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Ein neues Wettrüsten im Weltraum?


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 178/2021 vom 01.08.2021

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Moderne Gesellschaften sind zunehmend von weltraumgestützten Dienstleistungen abhängig, sodass die Erhaltung der friedlichen Nutzung des Weltraums und der Schutz kritischer Infrastrukturen eine zentrale Voraussetzung für Frieden und Sicherheit auf der Erde bilden. Neue Akteure, Programme und Technologien fordern jetzige Regelungen heraus. Die zunehmende Bewaffnung des Weltraums ist angesichts der Verwundbarkeit von Satelliten ein ernstes Problem. Der Weltraumvertrag von 1967 bildet das Fundament für zukünftige Regelungen, bedarf aber Ergänzungen durch Rüstungskontrolle.

Der erdnahe Raum gewinnt friedens- und sicherheitspolitisch zunehmend an Bedeutung. Oft wird von einem neuen Zeitalter, “New Space“, gesprochen. Mehrere Trends bestimmen die künftige Weltraumsicherheit: Neben den klassischen Weltraumakteuren, den dominanten USA, Russland und dem ambitionierten China sowie Europa, Japan und ...

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 178/2021

Laser-Waffen von der Erde zerstören Satellit im Weltraum
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... Indien, treten kommerzielle Unternehmen auf, die einen einfacheren Zugang zum Weltraum, neue Dienste im Kommunikations-und Satellitenbereich oder die Ausbeutung von Rohstoffen auf anderen Himmelskörpern propagieren. Auch kleinere Länder sind verstärkt tätig, da der Zugang zum Weltraum leichter geworden ist. Mit Raumfahrt sind internationales Prestige, technologische Selbständigkeit und Führerschaft sowie die Fähigkeit zur Machtprojektion (“Power through space“) verbunden. Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Rivalitäten zwischen den USA, Russland und China verschärft sich der Wettbewerb im und um den Weltraum. Alleine die Annahme, der potentielle Gegner investiere in Schlüsseltechnologien, reicht aus für enorme Investitionen in militärrelevante Raumfahrtprogramme wie Raketenabwehr, Laser oder KI. Die führenden Weltraummächte beschuldigen sich zudem gegenseitig, den Weltraum zu bewaffnen und testen Anti-Satellitenfähigkeiten.

Im Kalten Krieg war die militärische Nutzung des Weltraums eine entscheidende Triebkraft für die Weltraumprogramme der Supermächte. Viele Entwicklungen, so bei den Trägerraketen und der Satellitentechnologie, verdeutlichen den Dual-Use-Charakter der Raumfahrttechnologie. Bereits Ende der 1950er Jahre begannen die USA und die UdSSR mit der Entwicklung und dem Testen von kinetischen Anti-Satellitentechnologien (ASAT). Im Prinzip gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Satelliten funktionsunfähig zu machen, sei es durch Kollision oder durch eine elektromagnetische Beeinflussung (Laser, Cyberangriffe). Von der Erde aus können Raketen durch Direktangriffe Satelliten kinetisch zerstören. Eine weitere Methode ist, Satelliten in einen Orbit zu bringen, sie durch Manöver an gegnerische Satelliten heranzuführen und diese dann zu zerstören, ein Verfahren, das langsamer und besser vorhersehbar ist, aber auch höhere Orbits erreicht. Solche „orbitalen ASAT-Tests“ hat die UdSSR in den 1970er Jahren durchgeführt. Mit der SDI-Rede Reagans 1983 und einer angenommenen sowjetischen ASAT-Bedrohung verstärkten sich die ASAT-Entwicklungen der USA. Immer wieder wurden Entwicklungen von beiden Supermächten forciert, so z.B. bewaffnete Weltraumstationen oder Laserwaffen. Sie wurden aber nicht dauerhaft stationiert. Zu teuer im Unterhalt, ineffizient und zu gefährlich im Krisenfall. Die Verifikation von Rüstungskontrollabkommen, die Aufklärung und die Frühwarnung aus dem Weltraum hatten zudem deeskalierende Wirkung. Sie senkten das Risiko von Fehlwahrnehmungen und von ungewollter Eskalation in einer Krise. Dieses Erbe steht heute auf dem Spiel.

Neue Anti-Satellitentests

Im militärischen Bereich herrscht zwischen den Weltraummächten keinerlei Transparenz.

Das internationale Wecksignal für einen neuen Schub von Weltraumwaffen (WRW) war der chinesische Satellitentest im Januar 2007. Es gelang, mit einer bodengestützten Abfangrakete den eigenen Wettersatelliten Fengyun-1C zu zerstören. Die USA nutzten 2008 ihre schiffsstationierte Abfangrakete SM-3, um einen US-Satelliten zu treffen und damit China und Russland ihre operativen Fähigkeiten zu demonstrieren. Die Entwicklung von Counterspace-Technologien (ASAT, Laser, Electronic Warfare) hat sich intensiviert. So wurden Satellitenexperimente zu Rendezvous-Zwecken durch die USA, China und Russland beobachtet. Diese Rendezvous and Proximity Operations (RPO) lassen sich gut tarnen, da sie zivile „Service-Zwecke“ haben können, etwas das Betanken oder die Reparatur von anderen Satelliten. Glaubte man noch vor kurzem, Satelliten in hohen, geostationären Umlaufbahnen (36.000 Kilometer) seien unerreichbar und damit sicher, mehren sich die Stimmen, dass alle Weltraummächte auch WRW für hohe Orbits testen. Während die USA bereits seit 2003 unbemannte Rendezvous-Technologien ausprobierten, testete China 2016 den Satelliten Aalong-1, der mit einem Roboterarm Weltraumschrott einsammeln kann. Russland nutzte den Luch-Satelliten, um sich in der geostationären Umlaufbahn geparkten Satelliten zu nähern. Im Jahr 2020 beschuldigte das US Space Command Russland, einen Subsatelliten Cosmos 2543 freigesetzt zu haben, um einen US-Spionagesatelliten auszukundschaften. Im Juli 2020 wurde Russland vorgeworfen, dass dieser Subsatellit ein Projektil ausgestoßen und damit einen ASAT- Test durchgeführt habe. Auch Indien ist in die Counterspace-Entwicklung eingestiegen. Am 27. März 2019 verkündete der indische Premierminister den ersten erfolgreichen ASAT-Test Indiens („Mission Shakti“). Dabei hatte ein ASAT-Interzeptor den indischen Testsatelliten Microsat R circa drei Minuten nach dem Start mit einer bodengestützten Rakete in einer Höhe von 300 Kilometern zerstört. Russland testete die boden- und luftgestützten Interzeptoren „Nudol“ und „Kontakt“ zum Abfangen in einem niedrigen Orbit. China hat zwischen 2010 und 2018 eigene Abfangtests durchgeführt. Die operative Raketenabwehr, die als erstes von den USA stationiert wurde, liefert somit auch eine regionale ASAT-Fähigkeit und ist im Kriegsfall eine Bedrohung für Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen.

Der Weltraum in den Strategien

Die zunehmende Bedeutung des Weltraums für militärische Zwecke unterstreichen auch einschlägige Dokumente und Programme der führenden Weltraummächte. Im Juni 2018 erklärte etwa der ehemalige US-Präsident Trump: „Wir müssen eine amerikanische Dominanz im Weltraum haben.“ Die neue 6. Teilstreitkraft Space Force verkündete im Juni 2020: „Die Menschheit hat sich verändert, und die Handlungen unserer potenziellen Gegner haben die Wahrscheinlichkeit einer Kriegsführung im Weltraum erheblich erhöht.“ Der Weltraum und der auch damit verbundene Cyberspace werden in der im März 2018 veröffentlichten National Space Strateg y als neue „Kriegsführungsdomänen“ geführt, rechtfertigen neue militärische Weltraumentwicklungen und stellen eine „wohlüberlegte Antwort“ bei einem Angriff in Aussicht. Das Pentagon hat 2020 eine eigene Defense Space Strateg y zum Erhalt „der Überlegenheit im Weltraum“ erarbeitet. Russlands und Chinas Programme werden als strategische Bedrohung gesehen. Gleichzeitig sollen space warfighting operations in die US-Operationsführung integriert werden. Der unbemannte Mini-Space Shuttle X-37B hat bereits sechs Langzeitmissionen mit unbekanntem Zweck durchgeführt und beunruhigt China und Russland ebenso wie umgekehrt deren ASAT-Tests die USA. Die Defense Intelligence Agency zählt in ihrem Report Challenges to Security in Space 2019 auch Iran und Nordkorea zu Herausforderern der US-Überlegenheit im All.

In ihrem letzten Gipfelcommuniqué vom Juni 2021 hat die NATO dem Weltraum einen eigenen Abschnitt (Ziffer 33) gewidmet. Einerseits will man sich um ein verantwortungsvolles Verhalten im All bemühen, andererseits kann nun auch ein Angriff im Weltraum als Bündnisfall gewertet werden. In Ramstein ist ein NATO Space Center im Aufbau, das zur Koordinierung der Weltraumaktivitäten der NATO-Mitglieder gedacht ist. Russland entwickelt seit 2010 diverse Programme, deren Zwecke oft unklar sind, die aber für militärische Operationen nutzbar sind. Auch wird seit 2015 die Luft- und Weltraumverteidigung reorganisiert. Eine Zusammenarbeit zwischen Russland und China im zivilen wie militärischen Sektor schreitet voran. Peking hat beschlossen, dass China eine Weltraummacht „in allen Belangen“ werden soll. Das Weltraumprogramm ist Teil von Präsident Xi‘s „China Dream“ und umfasst drei Startzentren sowie eine eigene Weltraumstation. Mond- und Marsmissionen unterstreichen die ambitionierten Ziele Chinas. Im Juli 2019 veröffentlichte China sein erstes Verteidigungsweißbuch seit 2015, in dem „der Weltraum, der elektromagnetische Raum und der Cyberspace“ als eine Domäne für die nationale Verteidigung angesehen werden. Während seit 2018 keine direkten ASAT-Tests Chinas mehr beobachtet wurden, scheinen vermehrt nicht-kinetische Tests (Laser) stattzufinden.

Im militärischen Bereich herrscht zwischen diesen Weltraummächten keinerlei Transparenz. Gegenseitige Verdächtigungen und Vorwürfe dominieren die Stellungnahmen und Doktrinen. Die Trump-Administration wollte keine vertraglichen Regelungen. Der neue US-Verteidigungsminister Lloyd J. Austin sprach sich für mehr Ausgaben für Weltraumplattformen, die Einbeziehung von Innovationen des kommerziellen Sektors und den Erhalt des technologischen Vorsprungs der USA vor dem Hintergrund des “pacing China“ aus.

Im Juli 2020 hat in Wien erstmalig seit 2013 wieder eine bilaterale Gesprächsrunde zur „Regulierung der Militarisierung des Weltraums“ zwischen den USA und Russland stattgefunden. Nachdem New START Anfang des Jahres um fünf Jahre verlängert wurde, haben Biden und Putin bei ihrem Treffen im Juni 2021 einen „robusten und wohlerwogenen“ Dialog zur Strategischen Stabilität vereinbart. Hier soll die Grundlage für künftige Rüstungskontrolle und risikoreduzierende Maßnahmen zwischen beiden Staaten gelegt werden. Zur Agenda gehören auch die Weltraum- und die Raketenabwehrproblematik. Die weltraumgestützte Frühwarnkomponente für Raketenangriffe oder Erdbeobachtungs- und Radarsatelliten zur Überprüfung sind zentrale Weltraumobjekte, die auch im Krisenfall nicht angegriffen werden dürfen. Die Schaffung von „Keep out-Zonen“ oder eine Nichtangriffsverpflichtung von strategisch wichtigen Satelliten wären erste stabilisierende Schritte. Ein Abkommen zum Verbot von ASAT-Tests wäre ebenso wichtig. Biden und Putin haben in ihrem Statement die Gorbatschow-Reagan-Formulierung unterstrichen, dass „ein Nuklearkrieg nicht gewonnen und niemals ausgetragen werden darf“. Ähnliches gilt für einen Krieg im Weltraum, der die Weltraumsicherheit untergraben und viele neue Weltraumtrümmer erzeugen würde. Die im Weltraum führenden Nationen, allen voran die USA, Russland und China, könnten durch verbindliche risikoreduzierende Maßnahmen voranschreiten und damit die Sicherheit für alle Objekte im Weltraum stärken.

Prof. Dr. Götz Neuneck geb. 1954, Senior Research Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), Vorsitz Deutsche Pugwash Gruppe, Mitglied Pugwash Council und Sprecher des Arbeitskreises Physik und Abrüstung der Deutsche Physikalische Gesellschaft neuneck@ifsh.de