbild für den Artikel "Ein neuer „Da-Vinci-Code“" aus der Ausgabe 10/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Wenn wir die Coronakrise nicht auch als Chance betrachten, haben wir erst recht verloren. Falls diese Behauptung zwischenzeitlich nach einem schmerzlichen Klischee klingt: Lasst sie uns als heilendes Mantra zurückerobern: „There is a crack in everything, that’s how the light gets in“, sang Leonard Cohen. Lasst uns nicht von einer Überbrückungszeit reden, nicht nur von ein paar interessanten Experimenten, die in temporären Freiräumen entstanden sind. Lasst uns von der Chance auf eine postpandemische Renaissance sprechen und diese neue Zeit heute konzipieren.

Die Opernproduktion wird hauptsächlich durch schwerfällige Supertanker getragen. Nur mit acht Stockwerken kann man „La traviata“ auf traditionelle Art und Weise hochwertig produzieren – eine Leistung, die zum ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Die Deutsche Bühne. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2021 von WER ODER WAS BEHINDERT MICH?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER ODER WAS BEHINDERT MICH?
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von THEATERFOTO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THEATERFOTO
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von MEIN THEATER-TAGEBUCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MEIN THEATER-TAGEBUCH
Titelbild der Ausgabe 10/2021 von WER KOMMT, WER GEHT?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WER KOMMT, WER GEHT?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
WER KOMMT, WER GEHT?
Vorheriger Artikel
WER KOMMT, WER GEHT?
Das ist der Mond über Frankfurt … … und über Offenbach auch
Nächster Artikel
Das ist der Mond über Frankfurt … … und über Offenbach auch
Mehr Lesetipps

... Kulturerbe gehört und auf jeden Fall weiterhin erbracht werden sollte. Als Arbeiter:in in solchen Institutionen findet man (zu Recht!) seinen Platz am großen kulturellen Fließband. Dazu wird (weniger zu Recht!) zwischen Arbeitern und Kreativen getrennt, sodass es keine Hauskomponist:innen gibt, dafür aber ein Orchester, das die Noten haargenau so spielt, wie sie auf dem Blatt erscheinen. Eine dolmetschende Dramaturgie holt – zusammen mit einer Intendanz als Fabrikleiter:in – lustige Kreative für sehr spezifisch definierte Jobs hinein und monopolisiert die Kontrolle sowie die Kommunikation ihrer Arbeit, sodass die Produktion glattläuft. So weit, so gut. Und lang sollen diese Supertanker leben!

Nun aber haben die Zeiten sich so sehr geändert, dass solche Tanker keine Wunderlösung der Kunstproduktion mehr sind. In Reaktion auf die Postmoderne und die technologischen Innovationen der Digitalisierung ist das Arbeitsverhalten der Millennial-Kreativen und -Konsumenten radikal anders. Philosophisch gesehen sind wir die Generation der hierarchisch flachen Kollektive, die individuellen Narrativen nachgehen und an keine übergeordnete Mission der westlichen Kultur mehr glauben. Wir sind (gender-)divers, multikulturell und identifizieren uns in globalen Mikro-Communities. Arbeitstechnisch gesehen sind wir Prosumer, die neben einer institutionell ausgebildeten Hauptkompetenz eine Reihe an Nebenkompetenzen in unseren individuell zugeschnittenen Portfolios aufweisen, zum Beispiel weil wir mit ein paar Onlinetutorials leistungsstarke digitale Werkzeuge beherrschen, die weitreichende Funktionen der Kunstproduktion erfüllen können. Eine Person stellt sich als Sänger:in vor, hat aber so viele Follower, dass sie die reale Werbewirkung einer kleineren PR-Firma hat; eine hat Komposition studiert, kann aber multimediale Produktionen mit Ableton und Final Cut selbst produzieren, die so bombastisch wie eine große Oper sind; eine spielt professionell ein Instrument, kann sich aber kein Leben im Orchestergraben vorstellen und vermarktet sich deshalb als Collaborative Musician, die auch gerne auf der Bühne auftritt, improvisiert und eigene Projekte realisiert.

„Die Welt von heute ist postindustriell, postanalog, postkolonial und postmodern. Ist das unsere Oper auch?“

Samuel Penderbayne

Obwohl Einzelpersonen künstlerisch so selbstermächtigt sind wie noch nie, liegt es in der menschlichen Natur, gemeinsam zusammenzuarbeiten. Die Frage ist nun: Wie groß muss eine Opernproduktion – und eine Operncompagnie – des 21. Jahrhunderts wirklich sein? Neue Zeiten brauchen neue Strukturen: Wie können die Innovationen der Postmoderne und die des Prosumerismus institutionell strukturiert werden? Im Kern sind Allrounder nichts Neues, erleben aber in prosumerischen Zeiten eine Renaissance ihrer Relevanz. Um Strukturen für sie zu konzipieren, kann man in der Vorstellung einer postpandemischen Renaissance das Vergangene reflektieren: Die Künstler:innen der florentinischen Renaissance waren so sehr als Allrounder bekannt, dass der Begriff „Universalgenie“ ins Englische als Renaissance Person übersetzt werden kann.

Diese Renaissance Persons hatten oft in ihrer Arbeit einen klaren Schwerpunkt, waren aber auch an anderen Bereichen interessiert oder mit ihnen vertraut. Entscheidend war, dass sie in kollaborativen und (sehr) umfangreich geförderten Werkstätten arbeiteten, um von Sicherheit, Ressourcen und Austauschmöglichkeiten auf quasiinstitutionellem Niveau zu profitieren. Da Vinci hat weder alleine im auf Lebenszeit fest angestellten Elfenbeinturmsamt verweilt noch seine Existenz als auf Lebenszeit hungriger Einzelwolf im Dschungel einer „freien Szene“ bestritten, sondern in einer kleinen, feinen Werkstatt einer urbanen Stadt gearbeitet, gefördert durch verschiedene Aufträge und eine zyklische Förderung der Medicis, die weder sicher gegeben noch vollkommen prekär war. Sein Arbeitsprozess wurde nicht von oben in Kreative, Gewerke, Ausführende, Vermittelnde und Leitende getrennt und hierarchisiert – zumindest nicht annähernd so stark wie in der Moderne. Stattdessen haben die Renaissance-Personen einen vertrauten Feedback-Loop aus künstlerischen Ideen, technischen Innovationen, ausführender Umsetzung und gegenseitiger Pädagogik intergenerationell gestaltet.

Und das konnten sie, weil die Kollektive klein waren. Die ganze Werkstatt konnte gemeinsam essen, Theater besuchen, einander ganzheitlich wahrnehmen und zusammen wachsen. Und weil sie klein war, war sie nie too big to fail: Wie eine gute Band machten sie eben dicht, wenn die Hauptpersonen nicht mehr wollten, konnten oder gefördert wurden. Sie mussten nicht für den ganzen Staat mit ihrem Angebot stehen, so wie heutige Staatstheater es tun müssen, als ob das überhaupt möglich wäre. Kleinere Werkstätten verfolgen ein individuelleres Mandat und kommen in einen freien Ideenhandel mit anderen Werkstätten.

„Die besten Ideen, Innovationen und Strukturen kommen weiter. Die anderen failen. Wollen wir das nicht auch für unsere Oper?“

Samuel Penderbayne

Freie Kollektive und kleinere Opernspielstätten sowie -produktionsweisen gibt es ja schon. Sie sind aber sowohl im gesellschaftlichen Bewusstsein als auch in der Förderlandschaft massiv unterrepräsentiert. Dabei gibt es in deutschen Großstädten zu viel latentes Talent, um es durch eineinhalb große Opernhäuser und einen Bruchteiletat für die freie Szene nachhaltig zu kultivieren: Dadurch bleibt viel zu viel künstlerisches Kapital auf der Strecke.

Schließlich müsste es heute in unseren Großstädten genauso viele oder sogar mehr Da Vincis und Michelangelos geben als im alten Florenz. Aber eine langjährige und hochqualitative Arbeit in der freien Szene unter heutigen Bedingungen ist so prekär und kostet so viel Kraft, dass sogar sehr fleißige Künstler:innen mit besonderen Begabungen es oft auf Dauer nicht aushalten, für etwas Taschengeld zwischen Anträgen, der fünften E-Mail an die Spielstättendramaturgie oder Rundfunkredaktion und der bodenlosen Hölle einer Steuererklärung als soloselbständige:r Künstler:in die doch eher langen Strecken von Ruhe, Energie und Inspiration zu finden, die es braucht, um wahrhaft innovative Ideen zu entwickeln und auf höchstem Niveau eigenständig umzusetzen. Dafür gibt es noch nicht die passenden Förderstrukturen.

Für unsere Kunstform, groß oder klein, brauchen wir sowohl Tradition als auch frische Impulse. Es ist aber zu viel verlangt, wenn eine dominante Struktur beides fast vollständig tragen sollte. Man fährt keinen Ferrari auf dem Fahrradweg und baut keine Autobahn durch das Stadtviertel. Lass also eine Flotte feiner Segelboote neben und um den Tanker herum frei, um ihre eigenen kleinen Narrative zu verfolgen. Who let the dogs out?!

UNSER AUTOR

SAMUEL PENDERBAYNE wurde 1989 in Canberra, Australien, geboren. Seit seinem Studium der Komposi tion in Sydney und bei Moritz Eggert in München lebt und arbeitet er in Ham burg. Er promovierte an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg über die Verbindung moderner Musikgenres mit der klassischen Kompositionstradition. Am 21. Januar 2022 wird an Staatsoper Hamburg sein Musiktheater „Unser kleines Scheißkaff – Fucking Åmål“ nach Lukas Moodysson uraufgeführt.